[Humor]Last Christmas (2/2) [Weihnachtswettbewerb]

Komödie, Satire, Parodie

[Humor]Last Christmas (2/2) [Weihnachtswettbewerb]

Beitragvon RoseParker » 15.12.2014, 00:31

Teil 1/2 findet ihr hier.

***

Auf dem Heimweg habe ich mir bereits einen Schlachtplan bereitgelegt und klemme mich zuhause angekommen direkt hinter meinen Computer. Studenten für Afrika lese ich auf dem Schnappschuss des Pappaufstellers. Die Internetseite der Truppe ist schnell gefunden. Wir leisten Hilfe für Kinder in Südafrika und Namibia und fördern den aktiven Kulturaustausch. Wieder meldet sich mein schlechtes Gewissen und ich klicke schnell weiter zu den Teammitgliedern, worunter Blondie jedoch seltsamerweise nicht aufgeführt wird. Dafür finde ich die Daten des Projektleiters, Ethnologie-Professor Vogt. Er hat graue Haare und ist glatt rasiert, auf dem Foto wirkt er selbstsicher und agil. Ich atme tief durch, dann wähle ich die angegebene Telefonnummer. Vogts Sekretärin nimmt ab und ich lasse meinen Anruf durchstellen.

„Vogt.“ Seine Stimme ist unerwartet hoch und kratzig.
Ich räuspere mich. „Guten Tag, Polizeioberkommissar Kühn hier.“
„Polizeioberkommissar Kühn, guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“
„Sie sind verantwortlich für Studenten für Afrika, bin ich da richtig informiert?“ Hoffentlich kann Vogt mir meine Nervosität nicht anhören. Reiß dich zusammen, man.
Der Prof wirkt verdutzt. „Ja, das ist richtig. Warum fragen Sie?“
„Bei uns ist eine Beschwerde wegen einer übereifrigen Spendensammlerin in der Fußgängerzone eingegangen. Eine ihrer Studentinnen, blond, mittelgroß, hat ihren Namen nicht verraten. Heute Mittag war sie in der Fußgängerzone unterwegs, hat aggressiv für Ihre Organisation geworben und dabei die Passanten belästigt. Es wäre schön, wenn sie ihre Teammitglieder etwas besser unter Kontrolle behalten könnten.“
Vogt macht eine Kunstpause, dann poltert er los: „Wovon zum Teufel reden Sie da überhaupt?“ Oh, oh, denke ich. „Unser letztes Projekt haben wir schon im November beendet und das nächste beginnt erst im neuen Jahr“, echauffiert er sich. „Keines meiner Teammitglieder hat heute Spenden gesammelt und schon gar keine Passanten angepöbelt!“ Ich setze zu einer Entschuldigung an, aber Vogt ist in Rage und nicht zu bremsen. „Wenn Sie mal in Ihre Akten schauen, fällt Ihnen sicher auf, dass wir vor Wochen einen Informations-Aufsteller als gestohlen gemeldet haben. Wissen Sie eigentlich was so ein Ding kostet? Vielleicht sollten Sie sich mal damit beschäftigen! Guten Tag!“
Vogt hat aufgelegt, das Telefon tutet und tutet laut in mein Ohr und ich starre mit offenem Mund Löcher in die Luft.

Als ich am nächsten Nachmittag mit meiner Gitarre an meinem Stammplatz erscheine ist Blondie schon da. „Schön dich zu sehen, Kleine“, begrüße ich sie gut gelaunt, aber sie antwortet nur mit einem skeptischen Blick.
„Ich habe gestern mit deinem Prof gequatscht“, plaudere ich drauf los. „Witzige Geschichte. Der wusste gar nicht, dass du unterwegs bist und sammelst.“
„Ich habe keine Ahnung wovon du redest“, antwortet Blondie salopp und klingt doch längst nicht mehr so souverän wie zuvor.
„Wie auch immer.“ Ich zucke mit den Achseln. „Frohes Sammeln noch“, wünsche ich ihr und ziehe weiter. An einem annehmbaren Fleckchen in Sichtweite – etwas zu windig, etwas zu nah am Karussell, aber was soll‘s – packe ich meine Gitarre aus und starte mein Unterhaltungsprogramm.

Ich mache erst Feierabend als es längst schon dunkel ist. Anstatt nachhause zu gehen setze ich mich in ein nahegelegenes Café und stärke mich mit wässrigem Kaffee und Kuchen. Durch die große Glasfront beobachte ich Blondie. Beflissen und wild gestikulierend klärt sie gestresste Großstädter darüber auf, dass es nicht alle so glücklich getroffen hat wie sie. Im blassen Funkeln der bunt beleuchteten Schaufenster wirkt sie irgendwie weihnachtlich.

Erst als die Menschenströme zu dünnen Rinnsalen werden und die ersten Geschäfte ihre Türen schließen beendet auch Blondie ihren Arbeitstag. Sie klappt den Pappaufsteller zusammen, hängt sich ihre Tasche um und stiefelt los. Hastig trinke ich den letzten Schluck Kaffee aus, werfe einen Geldschein auf den Tischen und sprinte los. Mit einigen Metern Abstand folge ich ihr. Wir ziehen am Weihnachtsmarkt und dem gewaltigen Tannenbaum vorbei durch bunt dekorierte Straßen und Wege bis wir den Hauptbahnhof erreichen. Blondie geht geradewegs hinein, und ich hinterher. Es fühlt sich surreal an einer Unbekannten durch die hell ausgeleuchtete Bahnhofshalle hinterher zu schleichen. Vogt hatte Recht, denke ich, was zum Teufel mache ich hier eigentlich? Plötzlich biegt Blondie um eine Ecke und macht an den Schließfächern halt. Hinter einer Säule versteckt beobachte ich, wie sie aus einem der Fächer einen kleinen Koffer zerrt und den Pappaufsteller sorgfältig darin verstaut. Sie schließt ab und lässt den Schlüssel in ihrer Tasche verschwinden.
Mir ist alles andere als wohl zumute, dennoch schaffe ich es nicht, einfach nachhause zu gehen. Stattdessen folge ich Blondie aus dem Bahnhof heraus bis in eine schäbige Wohngegend, wo sie im Hinterzimmer eines kleinen Kiosks verschwindet.

Ich weiß nicht mehr so recht, wie ich danach nachhause gekommen bin. Möglicherweise habe ich einen Umweg über meine Stammkneipe gemacht. So komme ich heute später als üblich an meinem Stammplatz an. Blondie ist natürlich schon da und klimpert eifrig mit der Dose. Als sie mich kommen sieht verfinstert sich ihr Blick.
Ich gehe an ihr vorbei, weiter zum Weihnachtsmarkt. Mit zwei Bechern Glühwein komme ich wenig später zurück. Blondie blickt mich fragendend an.
„Wir hatten vielleicht nicht den besten Start“, murmele ich und drücke ihr einen Becher Wein in die Hand. „Ich bin Oliver.“
Zaghaft nimmt sie mir den Wein aus der Hand. „Danke“, sagt sie. „Ich bin Lexa.“
Dann stelle ich mich neben sie, stelle meinen Gitarrenkoffer hinter mich und fange an Last Christmas zu spielen. Irgendwie ist mir danach.
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Re: Last Christmas (2/2) [Weihnachtswettbewerb]

Beitragvon Zyniker » 18.12.2014, 17:59

Deine Geschichte hab ich sehr unterhaltsam gefunden, auch wenn man über die Einordnung in die Kategorie Lustiges streiten kann, aber du schreibs ja selber in der Einleitung, dass von allem ein bisschen was dabei ist. Jedenfalls schaffst du es, mich die ganze Erzählung hindurch bei (Lese-)laune zu halten :)

Stilistisch hab ich wenig anzumerken, finde du schreibst sehr klar und präzise ohne zu viel drumherum. Was mir etwas unangenehm aufgefallen ist, war die exzessive Verwendung des Wortes "Blondie". Hat die ersten Male noch seine Wirkung erzielt, aber ich würds sparsamer einsetzen.

Als ich am frühen Nachmittag meinen Platz erreiche, hat ihn bereits eine adrett gekleidete Blondine eingenommen.


Ist mir erst beim zweiten Mal drüberlesen aufgefallen, aber die adrette Bekleidung passt nicht so ganz mit ihrer restlichen Situation zusammen, auf die du ja später erst eingehst. Kann man aber, wenn man bedenkt dass es ja eine lustige Geschichte sein soll, sicher auch vernachlässigen.

Noch eine grundsätzliche Frage zum Schluss: Wieso gibt dein Protagonist so plötzlich mit dem Verscheuchen auf, wo er sich doch davor noch solche Mühe damit gibt? Reichts ihm dass er ihr 'Geheimnis' kennt?

Viel mehr kann ich auch nicht dazu sagen, Fehler wären mir sonst keine aufgefallen, musste jetzt zwar nicht durchlachen aber die Geschichte war auf jeden Fall unterhaltsam und hat ja auch ein schön weihnachtliches Ende.

Liebe Grüße
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Re: Last Christmas (2/2) [Weihnachtswettbewerb]

Beitragvon RoseParker » 19.12.2014, 00:05

Hallo Zyniker,

herzlichen Dank Dir für den Kommentar! Schön, dass Du die Geschichte unterhaltsam findest! :)

Du hast Recht, die Zuordnung zur Kategorie Lustiges ist nicht ideal, erschien mir aber dennoch am naheliegendsten.

Die Beschreibung "adrett gekleidete Blondine" wirkt zunächst nicht passend zum Rest der Geschichte, das stimmt. Letztendlich habe ich mir Lexa als Kämpfernatur vorgestellt, die durchaus auf Sicherheit und etwas Wohlstand aus ist, daher einfach aber ordentlich gekleidet. Dafür ist sie vieles zu tun bereit - darunter offenbar Spendenbetrug. Sie lebt jedoch nicht dauerhaft auf der Straße oder in einer Absteige sondern ist gerade Zuhause raus geflogen. Leider ist es mir nicht so gut gelungen, diese Vorstellung im Text deutlicher zu machen ohne explizit Lexas Vorgeschichte zu erzählen.

Der Grund dafür, dass Oliver so schnell aufgibt, lässt sich ähnlich erklären. Er ist sauer auf die ganze Welt, die ihn nicht so recht zu schätzen weiß. Im Laufe der Geschichte stellt er aber fest, dass es andere Leute härter getroffen hat als ihn. Sein "Friedensangebot" resultiert also aus einer Mischung dieser Erkenntnis und der Hoffnung auf eine Art "Bonnie und Clyde" Fortsetzung: Wir zwei gegen den Rest der Welt.

Viele Grüße,
Rose
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