Sterbephasen auf Speed (Teil 1/2)

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

Sterbephasen auf Speed (Teil 1/2)

 
Hier mein Beitrag zum Spiegel-Wettbewerb "15 Minuten". Über Kritik und Verbesserungsvorschläge würde ich mich sehr freuen!

Getragen von einer Mischung aus Wohlbehagen und Trauer, gleite ich in den Schlaf hinüber. Mein Kopf ruht auf Karstens breiter Brust, die sich im Rhythmus seines gleichmäßigen Atems hebt und senkt. Sein kräftiger Herzschlag gibt mir das Gefühl von Geborgenheit.
Im Einschlafen erinnere ich mich, dass ich Sonntage einst liebte. Der einzige Tag, an dem man die Welt wahrnimmt ohne den Schleier aus Stress und Müdigkeit, der ihre Schönheit verbirgt. Heutzutage fürchte ich diesen letzten Tag der Woche.
Ich schlinge die Arme fester um die Taille meines Mannes, atme seinen männlichen Duft ein. Meine Gedanken schweben in der Halbwelt zwischen Traum und Wachen. Banale Fragen drängen sich auf. Sind die Überweisungen vorbereitet? Habe ich alle Briefe geschrieben; die Wäsche zusammengelegt?
Das fordernde Vibrieren eines Handys reißt mich mit einem unfreundlichen Ruck in die Wirklichkeit zurück. Schlagartig fühle ich mich hellwach. Angst breitet sich in meinen Eingeweiden aus. Es beginnt mit einem Zusammenziehen meines Inneren, um in einer krampfartigen Explosion auf meinen ganzen Leib überzugreifen. Angst kann körperliche Schmerzen verursachen. Früher wusste ich das nicht. Aber zu der Zeit mochte ich auch Sonntage.
Während ich reglos mit meinem Gewissen ringe, welches mich zwingen will Karsten zu wecken, springt mein Mann mit einem Satz aus dem Bett. Zielstrebig umschließen seine Finger das verfluchte Bimmelding.
»Helrich.« Sein Tonfall verrät nichts von der Anspannung, die sich in den gestrafften Muskeln seiner Oberschenkel widerspiegelt. Ich versuche mich abzulenken, präge mir jedes Detail seines nackten Körpers ein.
»Wann?« Karstens Stimme klirrt vor Kälte.
Die Angst wandelt sich in einen Bleiklumpen, der mich in einen eisigen Strudel hinabzieht. Ich wünschte ich könnte die Zeit zurückdrehen und sämtliche Telefone unbemerkt zerschlagen.
Karsten klappt das Handy zu. Er weicht meinem Blick aus.
»Ich muss in zehn Minuten am Treffpunkt sein.«
Vergeblich bemühe ich mich ein Zittern zu unterdrücken.
»Fliegst du?«
Karsten kniet sich zwischen meine Beine, legt eine Hand unter mein Kinn.
»Vermutlich.«
Seine Lippen berühren mich in einem zärtlichen Kuss. In diesem Moment liebe ich ihn mehr denn je. Meinen Soldaten.
Sanft löst er sich von mir, streicht mir über die Wange, bevor er im Bad verschwindet.
Ich dränge die Angst in ihr Verlies zurück. Karsten braucht in diesem Augenblick eine gute Soldatenfrau und kein jammerndes Häufchen Elend. Wenn das Vaterland ruft ... Ich verkneife mir ein Kichern, während ich meine Kleidung vom Boden aufsammel. Galgenhumor war schon immer meine Stärke.
Wo zum Teufel versteckt sich meine Unterhose? Fluchend gebe ich die Suche auf und schlüpfe nackt in die Jeans. Keine Zeit in den Keller zu hetzen, um nach frischer Unterwäsche zu suchen.
Mein Mann rennt mich fast um, als er ins Schlafzimmer zurückgestürmt kommt. Wie ein Berserker wirft er Waschsachen, Kleidung, Schlüssel ... in seine Tasche. Ich zermartere mein Gehirn, fahnde in seinen Windungen nach etwas, dass ihm in Afghanistan Kraft verleihen würde. Mein Blick fällt auf ein Buch, dass ich ihm stibitzt habe, bevor er Gelegenheit hatte es zu lesen. Fünfzig Seiten vor dem Ende - kein großes Opfer, wenn es ihn mir wohlbehalten zurückbringt.
Hastig schreibe ich ein paar zärtliche Zeilen in den Buchdeckel und drücke es ihm in die Hand.
Karsten gibt mir einen flüchtigen Kuss.
»Womit habe ich dich verdient?«
Beschämt wende ich mich ab. So viele Ideen für ein kleines Survival-Paket schwirren seit Wochen in meinem Kopf umher. Seine Lieblingsschokolade, ein Brief, Fotos ... Immer wieder hatte ich es aufgeschoben in der irrigen Hoffnung es würde nicht passieren. Und nun stehe ich hier mit leeren Händen. Tränen steigen mir in die Augen. Vielleicht das letzte Mal, dass ich meinen Mann sehe und ich habe nichts, um ihn an meine Liebe zu erinnern.
Drei Mal tief durchatmen. Augen weiten und zusammenkneifen, um das Wasser aus ihnen zu verdrängen. Dann drehe ich mich zu ihm um.
»Brauchst du noch etwas?«
»Dich, aber du passt nicht in meine Kiste.« Ein schräges, trauriges Lächeln spielt um seine Lippen.
»Ich hole den Wagen aus der Garage.«
Ein leichter Kuss auf die Wange, dann bin ich aus dem Raum, bevor er meine Tränen sehen kann.
Auf dem Weg nach unten begehe ich den Fehler in den Spiegel zu schauen. Sofort steht mein Entschluss fest: Ich werde nicht aus dem Auto steigen! Das Grübeln über die Frage wie so wenige Stunden im Bett meine Haare derart ruinieren können, lenkt mich von dem flauen Gefühl im Magen ab.

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von Najade

Re: Sterbephasen auf Speed (Teil 1/2)

 
Hallo Najade,
Deine Geschichte hat mir ausgesprochen gut gefallen!
Zum Titel:
Ganz oft haben Kurzgeschichten eher lapidare Titel, die nicht besonders aussagekräftig sind (davon kann ich mich leider nicht ausschließen :oops: ).Dein Titel ist mM nach einfach fantastisch:
Er weckt Neugier, lädt zum Weiterlesen ein--automatisch beginnt man, zu spekulieren, was damit gemeint ist. Gleichzeitig erschließt sich einem die wahre Bedeutung erst während des Lesens--ein schon fast lyrischer Titel, der auch noch einen schönen Klang hat.Ich erinnere mich gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal von einem Titel so begeistert war.
Du lässt einen unmittelbar in die Gefühlswelt eintauchen, so dass ich die Situation wirklich nachempfinden konnte, obwohl ich nie in so einer Lage war.
Der innere Konflikt zwischen den eigenen Gefühlen und dem, was die Protagonistin nach außen zeigt, ist absolut nachvollziehbar und wirkt sehr real.Man spürt die Angst und Verzweifelung, den Zorn und die Liebe, ohne dass es ins Pathetische oder Kitschige abdriftet.
Gerade emotionale Abschiedsszenen werden oft klischeehaft dargestellt--ich finde hier die Balance sehr, sehr gut gelungen.
Toll auch der Umschwung, als sie ihn wg des "langsamen Packens" angiftet.Genau so geht es im wirklichen Leben zu, es zeigt die Wahrhaftigkeit der Geschichte und lässt die Protagonistin als wirklichen Menschen und nicht als "erfundene Figur" agieren.
Sehr gut gefallen haben mir auch die beschreibenden Einwürfe, zB das Bild von den anderen Autos "wie Ufos" steht einem sofort deutlich vor Augen und ist originell und nicht abgelutscht.Solche eigenen Bilder zu entwerfen, ohne auf althergebrachte Beschreibungen zurückzugreifen, ist ja auch wirklich nicht einfach (finde ich jedenfalls) und es trägt zur Frische und zum Fluss der Geschichte bei.

Ich habe beide Teile in einem Rutsch verschlungen und mir ist keine Stelle aufgefallen, die störend wirkt, den Lesefluss hemmt oder einen aus der Situation herausbringt.
So etwas ist extrem selten, mir passiert es oft, dass ich etwas lese und durch Unstimmigkeiten gestört bin.
Nicht zuletzt finde ich das Thema auch sehr interessant, vielleicht klingt das jetzt etwas oberflächlich, aber wenn das Thema nicht interessant ist, kann der Rest noch so gut geschrieben sein, er spricht mich dann nicht wirklich an.
Vielen Dank für das Veröffentlichen der Geschichte, ich würde mich über noch mehr Beiträge freuen :D

von Kay Foe

Re: Sterbephasen auf Speed (Teil 1/2)

 
Hallo Kay Foe,

vielen lieben Danke für deine netten Worte! Du machst mich ganz verlegen! Aber es freut mich natürlich, dass dir die Geschichte gefallen hat. :)
Der Titel gefällt mir zwar ebenfalls gut, allerdings habe ich von anderen gehört, dass sie nach den ersten Zeilen dachten ich sei selbstmordgefährdet! :roll:

Liebe Grüße und einen schönen Nachmittag,
Najade

von Najade

Re: Sterbephasen auf Speed (Teil 1/2)

 
Hallo Kay Foe,

ich kann mich dem anschließen. Dein Text hat mich gefesselt.
Die Gefühle und Eindrücke, die Du vermittelst, sind schön beschrieben. Deine benutzte Sprache ist flüssig, Du machst die Gefühle für den Leser fühlbar, lässt ihn am Geschehen teilhaben und mit empfinden. Tolle Leistung!

Zu wissen, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem die Protagonistin nicht mehr die Augen davor verschließen kann, dass ihr Mann einen Beruf hat, der seinen Tod bedeuten könnte erdrückt. Die Angst vor dem Telefonanruf, der schließlich die Gefahr des Verlustes Realität werden lässt, lässt Du den Leser mitfühlen. (Ich wiederhole mich grad, aber genau das hat mich wirklich beeindruckt!)

Irritiert hat mich nur der Umstand, dass der Anruf eingeht und innerhalb weniger Minuten die Sachen gepackt sein müssen. Ich tue mich hier schwer, dies zu glauben. Ist dies eine recherchierte Tatsache? Ih muss aber zugeben, dass diese Stelle dennoch die Dramatik des Bildes unterstützt.

Auch der Titel hinterlässt im Moment ein ? bei mir.
Den zweiten teil habe ich noch nicht gelesen, werde dies aber gleich nachholen! :D
Hoffe, dass sich das ? dann in ein ! verwandelt.
Mach weiter so!

Lieben Gruß

der mehtep :ugeek:

von mehtep

Re: Sterbephasen auf Speed (Teil 1/2)

 
Hallo Mehtep!

Vielen Dank für dein Lob! Es freut mich sehr, dass dir die Geschiche gefällt.
Die wenigen Minuten, die ein Soldat zum Packen hat sind nicht direkt recherchiert - mein Lebensgefährte ist Berufsoldat. :wink:
Ich hatte bereits unzählige Ideen für den Wettbewerb gehabt und sie wieder verworfen, als bei uns eines Sonntags Nachts eben einer dieser Anrufe einging. Während ich darauf wartete zu erfahren, ob mein Freund nach Afghanisthan muss oder nicht, kam mir die Idee dies in der Geschichte zu verarbeiten. Das Paar und ihre Lebensumstände sind natürlich fiktiv, aber die Situation ist aus meinem Leben.
Ein Soldat mit der entsprechenden Verwendung hat seine "Kiste" immer fertig gepackt in der Kaserne stehen. Das einzige, was sie noch mitnehmen müssen, sind persönliche Dinge, wie Waschsachen, Handy, Bücher...

Liebe Grüße
Najade

von Najade