[Nachd] Papa

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[Nachd] Papa

Beitragvon Schreiberline » 22.05.2009, 21:34

Als kleines Mädchen hatte ich das furchtbare Gefühl, etwas, was die anderen Mädchen alle hatten, nicht zu haben. In den Geschichten, die wir uns erzählten, tauchte bei ihnen immer ein Fabelwesen auf, das Papa hieß. So etwas gab es bei uns daheim nicht. Ich wagte nicht, jemanden danach zu fragen, denn wir hatten viele Sachen nicht, die andere Leute hatten. Jenes Papa-Wesen, das es bei den anderen Familien gab, musste etwas ganz Tolles sein: Es verteilte Süßigkeiten und machte Geschenke, manchmal allerdings verteilte es auch nur Backpfeifen.

Meine Unzufriedenheit nagte immer stärker an mir. Warum hatten andere Kinder einen so tollen Menschen zu Hause und wir nicht? Warum konnte unsere Mutter keinen Papa besorgen? Ich jedenfalls hätte liebend gern den Mann hergegeben, der Vater hieß und bei weitem nicht so lieb war wie so ein Papa, den die anderen hatten. Dieser Vater war riesengroß, hatte ein rotes Gesicht und eine laute Stimme, große Hände, mit denen er nie Süßigkeiten verteilte, und Backpfeifen gab er auch nicht, sondern haute mit seinem Spazierstock, wenn ich wieder mal et-was angestellt hatte. Und ich stellte offenbar häufig Dinge an, die ein kleines Mädchen nicht anstellen sollte. Ich erinnere mich an mehr als eine Situation, in der ich dort unten stand, irgendwo bei den Knien dieses Vater angesiedelt, den Kopf weit in den Nacken gelegt, um ihm ins Gesicht sehen zu können, derweil mein Herz laut wie eine Trommel schlug. Aus dieser unendlichen Höhe fiel dann seine laute Stimme auf mich herab, und das beschwörende Trommeln meines Herzens half nicht. Er setzte sich, ich wurde über sein Knie gelegt, und dann sauste der Spazierstock auf meinen ungehorsamen Popo. Das habe ich nie begriffen. Wenn mein Kopf sich Böses ausgedacht hatte, wenn meine Hände etwas kaputtgemacht hatten, warum wurde dann der Popo bestraft?

Einmal fragte ich meine Mutti danach, und sie meinte nur: "Der Vater kann dich doch nicht auf den Kopf schlagen, und auf dem Popo tut's doch richtig weh, damit du dir merkst, dass du nicht böse sein sollst." Ich wollte auch nicht böse sein. Nicht nur, weil das wehtat, sondern weil ich einfach ein liebes Mädchen sein wollte. Vielleicht merkte dann dieser Mann Vater, dass ich genau so gut war wie meine großen Brüder, die er immer lobte. Sie waren fleißig in der Schule, klug, artig, seine Lieblinge. Und ich beschloss, dass ich, wenn ich erst einmal in die Schule ginge, genau so werden wollte. Wenn ich doch nur einen Papa hätte wie die anderen.

"Warum haben wir eigentlich keinen Papa?" fragte ich eines Tages meine Mutti, und die sah mich zuerst seltsam an und brach dann in Gelächter aus.
"Aber wir haben doch einen."
"Wo?"
"Na ja," antwortete sie, "du weißt doch, dass Vater diese Woche auf Reisen ist „
"Vater? - Ich meine doch einen Papa." sagte ich ratlos, sie hatte mich wohl nicht richtig verstanden.
"Ach Kind," sie strich mit der Hand über meinen Kopf und bügelte weiter, "ein Papa ist doch ein Vater. - Manche Leute sagen eben Papa oder Papi oder Vati."
"Ach, ist das so was wie Mutti?" fragte ich, und sie nickte.
"Sagen die anderen Kinder Papa, weil der lieber ist als unser Vater?" fragte ich. "Heißen liebe Väter Papa, oder Papi?" Sie antwortete nicht, sondern schickte mich zu meinen Brüdern zum Spielen. Ich beneidete sie, sie waren so groß, und ich war so klein. Wenn ich doch nur erst wachsen würde! Vielleicht würde mein Vater ein Papa, wenn ich näher an ihn herankommen könnte.

Meine großen Brüder kriegten nie Schläge, sondern wurden immer gelobt und bekamen Taschengeld. Dabei waren sie nicht artiger als ich. Also musste es an der Größe liegen. Täglich stellte ich mich vor den Spiegel und kontrollierte, ob ich schon gewachsen war. Es passierte unendlich langsam. Und es nutzte nichts.

Es ist mir nie gelungen, meinen Vater zu erreichen, er ist nie ein Papa geworden. Er war so groß, dass ich trotz unerhörter Anstrengungen nicht an ihn herangekommen bin. Ich strampelte mich im Sportverein ab, weil er auch einmal Sportler gewesen ist; ich strampelte mich in der Schule ab, weil er ein guter Schüler gewesen ist; ich begann Bier zu trinken, weil er auch immer Bier trank. Es half nichts. Ich wuchs, aber ich reichte nicht an ihn heran, und ich erreichte ihn nicht. Im Laufe der Jahre konnte ich ihn trotz seiner Größe deutlicher sehen. Er hatte immer dieses rote Gesicht, mein Leben lang, erst als auch ich größer wurde, begriff ich, dass er kein Indianer wie Winnetou war, sondern zuviel Bier trank. Wenn er mir sonnabends ein Gutenachtküsschen abverlangte, stank er nach Bier und den Zwiebeln, die Mutti ihm auf das rohe Gehackte streuen musste. Je älter ich wurde, desto hässlicher wurde er in meinen Augen, dick, unansehnlich und riechend. Und er war immer noch so groß, dass ich ihn nicht erreichen konnte. Selbst die Tatsache, dass er nachts seine Zähne in einem Wasserglas im Badezimmer deponierte, machte ihn nicht kleiner, und auch die Verachtung, die meine Angst ablöste, brachte uns nicht näher. Er war nicht einmal so klug, wie er mir als Kind glauben machen konnte.

Eines Tages starb er, und ich stand vor seinem Grab. Der Sarg sah unwirklich klein aus, und ich glaubte nicht, dass mein riesiger Vater wirklich dort drinnen lag. Es sei denn, man hatte ihn kleiner gemacht. Oder, war er in Wirklichkeit kleiner gewesen als ich geglaubt hatte - ?
Zu spät, um das noch herauszufinden. Mein Leben lang war ich wie ein Äffchen vergebens an ihm hochgesprungen um ihn zu erreichen; dass er mir jetzt zu Füßen lag, verschaffte mir eine mit Bitterkeit vermischte Genugtuung. Ein kleiner Papa wäre mir allemal lieber gewesen als ein großer Vater.
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Re: Papa

Beitragvon Elrond » 23.05.2009, 10:52

Kurz und Bündig: Genial!!

Ich bin absolut begeistert von der Art, wie du deine Geschichte geschrieben hast, doch ich bin noch viel mehr begeistert, von deinem Inhalt und dessen Umsetzung....

Diese Idee......einfach großartig!
ICh kann nichts bemängeln!

Ich hoffe nur, dass ich noch mehr deiner Geschichten finde.

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Re: Papa

Beitragvon Ibelieve » 24.05.2009, 11:57

Ich kann mich Elrond eigentlich nur anschließen.
Super gemacht!
Die Idee alleine ist schon außergewöhnlich.
Du hast auch sehr gut aus der Perspektive des kleinen Mädchens
geschrieben.
Wir kennen das ja alle irgendwo her,
dass wir unsere Eltern auf einen Sockel stellen
und sie deswegen auch nie erreichen.
Und irgendwann merken wir auch,
dass unsere Eltern gar nicht so sind,
wie wir immer dachten.
Diesen Bruch hast du in der Geschichte auch gut dargestellt.
Oft schlägt dann die grenzenlose Bewunderung in Verachtung
oder Mitleid bzw. Hass um.
Was ein bisschen fehlt ist die Zeit zwischen diesem kleinem Mädchen
und späterem Frausein.
Wie ist ihr Leben als Frau von ihrem Vater beeinflusst worden.
Aber das wäre ja noch eine andere Geschichte.
Ansonsten super geschrieben, realistisch und nachvollziehbar.
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Re: Papa

Beitragvon Penny » 26.05.2009, 13:03

Mir gefällt Deine Geschichte sehr gut!
Du hast Deinen Stil und das Niveau vom Anfang bis zum Ende gehalten.

Der Grundgedanke ist originell und berührend,wirklich schön!

Einzig den Winnetou-Vergleich finde ich etwas unpassend, dem zart-poetischen Stil nicht ganz entsprechend.
Vielleicht wäre "Rothaut" passender, weil sich dem Leser damit kein bestimmtes Bild aufdrängt.

LG
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Re: Papa

Beitragvon Nachtfrost » 28.05.2009, 11:16

Hallo Schreiberline,

eine sehr sehr traurige Geschichte. Beim Lesen musste ich mich zwingen den Inhalt als Geschichte zu sehen, so gut ist Dir die Beschreibung gelungen.

Der Anfang gefällt mir sehr gut, eine Frage wird aufgeworfen und man weiß noch nicht, wo die Antwort liegen wird.

Auch das Bild vom Po-versohlen wird sehr deutlich in seiner Brutalität und zeigt die Resignation des Kindes. Toll ausgeführt.
Die Reaktion der Mutter finde ich nicht so gelungen umgesetzt. Sie ist einverstanden mit dem Handeln des Vaters, aber irgendetwas (nur ein Gefühl beim Lesen) an dieser Stelle passt nicht zum Rest.

Herrlich ist die Szene, in der das Kind begreift, dass Vater und Papa identisch sind. Genial die Gedankengänge wer wann welchen Namen verdient.
Schreiberline hat geschrieben:"Sagen die anderen Kinder Papa, weil der lieber ist als unser Vater?" fragte ich. "Heißen liebe Väter Papa, oder Papi?" Sie antwortete nicht, sondern schickte mich zu meinen Brüdern zum Spielen.

Auch die Nicht-Reaktion der Mutter ist sehr aussagekräftig. Super!

Ich könnte nun auch die weiteren Szenen anführen, aber es käme immer das Gleiche: Lob. Also spare ich mir das.

Eine Sache fiel mir negativ auf: die Beziehung zu den Brüdern wird mir nicht klar. Nicht, dass es für die Geschichte wirklich wichtig wäre, aber für mich bleibt offen, ob die Brüder wirklich so "streberhaft" waren und wie sie zu dem Mädchen standen.
Vielleicht könnte man am Sarg diese Fragen entwirren
jetzt erkannte ich, dass auch meine Brüder unter dem Vater gelitten hatten
oder
sie waren so viel älter als ich, sie hatten nicht gemerkt wie ich litt

Also wie gesagt, bis auf die Brüder und das Verhältnis, dass ich entweder kürzen oder ausbauen würde finde ich die Geschichte trotzt ihrer Länge sehr gut.

LG Nachtfrost
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