Hallo Landunter,
was für eine packende Fahrt in den menschlichen Abgrund und wieder zurück!
Hab schon wieder so einen scheiß Traum gehabt, kann nicht mehr weiterschlafen, obwohl ich Schlaf so dringend nötig hätte. Die letzten Tage waren anstrengend; mein Körper sendet mir ständig Signale, daß sich was ändern muss. Aber weiß ich sie auch richtig zu deuten?
Guter Einstieg, der erste Satz. Sagt viel: "Scheiß" - sehr wütend; Umgangssprache; Kontrast zum eigentlich positiv besetzten "Traum" (und eben nicht "Albtraum"; findet sich hier nicht schon der gesamte Grundkonflikt: natürlich ist dieser Traum ein Wunschtraum, ein Hilfeschrei der Seele, den der moralische Verstand aber andererseits nicht akzeptieren kann - handelt Dein ganzer Text nicht über diesen Widerspruch?)
In den folgenden Sätzen hebst Du das Sprachniveau. Das "... weiß ich sie auch richtig zu deuten?" unterscheidet sich in der fast poetischen Stimmung ganz klar vom ersten Satz dieses Absatzes.
Tausend Gedanken schwirren mir durch den Kopf. Immer wieder auch Mordgedanken. Selbstmordgedanken? Oder Mord an dem, der mir das angetan hat? Ich kann es nicht beantworten.
"Mordgedanken", "Selbstmordgedanken", "Mord" - Peng! Peng! Peng!
An Dramatik der Stichworte mangelt es hier nicht. Der letzte, etwas hilflose Satz nimmt den letzten Satz des ersten Absatzes auf. Überhaupt ähneln sich die beiden ersten Absätze in ihrem inhaltlichen Aufbau. Das hat schon was dichterisches.
Mir gefällt, wie sich der Leser direkt in diesem Abgrund menschlicher Wünsche wiederfindet. So plötzlich, wie das Erwachen Deiner Protagonisten sein muß. Der Leser kann so gut nachempfinden. Sprache und Inhalt finde ich hier gut verbunden.
Ich versuche, den Traum zu verarbeiten...
Tja, paßt dieser Satz hierhin? Ohne diesen Satz hast Du natürlich einen flüssigeren Übergang in das Traumgeschehen.
Du brachtest das Miststück einfach so mit nach Hause. Ich ging grad aus dem Haus, da kam sie mir entgegen. Nie zuvor hatte ich sie gesehen, doch ein Blick genügte, um zu wissen, wer sie war. Naja, dachte ich mir, ein blondes Dummchen, was anderes hast du ihm eh nicht zugetraut, und mit was anderem könnte er sowieso nicht viel anfangen. Doof und doof gesellt sich gern. Zweimal Vakuum im Hirn wird auch nicht mehr. Hing eigentlich noch bei dem Gedanken fest, aber plötzlich drehte ich um, schnappte mir die Tusse und prügelte auf sie ein. Warum eigentlich? Aus Eifersucht sicher nicht, denn ich war ehrlich froh, Dich los zu sein. Hab immer wieder betont, daß ich noch was drauflegen muss, damit das passiert - und zahl nun ja wirklich noch lange Zeit dafür. Vielleicht wollte ich auch nur meinen Frust über dich loswerden und sie war grad zur falschen Zeit am falschen Ort - keine Ahnung. Genauso plötzlich wie ich anfing, hörte ich wieder auf. Sie rollte unterdessen den Weg runter auf die Straße; ein ankommender Lkw konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Tja, Pech gehabt! Ich
ging einfach weiter, als wäre nichts geschehen.
Ich finde es super gut! Die Heldin scheint so entschlossen wie eine Figur aus einem Tarantino-Film. Da ist kein Raum für Zweifel oder für Verständnis oder Reflektion - da lebt jemand seine Wut unmittelbar aus.
Ein Ausbruch der Gewalt bis in den Tod. Mit Beleidigungen und Prügeln. Ts, ts, ts - das geht natürlich gar nicht. Wieso muß ich aber dann so Lächeln, während ich es lese?
Inhaltlich verstehe ich allerdings nicht, weshalb die Gegenspielerin "rollte". Habe ich hier etwas übersehen?
Dann wachte ich auf. Mein Gott, was sollte das nun wieder? Ich bin doch ein friedlicher Mensch, ich prügel doch auf niemanden ein, noch dazu auf jemanden, der mir egal ist. Hätte sicher auch gar nicht die Kraft dazu. Die ganze Sache macht mir doch mehr zu schaffen, als ich denke. Alle sagen, ich wäre stark, aber ich glaub das nicht. Ich bin sicher viel schwächer, als sie denken. Verfalle oft sogar in Selbstmitleid, fange an zu heulen, trage mich mit Mordgedanken.
Und dann der moralische Kontrapunkt. Statt "Miststück" nun "Gott", "friedlich" ... Die Protagonisten versucht sich zu verteidigen, kann das Geträumte nur weit von sich weisen - und kann es doch nicht: "Mordgedanken" bleibt das letzte Wort. Der Titel; das Thema.
Also Deine Geschichte handelt von der moralischen Bewertung der Mordgedanken? Wie die Protagonisten damit umgehen soll? Exemplarisch an ihr nimmst Du die Leser mit auf die Reise in den moralischen Abgrund und suchst nach einer Antwort auf unzulässiges, menschliches Empfinden?
Was können sich Menschen einander antun und aus welchen Gründen? Ich weiß, daß ich meine schlechten Träume nie ausleben werde und dafür bin ich dankbar. Aber was machen andere in der Realität?
Und nun eine ganz andere Sprache als zu Beginn des Textes. Wo eben noch kraftvoll "Miststück" und "Nutte" gesagt wurde lese ich hier fast die schwache Stimme eines verstörten Mädchens.
Das finde ich sehr gelungen. Das Thema des Textes - wenn ich es denn richtig verstanden habe - finde ich sprachlich sehr schön umgesetzt. Die Form spiegelt den inhaltlichen Widerspruch wieder.
Vielleicht an der Gesamtform etwas tun? Ich fände es ja immer noch passend, die Geschichte als fiktives Tagebuch anzulegen.
Gruß
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