Ich stand noch eine Weile vor der Sitzbank. Diese befand sich drei, vier Meter von dem Haus entfernt. Ja so viel Durchhaltevermögen muss man heutzutage noch aufbringen. Man geht aus dem Haus, humpelt die drei, vier Meter und dann sitzt man schon wieder und beobachtet die Welt um einen herum aus der bequemen Höhe eines Sechsjährigen. Vielleicht ist dies das Geheimnis des Sitzvergnügens? Man erblickt die Welt nicht aus der Höhe eines Erwachsenen, was bei den meisten Europäern ein Meter siebzig, ein Meter achtzig entspricht, sondern aus der Kopfhöhe eines Kindes. Es ist fast wie eine Reise in die eigene Kindheit. Und dafür braucht man nur eine Sitzbank vor dem Haus aufzustellen, die drei, vier Meter in der gewohnten Erwachsenenhöhe zu überwinden und sich hinzusetzten.
Ich dachte kurz nach und setzte mich vorsichtig auf die Bank.
So lange ich mich erinnern kann, stand die Sitzbank einsam vor dem Haus. Die Farbe pellte sich im Sommer von ihr ab. Sie glich dann einer ungelenken, seltsamen Schlange, die ihre Haut wechselt. Im Winter verschwand die Bank unter einer flockigen Schneeschicht. In dem Schneeweiß des Hofes sah die Bank dann wie eine aus Creme gebastelte Figur auf einer Hochzeitstorte aus. Jedes Mal in einer solchen Situation musste ich dem Drang widerstehen, einen Teil von der Bank abzubrechen, um rauszufinden, ob diese doch nicht aus dem Karamell oder der getrockneten Buttercreme besteht. Im Übrigen mag ich die Creme, Zucker und Ähnliches gar nicht so sehr. Zum Tee nehme ich zum Beispiel keinen Zucker, Schokoladengebäck und Torten lassen mich auch kalt. Die Getränke, die mehr Zucker als Wasser enthalten, kann ich nicht ausstehen. Als Kind faszinierten mich aber die selbstgemachten Lutscher. Am Straßenrand standen manchmal die betagten Frauen, die diese glänzenden Karamellfiguren verkauften. Rosarote Kühe, Hasen und durchsichtige Hähne glänzten beim klaren Wetter so sehr, dass keines der Kinder einfach so an ihnen vorbei kam. Die einen streckten ihre kleinen Finger nach goldenen, zauberhaften Figuren, die anderen Kinder vergaßen zeitweise die Bewegungen ihrer Körperteile aufeinander abzustimmen. Sie verhedderten sich in den eigenen Beinen. Jeder Fuß versuchte gleichzeitig einen Schritt in Richtung der begehrten Objekte auszuführen. Von den Eltern forderte dieser Abschnitt der Straße sehr viel. Jederzeit mussten sie bereit sein mit der Schnelligkeit eines Akrobaten ihr desorientiertes, vom Lichte des Glücks verheißenden süßen Vergnügens, geblendetes Kind aufzufangen. Die Farben der Karamellfiguren blieben mir in der Erinnerung gut erhalten, genau so wie das traurige Ende dieser süßen Liebesgeschichte. Meine Liebe zu diesen Geschöpfen aus Gold und Silber, zu den glanzvollen Tierfigürchen aus Zucker und Wasser endete als ich fast sieben Jahre alt war.
Die anderen Eltern versuchten ihre Kinder vor dem gefährlichen Abschnitt der Straße abzulenken. Sie hofften die Kinder würden die Karamellfiguren vergessen. Es gab Eltern die hart blieben. Sie zerrten ihre schreienden Kinder weg, trugen sie auf dem Arm oder nahmen sie Huckepack. Meine Mutter hatte keinen so starken Rücken. Dafür nutzte sie ihre schlaue weibliche Art, um einen kleinen Jungen wie mich auf den rechten Weg zu führen.
Einmal näherten wir uns den Straßenverkäuferinnen. An diesem Tag schien die Sonne. Im Übrigen erinnere ich mich an die selbstgemachten Karamelllutscher nur in Verbindung mit dem guten Wetter. Vielleicht hängt es mit der Wahrnehmung eines kindlichen Verstandes zusammen. Oder die Frauen, die die Lutscher zu Hause zubereitet hatten, suchten sich nur sonnige Tage zum Verkauf aus. Die magere Rente durch den Verkauf von selbstgemachten Süßigkeiten an einem regnerischen Tag aufzustocken, ist ja wirklich nicht das Wahre. Ihre morschen Knochen würden das nicht sehr gut vertragen, genau so wie die Lutscher aus Zucker. Meine Mutter hielt mich an der Hand. Wir standen an der gegenüberliegenden Seite des Bürgersteiges. Meine Mutter, eine Frau Mitte dreißig mit schulterlangem kastanienfarbenem Haar, beugte sich zu mir hinüber und flüsterte mir leise ins Ohr. „Schau dir die Verkäuferinnen an. Schau sie genau an.“ Zum ersten Mal habe ich mit meinen sechs oder sieben Jahren die alten Frauen am Straßenrand richtig angesehen. Bis jetzt wurden sie immer vom Licht der begehrten Süßigkeiten überstrahlt. Es gelang mir auch dieses Mal nur schwer den Blick von den bunten Tier- und Vogelfiguren abzuwenden. Die Verkäuferinnen standen in einer Reihe. Ihr Alter war schwer auszumachen. In Vergleich zu den farbenfrohen Karamellfiguren erschienen die Frauen grau. Ihre Kleider, ihre verbogenen, krummen Rücken, auch ihre Gesichter schienen grau zu sein. Für ein Kind von sechs Jahren ist es sehr schwer oder fast unmöglich das genaue Alter eines Erwachsenen auszumachen. Da gibt es andere Kinder. Ok. Notfalls nimmt man die eigenen Finger als Rechenhilfe und nach einem kurzen hin und her weiß man wie alt man selber ist. Dann schließt man von sich auf die anderen und voila. Nun gut alle größeren Kinder fallen in die Kategorie der älteren Geschwister. Diejenigen, die wegen ihrer Größe oder dem seltsamen Wachstum von Haaren im Gesicht auf keinen Fall Kinder sein können, sind dann bestimmt so etwas wie die Eltern von anderen Kindern. Und wenn diese Erwachsenen keine Kinder bei sich haben, sondern alleine durch die Stadt schlendern, dann sind sie gewiss unterwegs zum Kindergarten oder der Schule, um ihr geliebtes Kindlein abzuholen. Die Verkäuferinnen der Karamelllutscher gehörten eindeutig zu keiner dieser Gruppen. Ihre wichtigste Eigenschaft war ihr Alter. Nein. Anders ausgedrückt sie waren alt. Alles an ihnen war alt.
