[Nachdenk]Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon anby77 » 19.05.2015, 21:59

Hallo zusammen,

hier eine Kleinigkeit aus meinem Sudelbuch, zu der ich gerne ein paar Fremdeindrücke sammeln würde, ehe ich entscheide, ob ich mehr draus mache oder es in Ablage P versenke. Im Voraus schon mal vielen Dank fürs Lesen.
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Nächstenliebe? … Böser Fehler!

Es gibt ein paar Dinge, die für anständige Menschen selbstverständlich sein sollten. Zum Beispiel anzuhalten, und Hilfe anzubieten, wenn man ein Kind heulend neben einem havarierten Fahrrad sitzen sieht. Also habe ich das gemacht, als ich mich kürzlich in dieser Situation wiederfand. Bei dem Kind handelte es sich um ein fünf, vielleicht sechs Jahre altes Mädchen, das sich, nachdem ich ihr meinen Namen verraten hatte, als „Nadda” vorstellte. Dass sie sich das Knie aufgeschlagen hatte, verriet ihr Kleid mir sofort. Auch dass ihr linkes Bein und ihr linker Arm etwas abbekommen hatten. Das Vorderrad war völlig zerstört; die Felde verbogen, und die meisten Speichen gebrochen.
„Was willst du zuerst hören, die gute oder die schlechte Nachricht?”, versuchte ich, das Eis zu brechen. Aber Nadda unterbrach ihr Schluchzen nur, um mich verständnislos anzugucken. „Dein Knie wird schon wieder, in einer Woche wirst du vergessen haben, dass da was war. Aber dein Vorderrad hat es wohl hinter sich.” Eine dicke Träne kullerte ihre Wange hinab.
„Du bist wohl in diesem Gullydeckel hängen geblieben”, versuchte ich erneut ein Gespräch in Gang zu bringen, „Ist mir auch mal passiert, als ich noch klein war. Die Dinger sind echt gemein.”
„Ja.”, sagte Nadda.
„Soll ich mir dein Knie mal genauer anschauen?”
Sie nickte, also kniete ich mich vor ihr hin und durchforstete mein Gedächtnis nach der „Heile, Heile Gänschen”-Routine, die meine Mutter in solchen Fällen benutzt hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass so gut wie nichts gestimmt hatte, aber anscheinend wirkte es. Nadda hörte auf zu weinen. Aber sie zeigte auf die Schürfwunde an ihrem Arm und sagte: „Da tut es auch weh!” Also wiederholte ich die Übung. Dann zog sie ihr Kleid hoch, Die Kratzer gingen bis zu ihren Rippen hinauf, und sagte: „Da auch.” In der Hoffnung, sie würde sich schnell wieder anziehen, huschte ich durch den Spruch, aber sie quittierte das mit einem enttäuschten: „Nein, mach richtig!”
„Na gut, aber zieh dich wieder an, der Stoff ist so dünne, das wirkt auch durch dein Kleid durch.”
Sie sah mich skeptisch an und sagte quälend langsam: „Das glaube ich nicht.”
Die Antwort hatte ich befürchtet und fragte mich, ob sie alt genug war, um Erklärungen über den Placeboeffekt zu verstehen. Ich entschied mich dagegen und versuchte das in der Ferne erklingende Martinshorn zu ignorieren. Ich war bis „drei Tag‛ Regen” gekommen, als es hinter mir anhielt und jemand eine Hand auf meine Schulter legte.
„Sind sie der Vater des Mädchen?” fragte ein strenger Bariton.
Ich schüttelte den Kopf.
„Der Onkel?”
Ich starrte den Rinnstein an.
„Der Opa?”
„Für wie alt halten sie mich?”
„Dann haben ihre Finger da nichts verloren. Hände auf den Rücken!”
Ich gehorchte und die Handschellen klickten...
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon Libelle » 22.05.2015, 01:27

Ich dachte mir schon im ersten Satz, dass die Geschichte so endet. Das Thema finde ich reizvoll, deshalb war ich gespannt, was du draus machst. Ich finde, dass es dir gut gelungen ist, die Situation unschuldig umzusetzen.

Am Anfang würde ich mir wünschen, dass die Ausgangslage ein wenig näher erläutert wird. Liegt das Mädchen auf der Straße? Wo befindet sich das Rad?

Das Vorderrad war völlig zerstört; die Felge verbogen, und die meisten Speichen gebrochen.


„Was willst du zuerst hören, die gute oder die schlechte Nachricht?”, versuchte ich, das Eis zu brechen. [vielleicht ein Absatz?]
Aber Nadda unterbrach ihr Schluchzen nur, um mich verständnislos anzugucken. [vielleicht ein Absatz?]
„Dein Knie wird schon wieder, in einer Woche wirst du vergessen haben, dass da was war. Aber dein Vorderrad hat es wohl hinter sich.” [vielleicht ein Absatz?]
Eine dicke Träne kullerte ihre Wange hinab.

Ich denke, dass Absätze hier die Lesbarkeit erhöhen können. Weiter unten habe ich nochmal was dazu geschrieben.

„Du bist wohl in diesem Gullydeckel hängen geblieben”, versuchte ich erneut ein Gespräch in Gang zu bringen. „Ist mir auch mal passiert, als ich noch klein war. Die Dinger sind echt gemein.”
„Ja.”, sagte Nadda.


„Soll ich mir dein Knie mal genauer anschauen?”
Sie nickte, also kniete ich mich vor ihr hin und durchforstete mein Gedächtnis nach der „Heile, Heile Gänschen”-Routine, die meine Mutter in solchen Fällen benutzt hatte.

Hier habe ich mich ehrlich gefragt, wo die Aufsichtspersonen des kleinen Mädchens abgeblieben sind, und warum der Protagonist unbedingt Kasperletheater spielen muss, anstatt nach den zuständigen Erwachsenen zu suchen. Ich persönlich finde es generell verstörend, wenn Fremde, egal ob männlich oder weiblich, an fremder Leuts Eigentum »herumfummeln«.

Letztens erst wieder eine geistesgestörte Frau im Bus gesichtet, die ein weinendes kleines Mädchen zugetextet und ihr schließlich einen Rosenkranz angedreht hat. Schade, dass die Mutter die Trulla nicht angeschrien hat … Diese war total verärgert, aber zu höflich, so dass die Kuh es nicht bemerkt hat.
Bei aufdringlichen Männern muss ich persönlich immer an potentielle Kinderschänder denken, bei aufdringlichen Frauen an kindermisshandelnde Schnepfen, die sich in der Gesellschaft als kinderliebe Engel präsentieren.

Aber sie zeigte auf die Schürfwunde an ihrem Arm und sagte: „Da tut es auch weh!” [Absatz]
Also wiederholte ich die Übung.[vielleicht einen Absatz?]
Dann zog sie ihr Kleid hoch, die Kratzer gingen bis zu ihren Rippen hinauf, und sagte: „Da auch.”

Ich fände es gut, wenn du einen Absatz dort machen könntest, wo es nicht mehr um den Erzähler geht, sondern um das Mädchen und umgekehrt. Das erhöht den Lesefluss.

Die Antwort hatte ich befürchtet und fragte mich, ob sie alt genug war, um Erklärungen über den Placeboeffekt zu verstehen.

Und die Moral der Geschicht: Verarsche bloß die Kinder nicht!

Generell finde ich das Verhalten des Mädchens sehr seltsam. Irgendwie wirkt sie geistig behindert auf mich, weil sie vor irgendeinem dahergelaufenen Fremden gleich ihr ganzes Kleid hochzieht und mit ihren ca. sechs Jahren das Theater gar nicht in Frage stellt.

Ich entschied mich dagegen und versuchte das in der Ferne erklingende Martinshorn zu ignorieren.

Hier verstehe ich nicht, wieso der Erzähler das Martinshorn versucht zu ignorieren. Ahnt er, dass der Wagen seinetwegen kommt?

„Sind Sie der Vater des Mädchen?” fragte ein strenger Bariton. […]
„Für wie alt halten Sie mich?”
„Dann haben Ihre Finger da nichts verloren. Hände auf den Rücken!”


Generell finde ich dieses Tabu-Thema reizvoll, auch wenn ich absolut kein Freund von Helfersyndrom-Typen (männlich wie weiblich) bin – vor allem solche nicht, die nicht einmal richtig helfen. Warum gibt der Erzähler dem Mädchen kein Taschentuch? Wenn er das Mädchen aufheitern will, wieso widmet er sich nicht produktiv dem Rad, anstatt komische »Zaubertricks« anzuwenden? Warum trägt er das Rad nicht beiseite? Warum fragt er nicht mal nach den Eltern?

Das Ende finde ich ein wenig unglaubwürdig. Oder hat der Erzähler tatsächlich seine Finger an die Rippen des Mädchens getan? (Falls ja, warum? Pädosexuelle behaupten auch gern, dass die Kinder ja danach gefragt hätten.)

In die Ablage P würde ich die Geschichte nicht legen, sofern du da etwas draus machen willst. (Im Augenblick finde ich sie zu unüberraschend, aber ich kann mir vorstellen, dass die Situation Teil von etwas Größerem sein könnte oder, etwas überarbeitet, als Kurzgeschichte funktioniert.)
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon ixti » 22.05.2015, 11:05

Hallo anby,
Deine Geschichte fand ich sehr interessant, also dachte ich, ich versuche mich einfach mal an einem Kommentar und hoffe, dass er hilfreich ist.

Inhaltlich geht es mir ähnlich wie Libelle.
Für mich deutet der Text darauf hin, dass der Mann entweder wirklich pädophile Neigungen hat oder etwas ähnliches schon einmal erlebt hat. Wenn ich einem verletzten Kind helfen würde, würde ich mich a) natürlicher verhalten als der Erzähler, dem die Situation von Anfang an irgendwie unangenehm zu sein scheint, und b) beim Eintreffen der Polizei sicherlich nicht nervös werden.
Der Erzähler vermittelt mir den Eindruck, er wollte sich unbedingt vor dem Leser rechtfertigen (z.B. gleich im ersten Satz), weshalb ich sofort denke, er muss sich auch rechtfertigen und hat deswegen etwas zu verbergen.
Ich weiß ja nicht, in welche Richtung der Text weiter gehen soll, aber so wie er im Moment da steht, vermittelt er mir das Gefühl, dass der Ich-Erzähler in irgendeiner Form vorbelastet ist.

Es gibt ein paar Dinge, die für anständige Menschen selbstverständlich sein sollten. Zum Beispiel anzuhalten, und Hilfe anzubieten, wenn man ein Kind heulend neben einem havarierten Fahrrad sitzen sieht.

Hier würde mich interessieren wo er anhält - an einer Autobahn oder Schnellstraße oder in der 30er Zone, wo man sowieso ständig runterbremst. Ist er ein Fremder in der Gegend oder ist es in seiner Nachbarschaft?

Das Vorderrad war völlig zerstört; die Felde verbogen, und die meisten Speichen gebrochen.

Diese Stelle finde ich sehr gelungen: gut beschrieben, aber nicht zu viel :)


Als Namen "Nadda" zu nennen, finde ich für ein sechsjähriges Mädchen, das dem Alter nach bald in die Schule gehen müsste, ungewöhnlich. Für mich klingt das, wie eine Kurzform, die ein Kleinkind verwenden würde, das seinen Namen (z.B. Nadja) noch nicht aussprechen kann. Vielleicht könnte der Erzähler ja auch nur "Nadda" oder so ähnlich verstanden haben, weil sie undeutlich spricht/ oder weint und schluchzt?


das sich, nachdem ich ihr meinen Namen verraten hatte

Die Stelle gefällt mir wieder sehr.

Dass sie sich das Knie aufgeschlagen hatte, verriet ihr Kleid mir sofort.

Hier frage ich mich, warum er das an ihrem Kleid sieht? Trägt sie so ein langes Kleid, dass er das Knie nicht sehen kann? Ich stelle es mir, besonders für ein kleines Mädchen, eher ungeschickt vor, in einem langen Kleid Fahrrad zu fahren :thinking:
Wenn ihr Kleid nur knielang ist, und er trotzdem auf den Stoff statt auf direkt das Knie schaut, wäre das für mich wieder ein Zeichen, dass mit ihm etwas nicht stimmt. So als müsste er vermeiden, die nackte Haut anzuschauen.

Grundsätzlich gefällt mir, wie der Erzähler versucht, eine Unterhaltung aufzubauen. Allerdings finde ich es auch etwas ungeschickt/unbeholfen. Da würden mehr Informationen über den Mann vielleicht Klarheit schaffen: wie alt ist er? Hat er selber Kinder?

„Soll ich mir dein Knie mal genauer anschauen?”
Sie nickte, also kniete ich mich vor ihr hin und durchforstete mein Gedächtnis nach der „Heile, Heile Gänschen”-Routine

Bevor er hier mit Heile-Reimchen anfängt, sollte er lieber, wie versprochen schauen, wie schlimm die Wunde tatsächlich ist. (Z.B. Kiesel oder Dreck entfernen)

In der Hoffnung, sie würde sich schnell wieder anziehen, huschte ich durch den Spruch,

Vor allem diese Stelle finde ich fragwürdig. Wenn der Erzähler sich so unwohl fühlt, wieso weicht er nicht aus und fragt zum Beispiel nach ihren Eltern?
Ihm scheint die ganze Zeit der Gedanke "pädophil" im Kopf herum zu schwirren.
Da er die Geschichte rückblickend erzählt und der Erzähler wohl auch unter diesem Vorwurf festgenommen wurde, macht das zwar Sinn, aber in der konkreten Situation sehe ich keinen Grund, sich solche Gedanken zu machen.
Da das Mädchen ja schon ein entsprechendes Alter hat, könnte er ihr ja auch erklären, dass man sich nicht ausziehen soll vor Fremden o.ä.

Ich starrte den Rinnstein an.

Noch so eine Stelle, die mir verdächtig vorkommt. Warum scheint der Erzähler so wenig überrascht?

„Dann haben ihre Finger da nichts verloren. Hände auf den Rücken!”
Ich gehorchte und die Handschellen klickten

Das Ende ist meiner Meinung nach etwas übereilt.
Was mich nochmal stutzig macht - wieso protestiert der Erzähler nicht spätestens hier?

Mich würde sehr interessieren, in welche Richtung sich diese Projekt noch entwickelt und ob das vielleicht auch alle meine Anmerkungen nichtig macht (z.B. durch eine vorbelastete Vergangenheit des Erzählers) :D
Trotz der vielen Fragen, die der Text für mich aufwirft, finde ich ihn - auch sprachlich - sehr gelungen :2thumbs:
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon anby77 » 22.05.2015, 15:24

Zunächst mal danke für Eure Kommentare:

Der Ich-Erzähler hatte vor, den Schaden zu begutachten, zu sehen, was er tun kann (mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln nicht viel), die Tränen abzustellen und dem Kind dann dabei zu helfen, das kaputte Fahrrad nach Hause zu schaffen, damit sich dort jemand kümmert.

Um zu ahnen, dass Unbeteiligte wunderliche Dinge denken könnten, wenn ein Kind vor einem das Kleid hochzieht, muss man nicht pädophil sein. Als Mann gerät man diesbezüglich leicht unter einem gewissen Generalverdacht. Das äußert sich in Kleinigkeiten wie z.B. dass Mütter mit kleinen Kindern lieber auf den nächsten Fahrstuhl warten, obwohl sie komfortabel Platz hätten oder - etwas weniger spezifisch - wenn ich im Kino oder Theater auf meinen gebuchten Platz gehe und die neben mir sitzende Frau mit ihrer männlichen Begleitung tauscht oder - wenn noch andere Plätze frei sind - aufsteht und dorthin geht. Bei einem Symphoniekonzert, hat die neben mir platzierte fremde Frau es sogar vorgezogen, am Rand des Saals zu stehen, anstatt neben mir zu sitzen. So etwas passiert nicht ständig, aber oft genug um zu irritieren. Aber was rede ich: Ihr habt ja denselben Denkreflex... Wenn man weiß, dass man leicht so wirkt, ist es schwierig unbefangen zu sein. Bei diesem Ich-Erzähler kommt noch dazu, dass er normalerweise nicht mit Kindern zu tun hat. Er hat das Gefühl, dass er Hilfe anbieten sollte, weiß aber nicht so recht, was er tun soll.

Hier habe ich mich ehrlich gefragt, wo die Aufsichtspersonen des kleinen Mädchens abgeblieben sind, und warum der Protagonist unbedingt Kasperletheater spielen muss, anstatt nach den zuständigen Erwachsenen zu suchen. Ich persönlich finde es generell verstörend, wenn Fremde, egal ob männlich oder weiblich, an fremder Leuts Eigentum »herumfummeln«.

Ich bin im Alter von sechs durchaus unterwegs gewesen, ohne dass meine Eltern ständigen Blickkontakt gehalten haben. Alles andere hätte mich, weil ich eine jüngere Schwester habe, die als ich sechs war tatsächlich noch ständig beaufsichtigt werden musste, eine massive Einschränkung gewesen. Mit dem Fahrrad zum Bolzplatz zu fahren, war Routine, wenn das nicht möglich gewesen wäre, hätte ich ja gar keine Freunde haben können! Aber wenn das heute befremdlich ist, habe ich ein erzählerisches Problem...
Und wie gesagt: Das "Kasperletheater" dient dazu, die Tränen abzustellen und aus ihr raus zu bekommen, wo man sie abliefern kann. Und ich kann es mir nicht verkneifen: Ich finde es generell verstörend, wenn Kinder als Eigentum betrachtet werden. Kinder sind Personen, mit denen auch nicht-verwandte Erwachsene ab und an interagieren müssen. Und dass das möglich sein sollte, ohne gleich in Verdacht zu geraten, ist die Moral, die die Geschichte haben soll.
Hier verstehe ich nicht, wieso der Erzähler das Martinshorn versucht zu ignorieren. Ahnt er, dass der Wagen seinetwegen kommt?

Er ist nervös weil er weiß, wie merkwürdig die Situation aussieht. Er will, dass Nadda ihr Kleid schnell wieder runterlässt, das sollte vermitteln, dass es ihm schwer fällt, das "Heile, Heile Gänschen" zu Naddas Zufriedenheit aufzuführen.
Außerdem habe ich das Martinshorn erwähnt um zu zeigen, dass jemand die Situation beobachtet hat und anstatt dem Kind zu helfen lieber die Polizei gerufen und dabei die Sache so dargestellt hat, dass die Beamten von sehr Schlimmem ausgehen, weil sonst würden sie ja nicht mit Martinshorn anrücken... Klar, das ist so subtil, dass "ich" es im weiteren Verlauf rekonstruieren muss, aber dafür muss das Martinshorn an dieser Stelle eingebaut sein.
Hier würde mich interessieren wo er anhält - an einer Autobahn oder Schnellstraße oder in der 30er Zone, wo man sowieso ständig runterbremst. Ist er ein Fremder in der Gegend oder ist es in seiner Nachbarschaft?

Okay, dass es eine Straße ist, an der Eltern ihre Kinder unbeaufsichtigt Radfahren lassen, schien mir selbstverständlich; aber ich baue das was von wegen Navi ein, dass eine sehr merkwürdige Stauumfahrung gewählt hat.

Als Namen "Nadda" zu nennen, finde ich für ein sechsjähriges Mädchen, das dem Alter nach bald in die Schule gehen müsste, ungewöhnlich. Für mich klingt das, wie eine Kurzform, die ein Kleinkind verwenden würde, das seinen Namen (z.B. Nadja) noch nicht aussprechen kann.

Ich dachte, dass das als Spitzname hängen geblieben ist, aber wenn sie dadurch zu jung wirkt, um allein mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, ändere ich es.

Hier frage ich mich, warum er das an ihrem Kleid sieht? Trägt sie so ein langes Kleid, dass er das Knie nicht sehen kann? Ich stelle es mir, besonders für ein kleines Mädchen, eher ungeschickt vor, in einem langen Kleid Fahrrad zu fahren :thinking:
Wenn ihr Kleid nur knielang ist, und er trotzdem auf den Stoff statt auf direkt das Knie schaut, wäre das für mich wieder ein Zeichen, dass mit ihm etwas nicht stimmt. So als müsste er vermeiden, die nackte Haut anzuschauen.

Das war ein ungeschickter Versuch zu zeigen, dass das Kleid so weit oben endet, dass es den Blick aufs Knie freigibt. Wird überarbeitet...

Bevor er hier mit Heile-Reimchen anfängt, sollte er lieber, wie versprochen schauen, wie schlimm die Wunde tatsächlich ist. (Z.B. Kiesel oder Dreck entfernen)

Stimmt, ich sollte ausdrücklich hinschreiben, dass er gerade nichts anderes tun kann.

Vor allem diese Stelle finde ich fragwürdig. Wenn der Erzähler sich so unwohl fühlt, wieso weicht er nicht aus und fragt zum Beispiel nach ihren Eltern?

Mein Gedanke war, dass es vor lauter Schreck darüber, wie das aussieht, nur noch Grütze im Gehirn hat. Da tut man das, was einem als erstes einfällt, und das naturgemäß nicht immer das Richtige.

Das Ende ist meiner Meinung nach etwas übereilt.
Was mich nochmal stutzig macht - wieso protestiert der Erzähler nicht spätestens hier?

Weil Widerstand gegen die Staatsgewalt seine Situation nicht unbedingt verbessern würde. Der Grundgedanke ist: Der Ich-Erzähler wollte tatsächlich unschuldig einem verletzt am Straßenrand sitzenden Kind helfen. Aber es tragischerweise gelingt ihm nicht, die Welt von der Unschuld seiner Absichten zu überzeugen. Damit das funktioniert, sollte der Leser allerdings bei dieser Passage denken "Was fällt dem Polizisten ein, 'ich' festzunehmen, nur weil er dem Kind helfen wollte?" Und das funktioniert in dieser Fassung - zumindest, wenn ich nach Euch beiden gehe - bisher gar nicht. Also doch Ablage P und den Vorfall auf eine ganz andere Weise darstellen. Aber ich fürchte fast, dass ich da gegen kulturelles Muster anschreibe, die ich gar nicht überwinden kann.
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon Libelle » 22.05.2015, 17:29

ixti hat geschrieben:Inhaltlich geht es mir ähnlich wie Libelle.
Für mich deutet der Text darauf hin, dass der Mann entweder wirklich pädophile Neigungen hat oder etwas ähnliches schon einmal erlebt hat.

Also pädosexuelle Neigungen habe ich jetzt nicht unbedingt aus dem Text herausgelesen, aber zumindest eine Menge Naivität. Dass er etwas ähnliches schon einmal erlebt hat, kann ich mir gut vorstellen, jetzt wo du’s erwähnst.

Wenn ich einem verletzten Kind helfen würde, würde ich mich a) natürlicher verhalten als der Erzähler, dem die Situation von Anfang an irgendwie unangenehm zu sein scheint, und b) beim Eintreffen der Polizei sicherlich nicht nervös werden.

Wie würdest du dich denn »natürlich« verhalten? Und bist du dir sicher, dass du beim Eintreffen der Polizei nicht nervös geworden wärst? Selbst ich als Frau würde nervös werden, wenn plötzlich irgendein Polizist was von mir will, weil ich mich unwillkürlich frage, ob ich irgendetwas falsch gemacht habe.

Da würden mehr Informationen über den Mann vielleicht Klarheit schaffen: wie alt ist er? Hat er selber Kinder?

Ich persönlich finde, dass gerade dieses Nichts-Wissen über den Mann reizvoll an der Geschichte ist, weil offen bleibt, ob er ehrlich handelt oder doch nur versucht, in der Nähe eines Kindes zu sein. (Nicht jeder Pädophile ist ein Kinderschänder.)

Anby77 hat geschrieben:Bei einem Symphoniekonzert, hat die neben mir platzierte fremde Frau es sogar vorgezogen, am Rand des Saals zu stehen, anstatt neben mir zu sitzen.

Du bist ein erwachsener Mann, das war eine erwachsene Frau. Was hat das mit dem Thema Pädosexualität zu tun?

Bei diesem Ich-Erzähler kommt noch dazu, dass er normalerweise nicht mit Kindern zu tun hat. Er hat das Gefühl, dass er Hilfe anbieten sollte, weiß aber nicht so recht, was er tun soll.

Dafür, dass er nicht weiß, was er tun soll, tut er ganz schön viel. Das ist ja gerade das Irritierende an der Sache. Er macht mehrere Ansätze, um mit dem Kind ein Gespräch anzufangen.
Nach dem Namen des Kindes fragen Pädos übrigens meistens zuerst. Das schafft »Vertrauen«.

Ich bin im Alter von sechs durchaus unterwegs gewesen, ohne dass meine Eltern ständigen Blickkontakt gehalten haben.

Ich auch. Allerdings wurden wir von allen Seiten ermahnt, dass man nicht mit fremden Leuten sprechen oder gar mitgehen soll. Wir mussten außerdem in Hörweite bleiben, damit wir immer sofort hinwetzen konnten, wenn die Frau Mutter nach uns rief. Das war bei den allermeisten Kindern bei uns im Block so.

Ein Kind, das hinfällt und sich die Beine aufschlägt, wir also vermutlich so laut plärren, dass die zuständigen Erwachsenen es normalerweise hören sollten. Zumindest andere, bekannte Erwachsene sollten es mitbekommen.

Das "Kasperletheater" dient dazu, die Tränen abzustellen und aus ihr raus zu bekommen, wo man sie abliefern kann.

Und warum fragt er nicht rundheraus? Immerhin hat das superschlaue Mädel ihm auch direkt seinen Namen verraten. Sobald Kinder ihren Namen verraten, kriegst du so ziemlich alles aus ihnen heraus, denn der eigene Name ist meist das größte Geheimnis.

Und ich kann es mir nicht verkneifen: Ich finde es generell verstörend, wenn Kinder als Eigentum betrachtet werden. Kinder sind Personen, mit denen auch nicht-verwandte Erwachsene ab und an interagieren müssen.

Die Wortwahl war absichtlich, denn der Erziehungsberechtigte bestimmt, mit wem sich das Kind abgibt und wer sich dem Kind nähern darf. Nadda »muss« überhaupt nicht mit dem Wildfremden interagieren, schon gar nicht mit einem solch aufdringlichen.

Die Sache mit dem Martinshorn ist mir klar, nur die Reaktion des Erzählers nicht. Wenn ich weiß, dass eine Situation komisch sein könnte und ich höre etwas, das in mir Befürchtungen weckt, dann mache ich nicht einfach weiter. Warum bittet der Mann das Mädchen nicht, das Kleid wieder herunterzuziehen? Warum hofft er nur im Stillen?

Das erinnert mich an Aussagen des Grünenpolitikers Cohn-Benit aus den 70ern/80ern.

Und das funktioniert in dieser Fassung - zumindest, wenn ich nach Euch beiden gehe - bisher gar nicht. Also doch Ablage P und den Vorfall auf eine ganz andere Weise darstellen. Aber ich fürchte fast, dass ich da gegen kulturelles Muster anschreibe, die ich gar nicht überwinden kann.

Liegt hierin nicht der Reiz des Schreibens? Natürlich ist es anstrengender, eine Situation glaubwürdig rüberzubringen, wenn ein ganzer Rattenschwanz von Tabus an einem Thema hängt. Die Kunst wird also nicht sein, ein paar Sätze aneinanderzureihen, sondern sich erst einmal aus vielen Perspektiven das Thema zu betrachten.

Vor ein paar Wochen habe ich einen koreanischen Film gesehen names »No doubt«. Darin ging es um einen Vater, dessen kleine Tochter plötzlich verschwindet. Zufällig bekommt das Dorf mit, dass unter ihnen ein Kinderschänder und Ex-Häftling lebt, der natürlich sofort verdächtigt wird. Einige Leute haben den Pädosexuellen kurz vor dem Verschwinden des Mädchens in dessen Nähe gesehen. Schließlich wird das Mädchen auch noch tot in seinem kurze Kleidchen am Flussufer gefunden …

Und falls du den Film nicht gucken wirst, aber trotzdem am Ende interessiert bist, hier der SPOILER:
Spoiler: Anzeigen
Der Vater tötet den Pädo.
Am Ende stellt sich heraus, dass das Mädchen im Fluss zu ertrinken drohte. Der Pädo hat es gerettet und eine Mund-zu-Mund-Beatmung gemacht. Da keine Hilfe in der Nähe war, wollte er mit dem bewusstlosen Mädchen zum Arzt, wurde aber an der Straße voll vom Bus erwischt. Das Mädchen war sofort tot, er hatte Blut an der Kleidung.


Hier ist noch eine »nette« Pädo-Geschichte über einen Mann, der auch nur ganz nett mit einem Mädchen spricht. Vor allem die kleinen Gesten finde ich interessant.
Wenn man eine Geschichte schreibt, die beim Leser eben nicht das Bild eines Pädosexuellen hervorrufen soll, muss man unbedingt die Kleinigkeiten berücksichtigen, so »unschuldig« sie auch gemeint sein mögen.
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon ixti » 22.05.2015, 22:48

@ Libelle
Zu dem "natürlichen Verhalten" würde für mich als erstes gehören, dass ich nach den Eltern des Mädchens frage und wo es es wohnt. Während ich mit dem Kind auf die Eltern warte oder es nach Hause begleite, gegebenenfalls das kaputte Fahrrad trage etc. Würde ich dann vielleicht "heile heile Segen" singen :D
Und ich würde bei einem Martinshorn so unbelastet wie ich bin, nicht daran denken, ob das nun merkwürdig aussieht, dass ich einem Kind helfe... Alles was merkwürdig wäre, würde ich gar nicht erst machen.

@anby
Vielleicht war ich für deine Geschichte auch der falsche Leser... Ich bin ja nicht männlich und habe zudem relativ viel mit Kindern zu tun. Gut möglich, dass sich andere solche Gedanken machen. Was für mich nur nicht zusammen passt ist einerseits das naive, spontane Handeln und andererseits die übertriebene Vorsicht ("Oh Gott, wie könnte das jetzt aussehe, ich bin doch nicht pädophil")

Liebe Grüße
Ixti :)
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon anby77 » 25.05.2015, 18:40

@Libelle:
Du bist ein erwachsener Mann, das war eine erwachsene Frau. Was hat das mit dem Thema Pädosexualität zu tun?

Mit Pädosexualität gar nichts. Aber Pädosexualität ist auch nicht das Thema, sondern wie leicht Männer unter Verdacht geraten, weil bei ihnen (bzw. ihrer Sexualität) a priori mit zum Teil erheblichem Misstrauen begegnet wird. An dieser Stelle über Padophilie und Kinderschänderei zu diskutieren, ist als würdest Du mit im Zusammenhang mit "Gone Girl" mit Gillian Flynn darüber diskutieren wollen, was in Frauen vorgeht, die Opfer häuslicher Gewalt sind.
Dafür, dass er nicht weiß, was er tun soll, tut er ganz schön viel. Das ist ja gerade das Irritierende an der Sache. Er macht mehrere Ansätze, um mit dem Kind ein Gespräch anzufangen.
.

Die Formulierung, "er weiß nicht, was er tun soll", war ungeschickt gewählt. Es stimmt insofern, dass der Ich-Erzähler sich ja, um überhaupt wissen, zu können, was getan werden muss, ein Bild von der Situation machen muss. Dazu braucht er Informationen und einige davon kann nur von Nadda bekommen (z.B. wo ihre Eltern sind bzw. wie er sie verständigen kann). Was er nicht so recht weiß ist, wie er mit dem Kind umgehen muss, um sie zu bekommen. Aber eins ist sicher: ohne ein Gespräch mit ihr anzufangen, erfährt er von ihr gar nichts. Dass ein Gespräch mit ihr zu beginnen, irritierend ist und gewisse Denkreflexe auslöst weiß ich. Das ist ja, worum es mir geht und was ich dem Leser vor Augen führen will, damit er es hinterfragen kann: Dass es nämlich kaum noch möglich ist, als Mann ein Gespräch mit einem fremden, kleinen Kind zu eröffnen, ohne dass es "irritierend" wirkt.
Nach dem Namen des Kindes fragen Pädos übrigens meistens zuerst. Das schafft »Vertrauen«.

Nach dem Namen zu fragen und den eigenen zu nennen, ist eine Geste des Respekts, die dem Gegenüber zeigt: "Ich sehe Dich als einzigartiges Individuum und nicht als austauschbaren Teil einer anonymen Masse." Nicht nur Kindern gegenüber sondern auch unter Erwachsenen. Haben Kinder diesen Respekt aus irgendwelchen Gründen nicht verdient?
Nicht die Art und Weise, wie man ein Gespräch mit einem fremden Kind eröffnet, macht die/den Pädophilen aus, sondern Zweck, zu dem das Gespräch eröffnet wird. Sollte man zumindest meinen.
Die Wortwahl war absichtlich, denn der Erziehungsberechtigte bestimmt, mit wem sich das Kind abgibt und wer sich dem Kind nähern darf. Nadda »muss« überhaupt nicht mit dem Wildfremden interagieren, schon gar nicht mit einem solch aufdringlichen.

Falsche Denkrichtung. Was ich gesagt habe war, dass Erwachsene ab und an mit Kindern interagieren müssen, auch wenn es nicht die eigenen sind. Das ist aus rein praktischen Gründen manchmal unerlässlich. Der Ich-Erzähler sieht ein verletztes Kind, dem anscheinend keiner hilft. Deshalb sieht er sich in der Pflicht seine Hilfe anzubieten. Das ist keine rein subjektive Pflicht, denn wenn er das nicht tun würde, könnte man ihm das als unterlassene Hilfeleistung auslegen. Diese Pflicht, wiegt schwerer als das Recht der Eltern zu bestimmen, wer mit dem Kind interagieren darf. Und ganz abgesehen davon: Die meisten Eltern dürften froh sein, wenn ihrem verletzten Kind geholfen wird.
Nehmen wir ein harmloseres Beispiel: Wenn eine Guppe Kinder in der Einfahrt zum Innehof Hüpfkästchen spielt und mit dem Auto in den Innehof will, muss ich die Kinder bitten dürfen, eine kurze Pause einzulegen und mich durchzulassen. Oder willst Du von mir mit dem Argument "Die Erziehungsberechtigten bestimmen, wer sich mit dem Kind abgibt" oder "Kinder müssen nicht mit Wildfremden interagieren", verlangen, die Straße zu blockieren, bis sie von alleine mit dem Spielen aufhören?
Warum bittet der Mann das Mädchen nicht, das Kleid wieder herunterzuziehen?

Er bitte sie doch. Sie tut es nur nicht.
Liegt hierin nicht der Reiz des Schreibens? Natürlich ist es anstrengender, eine Situation glaubwürdig rüberzubringen, wenn ein ganzer Rattenschwanz von Tabus an einem Thema hängt. Die Kunst wird also nicht sein, ein paar Sätze aneinanderzureihen, sondern sich erst einmal aus vielen Perspektiven das Thema zu betrachten.

In dieser Szene geht es darum, die Grundprämisse - nämlich, dass seine Hilfsbereitschaft den Ich-Erzähler in die Bredouille bringt - zu etablieren. Dafür spielt die Anzahl der Perspektiven keine Rolle.
Wenn man eine Geschichte schreibt, die beim Leser eben nicht das Bild eines Pädosexuellen hervorrufen soll, muss man unbedingt die Kleinigkeiten berücksichtigen, so »unschuldig« sie auch gemeint sein mögen.

Ich will nicht, dass der Leser den Ich-Erzähler für einen Pädosexuellen hält. Aber er muss nachvollziehen können, warum andere ihn angesichts der Situation dafür halten könnten. Sonst würde die ganze Geschichte an den Haaren herbeigezogen wirken. Und im Moment hakt es wohl daran, dass Nadda nicht als Akteurin wahrgenommen wird, die eigene, vom Ich-Erzähler nicht (bzw. nur bedingt) beeinflussbare Entscheidungen trifft. Es ist ihr Handeln, dass den Ich-Erzähler in die Scheiße reitet, nicht sein eigenes. Aber solange der Ich-Erzähler für pädophil und Nadda für sein Opfer gehalten wird, weil sie - ohne Aufforderung(!) - ihr Kleid anhebt...

@ixti:
Vielleicht war ich für deine Geschichte auch der falsche Leser... Ich bin ja nicht männlich und habe zudem relativ viel mit Kindern zu tun. Gut möglich, dass sich andere solche Gedanken machen. Was für mich nur nicht zusammen passt ist einerseits das naive, spontane Handeln und andererseits die übertriebene Vorsicht ("Oh Gott, wie könnte das jetzt aussehe, ich bin doch nicht pädophil")

Ist es noch nie vorgekommen, dass ein Kind Dich mit einer unerwarteten Aktion aus dem Konzept gebracht hat? Genau das passiert dem Ich-Erzähler. Dass Nadda für den Ich-Erzähler völlig unerwartet ihr Kleid hochzieht, ändert für ihn die Situation grundlegend. Dadurch schießen ihm Gedanken in den Kopf, die vorher nicht da waren.
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon Libelle » 30.05.2015, 23:42

anby77 hat geschrieben:Mit Pädosexualität gar nichts. Aber Pädosexualität ist auch nicht das Thema, sondern wie leicht Männer unter Verdacht geraten, weil bei ihnen (bzw. ihrer Sexualität) a priori mit zum Teil erheblichem Misstrauen begegnet wird.

Das meinte ich damit, dass man sich über »Symbole« klar sein sollte. Mit Pädosexualität habe das Thema deiner Ansicht nach nichts zu tun, aber 99% deiner Leser werden vermutlich genau daran denken. Wäre Nadda eine erwachsene Frau, wäre die Situation eine völlig andere. Da wäre es schwer gewesen, den Ich-Erzähler wie einen zwielichtigen Typen erscheinen zu lassen. Mit dem Gesinge bei einer erwachsenen Frau hätte er eher wie ein Behinderter gewirkt.

Was er nicht so recht weiß ist, wie er mit dem Kind umgehen muss, um sie zu bekommen.

Ich besinge nicht erst Kinder und fummel an ihnen herum, bevor ich zu meiner eigentlichen Frage komme: Wo sind deine Eltern?
Selbiges gilt für die Spielstraße, durch die ich mit dem Auto fahren muss. "Hey, kann ich mal bitte vorbei«, reicht in der Regel als Interaktion. Da muss ich nicht erst die Kinder aushorchen.

Dass ein Gespräch mit ihr zu beginnen, irritierend ist und gewisse Denkreflexe auslöst weiß ich. Das ist ja, worum es mir geht und was ich dem Leser vor Augen führen will, damit er es hinterfragen kann: Dass es nämlich kaum noch möglich ist, als Mann ein Gespräch mit einem fremden, kleinen Kind zu eröffnen, ohne dass es "irritierend" wirkt.

Also, wenn das deine Intention ist, solltest du meiner Ansicht nach an der Einleitung zum Gespräch feilen. Wenn mir nachts ein Typ begegnet, der mich eigentlich unschuldig nach dem Weg fragen will, mich aber erstmal ungebührlich anspricht oder der gar persönliche Details erfragt, dann ist der für mich sofort ein Perverser, auch wenn er sich vielleicht nur ungeschickt angestellt hat.

Letztens sprach mich ein Typ am Hauptbahnhof an mit der gleichen Einleitung, die viele Junkies am Hbf oder Zigeunerfrauen in der Innenstadt benutzen. Erstmal ein Gespräch anfangen, um Vertrauen und Interesse aufzubauen, bevor man seine herzzerreißende Story abspult, ne?
Aber eigentlich wollte er kein Geld, sondern nur wissen, wo die Toiletten sind.
Das reale Leben ist nicht so in Stein gemeißelt wie eine Geschichte und wird nicht von vielen Augenzeugen bzw. Lesern wahrgenommen. Während dein Ich-Erzähler in der Erinnerung bleibt und eine Geschichte wie ein »Dokument« funktioniert, ist die reale Situation schnell vorbei, das Gesicht längst vergessen.

Nach dem Namen zu fragen und den eigenen zu nennen, ist eine Geste des Respekts, die dem Gegenüber zeigt: "Ich sehe Dich als einzigartiges Individuum und nicht als austauschbaren Teil einer anonymen Masse."

Nun gut, das ist eine Frage der Einstellung. Ich empfand es seit jeher als Eindringen in meine Privatsphäre, wenn jemand Fremdes, mit dem ich nichts zu tun habe, meinen Namen erfragt. Als Kind mochte ich die Anonymität und das »Unsichtbarsein«, denn der Name ist der Zugang zu deinem Privatleben.

Von Fremden als einzigartiges Individuum wahrgenommen zu werden, dauert in der Regel nur den Augenblick des Gesprächs lang, für den Namen völlig irrelevant sind. Ich kann dir auch ohne Namen das Gefühl geben, dass du in diesen Sekunden der wichtigste Mensch für mich bist. Und ich kann dir, wenn ich deinen Namen weiß, das Gefühl geben, als wärst du für mich nur einer von vielen Tausenden, die diesen Namen tragen. Reine Routinefrage.

Nicht die Art und Weise, wie man ein Gespräch mit einem fremden Kind eröffnet, macht die/den Pädophilen aus, sondern Zweck, zu dem das Gespräch eröffnet wird. Sollte man zumindest meinen.

»Na, du kleine Maus, bist du hier ganz allein? Warum bist du so traurig? Willst du mal meine Welpen sehen?«
Kannst du aus diesen harmlosen Fragen ableiten, dass der Typ ein Pädosexueller ist? Woher willst du wissen, dass der Typ nicht tatsächlich Welpen hat und die Freude mit dem Kind teilen möchte?
Natürlich ist es nett, wenn er Freude teilen möchte, trotzdem kann niemand seine Gedanken lesen. Fast niemand wird Sympathien für ihn aufbringen können, egal wie ehrlich er es meinte.

In dieser Szene geht es darum, die Grundprämisse - nämlich, dass seine Hilfsbereitschaft den Ich-Erzähler in die Bredouille bringt - zu etablieren. Dafür spielt die Anzahl der Perspektiven keine Rolle.

Mit Perspektiven meine ich die Analyse der Situation. Deine Geschichte soll doch als Parabel dienen. Dazu muss sie natürlich richtig interpretiert werden können. Gerade bei solch sensiblen Themen sollte man nicht gedankenlos mit Worten um sich werfen und so tun, als zählte einzig und allein die Absicht des Handelnden.
Hatte ich eigentlich schon Cohn-Bendit verlinkt?

Ich will nicht, dass der Leser den Ich-Erzähler für einen Pädosexuellen hält. Aber er muss nachvollziehen können, warum andere ihn angesichts der Situation dafür halten könnten. Sonst würde die ganze Geschichte an den Haaren herbeigezogen wirken.

Ich bin immer noch der Meinung, dass das Rumgefummel und Gesinge unnötig sind, und die Geschichte auch ohne diese Fragwürdigkeiten nicht an den Haaren herbeigezogen wirkt. Warum muss er an ihr dümmlich rumfummeln, warum kramt er nicht ein Taschentuch hervor, wenn er unbedingt helfen will? In dem Zuge könnte Nadda ja ihr Kleidchen trotzdem hochziehen, um noch mehr Aua zu zeigen.

Bei Filmen wie »Léon – Der Profi« denken die Zuschauer nicht an Pädo. Warum nicht, obwohl der erwachsene Mann das junge Ding bei sich aufnimmt? Weil Jean Reno so hübsch ist? Weil Sex hier okay wäre? Nein, er lässt seine Griffel bei sich und tritt dem Mädel auch verbal nicht zu nahe.
Für die außenstehenden Figuren in dem Film hingegen könnte er widerum wie ein Pädo aussehen, der ein Kind abgegriffen hat.

Wichtig ist für deine Geschichte, dass der Leser mit dem Protagonisten mitfühlen kann und sich von seinem Handeln nicht abgestoßen fühlt. Letzteres ist derzeit, zumindest für mich, nicht der Fall.
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon Badabumm » 31.05.2015, 00:07

Libelle hat geschrieben:Bei Filmen wie »Léon – Der Profi« denken die Zuschauer nicht an Pädo. Warum nicht, obwohl der erwachsene Mann das junge Ding bei sich aufnimmt? Weil Jean Reno so hübsch ist? Weil Sex hier okay wäre? Nein, er lässt seine Griffel bei sich und tritt dem Mädel auch verbal nicht zu nahe.
Für die außenstehenden Figuren in dem Film hingegen könnte er widerum wie ein Pädo aussehen, der ein Kind abgegriffen hat.

Im Director's Cut wird die Situation an einer Stelle eindeutig: Mathilde bietet sich Leon an, dieser lehnt jedoch kategorisch ab: "Er sei ein schlechter Liebhaber". Danach war das Thema quasi vom Tisch, das Arrangement wird wie bisher rein beruflich fortgeführt. Tiefere Zuneigung besteht allerdings auf beiden Seiten. Ich nehme an, die Situation wurde eingebaut, um eine Antwort auf eventuelle Fragen vorwegzunehmen - der Film hätte diese Szene nicht gebraucht.

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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon Libelle » 31.05.2015, 00:29

@Badabumm
Tiefe Zuneigung bedeutet nicht zwangsläufig Sex oder romantische Liebesbeziehung. Ich stimme dir zu, dass es die Klarstellungsszene nicht bedarf und darum ging es in meinem Beispiel. Nicht jeder erwachsene Mann, der sich (in der Fiktion) mit kleinen Mädchen abgibt oder ihnen helfen will, wird automatisch als Pädo wahrgenommen. Aber der Grat ist recht schmal.
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon anby77 » 31.05.2015, 11:09

Libelle,

Die Geschichte soll sich in einer Grauzone bewegen, die dadurch entsteht, dass das Verhalten des Ich-Erzählers unterschiedliche Schlüsse zulässt. Deine Vorschläge laufen darauf hinaus, diese Grauzone zu eliminieren. Wenn ich sie umsetzen würde, würde ich eine ganz andere Geschichte erzählen. Das ist nicht das erste Mal, dass Deine Vorschläge darauf hinaus laufen. Wie gesagt: es muss nachvollziehbar sein, warum dem Ich-Erzähler eine unstatthafte Annäherung unterstellt wird.
Ich habe aus der Ich-Perspektive geschrieben, damit ich den Leser in den Kopf des Ich-Erzählers schauen lassen kann. Er sagt sogar ganz am Anfang, wie sich die Situation für ihn dargestellt hat und welche Absichten er hat.
Wenn die erklärte Absicht nicht geglaubt wird, weil er versucht ein Gespräch anzufangen und "Heile, heile Gänschen" für die adäquateste, ihm offen stehende 'Behandlung' der Schürfwunden hält, zeigt das, dass die Bereitschaft die Existenz von Grauzonen anzuerkennen zu gering ist, um in dieser Grauzone eine Geschichte anzusiedeln. Außerdem ist es keine sonderlich gute Idee, mit Taschentüchern in Schürfwunden rumzurubbeln. Das einzige, was man damit erreicht, ist Krankheitserreger und - wenn es ein billiges Papiertaschentuch ist - Faserreste in der Wunde zu verteilen. Ganz abgesehen davon: Man kann nur dann Taschentücher einsetzen, wenn man welche dabei hat, was - zumindest bei mir - nur der Fall ist, wenn ich Schnupfen habe.

Ich wollte die Projektion des Lesers ja ein bisschen in diese Richtung lenken. Aber dass das so heftig ausfällt, überrascht mich. Und erschrecken tut es mich auch ein wenig. Der Ich-Erzähler macht seine Intention klar: Er wollte einem Kind, das einen Fahrradunfall hatte helfen. Keine Spur einer sexuellen Absicht. Aber dass er es für nötig hält, die Erlaubnis des Kindes einzuholen, ehe er sich die Verletzung genauer anschaut und versucht, per Smalltalk das Vertrauen aufzubauen, das er zu brauchen glaubt, um diese Erlaubnis zu bekommen, ist ein Grund, ihm das nicht zu glauben und ihn für einen verkappten Pädophilen zu halten?
Mit Léon dem Profi oder Cohn-Bendit hat das nichts zu tun. Mein Ich-Erzähler ist weder der eine noch der andere, und seine Intention sind seine eigenen, nicht die irgendwelcher Filmfiguren oder Politiker und auch die Grundsituation ist eine andere. Einem Kind nach einem Fahrradunfall zu helfen ist etwas anderes, als es davor zu bewahren, wie der Rest seiner Familie ermordet zu werden. Léon ist vor über zwanzig Jahren in die Kinos gekommen. Cohn-Bendits Äußerungen zur Sexualität von Kindern liegen sogar noch weiter zurück, und ein Kinderladen ist auch ein anderer Kontext als ein weinend am Straßenrand sitzendes Kind. Das zeigt nur, wie sehr sich der Zeitgeist ändern kann und wie unterschiedlich Äußerungen und Verhaltensweisen abhängig vom gesellschaftlichen Klima aufgefasst werden können. Und in den 1990ern hat man noch nicht an jeder Ecke den bösen Kinderschändern lauern sehen. Ich bin überzeugt, wenn ich diesen Textschnipsel vor zwanzig Jahren präsentiert hätte, hätte nicht das Verhalten des Ich-Erzählers eine Diskussion ausgelöst, sondern das Verhalten des Polizisten...
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon Libelle » 31.05.2015, 12:57

@Anby77

Wenn deine Geschichte in der Grauzone laufen soll, musst du das auch so kommunizieren. Du hast aber betont, dass der Leser gerade nicht den Eindruck bekommen soll, dass der Ich-Erzähler pädophile Tendenzen hat (»Aber Pädosexualität ist auch nicht das Thema, sondern wie leicht Männer unter Verdacht geraten, weil bei ihnen (bzw. ihrer Sexualität) a priori mit zum Teil erheblichem Misstrauen begegnet wird.«). Dann darfst du dich nicht wundern, wenn ich dir genau dazu meine Meinung schreibe, wie man den Leser von diesen Assoziationen wegbringen könnte.

Es gibt zudem den so genannten »unzuverlässigen Erzähler«. Viele Menschen haben die Tendenz dazu, sich in Erzählungen besser dazustellen, als sie eigentlich in der Situation waren. Der Leser ist nicht Zeuge des Geschehens, sondern bekommt es durch die Ich-Erzähler-Perspektive gefiltert. Natürlich stellt sich der Erzähler als Unschuldslamm dar, um beim Leser Mitleid zu erregen.

Außerdem ist es keine sonderlich gute Idee, mit Taschentüchern in Schürfwunden rumzurubbeln.

Komisch, dass der Ich-Erzähler, der angeblich total überfordert mit der Situation sein soll, daran denkt. Aber mit »Heile, heile, Gänschen« wird die Schürfwunde natürlich besser. Ich finde ihn immer noch total unheimlich und er löst ehrlich gesagt, Aggressionen bei mir aus.

Zudem meintest du, dass der Ich-Erzähler nachsehen wollte, wie schlimm die Wunden sind. Er hätte das Taschentuch nicht in die Wunde rubbeln müssen, sondern das Blut drumherum wegwischen können. Ich denke, dass das Taschentuch weniger schlimm ist, als wenn er mit seinen dreckigen Fingern in der Wunde rumpuhlt, um Steinchen zu finden.

Doch, in den 1990ern hat man an jeder Ecke den bösen Kinderschänder lauern sehen. Einige meiner Mitschüler in der Grundschule wurden sogar mehrere Tage lang von einem dunklen Auto verfolgt. Sie haben sich das Nummernschild notiert und es in der Schule dem Klassenlehrer gesagt, wie es uns beigebracht wurde. »Steig nie zu Fremden ins Auto« und »Mit Fremden spricht man nicht« habe ich in den 80ern von klein auf gelernt. »Der böse Mann« war allgegenwärtig und seltsame Frauen waren grundsätzlich die Komplizen von Kinderschändern/Kinderfickern.
Ich bin in einer großen Stadt aufgewachsen, vielleicht ist es dort, wo du herkommst, ja anders.

Das Interessante an Cohn-Bendits Äußerungen sind die Rechtfertigungen von heute, so sei das ja alles nicht gemeint gewesen, er hätte mit seinem Buch »Der große Basar« ja nur provozieren wollen und blablubb. Aber das interessiert niemanden. Wer liest, hat keinen Autor neben sich stehen, der jeden Satz erstmal erklärt. So ist es auch bei deiner Geschichte.

Warst du das nicht, der in dem anderen Fred den ach so netten Jesus zitiert hat, der nicht den Frieden, sondern das Schwert bringe? Warum lesen Nicht-Christen aus dem Zitat nicht die grenzenlose, selbstlose Nächstenliebe Jesu heraus? Warum überzeugt mich als Atheist die Interpretation der Jesu-Gläubigerin nicht, die behauptete, dass das ja ganz anders verstanden werden müsse?

Aus demselben Grund, aus dem wir deine Geschichte nicht so verstehen, wie du es gern hättest: Wir glauben nicht, dass ein Mann, der sich so komisch einem kleinen Mädchen nähert, Gutes im Schilde führt, egal wie du als Autor Gegenteiliges behauptest. Die Taten des Mannes sind einfach zu seltsam.
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon anby77 » 31.05.2015, 14:31

Libelle,

ich habe schon am 25.5. geschrieben, dass der Ich-Erzähler nicht pädosexuell rüber kommen, der Leser aber verstehen soll, warum aus Sicht der anderen Figuren dieser Eindruck entstehen könnte.
Heile-heile-Gänschen dient nicht dazu, die Wunde zu versorgen, sondern dazu Trost zu spenden, damit das Kind sich besser fühlt und aufhört zu weinen. Und bis zu einem gewissen Alter macht es das hervorragend. Auch das habe ich geschrieben. Und davon, mit dreckigen Fingern in der Wunde rumpuhlen war auch nirgends die Rede. Wie Du darauf kommst weiß ich nicht. Zur Heile-Heile-Gänschen-Routine meiner Mutter gehörte es nicht, in die Wunde zu fassen. Das wäre kontraproduktiv gewesen, denn Wunden tun weh, wenn jemand reinfasst und Schmerzen zu verursachen hilft nicht dabei, ein Kind von seinen Schmerzen abzulenken.
Es wäre schön, wenn Du auf das eingehen würdest, was ich geschrieben habe und nicht auf irgendwelche Deiner Phantasie ensprungenen Projektionen. Außerdem finde ich Deine 180°-Wende merkwürdig. Anfangs hast Du ixti gegenüber behauptet, "pädosexuelle Neigungen nicht unbedingt aus dem Text heraus gelesen zu haben" und jetzt meinst Du das 99% der Leser genau daran denken und findest den Ich-Erzähler unheimlich und dass er bei Dir Aggressionen auslöst. Was denn jetzt?

Wenn es egal ist, welche Wertung über das Verhalten des Ich-Erzählers ich in den Text lege, weil "ihr" (wer auch immer das außer Dir sein soll) sobald es auch nur die kleinste Mehrdeutigkeit gibt, auf jeden Fall davon ausgeht, dass er nichts Gutes im Schild führt, hat es keinen Sinn, die Geschichte zu schreiben.
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon Libelle » 31.05.2015, 15:24

@Anby77

Das ist kein Trost spenden, sondern Aufdringlichkeit. Der Ich-Erzähler ist weder der Papa, noch die Mama von Nadda. Oder packen Frauen demnächst ihre Brüste raus, wenn sie irgendwo einen Säugling heulen hören, damit sie ihn trostspendend füttern können? Machen sie ja bei ihren eigenen Kindern meist auch so.
Manche Dinge gehen eben als Fremde einfach zu weit. Irgendwo ist die Grenze zwischen dem, was ein Angehöriger oder Bekannter darf und was ein Fremder nicht darf.

Deine Mutter hat also auf magische Weise mit »Heile, heile, Gänschen« deine Wunden geheilt? Alle Achtung. Meine Mutter hat mein aufgeschlagenes Knie unter fließendes Wasser gehalten, um den etwaigen Dreck auszuspülen. Danach konnte man sehen, dass alles halb so schlimm war. Baumwolltuch drauf und alles sah fast wie »neu« aus. Ganz pragmatisch. Das Leben verlief wieder nach Plan, also brauchte ich nicht mehr zu plärren.

Trost bei einem aufgeschlagenen Knie zu spenden ist ohnehin absurd, weil das Kind nicht traurig ist, sondern entweder richtig Aua hat und/oder Aufmerksamkeit (von Nahestehenden) will.

Und bis zu einem gewissen Alter macht es das hervorragend.

Also ich wollte nie von Wildfremden angelabert werden. Vor allem nicht auf die Weise.
Nun bin ich aber neugierig, woher du weißt, dass es sich hervorragend macht, fremde Kinder zu besingen. Hast du eigene Erfahrungen mit fremden Kindern gemacht oder überträgst du dein Mutter-Sohn-Erlebnis auf sämtliche Lebenslagen?

Anfangs hast Du ixti gegenüber behauptet, "pädosexuelle Neigungen nicht unbedingt aus dem Text heraus gelesen zu haben" und jetzt meinst Du das 99% der Leser genau daran denken und findest den Ich-Erzähler unheimlich und dass er bei Dir Aggressionen auslöst. Was denn jetzt?

Je mehr ich mich mit der Handlung auseinandersetze, desto kritischer sehe ich sie. Insbesondere weil mir der Autor das Gefühl vermittelt, ich müsste unbedingt Mitleid mit dem Ich-Erzähler haben und empört sein, weil jener ja nur helfen wollte. Solche aufdringlichen Botschaften machen mich immer hellhörig, weil sie meistens sehr plump daherkommen. Irgendwo hat jeder Dreck am Stecken.

Anfangs hielt ich den Ich-Erzähler nur für einen Idioten, aber es geht ja nicht nur um meine persönliche Meinung, mit der du dir das Badezimmer tapezieren kannst, sondern vor allem darum, Tipps zu geben, den Text so umzugestalten, dass er in deinem Sinne von möglichst vielen Lesern verstanden wird und nicht nur von dir und Männern, die wie du denken.

Darum schrieb ich dir aus Autoren-Perspektive, dass der Ich-Erzähler extremst grenzwertig handelt. Wenn sich jemand wie ein Pädo benimmt, spielt es keine Rolle, ob er einer ist, denn der erste Eindruck zählt.

Wenn dir egal ist, wie der Protagonist wahrgenommen wird – sprich: du lässt offen, ob er ein Pädo ist oder in guter Absicht handelt – ist die Geschichte so gut, wie sie ist. Du müsstest lediglich die ersten drei Sätze überarbeiten oder streichen.

Wenn es egal ist, welche Wertung über das Verhalten des Ich-Erzählers ich in den Text lege, weil "ihr" (wer auch immer das außer Dir sein soll) sobald es auch nur die kleinste Mehrdeutigkeit gibt, auf jeden Fall davon ausgeht, dass er nichts Gutes im Schild führt, hat es keinen Sinn, die Geschichte zu schreiben.

Wie ich schon schrieb, ist es nicht die Kunst, Wörter aneinanderzureihen und irgendwie seine Botschaft plump in den Text zu pressen, sondern dafür zu sorgen, dass die Botschaft vom Leser möglichst so verstanden wird, wie es der Autor geplant hat. Dazu muss man recherchieren und die Bedeutung von Gesten, Handlungen und Zwischenmenschlichkeiten kennen. Du hast dir nun einmal ein schwieriges Thema ausgesucht, wofür ich nichts kann. Die Herausforderung liegt darin, die Mehrdeutigkeiten so auszumerzen, dass es in deinem Sinne ist. Wenn dir das zu anstrengend ist, lässt du es eben bleiben.
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Re: Nächstenliebe? ... Böser Fehler!

Beitragvon anby77 » 31.05.2015, 19:08

Libelle,

langsam habe ich Eindruck, Du legst es darauf an, mich falsch zu verstehen...
Was ist aus "Im Zweifel für den Angeklagten" geworden? Du erklärst eine Figur nach einem nicht ganz fünfhundert Worte umfassenden Textfragment mit derartiger Überzeugung zum Pädophilen, und das nur, weil Du sie aufdringlich findest und "jeder Dreck am Stecken hat"? Jemanden aufgrund spärlicher Informationen nur anhand von Mutmaßungen und pauschalen Unterstellungen so zu verurteilen, nennt man Hexenjagd. Übrigens passt auch der anmaßende Glaube, für alle anderen - oder wenigstens 99% - zu sprechen, ins Bild der Hexenjagd.
Ich habe dieses Fragment gepostet, weil ich wissen wollte, ob die Figur sich unbeholfen benehmen und trotzdem der Hexenjagd entgehen kann. So wie Du zum Halali bläst, ist das offensichtlich nicht der Fall.

Und lass mich Dir auch mal was aus Autorensicht erzählen: Wenn es um Gesten, Handlungen und Zwischenmenschlichkeiten geht, gibt es immer Raum für Missverständnisse. Den beseitigen zu wollen ist illusorisch. Außerdem: Wenn das Verhalten des Ich-Erzählers keine düsteren Schlüsse zulässt, wie sollen dann die anderen Figuren in der Geschichte auf die Idee kommen, ihn zu verdächtigen? Was soll ich dann noch erzählen? Wie der Ich-Erzähler Nadda das Fahrrad nach Hause trägt und danach um ein Pfadfinderabzeichen reicher in den Sonnenuntergang reitet? Das wird ja eine rasend spannende Geschichte...
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