[Nachdenk]Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon Libelle » 31.05.2015, 21:46

Anby77,

ich schrieb nicht, dass die Figur ein pädosexueller ist, sondern dass mich ihr fragwürdiges Verhalten an das eines Pädosexuellen erinnert. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Ich habe verstanden, dass du den Text gepostet hast, weil du »gerne ein paar Fremdeindrücke sammeln« wolltest. Was hat das mit Hexenjagd zu tun, wenn ich nicht wie von dir anscheinend erhofft vor Mitleid und Empörung zerfließe, sondern das Handeln des Ich-Erzählers fragwürdig finde?

Wenn es um Gesten, Handlungen und Zwischenmenschlichkeiten geht, gibt es immer Raum für Missverständnisse. Den beseitigen zu wollen ist illusorisch.

Es geht nicht darum, sämtliche komplett zu beseitigen, sondern jene zu eliminieren, damit der Text von möglichst vielen Lesern in deinem Sinne interpretiert werden kann.

Wenn das Verhalten des Ich-Erzählers keine düsteren Schlüsse zulässt, wie sollen dann die anderen Figuren in der Geschichte auf die Idee kommen, ihn zu verdächtigen? Was soll ich dann noch erzählen?

Indem er etwas Sinnvolles tut, das von außen betrachtet jedoch seltsam aussieht. »Unbeholfenes Verhalten« kann viel sein.

- Bisschen zu dicht und zu lang am Kind gestanden?
- Hat sich gebückt, um das Knie anzuschauen?
- Hat das Fahrrad »geklaut«?
- Hat das Mädchen hochgehoben und zu einer Bank getragen, damit es nicht überfahren wird?

Kind besingen und unheimliche Sachen mit ihm anstellen? Da muss ich den Ich-Erzähler schon echt gern mögen oder seine Mutter sein, dass mir kein kalter Schauer über den Rücken läuft. (Und damit meine ich garantiert nicht, dass Nadda ihr Kleid unaufgefordert hochzieht.)
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon Maal » 31.05.2015, 22:21

(Wuhu ich hab ein wenig Angst zu schreiben - wo es hier so heiß hergeht... :P )

Hallo anby,

es geht mir in einem Punkt ähnlich Libelle - der Typ wirkt auch auf mich scary - wobei ich anfangs gar nicht genau festmachen konnte woran das liegt.

Auch wenn mir durch die nachfolgenden Gedanken klar wird, dass der Typ nichts wirklich Böses will - oder eigentlich schon davor klar ist - ist es glaube ich insbesondere folgender Abschnitt
", das sich, nachdem ich ihr meinen Namen verraten hatte, als „Nadda” vorstellte. "
der mich auf diese Idee bringt.
Es ist einfach diese krasse Diskrepanz ( für mich klingt das so nach einer klischeebehafteten Einleitung - "Hallo ich bin der Udo") zwischen dem was ich tun würde und was der Protagonist tut.
Denn das Erste was ich tun würde - einfach fragen "Uh tut es doll weh " ... oder etwas in die Richtung um abzuchecken ob sich das Mädchen nicht doch zu arg verletzt hat...
wie dem auch sei - ich denke die Situation würde auf mich viel harmloser wirken - wenn der Protagonist den Sturz miterlebt und sich dann um das Mädchen kümmern würde.
Wie gesagt - verstandsmäßig ist mir klar, dass dein Prota nichts Böses will - aber das hilft nicht gegen das beklemmende Gefühl (am Anfang) ... das aber natürlich dadurch immer mehr verfliegt, dass ja das ganze Innenleben des Protas offenbart wird und da keine "schmutzigen" Gedanken zu finden sind.

Ich bin überzeugt, wenn ich diesen Textschnipsel vor zwanzig Jahren präsentiert hätte, hätte nicht das Verhalten des Ich-Erzählers eine Diskussion ausgelöst, sondern das Verhalten des Polizisten...


Ich finde das verhalten des Polizisten auch äußert merkwürdig - es wirkt auf mich so unrealistisch - dass ein Polizist ein kaputtes Fahrrad sieht und nicht 1 und 1 zusammenzählt und die andere Möglichkeit abwägt halte ich mit den Informationen, die er nach dem Text nur haben kann für ziemlich unrealistisch. Also ich kann verstehen, dass er bei Beobachtung skeptisch wird - und dann die Situation weiter in Augenschein haben könnte - aber dass was dort passiert ist - ist aus meinen Augen zu wenig - dem Polizist dürfte ja eigentlich genügend klar sein, dass er ohne Beweislast keine Möglichkeit hätte, gegen den Protagonisten etwas zu unternehmen - oder steckt in dem Ende implizit mit drin - dass der Polizist über den "Tathergang" dann später lügen wird - ich könnte mir ein solches Missverständnis eher vorstellen, wenn die Kleine nicht mehr laufen kann - und der Protagonist sie im Auto mitnehmen will - um sie zum Arzt zu fahren.

Viele Grüße
Maal
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon DodoHH » 01.06.2015, 15:32

Vorab: ich empfinde den Ich-Erzähler auch als sehr unheimlich, und da ich selbst Kinder habe, würden meinen Alarmlampen wie verrückt blinken. Ein Fremder hat meine Kinder nicht anzufassen, es sei denn, sie müssen akut aus einer Gefahrensituation gerettet werden (Straße, Bahngleise usw). Das darf man als Helicoptern brandmarken, ist mir aber egal. Neben den Kindern zu hocken, wenn sie hingeflogen sind, tröstende Worte spenden, nach den Eltern Ausschau halten - ja. Aber Berührungen überschreiten Grenzen.
Dennoch: Im Gegensatz zu dem "Klischee"-Pädophilen ist der Ich-Erzähler eindeutig unerfahren und ungeschickt mit Kindern. Schon der Eröffnungssatz (sorry, ich selbst bin zu doof, die Stelle aus dem Text zu kopieren) zeigt an, dass er keine Ahnung hat, wie man mit sechsjährigen Kindern spricht, die sich wehgetan haben ("Gute Nachricht oder schlechte Nachricht zuerst?"). Und diese Dusseligkeit - so nenn' ich es jetzt einmal - steigert sich in den Situationen immer weiter, noch dazu, weil das Kind nicht entsprechend erwachsen - vernünftig - reagiert, vielleicht sogar für sein Alter unangemessen / zurückgeblieben. Das macht es für den Erzähler ja nur noch schlimmer.
Die geschilderte Erinnerung des Erzählers an seine Mutter unterstreicht außerdem dessen Naivität: Um an das Kind heranzukommen, um es zu trösten, zieht er seine eigene Kindheit heran. Im Grunde sitzen da zwei Kinder, der Erwachsene beherrscht die Situation überhaupt nicht. Ein Kinderschänder beherrscht diese Situation.
Die Reaktion des Polizisten allerdings wirkt unglaubwürdig, weil zu heftig für den Anlass. Dem Kind ist ja kein Leid durch den Mann geschehen. Die Situation stellt sich auch eher eindeutig zugunsten des Helfenden dar. Es sei denn, und das macht den Ich-Erzähler ultimativ gruselig, der Polizist kennt den Mann einschlägig und stellt ihm rhetorische Fragen, um dann die Handschellen klicken zu lassen. Das ist natürlich ein schönes Bild, aber verhaftet wird man nicht gleich, wenn man mit einem Kind spricht oder es berührt, aber vielleicht zu einem Gespräch auf die Wache "eingeladen" :wink: . Für mich zeigt sich auch hier wieder die fast kindliche Naivität in dem Erzähler, der die Wirklichkeit des Martinshorns ausblenden will und der zu brav, ja schafsartig, sich dem Polizisten ausliefert. So ein Mensch kann in einem Aggressionen auslösen - wie hier einige geschrieben haben - und automatisch fragt man sich, warum sich ein so schwacher Mensch einem noch schwächeren (einem Kind) nähert / genähert hat (Hat er vielleicht nur auf so eine Gelegenheit gewartet?). Es mag nicht rational sein, ihm böse Absichten zu unterstellen, aber es passiert. Auch ich kann mich nicht auf die Seite des Ich-Erzählers stellen, weil aus Elternsicht in die Privat-, vielleicht sogar schon die Intimsphäre des Kindes eingedrungen wird, auch wenn es nur oberflächlich so ausschaut und die Absicht ehrbar war. Aber dass dieser Ich-Erzähler tatsächlich pädophil sein sollte, scheint mir schon aufgrund seiner Wortwahl, seiner dargestellten Gedankenwelt und seinem Verhalten unwahrscheinlich.
Insgesamt zeigt der Text - und auch die Reaktionen, die er auslöst - genau das, was Anby meint (glaub' ich). Benimm dich unangemessen (für dein Alter, Geschlecht, die Situation), dann kann auch eine sozial angemessene Tat in die "Katastrophe" führen.
Mir fällt gerade erst auf, wie brillant eigentlich der Titel ist. Eine "XY-philie" und deren Wertung. Nimmt den gesamten Text mit seiner Ambivalenz und die Diskussion in der SWS schon vorweg.
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon TomParlow » 15.06.2015, 21:06

Ich finde den Wendepunkt deiner Kurzgeschichte äußerst überraschend. Es zeigt, dass in der heutigen Gesellschaft jeder nur an das glaubt, was er zu sehen scheint. Er verhaftet den Ich-Erzähler nur, weil er an dem Knie und Bauch des Kindes rubbelt, was dazu veranlasst, dass der Polizist behauptet, der Ich-Erzähler sei ein Pädophiler.

Dann zog sie ihr Kleid hoch, Die Kratzer gingen bis zu ihren Rippen hinauf, und sagte: „Da auch.” In der Hoffnung, sie würde sich schnell wieder anziehen, huschte ich durch den Spruch, aber sie quittierte das mit einem enttäuschten: „Nein, mach richtig!”
„Na gut, aber zieh dich wieder an, der Stoff ist so dünne, das wirkt auch durch dein Kleid durch.”
Sie sah mich skeptisch an und sagte quälend langsam: „Das glaube ich nicht.”


Ich empfinde den Ich-Erzähler ebenfalls als unheimlich, denn den Rippenbereich des Mädchens zu rubbeln wäre, trotz ihrer Verletzung, nicht nötig gewesen. Es wäre Nächstenliebe genug, nur ihre Wundem am Knie und an ihren Ellenbogen zu kümmern, denn das andere hat das Maß eindeutig überschritten. Ich finde es auch echt rätselhaft, wie das Mädchen ihre Wunden von einem fremden „heilen“ lässt.

Die Antwort hatte ich befürchtet und fragte mich, ob sie alt genug war, um Erklärungen über den Placeboeffekt zu verstehen. Ich entschied mich dagegen und versuchte das in der Ferne erklingende Martinshorn zu ignorieren.


In diesen Textpassagen musste ich ein wenig schmunzeln. Der Ich-Erzähler kommt mir persönlich sehr sympathisch und unterhaltsam vor.

Schlussfolgernd kann ich sagen, dass deine Kurzgeschichte mich sehr zum nachdenken angeregt hat. Heutzutage muss man sehr darauf achten, dass man nicht falsch vor den Augen seiner Mitmenschen dar steht. Deine Kurzgeschichte ist sehr gelungen und um ehrlich zu sein habe ich es mir sogar zehn mal durchgelesen :mrgreen:
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