[Nachdenk]Pokerface

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Pokerface

Beitragvon curious » 01.01.2015, 19:01

Das ist mein erstes Werk. Bin auf eure Meinung gespannt und freue mich über jeden Kommentar!

Pokerface

Klick. Den Schalter umlegen. Ich betrete das Büro. Vorhang auf, Bühne frei. Pokerface. Das Lächeln mit Sekundenkleber fixiert, die Augenringe versteckt hinter einer Maske aus Makeup. Perfektes Kostüm, jeden Tag Maskenball.
Ich laufe von Raum zu Raum, immer auf der Suche nach Arbeit.
Will helfen, mich beweisen, keine Angriffsfläche bieten. Papierberge türmen sich auf meinem Schreibtisch, doch ich bekomme nicht genug. Keine Pause, die Uhr tickt. Immer schneller und schneller, immer weiter und weiter.Ich muss mehr leisten, arbeite, um der Müdigkeit zu entrinnen, die wie ein Nebelschleier immer weiter in meinen Kopf vordringt. Bloß ablenken, um nicht spüren, nicht denken zu müssen.
"Wie geht es Ihnen?" Schrecksekunde. Hat mich jemand ertappt? Hat jemand die Fassade durchdrungen? Kann doch jemand aus meinem Gesicht lesen?
Strahlendes Lächeln, fast schon unnatürlich: "Gut, danke." Notlügen sind erlaubt. "Das freut mich." Erleichterung und Enttäuschung zugleich. Enttäuschung? Will ich überhaupt, dass jemand mich durchschaut? Sich für eine ehrliche Antwort interessiert?
Gefühlschaos. Ich brauche mehr Arbeit und bleibe bis die Dunkelheit hereinbricht und ich nach Hause geschickt werde.
Je näher ich der Wohnung komme, desto näher kommen sie. Gedanken, Gefühle, Probleme. Ich halte das nicht aus, ich will nicht daran denken. Arbeite auch daheim weiter, bis mich Erschöpfung in ihrer ganzen Vollkommenheit übermannt.
Erst dann lege ich mich in mein Bett. Klick. Lege den Schalter um. Der Vorhang fällt, kein Beifall. Lege die Maske ab. Ich bin allein, schutzlos. Will fliehen, doch kann mich nicht bewegen. Gedankenkreise, an Schlaf ist nicht zu denken.
Irgendwann, viel zu spät, fallen mir doch die Augen zu. Und die Gedanken, die Gefühle, die Probleme verfolgen mich bis in meine Träume, nehmen sich den Raum, den sie tagsüber nie bekommen. Sie wüten in mir, bis im Morgengrauen der Wecker klingelt.
Klick. Wieder einmal aufs Neue den Schalter umlegen.
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Re: Pokerface

Beitragvon kaline » 03.01.2015, 03:32

Hallo curious,

eigentlich wollte ich heute keinen Kommentar mehr schreiben - zum Schreiben braucht man schließlich auch mal Schlaf - aber jetzt habe ich deinen noch umkommentierten Text gelesen und komme an einem Kommentar nicht vorbei.

Zuallererst: ich mag deinen Stil! Er ist knapp und oft sehr abgehackt, aber er passt zu dem Abschnitt, den du hier vorstellst. Ein ganzes Buch könnte ich in dem Stil allerdings nicht lesen, das wäre mir zu atemlos, aber hier gefällt er mir sehr gut. Schön sind auch deine Vergleiche, das mit Sekundenkleber fixierte Lächeln, der Maskenball, der Vorhang.

Den Titel "Pokerface" empfinde ich als sehr treffend, überhaupt konnte ich die Empfindungen der Hauptfigur sehr gut nachvollziehen. Aus dem Wort "Make-up" schließe ich, dass du aus Sicht einer Frau geschrieben hast. Hätte ich diesen Wink nicht bekommen, hätte ich eher auf einen männlichen Protagonisten getippt.
Gratuliere zu dem schönen Bogen von "Vorhang auf, Bühne frei" zu "Vorhang fällt, kein Beifall", der ist ausgesprochen gut gelungen!

Drei Kleinigkeiten, die mir aufgefallen sind:

- Die Person, von der deine Protagonistin angesprochen wird, steht dort wie unsichtbar. Selbst wenn sie aus Sicht der Hauptfigur blass und unwichtig bleiben soll, wüsste ich doch gern die grundlegendsten Dinge (männlich oder weiblich? Ist es der Boss oder eine Kollegin? Warum fragt derjenige "Wie geht es Ihnen?" So etwas meine ich).

- die "Gedanken, Gefühle, Probleme", die gegen Ende zweimal vorkommen, sind mir etwas zu ungenau. Ich könnte mir mehr vorstellen, wenn du ein oder mehrere Beispiele bringen würdest.

- Der Satz "Strahlendes Lächeln, fast schon unnatürlich." gefällt mir zwar, verwirrt mich aber in seiner Perspektive. Da das eher eine Beobachtung von außen ist, distanziere ich mich dadurch unnötig von der Hauptfigur, in der ich vorhin so schön mitfühlen darf.

Das war's aber schon. Ich freu mich auf deinen nächsten Text!
Lg kaline
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Re: Pokerface

Beitragvon Heribertpolta » 08.03.2015, 15:10

Hallo curious,

habe gesehen, dass Du gar nicht auf deinen Kommentar antwortest; bist du verreist? Oder schon tot?
Ich mag Texte in solch kurzen Sätzen eigentlich überhaupt nicht, aber deiner hat eine angemessene Länge, sodass das Ganze erträglich bleibt.
Außerdem finde ich, wie mein Vorkommentator schon sagte, dass mit dem "Vorhang" ein guter Bogen über den Text gesetzt wurde.

Dass du die Person, den Prota, nicht ausreichend ausleuchtest, fällt bei der Kürze des Textes ebenfalls nicht sonderlich ins Gewicht. Aber ein Gedanke kam mir beim Lesen sofort in den Kopf: Unehrlichkeit.

Die Protagonistin ist mir nicht sympathisch, weil sie sich falsch gibt. Ich selbst erkenne Menschen sehr oft hinter ihrem Vorhang. Die meisten Menschen bemerken, wenn andere Masken aufsetzen. Diese Art der Unehrlichkeit ist also doppelt verlogen, nur wird sie leider häufig von Arbeitgebern verlangt.

Den Schluss deines Textes kennen sicher auch viele und wir können ihn nachvollziehen: nachts nämlich kommen die Dämonen, setzen sich zu uns ans Bett und erzählen uns gemeine Lügen.

Neue Erkenntnisse hat uns dein Text nicht gebracht. Aber er war angenehm kurz und hatte eine klare Aussage.

Gern gelesen.
Grüße,

Heribert Polta
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Re: Pokerface

Beitragvon Primeltoaster » 10.03.2015, 09:51

Also ich muss mich kaline in vielerlei Hinsicht anschließen.

Der Stil ist sehr speziell - eigentlich die perfekte Technik für so eine "Sequenz" finde ich, aber wie bereits gesagt wurde, für ein ganzes Buch wäre das wohl nichts :D Es wirkt wie so eine Art innerer Tagebucheintrag, also auf jeden Fall ne interessante Darstellungsweise. Ich finde inhaltlich gesehen auf jeden Fall die Idee super, so einen "Büroalltag" mal von "unter der Haut" zu erleben, zumal auch dieser "Bogen" von dem meine beiden Vorredner ja auch schon gesprochen haben, das ganze nochmal extra in seiner "Kürze verdeutlicht" irgendwie. Also es verstärkt das Gefühl, wie rasend schnell dieser Tag hinter der Maske für den Erzähler vergeht.

Besonders interessant war gerade für mich beim nochmal Drüberlesen die Wortwahl bei "Schrecksekunde. Hat mich jemand ertappt?", als was auch immer man das Ertappen hier sehen könnte. Jemanden ertappen beim Arbeiten? Dabei, seine Gefühle zu verbergen, oder seine "wahre Persönlichkeit"?

Weiterhin fände auch ich, dass der Part zum Schluss mit den Gefühlen und Problemen etwas mehr Substanz haben könnte, wenn man anstatt dieser "Hülsen" (Gedanken, Gefühle, Probleme) für jeden Vertreter ein ganz konkretes Beispiel nimmt, also irgendetwas so Detailliertes, dass man sich als Leser erstmal kurz Gedanken machen muss oder zwei Mal drüber lesen um endgültig darauf zu kommen, dass es um diesen inneren Konflikt geht. Wäre vielleicht nen Gedanken wert.

Ich könnte mir so einen Abschnitt (falls du das überhaupt geplant hattest) auch als Prolog o.ä. zu einer längeren Geschichte vorstellen, die dann natürlich etwas weniger nebulös und detaillierter sein müsste.
Aber da ich vermute, dass es gerade deine Intention war, eine kurze, interessante Geschichte zu schreiben, dann ist dir das meiner Meinung nach auf jeden Fall gelungen.

Grüße
Primeltoaster
 
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