[Nachdenk]Mein liebes Kind

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Mein liebes Kind

Beitragvon magico » 07.01.2015, 12:50

Mein liebes Kind,

ich danke Dir. Als ich mich heute Morgen an meinen Schreibtisch setzte, der durch die silbrige Morgensonne in ein unwirkliches Licht getaucht wurde, fand ich deine kleine Aufmerksamkeit.
Einfach so … ohne Grund, so schien es mir.
Die Blüten leuchteten auf dem hellen Untergrund des Pergaments. Rot und Blau. So albern es auch klingen mag, ich musste unwillkürlich an Dich und deinen Bruder denken. Rot – ein Mädchen. Blau – ein Junge. Eigentlich mag ich dieses Schubladendenken überhaupt nicht, wie du weißt. Doch die Gesellschaft lässt einem keine eigene Meinung. Man ist umgeben von den Meinungen der Masse. Das färbt ab. Doch lassen wir das. Die gelbe, verwelkte Blüte … das musste ich sein.
Ich habe die Blumen lange betrachtet. Ihnen fehlte das Wasser, die Erde, die Nahrung und somit alles, was sie zum Leben benötigen. Langsam aber sichtbar verloren sie ihre äußere Schönheit. Es geht ihnen nicht anders als uns. Allein mit dem Unterschied, dass sie es schneller hinter sich haben.
Mein Kaffee war bereits erkaltet, ebenso wie meine Füße, welche bar über dem alten Parkett baumelten. Es war zu spät für diese Exemplare. Hätte ich ihnen Wasser und eine Vase geholt, so wäre ihr Leben künstlich verlängert worden. Doch stellte ich mir die Frage, ob es überhaupt noch als Leben bezeichnet werden konnte. Schließlich lag ein wesentlicher Teil ihrer selbst begraben unter der Erde. Gerade erst gepflückte Pflanzen befinden sich in einer Art Wachkoma, welches stets tödlich endet. Keine angenehme Aussicht.
Ich möchte dein Geschenk weiß Gott nicht schlechtreden oder gar verurteilen. Du handeltest aus guter Absicht, wolltest mir eine Freude bereiten. Dies ist Dir auch gelungen. Zunächst …
Leider blicke ich viel zu weit hinter die Szenerie einer jeden Kleinigkeit. Du weißt das und dennoch schenkst du mir ohne zu zögern dieses Kleinod. Deshalb danke ich Dir nicht für die Blumen, sondern für deine unbedingte Liebe, welche Du deinem alternden Vater entgegenbringst.

Die Kaffeetasse ist nun leer. Der letzte Schluck schmeckte scheußlich. Meine Füße sind Eisklumpen. Ich werde sie auf den viereckigen Sonnenfleck legen, der den Umriss des großen Fensters wiedergibt. Doch erst nachdem ich diesen Brief beendet habe.

Woher hast du die Blumen zu solch früher Stunde bekommen? Warst du unten am Fluss? Im Morgengrauen? Für mich opferst du deinen kostbaren Schlaf, der dir sonst so heilig ist? Völlig ohne Eigennutz?
Was habe ich getan, dass ich ein so aufmerksames und selbstloses Kind verdient habe. Was es auch sei, es geschah intuitiv. Nie war mir etwas wichtiger als dein Wohlergehen und das deines Bruders. Ich hoffe, ihr konntet es spüren, doch wenn ich erneut auf die beiden Blumen blicke (meine lasse ich außen vor) … die rote und die blaue … so weiß ich, dass mein Weg nicht die völlig verkehrte Richtung nahm. Dafür bin ich dankbar, denn so hat wenigsten ein Aspekt in meinem Leben ein vorläufig gutes Ende genommen. Es tröstet mich, dass es mit Euch sogar der wichtigste Teil meines Lebens ist.
Sicher wirst du dich fragen: Was soll das? Ich habe dir doch einfach nur drei Blumen geschenkt.
Insgeheim wusstest du jedoch, dass es mir viel mehr bedeuten würde als das. Es sind nicht einfach nur drei Blumen. Es ist der Ausdruck eines Kindes, welches seinen Herrn Papa selbstlos liebt, akzeptiert und so nimmt, wie er ist. Mit all seinen Macken, Sonderbarkeiten und seiner trübsinnigen Sentimentalität.

Aus den Baumkronen weichen die letzten Nebelschwaden und fliehen zur Sonne. Es wird ein schöner Tag.
Ich habe eben nachgesehen. Du schläfst noch immer.

War es nur ein nächtlicher Ausflug oder bist du erst zu früher Morgenstunden nach Hause gekommen?
Egal … du hast mich selbst zu dieser Tages- oder Nachtzeit nicht vergessen. Im Gegenteil, du bedachtest mich mit einer besonderen Aufmerksamkeit.

Ich nehme die ausgetrockneten Blumen in meine welken Hände. Eine verblüffende Ähnlichkeit offenbart sich mir. Die Blumen zerfallen, meine Hände verlieren ihre Kraft. Die Blüten werden verblassen, genau wie meine Träume, Gedanken und Ideale. Aber ein Teil davon wird weiterleben. In Euch. So, wie die Überreste der Blumen ein nährender Boden für ihre Nachkommen sein können.
Sie sind mir gar nicht so unähnlich … diese Blumen. Hast Du sie deshalb ausgewählt? Hast du das alles mit vollem Bewusstsein getan? Wahrscheinlich sind wir alle viel weniger das, was wir zu sein glauben. Schon gar nicht die Krone der Schöpfung.

Bevor ich mich nun, wie so oft, in weiteren ausschweifenden Worten verliere, möchte ich mit einem Zitat enden. Ich danke Dir für die Blumen oder viel mehr für das, was sie in mir hervorgerufen haben. Und dennoch gebe ich dir diesen Satz mit auf den Weg:

Ich habe heute ein paar Blumen nicht gepflückt, um Dir ihr Leben zu schenken. Christian Morgenstern


Ich liebe Euch dafür, dass ihr seid.
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Re: Mein liebes Kind

Beitragvon Hark » 09.01.2015, 22:18

Hallo Magico,
heute freue ich mich der Erste zu sein, der die Anmerkungen zu Deinem feingewebten Text machen darf.

magico hat geschrieben:Mein liebes Kind,

ich danke Dir. Als ich mich heute Morgen an meinen Schreibtisch setzte, der durch die silbrige Morgensonne in ein unwirkliches Licht getaucht wurde, fand ich deine kleine Aufmerksamkeit.
Einfach so … ohne Grund, so schien es mir.
Die Blüten leuchteten auf dem hellen Untergrund des Pergaments.


Wegen des Pergaments dachte ich an ein Gemälde, bis ich erst einige Zeilen später kapiert habe, dass da reale Blumen liegen. Das könnte man etwas deutlicher machen.

magico hat geschrieben:Eigentlich mag ich dieses Schubladendenken überhaupt nicht, wie du weißt.


Versteht das Kind den Begriff "Schubladendenken" ?

magico hat geschrieben:Mein Kaffee war bereits erkaltet, ebenso wie meine Füße, welche bar über dem alten Parkett baumelten. Es war zu spät für diese Exemplare.


Zwischen diesen beiden Sätzen besteht ja kein sinngemäßer Zusammenhang, daher würde hier ein Absatz gut tun.


magico hat geschrieben:Für mich opferst du deinen kostbaren Schlaf, der dir sonst so heilig ist?


Kindern ist ihr Schlaf heilig? Wäre mir neu, aber vielleicht ist das Kind ja schon keines mehr.

magico hat geschrieben: denn so hat wenigstens ein Aspekt in meinem Leben ein vorläufig gutes Ende genommen.


Viel anzustreichen gibt es nicht. Eine nachdenklich stimmende Meditation über das Kleine und Unscheinbare. Geschenk. Leben. Vergehen.

Wobei mir nur der scheinbare Widerspruch zwischen dem Geschenk von drei gepflückten Blumen und dem zu schätzenden Alter des Kindes etwas unstimmig erschien. Aber das ist der einzige änderungswürdige Punkt, den ich finden kann.

Sehr gut gefällt mir auch die nicht geschriebene Geschichte, die fein in diesen Text eingewoben wurde.

Es grüßt,
Hark
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Re: Mein liebes Kind

Beitragvon magico » 12.01.2015, 10:00

Hallo Hark,

vielen Dank für deine Anmerkungen.

Hark hat geschrieben:Wegen des Pergaments dachte ich an ein Gemälde, bis ich erst einige Zeilen später kapiert habe, dass da reale Blumen liegen. Das könnte man etwas deutlicher machen.


Hm ... okay. Eventuell liegt es daran, dass der Text explizit zu diesem Bild entstanden ist.

Hark hat geschrieben:Versteht das Kind den Begriff "Schubladendenken" ?


Hark hat geschrieben:Kindern ist ihr Schlaf heilig? Wäre mir neu, aber vielleicht ist das Kind ja schon keines mehr.


Richtig. Das Kind ist schon ein wenig älter.

Hark hat geschrieben:Viel anzustreichen gibt es nicht.


Das freut mich natürlich, aber aus diesem Grund fällt auch meine Antwort ziemlich kurz aus. :wink:


Grüße - magico
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