[Humor]Lukack-Bohnen

Komödie, Satire, Parodie

[Humor]Lukack-Bohnen

Beitragvon DrJones » 24.01.2015, 20:08

Hallo,

Hier ist nun die 2. Überarbeitung meiner Geschichte.
An alle Tierschützer, etc.: Das hier ist alles nur ausgedacht!
Ich liebe Katzen!

Die Geschichte ist inhaltlich mit dieser verknüpft:

http://www.schreibwerkstatt.de/post509549.html#p509549

Lukack-Bohnen

Heute regnete es schon den ganzen Tag. Dieser langhaarige Idiot aus Block 3, der einen längeren Hofgang eingeklagt hatte! Meine Klamotten waren klitschnass! Ich zog mich um und kochte mir erstmal einen Kaffee. Mein Dienst in der Kantine hatte sich schon bald bezahlt gemacht. Kaffeebohnen waren hier drin eine feste Währung. Kamen gleich nach Koks.
Ich stellte mich ans Fenster, straffte meinen Rücken und atmete die gesiebte Luft. Eine grüne Minna fuhr über den Hof. Moabiter Frischfleisch… Aber nicht für mich. Nein nein, ich lass mich nicht umpolen!
Der Kaffee roch ganz gut. War aber nichts im Vergleich zu meiner Fidona-Spezialkreation, damals, als ich noch im Geschäft gewesen war:

Mit dem Chapeau Claque war ich seinerzeit einfach auf keinen grünen Zweig gekommen. Doch dann war ich ja auf diesen Artikel gestoßen: 1000€ pro Kilogramm Edel-Kaffee … Das ließ mich aufhorchen. Von Luwak-Schleichkatzen ausgekackte Kaffeebohnen erzielten auf dem Weltmarkt horrende Preise. Das kann ich auch!, dachte ich mir, und probierte das gleich mal aus. Ich schüttete meiner Katze — Fidona heißt sie — Kaffeebohnen in ihren Fressnapf — und da blieben sie auch liegen. Erst als ich sie mit dem Öl aus einer Sardinenbüchse übergoss, machte sich Katzi darüber her. Schluckte sie brav runter. Am späten Abend konnte ich auch schon gleich abernten. Penibel entfernte ich die Bohnen aus dem Katzenkot und unterzog sie einer kleinen Grundreinigung. Den scharfen Geruch bekam ich aber nicht ganz weg. Mal abwarten, dachte ich mir so, vielleicht ist‘s ja gut fürs Aroma. Am nächsten Morgen kochte ich mir einen Kaffee aus Fidonas Böhnchen. Schmeckte großartig! Ein erdiger, ja — geheimnisvoller Geschmack mit überraschenden Schokoladenuntertönen. Das wird der Hit im Café! Da war ich mir sicher.
Wieder gab ich Katzi ihre Ölsardinen-Bohnen.
Am nächsten Tag kochte ich daraus Gourmet-Kaffee für meine Gäste im Chapeau Claque — und was soll ich sagen? Die waren total begeistert! Regelrecht besessen! Fragten mich richtig aus, woher der käme und so. Ich sagte ihnen, dass dieser speziell fermentierte Kaffee — ich taufte ihn Fidona-Kaffee — aus Indonesien kommt und einen sehr, sehr, seehr aufwendigen Herstellungsprozess durchlaufen hat. Zumindest letzteres entsprach ja nun der Wahrheit. Fidona sei meine Zeugin! Kurzum: Ich bekam für den Kaffee mehrere Bestellungen. Mehr Arbeit für Fidona — mehr Geld für mich!
Abends schüttete ich dem Tier die dreifache Portion Bohnen in den Napf und mischte noch etwas Katzenminze unter. Wie Fidona sich darüber hermachte! Es wurde eine lange Nacht. Fidona peste die ganze Zeit durch den Flur, kratzte an den Wänden, maunzte, rollte sich auf dem Boden … wahrscheinlich das Koffein.

Als ich am nächsten Morgen in die Beusselstraße einbog, warteten schon Gäste vorm Chapeau Claque. Eine richtige Schlange! Und sie hatten Beutel dabei.
Auf dem Weg zum Parkplatz dachte ich schon mal über den Endverbraucherpreis nach. Zunächst versteigerte ich ein Beutelchen Fidona-Bohnen. 52€ Cash! Ich stellte draußen ein Schild auf:

Fidona-Bohnen aus Indonesien.
Exklusiv!
Nur hier!


Das zweite Beutelchen kaufte man mir schon für 100€ ab. Immer mehr Gäste kamen und erkundigten sich nach den leckeren Bohnen. Ich musste sie leider auf den nächsten Tag vertrösten.

Mit Fidona stimmte was nicht. Sie war so reserviert, richtig eingeschnappt! Ich schüttete ihr diesmal ein Kilo Kaffeebohnen in den Fressnapf. Wie sie's liebte, mit Sardinenöl und Katzenminze! Doch Fidona machte einen großen Bogen darum. Was sollte ich nun tun? Es ihr eintrichtern?! Nein, dafür mochte ich Katzi eigentlich zu sehr! Nein, nein … Vielleicht konnte ich die Kaffeebohnen-Produktion ja skalieren, indem ich mir am Wochenende ein paar Katzen aus dem Tierheim holte.
Ich machte mir ein Schälchen Cornflakes. Als ich sie so wegknusperte und an meine enttäuschten Gäste dachte, da kam mir eine wirklich großartige Idee!
Es wurde wieder eine kurze Nacht. Ruhelos rannte ich den Flur auf und ab. Kratze mich am Kopf, meine Haut juckte, kratzte mich überall. Ich ging runter zum Spätkauf und holte mir noch eine Packung Kaffeebohnen. Zwei, drei Kilo wären zu schaffen. Mein Bauch fühlte sich an wie ein trockener Lappen. Ich krallte mich am Klo fest und versuchte, meine Gedanken auf etwas nicht Ekliges zu lenken. Katzi hatte sich ins Bad geschlichen und sah mich in einer Mischung aus Verachtung und Mitleid an.

Am nächsten Tag änderte ich auf dem Schild ‚Fidona‘ in ‚Lukack‘. Die Leute rannten mir die Bude ein! Ich hatte vier Kilo Kaffee in zwanzig Beutelchen à 200g aufgeteilt. Gingen weg wie warme Semmeln! 150€ pro Beutel! Heute gab’s mal einen Festpreis. Eine Versteigerung hätte mir einfach zu lange gedauert. Fühlte mich auch immer noch elend und so hibbelig. Und mein Arsch brannte!
Ein Kilo Lukack hatte ich noch. Das Aroma des Kaffees erfüllte bald das ganze Chapeau Claque und ging wohl hinaus bis auf die Straße. Passanten blieben stehen und pressten ihre Nasen gegen die Scheibe. So voll war mein Café noch nie zuvor gewesen! Die Gäste überboten sich mit ihren Lobpreisungen. „Großartige Note!“, „Himmel und Erde vereint!“. Ein recht intelligent aussehender, junger Mann mit Brille schlürfte kennerhaft: „Der Geschmack ist so — so organisch!“ Lächelnd pflichtete ich ihm bei und kassierte auch gleich die 30€ für seinen Kaffee ab.

Am Ende des Tages hatte ich sage und schreibe 3900€ eingenommen! Für einen Monat wären das mindestens — 100.000! Alter! Ich schluckte. Mein Magen rumorte. Ich rannte schnell aufs Klo. Schaffte es gerade noch, mir das Nudelsieb runter zu schieben und drückte. Ich kackerte; es klackerte.
Feine Böhnchen!, dachte ich mir. Jedes Böhnchen ein Eurönchen!
Vor meinem inneren Auge sah ich Euroscheine fliegen. Meine Haut juckte wie verrückt. Ich rieb sie mit Oliven-Öl ein. Es half nichts. Bald waren überall rote Kratzspuren. Ich kochte mir einen Baldriantee, stellte auf den Klassiksender, dämmte das Licht. Dann holte ich die Zehn Kilo-Kaffeebohnen-Großpackung aus der Küche und schüttete mir meine erste Portion in die gelbe Cornflakes-Schale. Milch drüber. Runter. Meine Haut brannte nun regelrecht. Ich stand auf. Setzte mich wieder. Ging ins Bad, gab mir eine kleine Handentspannung. Klingelte beim Nachbarn und machte ihn auf seinen Müll vor der Wohnungstür aufmerksam. Wurde richtig laut! Herr Üzmils Augen! Ich lachte. Schaltete den Fernseher ein. Porno in den DVD-Player. Stand wieder auf. Ins Bad. Nudelsieb, braune Brühe im Waschbecken, abfüllen in den Eimer. Porno wieder raus, Arielle rein. Lustiger Film! Das Bild kam irgendwie auf mich zu. Ich klingelte wieder bei Üzmil und bedankte mich bei ihm höflich für sein Entgegenkommen mit dem Müll. Herr Üzmil hatte diesmal so kleine, schmale Augen. Ging wieder ins Bad. Nudelsieb, braun, Eimer. Halb vier. Klingelte wieder bei Üzmil und versicherte ihm, dass diese Nacht keine weiteren Störungen kämen. Adern an Üzmils Hals. Katzi flitzte an mir vorbei die Treppe hoch. Rannte ihr hinterher, hinter mir Üzmils polternde Stimme. Schnappte mir Katzi, wieder in die Wohnung. Ich zog mich komplett aus und kratzte mich überall. Intensiv und ausgiebig. Die Bohnen schossen unten aus mir raus, direkt auf den Perser! Ich holte mir schnell eine Gabel und las die wertvollen Bohnen auf. Porno-DVD wieder rein. Meine rechte Hand wurde unscharf. So, so konnte es nicht weitergehen! Ich fuhr den Rechner hoch und stellte eine Anzeige rein:

Suche Studenten für einfache Aufgaben. Arbeiten von zu Hause aus!
Sehr, sehr gute Bezahlung!
Kein Scheiß!


Der erste rief um halb fünf an. Ich sagte ihm die Adresse vom Chapeau Claque. Musste die viermal wiederholen. Warum verstand der mich nicht? Um dreiviertel sechs der nächste Anruf. Eine BWL-Studentin. 19. Ihr nannte ich meine Privatadresse … Bewerbungsgespräch um 19:00 Uhr.

Irgendwann legte ich mich ins Bett. Wälzte mich die ganze Nacht. Mein Bauch fühlte sich an wie eine Kiesgrube. Diese Blähungen! Ich sah auf das fette Geldbündel auf meinem Nachttisch und drehte mich grinsend zur Seite. Fidona kuschelte sich an mich. Ich streichelte ihr kurz übers Fell und wurde schläfrig.
Lauter Krach drang in meine Ohren. Zerdeppert da jemand auf dem Innenhof Geschirr? Diese Stimme … klang wie — die alte Neubauer. Aber die war doch … Fidona war tot. Ihr Bauch prall wie ein Ballon!
Ich warf noch drei Handvoll Fidona-Bohnen in den fast vollen Lukack-Bohnen-Eimer.
Den Eimer in der Rechten und den Katzenkadaver, am Schwanz gepackt, in der Linken, lief ich auf den Innenhof. Interessiert sah ich mir das tote, ausgeweidete Tier nochmal an. Immer wieder erstaunlich, wie klein plötzlich abgekratzte Haustiere wirkten … Ich blickte auf meine Uhr: 13:35 Uhr! Für Sentimentalitäten hatte ich jetzt keine Zeit: Biotonne auf, Katze rein, Deckel zu! Unter meinen Schuhen knirschte es. Was lag denn da zwischen den Scherben? Ich beugte mich runter. Neben dicken Staubflocken lag ein fettes Bündel Geldscheine! Ich rollte es auseinander. 500 DM-Scheine! Mindestens — ich zählte — 15000 Mark! Konnte man einwechseln. Diese Woche flutschte es so richtig! Wie geil! Wow!
Regen setzte ein. Mein Bauch schmerzte! Da mussten noch mindestens fünf, sechs Kilo Bohnen drin lagern. Wie auch immer — das Sieb hatte ich ja dabei. Für Nachschub war gesorgt.
Vor dem Chapeau Claque, den ganzen Bürgersteig entlang bis zum Ninety Niner-Laden, drängte sich eine riesige Menschenmenge. Ich musste mir meinen Weg durch die unzähligen aufgespannten Regenschirme bahnen, die mir den Blick auf den Eingang versperrten. Kaum hatte ich aufgeschossen, da drängten sie schon hinter mir her. Musste erstmal dringend aufs Klo! Ich schiss einen derart riesigen Haufen ins Sieb, dass es an den Seiten schon überquoll und ins Klo klackerte. Keine Zeit mehr, die Bohnen zu reinigen. Von außen schloss ich das Klo ab. Mir wurde kotzübel. Ich stand hinter dem Tresen; der Verkauf begann. Mit einer kleinen Messschaufel füllte ich Lukack-Bohnen in Stullenbeutel, grüne 100er wurden mir in die Hände gedrückt.
Herrn Sandner bemerkte ich erst, als er direkt neben mir stand. Oh, wie ich den hasste! Vor allem seinen auftoupierten Mittelscheitel. Widerlicher Scheißkerl!
„Was ist denn hier heute bei Ihnen los, Herr Luckas?“, fragte er und sah sich misstrauisch um. „Na ja, reden wir später darüber! Ich setze dann gleich mal meinen Kontrollgang hier fort.“
Sandner schob sein Kinn vor und machte schmale Augen.
„Ich hatte Ihnen doch schon bei der letzten Kontrolle gesagt, dass sie die Dichtungsringe bei der Entlüftungsanlage auswechseln müssen! Die sind immer noch dreckig! Ein Dreck ist das hier!“
„Echt jetzt?“, fragte ich und kassierte gerade 500€.
„Herr Luckas! Hören Sie mir jetzt genau zu! Das reparieren Sie noch heute! Wenn nicht, mach‘ ich Ihren Laden dicht!“
Mein Magen meldete sich schon wieder, vor allem mein Mastdarm! Da wollte dringend was raus! Doch Sandner quatschte weiter auf mich ein: „Herr Luckas! Was ist mit Ihnen? Sind Sie auf Drogen oder was? Ach, und bevor ich’s vergesse: Das Kino hinten ist kein Lagerraum! Auch darüber hatten wir das letzte Mal schon gesprochen. Brandschutzordnung? Klingelt’s bei ihnen? Hmm? So! Und hier! Schau’n Sie mal hier! Die verschimmelten Fugen hinter der Spüle! Auch darauf hatte ich Sie beim letzten Mal schon aufmerksam gemacht. Sie hatten hier [hielt mir einen Zettel unter die Nase] unterschrieben und sich verpflichtet, die verschimmelten Silikonfugen zu erneuern! Auch das machen Sie heute noch!“
Der Druck in meinem Arsch erreichte ungeahnte Ausmaße.
„Wann geht’s denn endlich weiter?“, fragten die Kunden. „Quatscht nicht so fülle! Wir wollen unsere Lukacks!“
Ich nickte ihnen verständnisvoll entgegen. Doch da drängte sich schon wieder Herr Sandners blöde Fresse vor. Ich musste sofort aufs Klo! Rannte auf die Klotür zu.
„Nein nein!“, schrie Sandner mir nach. „Bleiben Sie hier und hören Sie sich an, was ich Ihnen zu sagen habe!“
Ich stand vor der verschlossenen Klotür. Dieser Druck! Nur noch wenige Sekunden blieben mir. Hektisch nestelte ich in den Hosentaschen nach meinem Schlüsselbund. Wo waren nur die verfickten Schlüssel?!? Wo? Vielleicht in der Jackentasche! Ja! Ich rannte wieder hinter den Tresen. Letzte Chance!
„Herr Luckas! Ein Benehmen ist das!“, nölte Sandner, während ich verzweifelt nach meiner Jacke suchte. „Ich will, dass Sie sich jetzt hier diesen Abwasseranschluss mal ansehen!“
Meine Jacke war nicht zu finden! Die erste Bohne flutschte mir schon unten raus. Herr Sandners Mittelscheitel wippte auf und ab, als dieser seine Worte durch leidenschaftliches Nicken unterstrich. „Sehen Sie! Wenn dieser Schlauch hier unter Druck steht, dann schießt die ganze Soße hier unten raus! Das muss Ihnen doch klar sein, Herr Luckas! Und überhaupt! Das ist nun wieder auch so eine Sache, die Sie-“
Ich rannte auf die Klotür zu, im festen Willen, sie aufzubrechen.
„Wir wollen unser Lukack!“, schrie die Menge.
Es war zu spät! Explosionsartig füllte sich meine Unterhose mit warmen, feuchten Kaffeebohnen. Mist! Die Bohnensuppe floss innen meine Hosenbeine runter, über meine Schuhe und ergoss sich aufs Linoleum. Ich glitt aus, rappelte mich wieder auf. Eine neue, heiße Ladung drückte sich in meine Hose. Das schöne Geld! Alles war voller Lukack-Scheiße!
„Hey, was is‘ das denn?“, kam es aus der Menge. „Iiih!“ „Wie dit stinkt!!“
Die Leute rückten näher.
„Ach, nee!!“ „So hat der’s gemacht!“ „Das ist Beschiss, ist das!“ „Von wegen Indonesien! Aus Darmstadt!“ „Moabit-Kacke ist dit!“
Ich sah in aufgebrachte, hochrote Gesichter. Fäuste wurden in der Luft geschwungen. „Wir wollen unser Geld wieder!“ „Gib mir mein Geld, du Arsch!“
Herr Sandner baute sich vor der Menge auf und hob beschwichtigend die Arme: „Hören Sie zu! Hören Sie mir bitte einen Moment zu! Sie alle bekommen Ihr Geld zurück! Selbstverständlich! [Das Rumgemaule wurde etwas weniger] Dieses Lokal wird von mir, hier und jetzt, behördlich geschlossen! Bitte gehen Sie! Sie alle können Ihre Namen und Adressen hinterlassen. Dann bekommen Sie sicher ihr Geld zurück!“
Irgendwie hatte es dieser dämliche Besserwisser-Mittelscheitel geschafft, die Gemüter zu beruhigen. Ich stand nun vor der Eingangstür mit dem Rücken zur mauligen Meute. Meine Jacke hing über Sandners Arm und er drückte mir mein Schlüsselbund in die Hand! Dann schob er das Kinn vor und machte seine Augen schmal; ich sollte wohl abschließen. Doch das konnte ich nicht! Ich sah nach oben auf das blaue Schild mit dem Zylinder auf dem Warsteiner-Wappen. Zu viele Erinnerungen!
„Herr Luckas!“, mahnte mich Sandner. „Nehmen Sie mit Würde Ihren Hut! Los, schließen Sie ab! Los jetzt!“
Ich sah auf die Lukack-Reklame-Tafel, die neben der Tür lehnte. Der Regen hatte die Schrift verwaschen. Dann blickte ich auf Sandners hochtoupierten Mittelscheitel, durch den nun ein leichtes Lüftchen strich. Jetzt wurde ich so richtig sauer! Die Menge meldete sich wieder: „Du Scheißkerl!“ „Gib uns unser Geld wieder!“ „Du Scheißtier, du!“

Mein Mastdarm stand kurz vorm Bersten! Sandners hochrotes Gesicht schob sich vor meins. „Nun machen Sie schon! Luckas, nehmen Sie Vernunft an! Ab-schlie-ßen!“ Die letzten drei Silben unterstrich er durch dreifaches, heftiges Nicken. Wippender Mittelscheitel! Mein Hintern! Drohte mich zu zerfetzen! Ich zog blank, beugte mich nach vorn und ließ es geschehen! Die Bohnen ballerten nur so aus mir raus. Welch‘ eine himmlische Erleichterung! Aaaah! „Hier habt Ihr Euren Lukacks! Jaaaa!“, schrie ich ihnen durch meine Beine hindurch entgegen. „Die geh’n aufs Haus!“
Bohnen klatschten auf den Asphalt.
„Iiih, du alte Sau!“, kam es zurück. „So ein Sauschwein!“ „Den knüpfen wir auf!“ „Los! Kommt!“ „Die Regenschirme nehmen wir als Schilde!“ „Ja, so!“ „Los jetzt!“
Zwei grüne Flächen schoben sich in mein Gesichtsfeld. Uniformierte.
„So, nun ist aber gut hier! Kommen Sie hoch! Und Sie [an die Meute gewandt], zurücktreten!
„Sie kommen jetzt erstmal mit zu uns in den Wagen. Wir werden dort Ihre Personalien aufnehmen und alles Weitere veranlassen! Und ziehen Sie sich gefälligst die Hose hoch!“
Energisch wurde ich auf beiden Seiten untergehakt und in Richtung Straße gezerrt. Wir schoben uns durch den Mob. „Dieses Sauschwein!“ „Ich zeig‘ den gleich an!“
Endlich waren wir durch! Zwei Meter vor der geöffneten Minna, die in zweiter Reihe stand, trat ein Mittzwanziger an mich ran.

„H-Herr Luckas? Oder?“
Ich nickte.
„I-ich, also wir hätten doch jetzt ein Bewerbungsgespräch, oder? Aber wenn es Ihnen gerade nicht passt, d-dann…“
Die Polizisten lachten und bugsierten mich in den Wagen. Die Menge geriet jetzt richtig in Rage. „Ey Mike, was is’n da draußen los?“, fragte der Fahrer. „Oh Gott! Und was stinkt’n hier so? Boah!“
Meine Begleiter sprangen wieder auf die Straße.
„Sie bleiben hier!“, ermahnte man mich scharf. Die Tür wurde zugeschoben. Ich linste aus dem Fenster und sah, wie eine krasse Schlägerei im Gange war. Man zerrte und zog, riss, schob und schubste. Irgendwas flog durch die Luft … wie ein Vogelschwarm. Waren das Papierschnipsel? Aber … Oh nein! Die Geldbündel! Meine Jacke! Das Geld! Einer der beiden Polizisten richtete seine Waffe nach oben, brüllte was und schoss, doch der Tumult ging weiter.
„Wir haben hier eine 119!“, gab der Fahrer durch. „Beusselstraße 25! Brauchen eine 029! Ja! Macht schnell!

Ich vergrub mein Gesicht in die Hände.
„Scheißtag heute, hm?“, sagte der Fahrer zu mir nach hinten gelehnt.
Blut schoß mir ins Gesicht. Die Schlüssel! Meine Gedanken kreisten nur noch um den Vorführraum
des Kinos. Meinem kleinen Filmlager…

Ich nahm einen Schluck. Der Kaffee war schon ganz kalt. Das Rauschen des Feierabendverkehrs drang in meine Zelle. Jetzt hetzen sie alle wieder ins Wochenende. Ich schloss das Fenster und nahm mein Nudelsieb.

Version 2: (Zum Lesen bitte scrollen)
Lukack-Bohnen

Irgendwas machte ich bisher falsch! Kam einfach auf keinen grünen Zweig mit dem Chapeau Claque. Doch dann stieß ich auf diesen Artikel: 1000€ pro Kilogramm Edel-Kaffee … Das ließ mich aufhorchen. Von Luwak-Schleichkatzen ausgekackte Kaffeebohnen erzielten auf dem Weltmarkt horrende Preise. Das kann ich auch!, dachte ich mir, und probierte das gleich mal aus. Ich schüttete meiner Katze — Fidona heißt sie — Kaffeebohnen in ihren Fressnapf — und da blieben sie auch liegen. Erst als ich sie mit dem Öl aus einer Sardinenbüchse übergoss, machte sich Katzi darüber her. Schluckte sie brav runter. Am späten Abend konnte ich auch schon gleich abernten. Penibel entfernte ich die Bohnen aus dem Katzenkot und unterzog sie einer kleinen Grundreinigung. Den scharfen Geruch bekam ich aber nicht ganz weg. Mal abwarten, dachte ich mir so, vielleicht ist‘s ja gut fürs Aroma. Am nächsten Morgen kochte ich mir einen Kaffee aus Fidonas Böhnchen. Schmeckte großartig! Ein erdiger, ja — geheimnisvoller Geschmack mit überraschenden Schokoladenuntertönen. Das wird der Hit im Café! Da war ich mir sicher.
Wieder gab ich Katzi ihre Ölsardinen-Bohnen.
Am nächsten Tag kochte ich daraus Gourmet-Kaffee für meine Gäste im Chapeau Claque — und was soll ich sagen? Die waren total begeistert! Regelrecht besessen! Fragten mich richtig aus, woher der käme und so. Ich sagte ihnen, dass dieser speziell fermentierte Kaffee — ich taufte ihn Fidona-Kaffee — aus Indonesien kommt und einen sehr, sehr, seehr aufwendigen Herstellungsprozess durchlaufen hat. Zumindest letzteres entsprach ja nun der Wahrheit. Fidona sei meine Zeugin! Kurzum: Ich bekam für den Kaffee mehrere Bestellungen. Mehr Arbeit für Fidona — mehr Geld für mich!
Abends schüttete ich dem Tier die dreifache Portion Bohnen in den Napf und mischte noch etwas Katzenminze unter. Wie Fidona sich darüber hermachte! Es wurde eine lange Nacht. Fidona peste die ganze Zeit durch den Flur, kratzte an den Wänden, maunzte, rollte sich auf dem Boden … wahrscheinlich das Koffein.

Als ich am nächsten Morgen in die Beusselstraße einbog, warteten schon Gäste vorm Chapeau Claque. Eine richtige Schlange! Und sie hatten Beutel dabei.
Auf dem Weg zum Parkplatz dachte ich schon mal über den Endverbraucherpreis nach. Zunächst versteigerte ich ein Beutelchen Fidona-Bohnen. 52€ Cash! Ich stellte draußen ein Schild auf:

Fidona-Bohnen aus Indonesien.
Exklusiv!
Nur hier!


Das zweite Beutelchen kaufte man mir schon für 100€ ab. Immer mehr Gäste kamen und erkundigten sich nach den leckeren Bohnen. Ich musste sie leider auf den nächsten Tag vertrösten.

Mit Fidona stimmte was nicht. Sie war so reserviert, richtig eingeschnappt! Ich schüttete ihr diesmal ein Kilo Kaffeebohnen in den Fressnapf. Wie sie's liebte, mit Sardinenöl und Katzenminze! Doch Fidona machte einen großen Bogen darum. Was sollte ich nun tun? Es ihr eintrichtern?! Nein, dafür mochte ich Katzi eigentlich zu sehr! Nein, nein … Vielleicht konnte ich die Kaffeebohnen-Produktion ja skalieren, indem ich mir am Wochenende ein paar Katzen aus dem Tierheim holte.
Ich machte mir ein Schälchen Cornflakes. Als ich sie so wegknusperte und an meine enttäuschten Gäste dachte, da kam mir eine wirklich großartige Idee!
Es wurde wieder eine kurze Nacht. Ruhelos rannte ich den Flur auf und ab. Kratze mich am Kopf, meine Haut juckte, kratzte mich überall. Ich ging runter zum Spätkauf und holte mir noch eine Packung Kaffeebohnen. Zwei, drei Kilo wären zu schaffen. Mein Bauch fühlte sich an wie ein trockener Lappen. Ich krallte mich am Klo fest und versuchte, meine Gedanken auf etwas nicht Ekliges zu lenken. Katzi hatte sich ins Bad geschlichen und sah mich in einer Mischung aus Verachtung und Mitleid an.

Am nächsten Tag änderte ich auf dem Schild ‚Fidona‘ in ‚Lukack‘. Die Leute rannten mir die Bude ein! Ich hatte vier Kilo Kaffee in zwanzig Beutelchen à 200g aufgeteilt. Gingen weg wie warme Semmeln! 150€ pro Beutel! Heute gab’s mal einen Festpreis. Eine Versteigerung hätte mir einfach zu lange gedauert. Fühlte mich auch immer noch elend und so hibbelig. Und mein Arsch brannte!
Ein Kilo Lukack hatte ich noch. Das Aroma des Kaffees erfüllte bald das ganze Chapeau Claque und ging wohl hinaus bis auf die Straße. Passanten blieben stehen und pressten ihre Nasen gegen die Scheibe. So voll war mein Café noch nie zuvor gewesen! Die Gäste überboten sich mit ihren Lobpreisungen. „Großartige Note!“, „Himmel und Erde vereint!“. Ein recht intelligent aussehender, junger Mann mit Brille schlürfte kennerhaft: „Der Geschmack ist so — so organisch!“ Lächelnd pflichtete ich ihm bei und kassierte auch gleich die 30€ für seinen Kaffee ab.

Am Ende des Tages hatte ich sage und schreibe 3900€ eingenommen! Für einen Monat wären das mindestens — 100.000! Alter! Ich schluckte. Mein Magen rumorte. Ich rannte schnell aufs Klo. Schaffte es gerade noch, mir das Nudelsieb runter zu schieben und drückte. Ich kackerte; es klackerte.
Feine Böhnchen!, dachte ich mir. Jedes Böhnchen ein Eurönchen!
Vor meinem inneren Auge sah ich Euroscheine fliegen. Meine Haut juckte wie verrückt. Ich rieb sie mit Oliven-Öl ein. Es half nichts. Bald waren überall rote Kratzspuren. Ich kochte mir einen Baldriantee, stellte auf den Klassiksender, dämmte das Licht. Dann holte ich die Zehn Kilo-Kaffeebohnen-Großpackung aus der Küche und schüttete mir meine erste Portion in die gelbe Cornflakes-Schale. Milch drüber. Runter. Meine Haut brannte nun regelrecht. Ich stand auf. Setzte mich wieder. Ging ins Bad, gab mir eine kleine Handentspannung. Klingelte beim Nachbarn und machte ihn auf seinen Müll vor der Wohnungstür aufmerksam. Wurde richtig laut! Herr Üzmils Augen! Ich lachte. Schaltete den Fernseher ein. Porno in den DVD-Player. Stand wieder auf. Ins Bad. Nudelsieb, braune Brühe im Waschbecken, abfüllen in den Eimer. Porno wieder raus, Arielle rein. Lustiger Film! Das Bild kam irgendwie auf mich zu. Ich klingelte wieder bei Üzmil und bedankte mich bei ihm höflich für sein Entgegenkommen mit dem Müll. Herr Üzmil hatte diesmal so kleine, schmale Augen. Ging wieder ins Bad. Nudelsieb, braun, Eimer. Halb vier. Klingelte wieder bei Üzmil und versicherte ihm, dass diese Nacht keine weiteren Störungen kämen. Adern an Üzmils Hals. Katzi flitzte an mir vorbei die Treppe hoch. Rannte ihr hinterher, hinter mir Üzmils polternde Stimme. Schnappte mir Katzi, wieder in die Wohnung. Ich zog mich komplett aus und kratzte mich überall. Intensiv und ausgiebig. Die Bohnen schossen unten aus mir raus, direkt auf den Perser! Ich holte mir schnell eine Gabel und las die wertvollen Bohnen auf. Porno-DVD wieder rein. Meine rechte Hand wurde unscharf. So, so konnte es nicht weitergehen! Ich fuhr den Rechner hoch und stellte eine Anzeige rein:

Suche Studenten für einfache Aufgaben. Arbeiten von zu Hause aus!
Sehr, sehr gute Bezahlung!
Kein Scheiß!


Der erste rief um halb fünf an. Ich sagte ihm die Adresse vom Chapeau Claque. Musste die viermal wiederholen. Warum verstand der mich nicht? Um dreiviertel sechs der nächste Anruf. Eine BWL-Studentin. 19. Ihr nannte ich meine Privatadresse … Bewerbungsgespräch um 19:00 Uhr.

Irgendwann legte ich mich ins Bett. Wälzte mich die ganze Nacht. Mein Bauch fühlte sich an wie eine Kiesgrube. Diese Blähungen! Ich sah auf das fette Geldbündel auf meinem Nachttisch und drehte mich grinsend zur Seite. Fidona kuschelte sich an mich. Ich streichelte ihr kurz übers Fell und wurde schläfrig.
Lauter Krach drang in meine Ohren. Zerdeppert da jemand auf dem Innenhof Geschirr? Diese Stimme … klang wie — die alte Neubauer. Aber die war doch … Fidona war tot. Ihr Bauch prall wie ein Ballon!
Ich warf noch drei Handvoll Fidona-Bohnen in den fast vollen Lukack-Bohnen-Eimer.
Den Eimer in der Rechten und den Katzenkadaver, am Schwanz gepackt, in der Linken, lief ich auf den Innenhof. Interessiert sah ich mir das tote, ausgeweidete Tier nochmal an. Immer wieder erstaunlich, wie klein plötzlich abgekratzte Haustiere wirkten … Ich blickte auf meine Uhr: 13:35 Uhr! Für Sentimentalitäten hatte ich jetzt keine Zeit: Biotonne auf, Katze rein, Deckel zu! Unter meinen Schuhen knirschte es. Was lag denn da zwischen den Scherben? Ich beugte mich runter. Neben dicken Staubflocken lag ein fettes Bündel Geldscheine! Ich rollte es auseinander. 500 DM-Scheine! Mindestens — ich zählte — 15000 Mark! Konnte man einwechseln. Diese Woche flutschte es so richtig! Wie geil! Wow!
Regen setzte ein. Mein Bauch schmerzte! Da mussten noch mindestens fünf, sechs Kilo Bohnen drin lagern. Wie auch immer — das Sieb hatte ich ja dabei. Für Nachschub war gesorgt.
Vor dem Chapeau Claque, den ganzen Bürgersteig entlang bis zum Ninety Niner-Laden, drängte sich eine riesige Menschenmenge. Ich musste mir meinen Weg durch die unzähligen aufgespannten Regenschirme bahnen, die mir den Blick auf den Eingang versperrten. Kaum hatte ich aufgeschossen, da drängten sie schon hinter mir her. Musste erstmal dringend aufs Klo! Ich schiss einen derart riesigen Haufen ins Sieb, dass es an den Seiten schon überquoll und ins Klo klackerte. Keine Zeit mehr, die Bohnen zu reinigen. Von außen schloss ich das Klo ab. Mir wurde kotzübel. Ich stand hinter dem Tresen; der Verkauf begann. Mit einer kleinen Messschaufel füllte ich Lukack-Bohnen in Stullenbeutel, grüne 100er wurden mir in die Hände gedrückt.
Herrn Sandner bemerkte ich erst, als er direkt neben mir stand. Oh, wie ich den hasste! Vor allem seinen auftoupierten Mittelscheitel. Widerlicher Scheißkerl!
„Was ist denn hier heute bei Ihnen los, Herr Luckas?“, fragte er und sah sich misstrauisch um. „Na ja, reden wir später darüber! Ich setze dann gleich mal meinen Kontrollgang hier fort.“
Sandner schob sein Kinn vor und machte schmale Augen.
„Ich hatte Ihnen doch schon bei der letzten Kontrolle gesagt, dass sie die Dichtungsringe bei der Entlüftungsanlage auswechseln müssen! Die sind immer noch dreckig! Ein Dreck ist das hier!“
„Echt jetzt?“, fragte ich und kassierte gerade 500€.
„Herr Luckas! Hören Sie mir jetzt genau zu! Das reparieren Sie noch heute! Wenn nicht, mach‘ ich Ihren Laden dicht!“
Mein Magen meldete sich schon wieder, vor allem mein Mastdarm! Da wollte dringend was raus! Doch Sandner quatschte weiter auf mich ein: „Herr Luckas! Was ist mit Ihnen? Sind Sie auf Drogen oder was? Ach, und bevor ich’s vergesse: Das Kino hinten ist kein Lagerraum! Auch darüber hatten wir das letzte Mal schon gesprochen. Brandschutzordnung? Klingelt’s bei ihnen? Hmm? So! Und hier! Schau’n Sie mal hier! Die verschimmelten Fugen hinter der Spüle! Auch darauf hatte ich Sie beim letzten Mal schon aufmerksam gemacht. Sie hatten hier [hielt mir einen Zettel unter die Nase] unterschrieben und sich verpflichtet, die verschimmelten Silikonfugen zu erneuern! Auch das machen Sie heute noch!“
Der Druck in meinem Arsch erreichte ungeahnte Ausmaße.
„Wann geht’s denn endlich weiter?“, fragten die Kunden. „Quatscht nicht so fülle! Wir wollen unsere Lukacks!“
Ich nickte ihnen verständnisvoll entgegen. Doch da drängte sich schon wieder Herr Sandners blöde Fresse vor. Ich musste sofort aufs Klo! Rannte auf die Klotür zu.
„Nein nein!“, schrie Sandner mir nach. „Bleiben Sie hier und hören Sie sich an, was ich Ihnen zu sagen habe!“
Ich stand vor der verschlossenen Klotür. Dieser Druck! Nur noch wenige Sekunden blieben mir. Hektisch nestelte ich in den Hosentaschen nach meinem Schlüsselbund. Wo war nur die verfickten Schlüssel?!? Wo? Vielleicht in der Jackentasche! Ja! Ich rannte wieder hinter den Tresen. Letzte Chance!
„Herr Luckas! Ein Benehmen ist das!“, nölte Sandner, während ich verzweifelt nach meiner Jacke suchte. „Ich will, dass Sie sich jetzt hier diesen Abwasseranschluss mal ansehen!“
Meine Jacke war nicht zu finden! Die erste Bohne flutschte mir schon unten raus. Herr Sandners Mittelscheitel wippte auf und ab, als dieser seine Worte durch leidenschaftliches Nicken unterstrich. „Sehen Sie! Wenn dieser Schlauch hier unter Druck steht, dann schießt die ganze Soße hier unten raus! Das muss Ihnen doch klar sein, Herr Luckas! Und überhaupt! Das ist nun wieder auch so eine Sache, die Sie-“
Ich rannte auf die Klotür zu, im festen Willen, sie aufzubrechen.
„Wir wollen unser Lukack!“, schrie die Menge.
Es war zu spät! Explosionsartig füllte sich meine Unterhose mit warmen, feuchten Kaffeebohnen. Mist! Die Bohnensuppe floss innen meine Hosenbeine runter, über meine Schuhe und ergoss sich aufs Linoleum. Ich glitt aus, rappelte mich wieder auf. Eine neue, heiße Ladung drückte sich in meine Hose. Das schöne Geld! Alles war voller Lukack-Scheiße!
„Hey, was is‘ das denn?“, kam es aus der Menge. „Iiih!“ „Wie dit stinkt!!“
Die Leute rückten näher.
„Ach, nee!!“ „So hat der’s gemacht!“ „Das ist Beschiss, ist das!“ „Von wegen Indonesien! Aus Darmstadt!“ „Moabit-Kacke ist dit!“
Ich sah in aufgebrachte, hochrote Gesichter. Fäuste wurden in der Luft geschwungen. „Wir wollen unser Geld wieder!“ „Gib mir mein Geld, du Arsch!“
Herr Sandner baute sich vor der Menge auf und hob beschwichtigend die Arme: „Hören Sie zu! Hören Sie mir bitte einen Moment zu! Sie alle bekommen Ihr Geld zurück! Selbstverständlich! [Das Rumgemaule wurde etwas weniger] Dieses Lokal wird von mir, hier und jetzt, behördlich geschlossen! Bitte gehen Sie! Sie alle können Ihre Namen und Adressen hinterlassen. Dann bekommen Sie sicher ihr Geld zurück!“
Irgendwie hatte es dieser dämliche Besserwisser-Mittelscheitel geschafft, die Gemüter zu beruhigen. Ich stand nun vor der Eingangstür mit dem Rücken zur mauligen Meute. Meine Jacke hing über Sandners Arm und er drückte mir mein Schlüsselbund in die Hand! Dann schob er das Kinn vor und machte seine Augen schmal; ich sollte wohl abschließen. Doch das konnte ich nicht! Ich sah nach oben auf das blaue Schild mit dem Zylinder auf dem Warsteiner-Wappen. Zu viele Erinnerungen!
„Herr Luckas!“, mahnte mich Sandner. „Nehmen Sie mit Würde Ihren Hut! Los, schließen Sie ab! Los jetzt!“
Ich sah auf die Lukack-Reklame-Tafel, die neben der Tür lehnte. Der Regen hatte die Schrift verwaschen. Dann blickte ich auf Sandners hochtoupierten Mittelscheitel, durch den nun ein leichtes Lüftchen strich. Jetzt wurde ich so richtig sauer! Die Menge meldete sich wieder: „Du Scheißkerl!“ „Gib uns unser Geld wieder!“ „Du Scheißtier, du!“

Mein Mastdarm stand kurz vorm Bersten! Sandners hochrotes Gesicht schob sich vor meins. „Nun machen Sie schon! Luckas, nehmen Sie Vernunft an! Ab-schlie-ßen!“ Die letzten drei Silben unterstrich er durch dreifaches, heftiges Nicken. Wippender Mittelscheitel! Mein Hintern! Drohte mich zu zerfetzen! Ich zog blank, beugte mich nach vorn und ließ es geschehen! Die Bohnen ballerten nur so aus mir raus. Welch‘ eine himmlische Erleichterung! Aaaah! „Hier habt Ihr Euren Lukacks! Jaaaa!“, schrie ich ihnen durch meine Beine hindurch entgegen. „Die geh’n aufs Haus!“
Bohnen klatschten auf den Asphalt.
„Iiih, du alte Sau!“, kam es zurück. „So ein Sauschwein!“ „Den knüpfen wir auf!“ „Los! Kommt!“ „Die Regenschirme nehmen wir als Schilde!“ „Ja, so!“ „Los jetzt!“
Zwei grüne Flächen schoben sich in mein Gesichtsfeld. Uniformierte.
„So, nun ist aber gut hier! Kommen Sie hoch! Und Sie [an die Meute gewandt], zurücktreten!
„Sie kommen jetzt erstmal mit zu uns in den Wagen. Wir werden dort Ihre Personalien aufnehmen und alles Weitere veranlassen! Und ziehen Sie sich gefälligst die Hose hoch!“
Energisch wurde ich auf beiden Seiten untergehakt und in Richtung Straße gezerrt. Wir schoben uns durch den Mob. „Dieses Sauschwein!“ „Ich zeig‘ den gleich an!“
Endlich waren wir durch! Zwei Meter vor der geöffneten Minna, die in zweiter Reihe stand, trat ein Mittzwanziger an mich ran.

„H-Herr Luckas? Oder?“
Ich nickte.
„I-ich, also wir hätten doch jetzt ein Bewerbungsgespräch, oder? Aber wenn es Ihnen gerade nicht passt, d-dann…“
Die Polizisten lachten und bugsierten mich in den Wagen. Die Menge geriet jetzt richtig in Rage. „Ey Mike, was is’n da draußen los?“, fragte der Fahrer. „Oh Gott! Und was stinkt’n hier so? Boah!“
Meine Begleiter sprangen wieder auf die Straße.
„Sie bleiben hier!“, ermahnte man mich scharf. Die Tür wurde zugeschoben. Ich linste aus dem Fenster und sah, wie eine krasse Schlägerei im Gange war. Man zerrte und zog, riss, schob und schubste. Irgendwas flog durch die Luft … wie ein Vogelschwarm. Waren das Papierschnipsel? Aber … Oh nein! Die Geldbündel! Meine Jacke! Das Geld! Einer der beiden Polizisten richtete seine Waffe nach oben, brüllte was und schoss, doch der Tumult ging weiter.
„Wir haben hier eine 119!“, gab der Fahrer durch. „Beusselstraße 25! Brauchen eine 029! Ja! Macht schnell!

Ich vergrub mein Gesicht in die Hände.
„Scheißtag heute, hm?“, sagte der Fahrer zu mir nach hinten gelehnt.
Blut schoß mir ins Gesicht. Die Schlüssel! Meine Gedanken kreisten nur noch um den Vorführraum
des Kinos. Meinem kleinen Filmlager…



Version 1: (Zum Lesen bitte scrollen)
Irgendwas musste ich falsch machen! Kam einfach auf keinen grünen Zweig mit dem Chapeau Claque. Doch dann war ich auf diesen Artikel gestoßen: 1000€ pro Kilogramm Edel-Kaffee … Das ließ mich aufhorchen. Von Luwak-Schleichkatzen ausgekackte Kaffeebohnen erzielten auf dem Weltmarkt horrende Preise. Das kann ich auch!, dachte ich mir, und probierte das gleich mal aus. Ich schüttete meiner Katze — Fidona heißt sie — Kaffeebohnen in ihren Fressnapf — und da blieben sie auch liegen. Erst als ich sie mit dem Öl aus einer Sardinenbüchse übergoss, machte sich Katzi darüber her. Schluckte sie brav runter. Am späten Abend konnte ich auch schon gleich abernten. Penibel entfernte ich die Bohnen aus dem Katzenkot und unterzog sie einer kleinen Grundreinigung. Den scharfen Geruch bekam ich aber nicht ganz weg. Mal abwarten, dachte ich mir so, vielleicht ist‘s ja gut für’s Aroma. Am nächsten Morgen kochte ich mir einen Kaffee aus Fidonas Böhnchen. Schmeckte großartig! Ein erdiger, ja — geheimnisvoller Geschmack mit überraschenden Schokoladenuntertönen. Das wird der Hit im Café! Da war ich mir sicher. Wieder gab ich Katzi ihre Ölsardinen-Bohnen.
Am nächsten Tag kochte ich daraus Gourmet-Kaffee für meine Gäste im Chapeau Claque — und was soll ich sagen? Die waren total begeistert! Regelrecht besessen! Fragten mich richtig aus, woher der käme und so. Ich sagte ihnen, dass dieser speziell fermentierte Kaffee — ich taufte ihn Fidona-Kaffee — aus Indonesien kommt und einen sehr, sehr, seehr aufwendigen Herstellungsprozess durchlaufen hat. Zumindest letzteres entsprach ja nun der Wahrheit. Fidona sei meine Zeugin! Kurzum: Ich bekam für den Kaffee mehrere Bestellungen. Arme Fidona!
Abends schüttete ich dem Tier die dreifache Portion Bohnen in den Napf und mischte noch etwas Katzenminze unter. Wie Fidona sich darüber hermachte! Es wurde eine lange Nacht. Fidona peste die ganze Zeit durch den Flur, kratzte an den Wänden, maunzte, rollte sich auf dem Boden … wahrscheinlich das Koffein.

Als ich am nächsten Morgen in die Beusselstraße einbog, warteten schon Gäste vorm Chapeau Claque. Eine richtige Schlange! Und sie hatten Beutel dabei.
Auf dem Weg zum Parkplatz dachte ich schon mal über den Endverbraucherpreis nach. Zunächst versteigerte ich ein Beutelchen Fidona-Bohnen. 52€ Cash! Ich stellte draußen ein Schild auf:

Fidona-Bohnen aus Indonesien.
Exklusiv!
Nur hier!


Das zweite Beutelchen kaufte man mir schon für 100€ ab. Immer mehr Gäste kamen und erkundigten sich nach den leckeren Bohnen. Ich musste sie leider auf den nächsten Tag vertrösten.

Mit Fidona stimmte was nicht. Sie war so reserviert, richtig eingeschnappt! Ich schüttete ihr diesmal ein Kilo Kaffeebohnen in den Fressnapf. Wie sie's liebte, mit Sardinenöl und Katzenminze! Doch Fidona machte einen großen Bogen darum. Was sollte ich nun tun? Es ihr eintrichtern?! Nein, dafür liebte ich Katzi viel zu sehr! Nein, nein…
Ich machte mir ein Schälchen Cornflakes. Als ich sie so wegknusperte und an meine enttäuschten Gäste dachte, da kam mir die Idee meines Lebens!
Es wurde wieder eine kurze Nacht. Ruhelos rannte ich den Flur auf und ab. Kratze mich am Kopf, meine Haut juckte, kratzte mich überall. Ich ging runter zum Spätkauf und holte mir noch eine Packung Kaffeebohnen. Zwei, drei Kilo wären zu schaffen. Mein Bauch fühlte sich an wie ein trockener Lappen. Ich krallte mich am Klo fest und versuchte, meine Gedanken auf etwas nicht Ekliges zu lenken. Katzi hatte sich ins Bad geschlichen und sah mich in einer Mischung aus Verachtung und Mitleid an.

Am nächsten Tag änderte ich auf dem Schild ‚Fidona‘ in ‚Lukack‘. Die Leute rannten mir die Bude ein! Ich hatte vier Kilo Kaffee in zwanzig Beutelchen à 200g aufgeteilt. Gingen weg wie warme Semmeln! 150€ pro Beutel! Heute gab’s mal einen Festpreis. Eine Versteigerung hätte mir einfach zu lange gedauert. Fühlte mich auch immer noch elend und so hibbelig. Und mein Arsch brannte!
Ein Kilo Lukack hatte ich noch. Das Aroma des Kaffees erfüllte bald das ganze Chapeau Claque und ging wohl hinaus bis auf die Straße. Passanten blieben stehen und pressten ihre Nasen gegen die Scheibe. So voll war mein Café noch nie zuvor gewesen! Die Gäste überboten sich mit ihren Lobpreisungen. „Großartige Note!“, „Himmel und Erde vereint!“. Ein intelligent aussehender, junger Mann mit Brille schlürfte kennerhaft: „Der Geschmack ist so — so organisch!“ Lächelnd pflichtete ich ihm bei und kassierte auch gleich die 30€ für seinen Kaffee ab.

Am Ende des Tages hatte ich sage und schreibe 3900€ eingenommen! Für einen Monat wären das mindestens — 100.000! Alter! Ich schluckte. Mein Magen rumorte. Ich rannte schnell aufs Klo. Schaffte es gerade noch, mir das Nudelsieb runter zu schieben und drückte. Ich kackerte; es klackerte. Feine Böhnchen!, dachte ich mir. Jedes Böhnchen ein Eurönchen! Vor meinem inneren Auge sah ich Euroscheine fliegen. Meine Haut juckte wie verrückt. Ich rieb sie mit Oliven-Öl ein. Es half nichts. Bald waren überall rote Kratzspuren. Ich kochte mir einen Baldriantee, stellte auf den Klassiksender, dämmte das Licht. Dann holte ich die Zehn Kilo-Kaffeebohnen-Großpackung aus der Küche und schüttete mir meine erste Portion in die gelbe Cornflakes-Schale. Milch drüber. Runter. Meine Haut brannte nun regelrecht. Ich stand auf. Setzte mich wieder. Ging ins Bad, gab mir eine kleine Handentspannung. Klingelte beim Nachbarn und machte ihn auf seinen Müll vor der Wohnungstür aufmerksam. Wurde richtig laut! Herr Üzmils Augen! Ich lachte. Schaltete den Fernseher ein. Porno in den DVD-Player. Stand wieder auf. Ins Bad. Nudelsieb, braune Brühe im Waschbecken, abfüllen in den Eimer. Porno wieder raus, Arielle rein. Lustiger Film! Das Bild kam irgendwie auf mich zu. Ich klingelte wieder bei Üzmil und bedankte mich bei ihm höflich für sein Entgegenkommen mit dem Müll. Herr Üzmil hatte diesmal so kleine, schmale Augen. Ging wieder ins Bad. Nudelsieb, braun, Eimer. Halb vier. Klingelte wieder bei Üzmil und versicherte ihm, dass diese Nacht keine weiteren Störungen kämen. Adern an Üzmils Hals. Katzi flitzte an mir vorbei die Treppe hoch. Rannte ihr hinterher, hinter mir Üzmils polternde Stimme. Schnappte mir Katzi, wieder in die Wohnung. Ich zog mich komplett aus und kratzte mich überall. Intensiv und ausgiebig. Die Bohnen schossen unten aus mir raus, direkt auf den Perser! Ich holte mir schnell eine Gabel und las die wertvollen Bohnen auf. Porno-DVD wieder rein. Meine rechte Hand wurde unscharf. So, so konnte es nicht weitergehen! Ich fuhr den Rechner hoch und stellte eine Anzeige rein:

Suche Studenten für einfache Aufgaben. Arbeiten von zu Hause aus!
Sehr, sehr gute Bezahlung!
Kein Scheiß!


Der erste rief um halb fünf an. Ich sagte ihm die Adresse vom Chapeau Claque. Musste die viermal wiederholen. Warum verstand der mich nicht? Um dreiviertel sechs der nächste Anruf. Eine BWL-Studentin. 19. Auch ihr gab ich die Adresse.

Irgendwann legte ich mich ins Bett. Lauter Baulärm drang in meine Ohren. 13:35 Uhr! Nachmittags! Ich sah auf das fette Geldbündel auf meinem Nachttisch und drehte mich grinsend zur Seite. Fidona sprang zu mir ins Bett. Ich streichelte ihr durchs weiche Fell und wurde schläfrig. Mein Magen rumorte.
Lukack-Bohnen

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Re: Lukack-Bohnen

Beitragvon Heribertpolta » 25.01.2015, 12:13

Hallo, Dr.

Hier ist meine neueste Geschichte. Das ist alles nur ausgedacht!


Ach, komm...

Irgendwas musste ich falsch machen!


Hier musste ich zugegebenermaßen erst nachdenken, wie es gemeint ist. Nimmst du dir gerade vor, etwas falsch zu machen, oder fragtest du dich, was du gerade falsch machen würdest? Etwas Verwirrung gleich im ersten Satz.

Erst als ich sie mit dem Öl aus einer Sardinenbüchse übergoss, machte sich Katzi darüber her. Schluckte sie brav runter. Am späten Abend konnte ich auch schon gleich abernten. Penibel entfernte ich die Bohnen aus dem Katzenkot und unterzog sie einer kleinen Grundreinigung. Den scharfen Geruch bekam ich aber nicht ganz weg. Mal abwarten, dachte ich mir so, vielleicht ist‘s ja gut für’s Aroma.


Es ist dir großartig gelungen, dass sich mir hier der Magen dreht. Ich muss dazu sagen, dass ich Katzen noch nie mochte. Alle sagen, dass diese Viecher ach so reinlich seien, aber ich finde, dass kein Tier widerlicher riecht, als die Katze. Ich übernachte beispielsweise nicht mehr bei meinen Eltern, weil es dort nur so von Katzen-Überbleibseln wimmelt: Katzenklo, Haare...
Deswegen finde ich, dass Du mir hier mit deiner Schreibweise gut eingeheizt hast.

Abends schüttete ich dem Tier die dreifache Portion Bohnen in den Napf und mischte noch etwas Katzenminze unter. Wie Fidona sich darüber hermachte! Es wurde eine lange Nacht. Fidona peste die ganze Zeit durch den Flur, kratzte an den Wänden, maunzte, rollte sich auf dem Boden … wahrscheinlich das Koffein.


Pass auf, der Tierschutz ließt mit! :D

Ich rannte schnell aufs Klo. Schaffte es gerade noch, mir das Nudelsieb runter zu schieben und drückte. Ich kackerte; es klackerte. Feine Böhnchen!, dachte ich mir. Jedes Böhnchen ein Eurönchen! Vor meinem inneren Auge sah ich Euroscheine fliegen.


Ich stelle mir richtig vor, wie der Prota hier von Geldgeilheit überkommen wird. Überhaupt entstehen bei mir im Kopf bei der Geschichte lebendige Bilder.

Meine Haut juckte wie verrückt. Ich rieb sie mit Oliven-Öl ein. Es half nichts. Bald waren überall rote Kratzspuren. Ich kochte mir einen Baldriantee, stellte auf den Klassiksender, dämmte das Licht. Dann holte ich die Zehn Kilo-Kaffeebohnen-Großpackung aus der Küche und schüttete mir meine erste Portion in die gelbe Cornflakes-Schale. Milch drüber. Runter. Meine Haut brannte nun regelrecht.


Hier wird öfter gesagt, dass die Haut beginnt zu jucken. Ist das bei erhötem Koffeinverzehr so?

Der vorletzte Absatz ist eine schnelle Fahrt Richtung Schluss; hier passiert viel. Zum Glück kannst du gute Bilder zeichnen, sodass man sich gut alles vorstellen kann.
Ich finde deine Geschichte im Großen und Ganzen natürlich sehr absurd, aber das ist ja das Schöne daran. Ich bin ein großer Freund von absurdem Humor, ich finde, es gibt zu wenig davon. Mich wundert immer wieder, wie eng die meisten Geschichten gehalten werden, obwohl uns das Hirn so viel Möglichkeiten aufweist, eine Welt zu bauen, in der es abgefahrener nicht zugehen könnte. Schade, dass es bei den meisten nur für alberne Liebesgeschichten reicht.

Habe ich gern gelesen!

Bis dann.
Grüße,

Heribert Polta
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Re: Lukack-Bohnen

Beitragvon Cloud » 28.01.2015, 10:13

Hallo DrJones!

Vielen Dank für deine Geschichte, musste oft schmunzeln, und bin froh, sie zu Ende gelesen zu haben. Denn tatsächlich kommt im Laufe der Erzählung 'drive' rein, was wohl auch beabsichtigt dem Koffeingehalt des Ich-Erzählers geschuldet ist ; )

Erst als ich sie mit dem Öl aus einer Sardinenbüchse übergoss, machte sich Katzi darüber her. Schluckte sie brav runter. Am späten Abend konnte ich auch schon gleich abernten. Penibel entfernte ich die Bohnen aus dem Katzenkot und unterzog sie einer kleinen Grundreinigung. Den scharfen Geruch bekam ich aber nicht ganz weg.


Hier geht es für mich erst richtig los. Kurz und knapp zeigst du, was es bedeutet, einen granatenstarke Mischung Bohnen-Kaffee herzustellen. Der Vorgang der Beschreibung hat bei mir ein ungutes Gefühl geweckt. Dann erinnerte ich mich, dass es wegen des Topics wohl lustig zugehen wird in deiner Geschichte - also ließ ich mich vertrösten. Dein Schreibstil wird allein in dieser kurzen Passage deutlich, deine Stärke liegt in den Stakkato-Sätzen nenne ich sie jetzt mal. Du feuerst in solchen Momenten die Sätze raus wie Fidona die Bohnen. Sehr gut, das verbindet Inhalt mit Form! Auch ist diese Textstelle super wichtig für den Verlauf der Geschichte - denn hier habe ich als Leser Vermutungen (und Befürchtungen) angestellt, wie es weiter gehen könnte. Meine schmunzelnden Befürchtungen sollten sich bewahrheiten... : )

Abends schüttete ich dem Tier die dreifache Portion Bohnen in den Napf und mischte noch etwas Katzenminze unter


Du kommst auch hier schnell zur Sache, was Zug in die Story bringt. Wie reagiert wohl das kleine, süße, kuschelige Kätzchen auf diese kleine feine Änderung? Hehe. Du merkst vielleicht, auf einen Leser wie mich, der die Eignheiten von Katzen sagen wir mal gerade so toleriert, bei dem funktioniert dieses Ausnutzen der Katze als schwarzer Humor. Denn es ist ja ihr Wille. Wichtig ist hier und im Folgenden, wie die Reaktion der Katze im Vergleich zur Reaktion der Kunden ausfällt. Dem zollst du auch Tribut, denn die Kunden deines Ich-Erzählers
warteten schon [...] vorm Chapeau Claque. Eine richtige Schlange! Und sie hatten Beutel dabei.


Hier ist es auch wieder, das kurze, abgehackte in deinen Sätzen, was hervorragend die gehetzte, gierige Stimmung deines Erzählers trifft. Das Koffein pulsiert und lässt das Geld fließen. Das übrigens, so kommt es bei mir rüber, ist dir keiner Erwähnung überdrüssig. Der Erzähler erwähnt das Geld ein ums andere Mal:
[...] 1000€ pro Kilogramm [...] Zunächst versteigerte ich ein Beutelchen Fidona-Bohnen. 52€ Cash! [...] [...] Das zweite Beutelchen kaufte man mir schon für 100€ ab. [...] Gingen weg wie warme Semmeln! 150€ pro Beutel! [...] kassierte auch gleich die 30€ [...] hatte ich sage und schreibe 3900€ eingenommen! Für einen Monat wären das mindestens — 100.000! Alter! [...]

Ja, Alter, echtmal! Was wurde mir dein Erzähler hier Stück für Stück unsympathischer. Er hätte es fast verkackt, um in deinem Jargon zu bleiben. Aber zum Glück lässt du so kleine Wortspielereien einfließen:
Suche Studenten für einfache Aufgaben. Arbeiten von zu Hause aus!
Sehr, sehr gute Bezahlung!
Kein Scheiß!


Das macht in Verbindung zu deinem Stakkato-Stil (am Ende mit genügend Koffein par excellence zelebriert, auch witzig die Einbindung des genervten Nachbarn) deine Geschichte gut lesbar. Es flutschte.
Was nicht so flutschte, kommt jetzt.
Deine Geschichte hat keinen echten Konflikt, dabei legst du dir Steilvorlagen für echt abstruse Konflikte zurecht, siehe erstmal den quote oben mit Fidonas erstmaliger Verdauung der Bohnen. Wie fühlt sich Fidona, wie zeigt sich das? Wie fühlt sich der Schiss an? Wie reagiert Fidona auf die Veränderungen, die ja alle zwingend bei dir sind? (Stichwort Minznote!) Fidona könnten deinem Ich über den Kopf wachsen, dein Ich könnte Fidona auf - ja sagen wir mal - lustige Art quälen, dass vielleicht auch Fidona was davon hat - vielleicht von der ganzen Kohle. Oder am Ende ist die ganze Kohle der Schlüssel für den besten Kaffee - vielleicht käme dein Erzähler auf die Idee, das Geld mit dem Öl und den Bohnen zu mischen und daraus entstünde der wohl beste Kaffee des Jahrhunderts? (Das wäre dann auch sozialkritisch und fast schon Satire)

Jedenfalls steigst du leider nur so ein:
Irgendwas musste ich falsch machen! Kam einfach auf keinen grünen Zweig mit dem Chapeau Claque. Doch dann war ich auf diesen Artikel gestoßen: 1000€ pro Kilogramm Edel-Kaffee … Das ließ mich aufhorchen. Von Luwak-Schleichkatzen ausgekackte Kaffeebohnen erzielten auf dem Weltmarkt horrende Preise. Das kann ich auch!, dachte ich mir, und probierte das gleich mal aus.


Die Hilfskonstruktionen im Satzbau stören, das legst du zum Glück im Verlauf ab.
Wenn schon dieser Anfang, dann besser: Irgendwas machte ich falsch! [...] Doch dann stieß ich auf diesen Artikel: [...] usw.
Aber jetzt zum Inhalt. Warum verrät dein Erzähler, woher er die Idee mit der kackenden Katze hat? Er ist also ein Ideen-Dieb. Ein weiterer Minuspunkt in Richtung unsympathischer Erzähler. Warum probiert er es überhaupt bewusst aus? Ich hätte es schöner gefunden, wenn er vielleicht durch Zufall auf den Geschmack gekommen wäre. Ich stelle mir da eine lustige Frühstücks-Kaffee-Szene vor. Eine Bohnen-Verwechslungs-Orgie. Eine Szene halt, bei der der Leser genau weiß, was er da gerade für ein vermeintlich ekliges Produkt trinkt, was sich dann aber als überraschender Hit entpuppt. Das würde übrigens die Definition von Humor erfüllen, indem ein Erwartungsbruch eine Art positiven Konflikt generiert. Ach, schmeckt ja doch ganz gut - hmhmhmhmh, ich bin ja Kaffeebesitzer! usw. Bäh, hehe. Überhaupt bietet sich in dieser Geschichte Pipi-Kaka-Humor an, aber dosiert.

Das zweite Beutelchen kaufte man mir schon für 100€ ab. Immer mehr Gäste kamen und erkundigten sich nach den leckeren Bohnen. Ich musste sie leider auf den nächsten Tag vertrösten.


Die Konfliktärme setzt sich hier und im weiteren fort. Dein Erzähler scheffelt Kohle ohne Ende und, ja, und, und, was dann?
Irgendwann legte ich mich ins Bett.


Soweit ok, nur das darf doch jetzt nicht einfach so kommentarlos das Ende sein. Katze kommt kuscheln und Ende? Hier muss so richtig derbe übertrieben werden. Alles steigert sich, dein Stakkato-Snatch-Stil ja schließlich auch, also warum legt sich dein Erzähler nicht beispielsweise in die Heia und scheißt sich zu? Er macht Scheiße zu Geld oder umgekehrt. Irgendwie sowas, natürlich in seiner Darstellung entschärft und nuancierter. Aber vom Grundsatz her muss sich deine Zuspitzung mit Porno&Co nicht einfach verpufft auflösen, sondern mit Pauken und Trompeten platzen. Das Absurde der Situation ermöglicht dir ja schließlich das Abdriften ins Surreale - vielleicht kannst du das das nächste Mal nutzen.
Denn ehrlich, die Geschichte hat vorzügliches Potential. Um es mit den Worten der Kunden deines Erzählers zu sagen: "Der Geschmack ist so - so organisch!" Dem kann ich auch nur lächelnd beipflichten : )

Besten Gruß,
Cloud
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Re: Lukack-Bohnen

Beitragvon Cloud » 22.02.2015, 20:02

Hallo Dr. Jones, ein weiteres Mal!

Bevor ich Schritt für Schritt vorgehe, allgemeine Dinge zuerst: Dein Schreibfluss fließt jetzt flüssig wie ein süffiger Bohnenkaffee. Der Dampf erlesener Mahlung steigt mir in die Nase während des Lesens - vieles wirkt aus einem Guss. Als Ergebnis einer wütenden Schreibsitzung. Auch servierst du nicht nur ein kleines Tässchen Espresso, sondern spendierst eine von Koffein nur so strotzende Menge an schwarzem Gold, dass es kracht. Getreu dem Motto: Viel hilft viel.
Ich weiß, bis hierher klingts gut. Aber das obige Motto funktioniert leider nur bis zu einer gewissen Grenze. Und du hast diese Grenze nicht nur worttechnisch überschritten. Was in der ersten Version noch von einem Damm (haha!) zurückgehalten wurde, ist nun losgelöst von jeglicher Begrenzung mit einem Rutsch abgeflossen. Ob das jetzt gut oder weniger gut ist, kann und will ich gar nicht entscheiden - dafür bist du der Experte. Ich neige im Moment aber dazu, das ganze bei der nächsten Version wieder etwas zu beschneiden - aber wie gesagt - dein Ding. Dein FOKUS, deine feine Duftnote muss noch abgestimmt werden, denn sie gerät bei dieser Version äußerst ins Wanken. Alles weitere, was jetzt an Kritik folgt, bezieht sich deshalb inhaltlich auf eben diese Vorrede.

Das kann ich auch!, dachte ich mir, und probierte das gleich mal aus. Ich schüttete meiner Katze — Fidona heißt sie — Kaffeebohnen in ihren Fressnapf — und da blieben sie auch liegen. Erst als ich sie mit dem Öl aus einer Sardinenbüchse übergoss, machte sich Katzi darüber her. Schluckte sie brav runter. Am späten Abend konnte ich auch schon gleich abernten. Penibel entfernte ich die Bohnen aus dem Katzenkot und unterzog sie einer kleinen Grundreinigung. Den scharfen Geruch bekam ich aber nicht ganz weg. Mal abwarten, dachte ich mir so, vielleicht ist‘s ja gut fürs Aroma. Am nächsten Morgen kochte ich mir einen Kaffee aus Fidonas Böhnchen. Schmeckte großartig! Ein erdiger, ja — geheimnisvoller Geschmack mit überraschenden Schokoladenuntertönen. Das wird der Hit im Café! Da war ich mir sicher.


Direkt dein erster Absatz ist ein Sprung aus dem Stand, von 0 auf 1000. Ist das so gewollt? Das schreckt nämlich stark ab. Also mich hat es im Lesen des gesamten Textes fast überfahren. Überfrachtet an Ideen und Potential schlachtest du die Thematik rund um die besondere Art der Kaffeeproduktion aus. Das ist einerseits gut, weil es zeigt, dass du es verstehst, Ideen zu produzieren. Darunter leidet allerdings zwangsläufig deine Fokussierung. Wo ist die Intention deines Erzählers? Ich stelle ihn mir so vor, wie er seine Geschichte Mario-Barth-lastig auf einer Stadionbühne schwitzend unter mimisch-gestischer-Höchstleistung erzählt. Bei dieser Vorstellung funktioniert der Drive, den die Geschichte momentan hat.
Die Schnelligkeit der Handlung erzeugt trotzdem keine Zeit zum Fühlen. Ich als Leser komme nicht zum Durchatmen, zur bildlichen Vorstellung. Vielleicht wäre es gut, sich für eine Szene etwas mehr Zeit zu nehmen, ohne direkt alles umzukrempeln. Z.B. bei der Beschreibung von Fidonas erster Reaktion auf die gefressenen Kaffeebohnen im Fressnapf mehr Zeit lassen. Das Tempo drosseln. Mehr zeigen, was schon in der Wagschale ist, eben nicht noch mehr in die Wagschale reinwerfen. Dafür könntest du dir eine inhaltliche Aufstellung machen und radikal kürzen, um deinen Fokus wiederzufinden. Denn wieder zur Frage von oben: Was erzählt dein Erzähler wem und wann?

Dein zweiter Absatz ist allererste Sahne. Das ist, wie ich glaube, die Art wie du erzählen willst. Das hat Witz durch die V1-Stellung, d.h. das Verb am Anfang vom Satz rauszuhauen. Raushauen also, ohne Bedenken. Sterben soll sie, die Katze, sicher? Die Art des Erzählens fällt dir leicht, knüpfe daher an deine Stärken weiter an. Auch die nüchterne Feststellung am Ende des 2. Absatzes ("wahrscheinlich das Koffein") funktioniert als lustiger Kommentar. Das habe ich gerne gelesen.

Als ich am nächsten Morgen in die Beusselstraße einbog, warteten schon Gäste vorm Chapeau Claque. Eine richtige Schlange! Und sie hatten Beutel dabei.
Auf dem Weg zum Parkplatz dachte ich schon mal über den Endverbraucherpreis nach. Zunächst versteigerte ich ein Beutelchen Fidona-Bohnen. 52€ Cash! Ich stellte draußen ein Schild auf:

Fidona-Bohnen aus Indonesien.
Exklusiv!
Nur hier!

Das zweite Beutelchen kaufte man mir schon für 100€ ab. Immer mehr Gäste kamen und erkundigten sich nach den leckeren Bohnen. Ich musste sie leider auf den nächsten Tag vertrösten.


Dieser Teil lässt sich verkürzen. Inhaltlich geht es ja nur darum, dass mehr und mehr Kohle sich anhäuft. Mehr Kohle bedeutet mehr Arbeit und mehr Arbeit bedeutet Expansion, und das ist das Problem deines Erzählers. Und das muss jetzt fokussiert werden. Fast schon hinauszögern solltest du es.
Eine Möglichkeit: Du spielst deinen Inhalt gegeneinander aus: Mehr Geld -> Mehr Arbeit für Fidona gegen Missmutige Gefühle von Fidona -> Selbst ist der Mann. Hier müsste daher ein Spannungsbogen her, wieder mit Drosselung der inhaltlichen Geschwindigkeit.
Hier geht es ja los:
Mit Fidona stimmte was nicht. Sie war so reserviert, richtig eingeschnappt! Ich schüttete ihr diesmal ein Kilo Kaffeebohnen in den Fressnapf. Wie sie's liebte, mit Sardinenöl und Katzenminze! Doch Fidona machte einen großen Bogen darum. Was sollte ich nun tun? Es ihr eintrichtern?! Nein, dafür mochte ich Katzi eigentlich zu sehr! Nein, nein … Vielleicht konnte ich die Kaffeebohnen-Produktion ja skalieren, indem ich mir am Wochenende ein paar Katzen aus dem Tierheim holte.

Das ist eine Schlüsselstelle. Absatz weiter oben mit diesem Absatz verbinden und Spannung steigern. Der Einsteig "Mit Fidona stimmte etwas nicht" ist spitze. Das erzeugt Spannung, ich möchte als Leser wissen, was mit Fidona ist - VORAUSGESETZT: Ich empfinde etwas für Fidona. Und daher ist dein zweiter Absatz vorher als Brücke so immens wichtig. Du musst die Waage mit deinen Sprüchen halten. Es muss schon witzig, flink und keck sein, aber auch ein bisschen mitfühlend für das Tier, um in diesem Schlüsselabsatz den Spieß umzudrehen.
Fidona kann nicht mehr. Lösung des Problems -> Ich muss verdauen.
Das muss aber wie gesagt angebahnt werden. Der Leser muss selbst auf diese Lösung kommen, er muss sie auf dem Silbertablett erzählt bekommen. Erst dann kommt bei mir eine bildliche Vorstellung zustande, die du leider mit dieser neuen Version deines Textes zumindest bei mir nicht erzielt hast.
Jetzt setzt sich erstmal deshalb eine Negativspirale fort:
Es wurde wieder eine kurze Nacht. Ruhelos rannte ich den Flur auf und ab. Kratze mich am Kopf, meine Haut juckte, kratzte mich überall. Ich ging runter zum Spätkauf und holte mir noch eine Packung Kaffeebohnen. Zwei, drei Kilo wären zu schaffen. Mein Bauch fühlte sich an wie ein trockener Lappen. Ich krallte mich am Klo fest und versuchte, meine Gedanken auf etwas nicht Ekliges zu lenken. Katzi hatte sich ins Bad geschlichen und sah mich in einer Mischung aus Verachtung und Mitleid an.


Dieser Absatz war mir bspw. total egal. Und wenn es ihm zehnmal in der Falte juckte. Es interessierte mich nicht. Der Erzähler ist mir schließlich unsympathisch, warum sollte ich mich also mit seinem Leid amüsieren? Würde er bspw. das Geld für seine Fidona sparen, dann sähe die Lage anders aus. Aber so. Total egal, wie viel Geld der Typ scheffelt.

Am nächsten Tag änderte ich auf dem Schild ‚Fidona‘ in ‚Lukack‘. Die Leute rannten mir die Bude ein! Ich hatte vier Kilo Kaffee in zwanzig Beutelchen à 200g aufgeteilt. Gingen weg wie warme Semmeln! 150€ pro Beutel! [USWUSWUSWUSWUSW]

Hier geht nun dein Fokus flöten. Inhaltlich lässt sich deine Geschichte fortan reduzieren auf: 1.) Reaktion der Kunden auf den Kaffee -> Steigerung --- bis hierher noch alles ok, aber dann 2.) Episode Üzmil (Sinn?) --- 3.) End-Konflikt mit Hr. Sandner und Kunden und und und ?!
PUH. Ich bin von nun an tatsächlich überfordert. Das ist too much. Over-the-top. Ich weiß, ich hatte es dir geraten, aber der Fokus fehlt. Es fokussiert sich zwar alles auf den Darmkonflikt in Verbindung mit der Gier deines Erzählers, aber mir als Leser ist es längst egal. Fidona ist schließlich tot, die neue Figur Üzmil nicht transparent genug für Witz, der Ich-Erzähler abartig. Auch deine Sprache leidet am Ende. Der Bogen ist überspannt, wenn Phrasen fallen wie:
Immer wieder erstaunlich, wie klein plötzlich abgekratzte Haustiere wirkten [...] Ich schiss einen derart riesigen Haufen ins Sieb, dass es an den Seiten schon überquoll [...] Oh, wie ich den hasste! Vor allem seinen auftoupierten Mittelscheitel. [...] „Echt jetzt?“, fragte ich [...] Der Druck in meinem Arsch erreichte ungeahnte Ausmaße. [...] Die erste Bohne flutschte mir schon unten raus. [...] USWUSW

Die Fülle an pietätlosen, unpassenden Phrasen ließe sich noch fortführen. Ich bin ehrlich, ich wollte am Ende nurnoch fertig werden mit dem Text. Habe ihn überflogen, weil er mich von Satz zu Satz mehr nervte. Auch der Abschluss-Gag funktioniert deshalb schon gar nicht mehr. Es endet wie ein Trauerspiel, leider ziemlich vernichtend.
Aber! Zum Glück lässt sich das mit der Fokussierung erklären. Zum Glück könntest du einen Kniff ansetzen und deinen Erzähler räumlich und zeitlich mit einer Rahmenerzählung fokussieren. Dadurch bekäme deine Geschichte eine tiefere Ebene sowie eine Binnenerzählung. Das könnte den Schluss retten.
Was du mit deiner Sprache anstellen bzw. ändern willst, bleibt dir überlassen. Aber leider wirkt die Erzählung gegen Ende völligst aus dem Ruder und im Jargon verfehlt. (was natürlich dem Koffeinpegel des Erzählers geschuldet ist - dennoch)
Und übrigens:
Meine Gedanken kreisten nur noch um den Vorführraum
des Kinos. Meinem kleinen Filmlager…

Habe ich nicht verstanden. Das ist für ein Ende zu schwach, zu unvorhergesehen. Deine Geschichte müsste der Leser zu Ende erzählen können. Es müsste klar sein, was passiert. Es muss das und jenes passieren, weil es passieren muss, weil dein Erzähler sich sein eigenes Grab schaufelt. Aber da dein Erzähler das Ding aus der Ich-Perspektive erzählt, hast du ein unlösbares Paradoxon. Wie du aus der Nummer rauskommst? Wie schon erwähnt eine Rahmenerzählung erschaffen und mit der Binnenerzählung verknüpfen. Vielleicht war das ja auch dein Gedanke - bei dem fiktiven Filmlager am Ende?

Entschuldige bitte meine letzten, etwas wirren Zeilen. Ich hoffe, es ist in etwa rübergekommen, was ich meine. (Es ist äußerst schwer, es auszuformulieren, weil es so verzwickt ist)

Beste Grüße,
Cloud
Cloud
 
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Re: Lukack-Bohnen

Beitragvon DrJones » 22.02.2015, 20:41

Nicht, dass hier der Eindruck entsteht, ich würde nie auf Kommentare antworten.
Die Antworten erfolgen meist per E-Mail.

Hallo Cloud,

Danke zunächst für Deinen erneuten Kommentar und dass
Du Dir so viel Mühe beim anal(!)ysieren meines Textes
gemacht hast!
Du hast mit allem, was Du geschrieben hast, recht.
Ich muss in einem ruhigen Moment Deine Vorschläge nochmal
durchgehen und sehen, wie ich den Konflikt, Fokus besser
zuspitzen kann. Ja.

Ich war in einem Schreibfluss und habe es ohne Hemmungen einfach
rausgehauen. Ja, es war pietätlos. Ja, es war krass. So ist mein
Protagonist. Ich möchte das so! Auch, wenn es vielleicht too much ist.

Eine Rahmenhandlung bzw. eine Binnenerzählung würde der Story
gewiss guttun. Ein echt brillanter Vorschlag! Etwas in
der Art des Films "Piraten" von Roman Polanski. Vielleicht kennst Du den ja…
Die haben am Ende nichts gewonnen, außer einem goldenen Thron.
Oder das Märchem vom "Fischer und seine Frau". So etwas könnte
ich mir vorstellen. Ich würde meinen Protogonisten ins die JVA Moabit
setzen, ihn traurig durchs Gitter in den Regen starren lassen. Dann sein
Gedanke: Regen, wie damals als mir die Idee mit den Kaffebohnen kam.
Eine kleine Schelmengeschichte…
Wie findest Du diese Idee, Cloud?
Habe sie jetzt umgesetzt. Die Story ist jetzt in Version 2.
Ich mag diese Katharsis für diesen skrupellosen Menschen.

Deine Kritik war sehr gut und richtig. Ich bin immer noch kein Spezi
für's sinnvolle Plotten. Ich feile dran.

Vielen Dank und freundlichen Gruß,

DrJones
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