Getragen von einer Mischung aus Wohlbehagen und Trauer, gleite ich in den Schlaf hinüber. Mein Kopf ruht auf Karstens breiter Brust, die sich im Rhythmus seines gleichmäßigen Atems hebt und senkt. Sein kräftiger Herzschlag gibt mir das Gefühl von Geborgenheit.
Im Einschlafen erinnere ich mich, dass ich Sonntage einst liebte. Der einzige Tag, an dem man die Welt wahrnimmt ohne den Schleier aus Stress und Müdigkeit, der ihre Schönheit verbirgt. Heutzutage fürchte ich diesen letzten Tag der Woche.
Ich schlinge die Arme fester um die Taille meines Mannes, atme seinen männlichen Duft ein. Meine Gedanken schweben in der Halbwelt zwischen Traum und Wachen. Banale Fragen drängen sich auf. Sind die Überweisungen vorbereitet? Habe ich alle Briefe geschrieben; die Wäsche zusammengelegt?
Das fordernde Vibrieren eines Handys reißt mich mit einem unfreundlichen Ruck in die Wirklichkeit zurück. Schlagartig fühle ich mich hellwach. Angst breitet sich in meinen Eingeweiden aus. Es beginnt mit einem Zusammenziehen meines Inneren, um in einer krampfartigen Explosion auf meinen ganzen Leib überzugreifen. Angst kann körperliche Schmerzen verursachen. Früher wusste ich das nicht. Aber zu der Zeit mochte ich auch Sonntage.
Während ich reglos mit meinem Gewissen ringe, welches mich zwingen will Karsten zu wecken, springt mein Mann mit einem Satz aus dem Bett. Zielstrebig umschließen seine Finger das verfluchte Bimmelding.
»Helrich.« Sein Tonfall verrät nichts von der Anspannung, die sich in den gestrafften Muskeln seiner Oberschenkel widerspiegelt. Ich versuche mich abzulenken, präge mir jedes Detail seines nackten Körpers ein.
»Wann?« Karstens Stimme klirrt vor Kälte.
Die Angst wandelt sich in einen Bleiklumpen, der mich in einen eisigen Strudel hinabzieht. Ich wünschte ich könnte die Zeit zurückdrehen und sämtliche Telefone unbemerkt zerschlagen.
Karsten klappt das Handy zu. Er weicht meinem Blick aus.
»Ich muss in zehn Minuten am Treffpunkt sein.«
Vergeblich bemühe ich mich ein Zittern zu unterdrücken.
»Fliegst du?«
Karsten kniet sich zwischen meine Beine, legt eine Hand unter mein Kinn.
»Vermutlich.«
Seine Lippen berühren mich in einem zärtlichen Kuss. In diesem Moment liebe ich ihn mehr denn je. Meinen Soldaten.
Sanft löst er sich von mir, streicht mir über die Wange, bevor er im Bad verschwindet.
Ich dränge die Angst in ihr Verlies zurück. Karsten braucht in diesem Augenblick eine gute Soldatenfrau und kein jammerndes Häufchen Elend. Wenn das Vaterland ruft ... Ich verkneife mir ein Kichern, während ich meine Kleidung vom Boden aufsammel. Galgenhumor war schon immer meine Stärke.
Wo zum Teufel versteckt sich meine Unterhose? Fluchend gebe ich die Suche auf und schlüpfe nackt in die Jeans. Keine Zeit in den Keller zu hetzen, um nach frischer Unterwäsche zu suchen.
Mein Mann rennt mich fast um, als er ins Schlafzimmer zurückgestürmt kommt. Wie ein Berserker wirft er Waschsachen, Kleidung, Schlüssel ... in seine Tasche. Ich zermartere mein Gehirn, fahnde in seinen Windungen nach etwas, dass ihm in Afghanistan Kraft verleihen würde. Mein Blick fällt auf ein Buch, dass ich ihm stibitzt habe, bevor er Gelegenheit hatte es zu lesen. Fünfzig Seiten vor dem Ende - kein großes Opfer, wenn es ihn mir wohlbehalten zurückbringt.
Hastig schreibe ich ein paar zärtliche Zeilen in den Buchdeckel und drücke es ihm in die Hand.
Karsten gibt mir einen flüchtigen Kuss.
»Womit habe ich dich verdient?«
Beschämt wende ich mich ab. So viele Ideen für ein kleines Survival-Paket schwirren seit Wochen in meinem Kopf umher. Seine Lieblingsschokolade, ein Brief, Fotos ... Immer wieder hatte ich es aufgeschoben in der irrigen Hoffnung es würde nicht passieren. Und nun stehe ich hier mit leeren Händen. Tränen steigen mir in die Augen. Vielleicht das letzte Mal, dass ich meinen Mann sehe und ich habe nichts, um ihn an meine Liebe zu erinnern.
Drei Mal tief durchatmen. Augen weiten und zusammenkneifen, um das Wasser aus ihnen zu verdrängen. Dann drehe ich mich zu ihm um.
»Brauchst du noch etwas?«
»Dich, aber du passt nicht in meine Kiste.« Ein schräges, trauriges Lächeln spielt um seine Lippen.
»Ich hole den Wagen aus der Garage.«
Ein leichter Kuss auf die Wange, dann bin ich aus dem Raum, bevor er meine Tränen sehen kann.
Auf dem Weg nach unten begehe ich den Fehler in den Spiegel zu schauen. Sofort steht mein Entschluss fest: Ich werde nicht aus dem Auto steigen! Das Grübeln über die Frage wie so wenige Stunden im Bett meine Haare derart ruinieren können, lenkt mich von dem flauen Gefühl im Magen ab.
