Karamelldinosaurier 1/3

Karamelldinosaurier 1/3

 
In einer der ruhigen Straßen der Stadt steht ein Haus aus rotem Backstein. Die quadratischen Kastenfenster schauen auf die überdachten Spielplätze des benachbarten Kindergartens. Ich habe gehört, dass die Ureinwohner von Samoa (einer kleinen Südseeinsel) ihre Häuser zwar mit Dächern, aber ohne Wände zu bauen pflegten. Ganz genau so, oder so ähnlich sieht es hier auf den Kinderspielplätzen aus. Wenn man viel Fantasie aufwenden würde, könnte man sich auch vorstellen, dass einige dieser Ureinwohner es bis in meine Stadt geschafft haben. Sie haben sich hier heimlich eingenistet und versuchen die Besonderheiten ihrer Baukunst an die hiesigen Architekten weiterzugeben. Und damit ihr Plan geheim bleiben kann, fangen sie mit dem unauffälligen Gelände des benachbarten Kindergartens an. Die Kinder würden sich so schon sehr früh an die überdachten wandlosen Konstrukte gewöhnen …
Ich stand noch eine Weile vor der Sitzbank. Diese befand sich drei, vier Meter von dem Haus entfernt. Ja so viel Durchhaltevermögen muss man heutzutage noch aufbringen. Man geht aus dem Haus, humpelt die drei, vier Meter und dann sitzt man schon wieder und beobachtet die Welt um einen herum aus der bequemen Höhe eines Sechsjährigen. Vielleicht ist dies das Geheimnis des Sitzvergnügens? Man erblickt die Welt nicht aus der Höhe eines Erwachsenen, was bei den meisten Europäern ein Meter siebzig, ein Meter achtzig entspricht, sondern aus der Kopfhöhe eines Kindes. Es ist fast wie eine Reise in die eigene Kindheit. Und dafür braucht man nur eine Sitzbank vor dem Haus aufzustellen, die drei, vier Meter in der gewohnten Erwachsenenhöhe zu überwinden und sich hinzusetzten.
Ich dachte kurz nach und setzte mich vorsichtig auf die Bank.
So lange ich mich erinnern kann, stand die Sitzbank einsam vor dem Haus. Die Farbe pellte sich im Sommer von ihr ab. Sie glich dann einer ungelenken, seltsamen Schlange, die ihre Haut wechselt. Im Winter verschwand die Bank unter einer flockigen Schneeschicht. In dem Schneeweiß des Hofes sah die Bank dann wie eine aus Creme gebastelte Figur auf einer Hochzeitstorte aus. Jedes Mal in einer solchen Situation musste ich dem Drang widerstehen, einen Teil von der Bank abzubrechen, um rauszufinden, ob diese doch nicht aus dem Karamell oder der getrockneten Buttercreme besteht. Im Übrigen mag ich die Creme, Zucker und Ähnliches gar nicht so sehr. Zum Tee nehme ich zum Beispiel keinen Zucker, Schokoladengebäck und Torten lassen mich auch kalt. Die Getränke, die mehr Zucker als Wasser enthalten, kann ich nicht ausstehen. Als Kind faszinierten mich aber die selbstgemachten Lutscher. Am Straßenrand standen manchmal die betagten Frauen, die diese glänzenden Karamellfiguren verkauften. Rosarote Kühe, Hasen und durchsichtige Hähne glänzten beim klaren Wetter so sehr, dass keines der Kinder einfach so an ihnen vorbei kam. Die einen streckten ihre kleinen Finger nach goldenen, zauberhaften Figuren, die anderen Kinder vergaßen zeitweise die Bewegungen ihrer Körperteile aufeinander abzustimmen. Sie verhedderten sich in den eigenen Beinen. Jeder Fuß versuchte gleichzeitig einen Schritt in Richtung der begehrten Objekte auszuführen. Von den Eltern forderte dieser Abschnitt der Straße sehr viel. Jederzeit mussten sie bereit sein mit der Schnelligkeit eines Akrobaten ihr desorientiertes, vom Lichte des Glücks verheißenden süßen Vergnügens, geblendetes Kind aufzufangen. Die Farben der Karamellfiguren blieben mir in der Erinnerung gut erhalten, genau so wie das traurige Ende dieser süßen Liebesgeschichte. Meine Liebe zu diesen Geschöpfen aus Gold und Silber, zu den glanzvollen Tierfigürchen aus Zucker und Wasser endete als ich fast sieben Jahre alt war.
Die anderen Eltern versuchten ihre Kinder vor dem gefährlichen Abschnitt der Straße abzulenken. Sie hofften die Kinder würden die Karamellfiguren vergessen. Es gab Eltern die hart blieben. Sie zerrten ihre schreienden Kinder weg, trugen sie auf dem Arm oder nahmen sie Huckepack. Meine Mutter hatte keinen so starken Rücken. Dafür nutzte sie ihre schlaue weibliche Art, um einen kleinen Jungen wie mich auf den rechten Weg zu führen.
Einmal näherten wir uns den Straßenverkäuferinnen. An diesem Tag schien die Sonne. Im Übrigen erinnere ich mich an die selbstgemachten Karamelllutscher nur in Verbindung mit dem guten Wetter. Vielleicht hängt es mit der Wahrnehmung eines kindlichen Verstandes zusammen. Oder die Frauen, die die Lutscher zu Hause zubereitet hatten, suchten sich nur sonnige Tage zum Verkauf aus. Die magere Rente durch den Verkauf von selbstgemachten Süßigkeiten an einem regnerischen Tag aufzustocken, ist ja wirklich nicht das Wahre. Ihre morschen Knochen würden das nicht sehr gut vertragen, genau so wie die Lutscher aus Zucker. Meine Mutter hielt mich an der Hand. Wir standen an der gegenüberliegenden Seite des Bürgersteiges. Meine Mutter, eine Frau Mitte dreißig mit schulterlangem kastanienfarbenem Haar, beugte sich zu mir hinüber und flüsterte mir leise ins Ohr. „Schau dir die Verkäuferinnen an. Schau sie genau an.“ Zum ersten Mal habe ich mit meinen sechs oder sieben Jahren die alten Frauen am Straßenrand richtig angesehen. Bis jetzt wurden sie immer vom Licht der begehrten Süßigkeiten überstrahlt. Es gelang mir auch dieses Mal nur schwer den Blick von den bunten Tier- und Vogelfiguren abzuwenden. Die Verkäuferinnen standen in einer Reihe. Ihr Alter war schwer auszumachen. In Vergleich zu den farbenfrohen Karamellfiguren erschienen die Frauen grau. Ihre Kleider, ihre verbogenen, krummen Rücken, auch ihre Gesichter schienen grau zu sein. Für ein Kind von sechs Jahren ist es sehr schwer oder fast unmöglich das genaue Alter eines Erwachsenen auszumachen. Da gibt es andere Kinder. Ok. Notfalls nimmt man die eigenen Finger als Rechenhilfe und nach einem kurzen hin und her weiß man wie alt man selber ist. Dann schließt man von sich auf die anderen und voila. Nun gut alle größeren Kinder fallen in die Kategorie der älteren Geschwister. Diejenigen, die wegen ihrer Größe oder dem seltsamen Wachstum von Haaren im Gesicht auf keinen Fall Kinder sein können, sind dann bestimmt so etwas wie die Eltern von anderen Kindern. Und wenn diese Erwachsenen keine Kinder bei sich haben, sondern alleine durch die Stadt schlendern, dann sind sie gewiss unterwegs zum Kindergarten oder der Schule, um ihr geliebtes Kindlein abzuholen. Die Verkäuferinnen der Karamelllutscher gehörten eindeutig zu keiner dieser Gruppen. Ihre wichtigste Eigenschaft war ihr Alter. Nein. Anders ausgedrückt sie waren alt. Alles an ihnen war alt.
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von Papalagi

Re: Karamelldinosaurier 1/3

 
hallo Papalagi, ich hab mir mal die Zeit genommen den ersten Teil deiner Geschichte zu lesen :D

Ja so viel Durchhaltevermögen muss man heutzutage noch aufbringen.


Da fehlt ein Komma, oder? ;)
Ja, so viel Durchhaltevermögen muss man heutzutage noch aufbringen.

Jedes Mal in einer solchen Situation musste ich dem Drang widerstehen,


Fehlen nicht auch hier Kommata?

Jedes Mal, in einer solchen Situation, musste ich dem Drang widerstehen, ...

Ich finde außerdem, dass sich dieser Satz komisch anhört. Ich persönlich würde es anders formulieren. Wie wär's denn beispielsweise mit:

In dem Schneeweiß des Hofes sah die Bank dann wie eine aus Creme gebastelte Figur auf einer Hochzeitstorte aus. Dabei musste ich jedes Mal dem Drang widerstehen, ...

Nun ja, das ist nur ein Vorschlag, da ich finde, dass sich der Satz echt komisch anhört, vor allem im Kontrast mit dem sonst einwandfreien Rest ;)

ihr desorientiertes, vom Lichte des Glücks verheißenden süßen Vergnügens, geblendetes Kind aufzufangen.


Hm, hier kann ich mir nicht helfen, aber ich denke, der Satz ergibt so keinen Sinn, oder täusche ich mich? Müsste es nicht entweder vom Lichte des Glücks ausstrahlenden süßen Vergnügens ... oder vom Glück verheißenden süßen Vergnügens ... heißen?
Entweder es verheißt Glück, oder es strahlt das Licht des Glückes aus. Aber das Licht des Glückes verheißen? Ich denke, du hast dich da beim Schreiben etwas verheddert, oder meine Gedanken machen das gerade^^

Meine Mutter, eine Frau Mitte dreißig mit schulterlangem kastanienfarbenem Haar,


hier ist ein "m" zu viel, oder?
mit schulterlangem kastanienfarbenen Haar ...

In Vergleich zu den farbenfrohen Karamellfiguren erschienen die Frauen grau.


Ach von hier kommt das "m" ;)

Im Vergleich ...

Nun gut alle größeren Kinder fallen in die Kategorie der älteren Geschwister.


Nun gut, alle ...

So, das waren dann mal grammatikalische Fehler oder solche in der Art.
Ansonsten hab ich nichts gefunden, aber ich bin auch nur ein Mensch x)
Nun ja, nun zum Inhalt der Geschichte:
Ich finde die Geschichte recht schön, am Besten gefällt mir, wie du die Kindheitserinnerungen beschreibst. Wie dem Kind die bunten, in allen Formen existierenden Lutscher in Erinnerung blieben. Nebensächliche Dinge hast du simultan nebensächlich gestaltet (zumindest kommt es mir so vor), wie zum Beispiel die Bank. Die Bank steht halt schon immer drei, vier Meter von dem Haus entfernt, ein Parallelismus um deutlich zu machen, dass die Bank da halt schon immer so steht. Die Bank an sich fand das Kind damals nicht spannend, denke ich, nur, wenn zum Beispiel der Winter sie in eine Süßigkeit verwandelt, dann wird sie interessant.
Mir hat der erste Teil der Geschichte gut gefallen, anfangs konnte ich mit dem Titel auch gar nichts anfangen. Aber jetzt glaube ich zu ahnen, worum es sich bei einem Karamelldinosaurier handeln könnte. ;)

MfG Raim =)

PS: jetzt hab ich stundenlang an meiner Antwort geschrieben und dann, als sie fertig war, war mein Internet weg ò.ó zum Glück konnte ich die Antwort noch kopieren und speichern x)

von raim_sod