[Liebe]Liebe ist wie Sterben 2/5

Liebe, Romantik, Sehnsucht

[Liebe]Liebe ist wie Sterben 2/5

Beitragvon Badabumm » 06.08.2013, 21:43

„Sind Sie...äh, bist du traurig, weil es kein Damenrad ist?“ rätselte er, als er ihren melancholischen Blick bemerkte. Er stellte sich gerade das Absurde dieser Situation vor: Blödsinn zu reden, während er seinen Freitod vor Augen hatte.
Sie kicherte kurz und die Traurigkeit verschwand sofort in den Augenwinkeln. „Auf Fahrräder lege ich keinen großen Wert“, sagte sie schließlich, bemüht um Ernsthaftigkeit. „Ich bin natürlich wegen dir traurig. Du weißt genau, was ich meine.“

Wegen ihm also. Was konnte ein wildfremdes Mädchen, mit dem er erst seit zwei Minuten belanglose Worte wechselte, schon über ihn wissen? Nun regte sich in ihm ein Wettstreit zwischen Neugierde und Missmut. Sie war ohne Zweifel eines jener Mädchen, denen er zu gerne nachgeträumt, die er sich jedoch nie anzusprechen getraut hatte. Nein, das war nicht ganz korrekt, an Versuchen hatte es anfangs nie gefehlt. Aber die Vorstellungen eines solchen Mädchens über einen Partner, der zu ihr passte, waren entgegengesetzt zu den seinen, welches Mädchen zu ihm passte. Er hatte nie verstanden, wie sich ein Gespräch, ein Flirt, eine Beziehung ungezwungen und von selbst entfalten konnten. Menschen, die dafür nichts zu tun brauchten, hatten diese Lüge in die Welt gesetzt. Es war statt dessen mit viel Arbeit, reichlich Flunkerei und ungenierter Hartnäckigkeit verbunden und endete zumeist in einer Enttäuschung.
Ein solches Geschöpf saß hier auf der Treppe und schien wie durch Zauberei zu wissen, was er sich vorgenommen hatte. Sie versaute ihm seinen ganzen Plan und anscheinend machte es ihr Spaß, ihn durcheinanderzubringen.

„Ich weiß nicht, was du von mir willst, und sicher kann ich es dir auch nicht geben. Es ist besser, wir beenden das Gespräch und ich gehe meiner Wege“, sagte er, mehr zornig über sich selbst. Er glaubte sich ertappt, und damit lag er nicht falsch.
„Sieh' mal: du hast etwas zu verschenken, das du nicht mehr brauchst, also könntest du es mir schenken“, sagte das Mädchen und ignorierte seine Schroffheit. „Und ich wäre nicht undankbar. Auch ich kann etwas schenken. Wir könnten beide gewinnen.“
Er wurde ungehalten. „Ich bezweifle, dass du mit dem, was ich zu geben bereit bin, etwas anfangen könntest. Es gehört alleine mir, und leider ist nicht vorgesehen, es weiterzuvererben.“
„Es mag dir gehören, solange du es besitzt. Wirfst du es aber fort, ist es nicht mehr deins. Außerdem, um dich aufzurütteln, könnte ich behaupten, du hast nicht einmal an eine Organspende gedacht, oder? Das ist wahrhaftig Verschwendung.“ Das kam unverblümt.

„Du willst also meine Organe?“ rief er entsetzt, und jetzt schauten doch einige kurz zu ihnen her. Er presste die Lippen aufeinander. Was geschah hier? Er war im falschen Film.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Will ich nicht. Aber es wäre immerhin eine denkbare Möglichkeit, oder? Und du könntest bei dem, was du vorhast, auch an andere Menschen denken.“ Sie schob ihren Hut nach hinten, ein zartes Bändchen hielt ihn am Kinn und ihre kastanienfarbene Haarpracht breitete sich über ihre Schultern aus. Ihre natürliche Anmut, freigelegt und beschienen von der grellen Sonne, ließ ihn erzittern. „Es gibt angenehmere Methoden als ein Hochhaus“, fügte sie hinzu.

Ihm wurde kalt und heiß. Konnte sie gedankenlesen? Stand das alles in Leuchtbuchstaben auf seinem Hemd?
„Du bist nur eine Studentin, die in einem Lehrbuch liest und zufällig auf dieser Treppe sitzt. Du machst mir keine Angst“, stotterte er. „Ich gestehe, du bist anziehend und ich würde mich an allen anderen Tagen ohrfeigen, dich nicht angesprochen zu haben. Aber heute ist kein solcher Tag! Heute will ich nicht von braunen, sexy Mädchen auf unheimliche Weise angequatscht werden. Du weißt nichts von mir. Lass' mich in Ruhe. Klar?“
Er wollte es nicht weiter ertragen. Das konnte nicht real sein. In seiner Welt, die er sich zurechtgebaut hatte, war das undenkbar.
Ihr Einwand, was die Verschwendung betraf, ließ ihn jedoch nachdenklich werden. Ein Fleck auf dem Rasen gibt nicht mehr viel her. Und anschließend säubern muss es auch jemand, daran hatte er wirklich nicht gedacht. Er räusperte sich verschämt.

„Siehst du?“ schmunzelte sie, als verfolgte sie seine Gedanken Zeile für Zeile. „Und nun setz' dich neben mich und wir diskutieren einen neuen Plan aus.“ Sie nahm seine Hand und zog ihn zu sich auf die Treppenstufe.
Er war wehrlos. In seinem Hirn gurgelte ein wildes Chaos aus Gedanken.
„Was liest du denn da überhaupt?“ lenkte er ab. Er zwang sich zur Ruhe. Er war beunruhigt und verunsichert, also überspielte er es mit männlicher Gelassenheit. Er schlug den Buchdeckel zurück und las. „Transzendentale Metaphysik der kombinatorischen Subdimensionalität n-ter Ordnung, Teil 1: Nichteulersche Paranormalität, Lehrbuch für Fortgeschrittene, 200. Semester. Das ist wirklich tiefsinnig. Was ist denn das für ein Studienfach?“
„Na, Transzendentale Metaphysik“, lachte sie. „Was sonst?“
„Gut, gut, gewonnen. Das 200. Semester ist aber ein Druckfehler, oder?“
Sie schaute nachdenklich auf das Cover und verneinte. „Nein, ist es nicht. – Und nun zu uns.“ Ihre Augen waren unwiderstehlich und viel zu nah, um weiterhin ruhig zu bleiben. Sie betrachtete ihn von oben bis unten und wieder zurück. Ihr Blick schien auf seiner anderen Körperseite herauszukommen, sich durch ihn hindurch zu röntgen. Es war befremdlich, so hingebungsvoll und aufmerksam begutachtet zu werden, als wäre er ein Gemäuer, das renoviert werden müsste, oder ein Gebrauchtwagen, aus dem sie den wahren Tachostand herauslesen wollte. Sie hatte eine Checkliste im Kopf, die sie abhakte, was für ein Typ er war und ob er für sie in Frage käme. Er wusste nicht, ob er das auf die unglaubliche Situation schieben sollte oder darauf, dass er jetzt eigentlich nichts anderes wollte als mit ihr zu schlafen.

„Du wolltest es wirklich, stimmt's?“ sagte sie leise und nachdenklich.
„Was?“ Er wurde rot.
„Dich vom Hochhaus stürzen.“
„Ach, das. Ja. Das hatte ich vor. Woher weißt du...?“
„Psst“, sagte sie und legte ihm ihren linken Zeigefinger auf die Lippen. Er roch nach Apfel.„ Es gäbe viel zu erklären, aber einiges musst du mir einfach nur glauben“, fuhr sie fort. „Und jetzt hast du ein anderes Begehren, das stimmt doch?“
Wie könnte er ihr etwas vormachen? Ein Blick auf seine Hose hätte genügt. „Ja“, sagte er verlegen.
Sie lächelte amüsiert. „Nun, damit wäre die Grundbedingung für ein Geschenk schon gegeben.“
„Wie... soll ich das verstehen?“
„Weißt du, eigentlich ist es mir hier viel zu heiß, viel zu öffentlich und viel zu laut, um das mit dir zu erörtern“, meinte das Mädchen. „Da hast gesagt, du hättest eine kleine Wohnung für mich? Die könnten wir doch jetzt besichtigen, wer weiß, ob sie mir überhaupt gefällt, oder?“
Das war das erste Mal in seinem Leben, dass ihm so eine Bitte zu Ohren kam. „Ja, sicher doch...“
„Na, dann lass' uns hingehen“, sagte sie bestimmt und sammelte ihre Utensilien ein, die sie in einen winzigen braunen Rucksack stopfte.


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Re: Liebe ist wie Sterben 2/5

Beitragvon tattoo99 » 28.03.2014, 18:15

Hallo Badabumm,
dann mache ich mich mal an deinen Text. Als erstes muss ich sagen, dass ich den ersten Teil nicht gelesen habe, aber vielleicht komme ich ja auch so rein.

„Sind Sie...äh, bist du traurig, weil es kein Damenrad ist?“ rätselte er, als er ihren melancholischen Blick bemerkte.
-> „Sind Sie...äh, bist du traurig, weil es kein Damenrad ist?“, rätselte er, als er ihren melancholischen Blick bemerkte.

Das kam unverblümt.
-> Unverblümt? Nicht jeder weiß was das heißt. Vielleicht könntest du es durch ein alltäglicheres Wort ersetzen.

Ich weiß, dass in Kurzgeschichte die Personen nur knapp beschrieben werden, aber du hast nur sie beschrieben und leider nicht ihn. Ich würde mich über ein paar Beschreibungen mehr freuen, damit das alles ein bisschen bildlicher wird.

„Du willst also meine Organe?“ rief er entsetzt, und jetzt schauten doch einige kurz zu ihnen her.
-> „Du willst also meine Organe?“, rief er entsetzt, und jetzt schauten doch einige kurz zu ihnen her.

Ihre Augen waren unwiderstehlich und viel zu nah, um weiterhin ruhig zu bleiben.
-> Hier ist eine gute Chance die Augenfarbe miteinzubringen, um klar zu machen, warum die Augen unwiderstehlich sind.

„Siehst du?“ schmunzelte sie, als verfolgte sie seine Gedanken Zeile für Zeile.
-> „Siehst du?“, schmunzelte sie, als verfolgte sie seine Gedanken Zeile für Zeile.

„Was liest du denn da überhaupt?“ lenkte er ab.
-> „Was liest du denn da überhaupt?“, lenkte er ab.

„ Es gäbe viel zu erklären, aber einiges musst du mir einfach nur glauben“, fuhr sie fort.
-> „Es gäbe viel zu erklären, aber einiges musst du mir einfach nur glauben“, fuhr sie fort.

Deine Kurzgeschichte gefällt mir sehr gut, aber erinnert mich sehr an die Kurzgeschichte "Stattdessen sagt Lia." Die lesen wir nämlich gerade in Deutsch. Du hast einen lockeren, gefühlvollen Schreibstil. I like :)
Außer den paar Kommatar habe ich nichts zu sagen. Schön geschrieben :)
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Re: Liebe ist wie Sterben 2/5

Beitragvon Badabumm » 30.03.2014, 14:17

Hallo. Vielen Dank für Dein Review. Fast könnte ich meinen, außer den Kommafehlern ist da nichts zu bemängeln... ;-) Ich bin da stur, ich halte mich an die alte Regel: wo schon ein Satzzeichen ist, braucht kein Komma mehr hin...

So ganz ohne den ersten Teil ist der Sinn der Geschichte natürlich im Nachherein schwierig nachzuvollziehen. Aber das Einstiegsthema wird ja doch noch mal aufgegriffen, das könnte also klappen.

Die Lia-Kurzgeschichte kenne ich überhaupt nicht. Inzwischen bin ich ohnehin davon abgerückt, unbedingt etwas schreiben zu wollen, das noch niemand zuvor geschrieben hat - das wird nichts. Eigentlich ist ALLES schon mal irgendwo geschrieben worden. Ich kann also nur bekräftigen, dass ich nichts geklaut habe. Manchmal passiert es auch mir, dass ich später etwas lese, bei dem ich sagen muss: "Oh, verdammt, der/die hatte ja genau dieselbe Idee." Das schwierigste ist ja immer, zu "beweisen", dass man zuerst da war und nichts abgeschrieben hat, aber das ist ziemlich unmöglich. Die Leser sind da ziemlich vernagelt. Du würdest mir ja auch nicht glauben, dass ich etwas vergleichbares wie Harry Potter schon lange vor Rowling gesschrieben habe,...oder? Bloß nie veröffentlicht. Das ist eben der Untersschied. Aber eine Zaubererschule in der Jetztzeit mit Halbmagiern und diversen Teenie-Problemen ist ja auch keine Idee, die patentiert ist. Also habe ich es aufgegeben - Hauptsache, ich weiß es ;-)

Dass Du meinen Schreibstil als locker und gefühlvoll empfindest, freut mich sehr. Ich versuche nämlich mehr und mehr, die winzigen, alltäglich und so banal scheinenden Kleinigkeiten zu beachten und weniger Wert auf großes Schlachtenepos zu legen.

Dass der Typ in der Beschreibung schlechter wegkommt, habe ich notiert und werde darüber nachdenken.

Liebe Grüße
Badabumm
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