[UrFan] Reaper (1/x)

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[UrFan] Reaper (1/x)

Beitragvon Bella98 » 29.09.2015, 21:41

Hallo ihr Lieben! :) Nach eeewiger Zeit dachte ich mir, auch mal wieder was einzustellen. Hierbei handelt es sich um den Anfang meines neusten Projektes, einer Urban Fantasy Geschichte. Ich lass das einfach mal so stehen - freue mich schon auf euer Feedback!

Kapitel 1 – Jules
Die Frau hörte nicht auf, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Eine Weile hatte ich ihr dabei zugesehen; um genau zu sein, zwei Minuten. Wieder und wieder holte sie aus und hämmerte ihren Schädel gegen das Betonkonstrukt. Dabei verzog sie keine Miene. Ich fragte mich, ob sie den Schmerz überhaupt spürte.
Keine der Aufseherinnen nahm von ihr Notiz. Sie waren den Krach gewohnt; irgendjemand verursachte immer Lärm. Angesichts der Tatsache, dass die Frau ihr selbstverletzendes Verhalten nun schon drei Minuten lang betrieb, war ich doch etwas besorgt.
Es wäre nämlich ziemlich übel, wenn sie daran sterben würde.
Einen Moment lang hatte ich überlegt, ob ich eingreifen sollte. Aber was folgen würde, kannte ich nur zu gut: mehr Geschrei, mehr Schmerzen. Nicht zu vergessen, dass ich hinterher die Schuldige wäre. Schließlich sollte ich meine Mitpatienten in Ruhe lassen… sämtliche Verhaltensregeln konnte ich in Sekundenschnelle herunterbeten, so oft hatte ich sie schon gehört.
Endlich kapierte eine Krankenschwester, dass es ein Kopf war, der hier auf Beton schlug. Sie eilte hastig zu der Frau und kniete bei ihr nieder. Eine Hand auf dem Hinterkopf der Irren rief sie erst nach einem Arzt, ehe sie leise auf die Frau einredete.
Seufzend stand ich auf. Dieser Ort hatte schon längst seinen Reiz verloren – die Verrückten, die versuchten, sich selbst zu verletzen, und die, die mit den Stimmen in ihrem Kopf sprachen, wurden schnell zu einer verdrehten Normalität. Demnach war es hier wenig aufregend.
Es sei denn, jemand starb.
Aber da war mir die Langeweile doch lieber.
Auf dem Weg zu meinem Zimmer unterdrückte ich ein Gähnen. Mir entgingen die Blicke der Aufseherinnen nicht; sie beobachten, ob ich vielleicht ausrasten würde oder versuchte, jemanden, oder, noch beliebter, mich selbst umzubringen.
Ich hatte nicht vor, das zu tun. Gucken mussten sie trotzdem. Das war schließlich ihr Job.
„Du hast heute nur noch eine Stunde Zimmerzeit“, erinnerte mich eine jüngere Aufseherin, als ich gerade eintreten wollte.
„Danke für die Erinnerung“, erwiderte ich automatisch, meine Stimme rau wie Schleifpapier. Manchmal vergingen Tage, ohne dass ich auch nur ein Wort sagte. Ich war hier. Der Rest der Welt lief ohne mich weiter. Was gab es da schon zu sagen?
Ich setzte mich auf mein Bett und starrte die nackte Wand an. Das Zimmer hätte genauso gut unbewohnt sein können, so wenig hatte sich seit meinem Einzug verändert. Die Wände waren grau, – nicht dass man sie nach seinen Gutdünken hätte gestalten dürfen – die Bettwäsche ausgebleicht und die Fenster hatten auch schon bessere Tage gesehen. Die Staubschicht konnte ich selbst aus einiger Entfernung sehen. Die zwei kleinen Regale waren beinahe leer. Ich besaß kein persönliches Hab und Gut, hatte nie auch nur etwas Derartiges besessen.
Seit fast einem Jahr befand ich mich nun in der Psychiatrie, und das Schlimmste daran war, dass ich dem Ende dieses Aufenthalts nicht einem Schritt näher gekommen war.
Ich war nämlich verrückt. „Verrückt“, weil alle glaubten, dass ich es wäre. Nur ich wusste, dass ich es nicht war. An manchen Tagen glaubte ich es selbst schon fast. Wenn man nur sich selbst hatte, dann fiel es schwer, nicht dem Glauben zu schenken, was andere permament sagten.
Aber es war nicht so, als wäre da draußen jemand gewesen, der mich vermisste. Daher hatte ich nach sechs Monaten beschlossen, dass ich meine Anwesenheit hier genauso gut akzeptieren konnte. Wozu gegen etwas kämpfen, bei dem ich ohnehin nichts ausrichten konnte?
Durch ein kleines Fenster in meiner Tür sah ich einen Schatten den Gang entlanghuschen. Mein Herz begann augenblicklich, schneller zu schlagen, und ich sprang auf, war mit einem Satz an der Tür. Ich mahnte mich, ruhig zu bleiben, schließlich gab es in meinem Zimmer Überwachungskameras und jede Auffälligkeit würde bemerkt werden, aber gegen meinen Puls konnte ich nichts tun. Vorsichtig stellte ich mich auf die Zehenspitzen und sah auf den Gang hinaus.
Mit einem unterdrückten Fluch stellte ich fest, dass ich mich nicht geirrt hatte. Das schwarze Cape verschwand eben um die Ecke am Ende des Flurs.
Meine Hand lag bereits auf der Türklinke, als ich innehielt. Ich wusste, was jetzt kommen würde, und ich wusste, dass es eine dumme Idee war, dem Mann im schwarzen Cape zu folgen. Aber was, wenn ich etwas ausrichten konnte? Was, wenn all meine Bemühungen dieses Mal nicht… umsonst wären?
Bevor ich auch nur ein zweites Mal darüber nachdachte, stürmte ich auf den Gang und bereitete mich mental auf das vor, was ich gleich sehen würde.
Es war noch übler als gedacht. Das Erste, was ich sah – neben dem Mann im Cape natürlich – war eine umgekippt, leere Dose. Ein paar vereinzelte Tabletten lagen neben der Dose, grünliche, kleine, große, Kapseln – wie auch immer die Patientin es angestellt hatte, sie hatte es gründlich getan.
Und noch dazu die Pulsadern, der Länge nach aufgeschnitten. Ich presste mir eine Hand vor den Mund, unterdrückte ein Würgen angesichts des Schreckens, der sich hier vor mir eröffnete.
Ich beobachtete, wie der Mann sich neben der Frau niederkniete. Ihre Brust hob und senkte sich ruckartig, sie lebte also noch. Natürlich. Es war bisher immer so gewesen, dass sie noch lebten, wenn der Mann kam.
Man konnte sein Gesicht nicht sehen. Ich habe nie sein Gesicht sehen können, oder generell eines ihrer Gesichter, denn schließlich wusste ich ja nicht, ob es immer derselbe war.
Denk nach…, ermahnte ich mich. „Hilfe!“, schrie ich. „Hilfe!“ Gleichzeitig wusste ich aber, dass es bereits zu spät war.
In einer fast zärtlichen Geste hob der Mann seine Hand, legte sie an die Wange der dahinscheidenden Frau. Sie schmiegte sich an ihn wie ein Haustier an seinen Besitzer, und dann lächelte sie.
Eine Gänsehaut zog sich über meinen ganzen Körper. In der Ferne wurden die ersten Schritte laut.
Aber als die Ersten in den Raum stürmten und die Situation vollends aufnahmen, war es schon längst zu spät. Es wäre so oder so zu spät gewesen, das wusste ich. Ich wusste das, weil ich selbst schon versucht hatte, den Mann davon abzuhalten, seine Arbeit zu tun.
Die Frau hatte aufgehört zu atmen. Ob es wegen dem Mann, den Tabletten oder der Rasierklinge war, die sie in ihren Unterarm versenkt hatte, ich konnte es nicht sagen.
Der Mann hob den Kopf, das Gesicht im Schatten der Kapuze verborgen. Ich wusste, dass er mich ansah, und er wusste, dass ich ihn sehen konnte. Ein Frösteln überkam mich und ich wich zurück, ich stand ohnehin im Weg, die Ärzte eilten zu der Frau, die filmreif auf dem Boden lag, sie rannten dabei durch den Mann hindurch, als wäre er nichts als Luft.
Vielleicht war er das auch. Ich wusste es nicht.
Ich wusste nur, dass ich ihn sehen konnte, und dass ich damit alleine war.
Kurz bevor er den Raum verließ, meinte ich zu sehen, wie er mir zunickte.
Zurück blieb ich mit all den Pflegern und Ärzten, die den Tod der Patientin feststellten, und zahlreichen offenen Fragen.

Version 2: (Zum Lesen bitte scrollen)
Kapitel 1 – Jules
Die Frau hörte nicht auf, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Ich hatte ihr eine Weile dabei zugesehen; um genau zu sein, zwei Minuten. Wieder und wieder holte sie aus und hämmerte ihren Schädel gegen das Betonkonstrukt. Dabei verzog sie keine Miene. Ich fragte mich, ob sie den Schmerz überhaupt spürte.
Keine der Aufseherinnen drehte sich um, um nach ihr zu sehen. Sie waren den Krach gewohnt; irgendjemand verursachte immer Lärm. Ich war jedoch etwas besorgt angesichts der Tatsache, dass die Frau ihr selbstverletzendes Verhalten mittlerweile nun schon drei Minuten lang betrieb.
Es wäre nämlich ziemlich übel, wenn sie daran sterben würde.
Ich hatte einen Moment lang überlegt, ob ich nicht eingreifen sollte. Doch ich wusste, was folgen würde; mehr Geschrei, mehr Schmerzen. Nicht zu vergessen, dass ich hinterher die Schuldige wäre. Schließlich sollte ich meine Mitpatienten in Ruhe lassen… diese ganzen Verhaltensregeln konnte ich in Sekundenschnelle herunterbeten, so oft hatte ich sie schon gehört.
Endlich bemerkte eine Krankenschwester, dass es ein Kopf war, der hier auf Beton schlug. Sie eilte hastig zu der Frau und kniete sich neben ihr nieder, eine Hand auf den Hinterkopf der Irren, die andere auf dem Knie. Sie redete leise auf die Frau ein.
Seufzend stand ich auf. Hier gab es nichts Spannendes – die Verrückten, die versuchten, sich selbst zu verletzen, und die, die mit den Stimmen in ihrem Kopf sprachen, wurden schnell zu einer verdrehten Normalität. Demnach war es hier wenig reizvoll.
Es sei denn, jemand starb.
Aber da war mir die Langeweile doch lieber.
Auf dem Weg zu meinem Zimmer unterdrückte ich ein Gähnen. Mir entgingen die Blicke der Aufseherinnen nicht; sie beobachten, ob ich vielleicht ausrasten würde oder versuchte, jemanden, oder, noch beliebter, mich selbst umzubringen.
Ich hatte nicht vor, das zu tun. Gucken mussten sie trotzdem. Das war schließlich ihr Job.
„Du hast heute nur noch eine Stunde Zimmerzeit“, erinnerte mich eine Frau, kaum älter als ich, als ich gerade eintreten wollte.
„Danke für die Erinnerung“, erwiderte ich automatisch, meine Stimme rau wie Schleifpapier. Manchmal vergingen Tage, ohne dass ich auch nur ein Wort sagte. Ich war hier. Der Rest der Welt lief ohne mich weiter. Was gab es da schon zu sagen?
Ich setzte mich auf mein Bett und starrte die nackte Wand gegenüber an. Das Zimmer hätte genauso gut unbewohnt sein können, so wenig hatte es sich seit meinem Einzug verändert. Die Wände waren grau, – nicht dass man sie nach seinen Gutdünken gestalten durfte – die Bettwäsche ausgebleicht und die Fenster hatten auch schon bessere Tage gesehen. Die Staubschicht konnte ich selbst aus einiger Entfernung sehen. Die zwei kleinen Regale waren beinahe leer. Ich besaß kein persönliches Hab und Gut. Ich hatte nie auch nur etwas in der Art gehabt.
Seit fast einem Jahr befand ich mich nun in der geschlossenen Psychiatrie, und das Schlimmste daran war, dass ich dem Ende dieses Aufenthalts nicht einem Schritt näher gekommen war.
Ich war nämlich „verrückt“. Verrückt mit Anführungszeichen, weil alle glaubten, ich wäre verrückt, nur ich wusste, dass ich es nicht war, aber an manchen Tagen glaubte ich es selbst schon fast. Wenn man nur sich selbst hatte, dann fiel es schwer, nicht dem Glauben zu schenken, was andere sagten.
Aber es war nicht so, als wäre da draußen jemand gewesen, der mich vermisste. Daher hatte ich nach sechs Monaten beschlossen, dass ich meine Anwesenheit hier genauso gut akzeptieren konnte. Wozu gegen etwas kämpfen, bei dem ich ohnehin nichts ausrichten konnte?
Durch ein kleines Fenster in meiner Tür sah ich einen Schatten den Gang entlanghuschen. Mein Herz begann augenblicklich, schneller zu schlagen, und ich sprang auf, war mit einem Satz an der Tür. Ich mahnte mich, ruhig zu bleiben, schließlich gab es in meinem Zimmer Überwachungskameras und jede Auffälligkeit würde bemerkt werden, aber gegen meinen Puls konnte ich nichts tun. Vorsichtig stellte ich mich auf die Zehenspitzen und sah auf den Gang hinaus.
Mit einem unterdrückten Fluch stellte ich fest, dass ich mich nicht geirrt hatte. Das schwarze Cape verschwand gerade hinter dem Knick, den der Gang machte.
Ich war schon mit der Hand an der Türklinke, als ich innehielt. Ich wusste, was jetzt kommen würde, und ich wusste, dass es eine dumme Idee war, dem Mann in dem Cape zu folgen. Aber was, wenn ich etwas ausrichten konnte? Was, wenn all meine Bemühungen dieses Mal nicht… umsonst wären?
Bevor ich auch nur ein zweites Mal darüber nachdachte, stürmte ich auf den Gang und bereitete mich mental auf das vor, was ich gleich sehen würde.
Es war noch übler als gedacht. Das Erste, was ich sah – neben dem Mann im Cape natürlich – war eine umgekippt, leere Dose. Ein paar vereinzelte Tabletten lagen neben der Dose, grünliche, kleine, große, Kapseln – wie auch immer die Patientin es angestellt hatte, sie hatte es gründlich getan.
Und noch dazu die Pulsadern, der Länge nach aufgeschnitten. Ich presste mir eine Hand vor den Mund, unterdrückte ein Würgen angesichts des Schreckens, der sich hier vor mir eröffnete.
Ich beobachtete, wie der Mann sich neben der Frau niederkniete. Ihre Brust hob und senkte sich ruckartig, sie lebte also noch. Natürlich. Es war bisher immer so gewesen, dass sie noch lebten, wenn der Mann kam.
Man konnte sein Gesicht nicht sehen. Ich habe nie sein Gesicht sehen können, oder generell eines ihrer Gesichter, denn schließlich wusste ich ja nicht, ob es immer derselbe war.
Denk nach…, ermahnte ich mich. „Hilfe!“, schrie ich. „Hilfe!“ Gleichzeitig wusste ich aber, dass es bereits zu spät war.
In einer fast zärtlichen Geste hob der Mann seine Hand, legte sie an die Wange der dahinscheidenden Frau. Sie schmiegte sich an ihn wie ein Haustier an seinen Besitzer, und dann lächelte sie.
Eine Gänsehaut zog sich über meinen ganzen Körper. In der Ferne wurden die ersten Schritte laut.
Aber als die Ersten in den Raum stürmten und die Situation vollends aufnahmen, war es schon längst zu spät. Es wäre so oder so zu spät gewesen, das wusste ich. Ich wusste das, weil ich selbst schon versucht hatte, den Mann davon abzuhalten, seine Arbeit zu tun.
Die Frau hatte aufgehört zu atmen. Ob es wegen dem Mann, den Tabletten oder der Rasierklinge war, die sie in ihren Unterarm versenkt hatte, ich konnte es nicht sagen.
Der Mann hob den Kopf, sein Gesicht im Schatten, den seine Kapuze warf, verborgen. Ich wusste, dass er mich ansah, und er wusste, dass ich ihn sehen konnte. Ein Frösteln überkam mich und ich wich zurück, ich stand ohnehin im Weg, die Ärzte eilten zu der Frau, die filmreif auf dem Boden lag, sie rannten dabei durch den Mann hindurch, als wäre er nichts als Luft.
Vielleicht war er das auch. Ich wusste es nicht.
Ich wusste nur, dass ich ihn sehen konnte, und dass ich damit alleine war.
Kurz bevor er den Raum verließ, meinte ich zu sehen, wie er mir zunickte.
Zurück blieb ich mit all den Pflegern, die den Tod der Patientin feststellten, und zahlreichen offenen Fragen.



Version 1: (Zum Lesen bitte scrollen)
Die Frau hörte nicht auf, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Ich hatte ihr eine Weile dabei zugesehen; um genau zu sein, fünf Minuten. Wieder und wieder holte sie aus und hämmerte ihren Schädel gegen das Betonkonstrukt. Dabei verzog sie keine Miene. Ich fragte mich, ob sie den Schmerz überhaupt spürte.
Keine der Aufseherinnen drehte sich um, um nach ihr zu sehen. Sie waren den Krach gewohnt; irgendjemand verursachte immer Lärm. Ich war jedoch etwas besorgt angesichts der Tatsache, dass die Frau ihr selbstverletzendes Verhalten mittlerweile nun schon sechs Minuten lang betrieb.
Es wäre nämlich ziemlich übel, wenn sie daran sterben würde.
Ich hatte einen Moment lang überlegt, ob ich nicht eingreifen sollte. Doch ich wusste, was folgen würde; mehr Geschrei, mehr Schmerzen. Nicht zu vergessen, dass ich hinterher die Schuldige wäre. Schließlich sollte ich meine Mitpatienten in Ruhe lassen… gähn.
Endlich bemerkte eine Krankenschwester, dass es ein Kopf war, der hier auf Beton schlug. Sie eilte hastig zu der Frau und kniete sich neben ihr nieder, eine Hand auf den Hinterkopf der Irren, die andere auf dem Knie. Sie redete leise auf die Frau ein.
Seufzend stand ich auf. Hier gab es nichts Spannendes. Gut, es war nicht so, als ob es hier jemals spannend wurde.
Es sei denn, jemand starb.
Aber da war mir die Langeweile doch lieber.
Auf dem Weg zu meinem Zimmer unterdrückte ich ein Gähnen. Mir entgingen die Blicke der Aufseherinnen nicht; sie beobachten, ob ich vielleicht wahnsinnig werden würde oder versuchte, jemanden, oder, noch beliebter, mich selbst umzubringen.
Ich hatte nicht vor, das zu tun. Gucken mussten sie trotzdem. Das war schließlich ihr Job.
„Du hast heute nur noch eine Stunde Zimmerzeit“, erinnerte mich eine Frau, kaum älter als ich, als ich gerade eintreten wollte.
„Danke für die Erinnerung“, erwiderte ich automatisch, meine Stimme rau wie Schleifpapier. Manchmal vergingen Tage, ohne dass ich auch nur ein Wort sagte. Ich war hier. Der Rest der Welt lief ohne mich weiter. Was gab es da schon zu sagen?
Ich setzte mich auf mein Bett und starrte die nackte Wand gegenüber an. Das Zimmer hätte genauso gut unbewohnt sein können, so entblößt sah es aus. Ich hatte kein persönliches Hab und Gut. Ich habe nie auch nur etwas Derartiges besessen.
Seit fast einem Jahr befand ich mich nun in der geschlossenen Psychiatrie, und das Schlimmste daran war, dass ich dem Ende dieses Aufenthalts nicht einem Schritt näher gekommen war.
Ich war nämlich „verrückt“. Verrückt mit Anführungszeichen, weil alle glaubten, ich wäre verrückt, nur ich wusste, dass ich es nicht war, aber an manchen Tagen glaubte ich es selbst schon fast.
Aber es war nicht so, als wäre da draußen jemand gewesen, der mich vermisste. Daher hatte ich nach sechs Monaten beschlossen, dass ich meine Anwesenheit hier genauso gut akzeptieren konnte. Wozu gegen etwas kämpfen, bei dem ich ohnehin nichts ausrichten konnte?
Durch ein kleines Fenster in meiner Tür sah ich einen Schatten den Gang entlanghuschen. Mein Herz begann augenblicklich, schneller zu schlagen, und ich sprang auf, war mit einem Satz an der Tür. Ich mahnte mich, ruhig zu bleiben, schließlich gab es in meinem Zimmer Überwachungskameras und jede Auffälligkeit würde bemerkt werden, aber gegen meinen Puls konnte ich nichts tun. Vorsichtig stellte ich mich auf die Zehenspitzen und sah auf den Gang hinaus.
Mit einem unterdrückten Fluch stellte ich fest, dass ich mich nicht geirrt hatte. Das schwarze Cape verschwand gerade hinter dem Knick, den der Gang machte.
Ich war schon mit der Hand an der Türklinke, als ich innehielt. Ich wusste, was jetzt kommen würde, und ich wusste, dass es eine dumme Idee war, dem Mann in dem Cape zu folgen. Aber was, wenn ich etwas ausrichten konnte? Was, wenn all meine Bemühungen dieses Mal nicht… umsonst waren?
Bevor ich auch nur ein zweites Mal darüber nachdachte, stürmte ich auf den Gang und bereitete mich mental schon mal auf das vor, was ich gleich sehen würde.
Es war noch übler als gedacht. Das Erste, was ich sah – neben dem Mann im Cape natürlich – war eine umgekippte Dose voll mit Tabletten. Kleine, große, grünliche, Kapseln – wie auch immer die Patientin es angestellt hatte, sie hatte es gründlich getan.
Und noch dazu die Pulsadern, der Länge nach aufgeschnitten. Ich presste mir eine Hand vor den Mund, unterdrückte ein Würgen angesichts des Schreckens, der sich hier vor mir eröffnete.
Ich beobachtete, wie der Mann sich neben der Frau niederkniete. Ihre Brust hob und senkte sich ruckartig, sie lebte also noch. Natürlich. Der Mann war ja auch noch nicht… fertig mit ihr.
Man konnte sein Gesicht nicht sehen. Ich habe nie sein Gesicht sehen können, oder generell eines ihrer Gesichter, denn schließlich wusste ich ja nicht, ob es immer derselbe war.
Denk nach…, ermahnte ich mich. „Hilfe!“, schrie ich. „Hilfe!“ Gleichzeitig wusste ich aber, dass es bereits zu spät war.
In einer fast zärtlichen Geste hob der Mann seine Hand, legte sie an die Wange der dahinscheidenden Frau. Sie schmiegte sich an ihn wie ein Haustier an seinen Besitzer, und dann lächelte sie.
Eine Gänsehaut zog sich über meinen ganzen Körper. In der Ferne wurden die ersten Schritte laut.
Aber als die Ersten in den Raum stürmten und die Situation vollends aufnahmen, war es schon längst zu spät. Es wäre so oder so zu spät gewesen, das wusste ich. Ich wusste das, weil ich selbst schon versucht hatte, den Mann davon abzuhalten, seine Arbeit zu tun.
Die Frau hatte aufgehört zu atmen. Ob es wegen dem Mann, den Tabletten oder der Rasierklinge war, die sie in ihren Unterarm versenkt hatte, ich konnte es nicht sagen.
Der Mann hob den Kopf, sein Gesicht im Schatten verborgen. Ich wusste, dass er mich ansah, und er wusste, dass ich ihn sehen konnte. Ein Frösteln überkam mich und ich wich zurück, ich stand ohnehin im Weg, die Ärzte eilten zu der Frau, die quer über ihrem Bett lag, sie rannten dabei durch den Mann hindurch, als wäre er nichts als Luft.
Vielleicht war er das auch. Ich wusste es nicht.
Ich wusste nur, dass ich ihn sehen konnte, und dass ich damit alleine war.
Kurz bevor er den Raum verließ, meinte ich zu sehen, wie er mir zunickte.
Zurück blieb ich mit all den Pflegern, die den Tod der Patientin feststellten, und zahlreichen offenen Fragen.

Zuletzt geändert von Bella98 am 11.10.2015, 06:42, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: [UrFan] Reaper (1/x)

Beitragvon Asieral » 30.09.2015, 10:53

Hallo Bell98,

ich versuche mal ein paar Sachen anzumerken, an denen ich mich beim Lesen "gestört" hatte. Alles Folgende ist nur mein persönlicher Eindruck, also...^^

Bella98 hat geschrieben:Die Frau hörte nicht auf, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Ich hatte ihr eine Weile dabei zugesehen; um genau zu sein, fünf Minuten. Wieder und wieder holte sie aus und hämmerte ihren Schädel gegen das Betonkonstrukt. Dabei verzog sie keine Miene. Ich fragte mich, ob sie den Schmerz überhaupt spürte.
Keine der Aufseherinnen drehte sich um, um nach ihr zu sehen. Sie waren den Krach gewohnt; irgendjemand verursachte immer Lärm. Ich war jedoch etwas besorgt angesichts der Tatsache, dass die Frau ihr selbstverletzendes Verhalten mittlerweile nun schon sechs Minuten lang betrieb.


6 Minuten den Kopf gegen die Wand hauen.. überlebt man das?^^

Es wäre nämlich ziemlich übel, wenn sie daran sterben würde.
Ich hatte einen Moment lang überlegt, ob ich nicht eingreifen sollte. Doch ich wusste, was folgen würde; mehr Geschrei, mehr Schmerzen. Nicht zu vergessen, dass ich hinterher die Schuldige wäre. Schließlich sollte ich meine Mitpatienten in Ruhe lassen… gähn.
Endlich bemerkte eine Krankenschwester, dass es ein Kopf war, der hier auf Beton schlug.

Wenn die Protagonistin nicht selbst eingreifen möchte, aber dennoch gerne helfen würde, wieso ruft sie nicht eine der Krankenschwestern?
Auf dem Weg zu meinem Zimmer unterdrückte ich ein Gähnen. Mir entgingen die Blicke der Aufseherinnen nicht; sie beobachten, ob ich vielleicht wahnsinnig werden würde[...]

Glauben die Krankenschwestern nicht sowieso schon, dass sie wahnsinnig bzw. verrückt ist?

Mit einem unterdrückten Fluch stellte ich fest, dass ich mich nicht geirrt hatte. Das schwarze Cape verschwand gerade hinter dem Knick, den der Gang machte.

Vll anstatt Knick Biegung oder ein anderes Wort.. irgendwie störe ich mich ein klein wenig an dem Wort "Knick".

Was, wenn all meine Bemühungen dieses Mal nicht… umsonst waren?

Ich würde hier vll den Konjunktiv verwenden, als wären.

Bevor ich auch nur ein zweites Mal darüber nachdachte, stürmte ich auf den Gang und bereitete mich mental schon mal auf das vor, was ich gleich sehen würde.

Würde die markierten Worte streichen, da sie, finde ich, eigentlich unnötig sind und eine verharmlosende Wirkung haben.

Es war noch übler als gedacht.

Ist das Wort "übel" etwas, was durch den Sprachgebrauch der Protagonistin, diese charakterisieren soll? Wenn nicht, würde ich eventuell empfehlen, ein anderes Wort zu suchen, da "übel" einen teilweise nicht ganz so "ernsthaften" Klang hat.

Das Erste, was ich sah – neben dem Mann im Cape natürlich – war eine umgekippte Dose voll mit Tabletten.

Hm... wenn die Patientin welche davon genommen hat und sie umgekippt ist, wieso ist die Dose dann noch voll? Vll einfach Tablettendose
Kleine, große, grünliche, Kapseln – wie auch immer die Patientin es angestellt hatte, sie hatte es gründlich getan.
Ich presste mir eine Hand vor den Mund, unterdrückte ein Würgen angesichts des Schreckens, der sich hier vor mir eröffnete.

Müsste, glaube ich, "das sich hier" heißen.

Ich beobachtete, wie der Mann sich neben der Frau niederkniete. Ihre Brust hob und senkte sich ruckartig, sie lebte also noch. Natürlich. Der Mann war ja auch noch nicht… fertig mit ihr.
[...] Es wäre so oder so zu spät gewesen, das wusste ich. Ich wusste das, weil ich selbst schon versucht hatte, den Mann davon abzuhalten, seine Arbeit zu tun.
Die Frau hatte aufgehört zu atmen. Ob es wegen dem Mann, den Tabletten oder der Rasierklinge war, die sie in ihren Unterarm versenkt hatte, ich konnte es nicht sagen.

Zuerst sieht es so aus, als wüsste sie, dass der Mann der Grund ist, später sagt sie, sie wüsste es doch nicht, was ein bisschen verwirrend bzw widersprüchlich erscheint.

Der Mann hob den Kopf, sein Gesicht im Schatten verborgen.

Wovon ist denn der Schatten oder hat der Begriff "Schatten" eine bestimmte Funktion? Wenn nicht wäre vll "im Dunkeln" oder Ähnliches besser.

die Ärzte eilten zu der Frau, die quer über ihrem Bett lag

Ich hatte bisher eher das Bild im Kopf, dass sie auf dem Boden läge. (Zumindest kniet er ja neben der Frau, wenn sie auf einem Bett liegt, stelle ich mir das schwer vor)


Allgemein wirft das Geschilderte aber auch dem Leser einige Fragen auf (was ich jetzt positiv meine^^) Zumindest würde es mich interessieren, was es mit dem Ganzen auf sich hat.

Liebe Grüße
Asieral
Asieral
 
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Re: [UrFan] Reaper (1/x)

Beitragvon Winchest » 01.10.2015, 19:53

Hey:)

Ich habe mir vorhin deinen Text durchgelesen und dachte ich schreibe dir jetzt einfach mal meine Meinung dazu.

Zuallererst muss ich sagen das mir dein Schreibstil gefällt, ich konnte den Text flüssig 'runter' lesen ohne dabei großartig ins Stocken zu kommen.

Den Einstieg finde ich auch gelungen, ich mag es wenn man mitten in das Geschehnis geworfen wird und sich die Situation erst im Laufe des Textes aufklärt.
Außerdem muss ich dir wirklich für deine Titelwahl gratulieren, mich hat der Titel sofort angesprochen und ich habe – nach dem ich jetzt auch noch den dazugehörigen Text gelesen habe – auch schon ein richtiges Bild vor Augen. Gefällt mir sehr, sehr gut!:)

<<Wieder und wieder holte sie aus und hämmerte ihren Schädel gegen das Betonkonstrukt.<<

- Hier bin ich ein bisschen über das Wort 'Betonkonstrukt' gestolpert, ich selbst würde den Satz ein klein wenig umschreiben.
Beispielsweise so:

<<Wieder und wieder holte sie aus hämmerte ihren Schädel gegen das Konstrukt aus Beton.<<


<<Schließlich sollte ich meine Mitpatienten in Ruhe lassen… gähn.<<

- Hier stört es mich ein wenig, dass nur ein läppisches 'gähn' von der Protagonistin kommt. Ich meine, du schreibst aus der Ich – Perspektive und kannst ruhig ein bisschen mehr Gefühl mit einbauen. Das ist natürlich nur meine eigene Sicht der Dinge.
Ich selbst würde es z.B. so beschreiben:

<<Schließlich sollte ich meine Mitpatienten in Ruhe lassen...gähn...es war doch immer wieder die gleiche Leier. Stets wurde einem immer wieder dasselbe eingetrichtert bis es einem fast aus den Ohren herauskam. Wirklich, hätte mich, um ein Uhr Nachts, eine der Aufseherinnen aus dem Bett geschmissen, hätte ich ihr die Hausregeln wohl im Schlaf aufsagen können. <<


<<Endlich bemerkte eine Krankenschwester, dass es ein Kopf war, der hier auf Beton schlug.<<

- Bei dem Satz habe ich mich gefragt warum die Krankenschwester es erst nach sechs Minuten gemerkt hat. Ich meine, es nicht unbedingt leise wenn jemand, mit voller Kraft, seinen Kopf gegen eine Betonwand donnert.


<<Seufzend stand ich auf. Hier gab es nichts Spannendes. Gut, es war nicht so, als ob es hier jemals spannend wurde.<<

- Meiner Meinung nach ist es schon ziemlich aufregend wenn dort eine Frau ist, die sich seit geschlagenen sechs Minuten den Kopf zu Mus haut. Natürlich kann es sein das es für die Protagonistin nicht mehr spannend ist, weil sie einfach schlimmeres gewöhnt ist. Der Leser ist das allerdings noch nicht, vielleicht könntest du deshalb so etwas miteinbringen:

<<Seufzend stand ich auf. Hier gab es nichts Spannendes zu sehen. Gut, es war nicht so, als wäre die Szene eben für den Normalsterblichen 0815 Mensch nicht aufregend gewesen, aber ich war einfach schon schlimmere Dinge gewöhnt.<<


<<Auf dem Weg zu meinem Zimmer unterdrückte ich ein Gähnen. Mir entgingen die Blicke der Aufseherinnen nicht; sie beobachten, ob ich vielleicht wahnsinnig werden würde oder versuchte, jemanden, oder, noch beliebter, mich selbst umzubringen.<<

- Diesen Satz bzw. diesen Absatz fand ich wirklich extrem schwer zu verstehen. Ich glaube ich musste zwei, drei Mal darüberlesen bis die Botschaft vollständig angekommen ist. Vielleicht könntest du ihn ein wenig vereinfachen:)

z.B. so:

<<Auf dem Weg zu meinem Zimmer unterdrückte ich ein Gähnen. Mir entgingen die Blicke der Aufseherinnen dabei nicht. Sie hatten stets ein wachsames Auge auf alles und jeden, versuchten mit ihrem bloßen Blick herauszuspitzeln wer das nächste Opfer des Wahnsinns sein würde, oder wer – ebenfalls beliebt – den Stimmen im Kopf nachgeben würde um entweder sich selbst oder jemanden anderen umzubringen. <<


<<Der Rest der Welt lief ohne mich weiter.<<

- Diese Aussage passt, finde ich, irgendwie nicht so ganz zum restlichen Text.
Meiner Meinung nach würde es damit: <<Die Welt drehte sich auch ohne mich weiterhin um die eigene Achse.<<


<< Das Zimmer hätte genauso gut unbewohnt sein können, so entblößt sah es aus<<

- Ich frage mich jetzt schon bestimmt fünf Minuten wie denn ein 'entblößtes' Zimmer aussieht :D
Ich würde das 'entblößt' eventuell durch 'nackt' ersetzen.
Bei entblößt entsteht kein Bild vor meinem inneren Auge, ich frage mich lediglich wie es wohl aussehen könnte.
Würde da aber 'nackt' stehen habe ich eine kahle, entweder schmutziggraue oder mit kaputten Tapeten versehene Wand vor meinen Augen. Ein dunkler Boden, ähnlich den Böden in Krankenhäusern, und nur die nötigste Einrichtung. Vielleicht ein Bett, Gitterrost aus Stahl mit einer verranzten Matratze und eine Kommode auf der zentimeterdick der Staub steht. Dazu ein Geruch nach Desinfektionsmittel und verkochtem Blumenkohl.
Ich finde, hier hättest du eine gute Chance um etwas Atmosphäre aufzubauen.
Vielleicht so:

<<Das Zimmer hätte genauso gut unbewohnt sein können, so nackt sah es aus. Die Wand war schmutziggrau und unsauber verputzt. An manchen Stellen hingen noch vereinzelte Tapetenfetzen, die auch schon bessere Tage gesehen hatten. Der Boden war dunkel, damit man Flecken darauf nicht so schnell sah. Außerdem quietschte er unter den nackten Füßen, was mich vermuten ließ, dass er aus einem gummiartigen Material bestand. Die Einrichtung umfasste ebenfalls nur das nötigste. In der hinteren Ecke, kurz unter dem Fenster mit dem Milchglas, stand, ganz dicht an der Wand, mein Bett. Es war hart und unbequem, die Matratze müffelte nach Staub und altem Parfüm. Neben der Türe stand meine Kommode, in der ich meine Kleidung aufbewahrte. Andere Insassen hatten Bilder von Familienmitgliedern auf ihnen stehen, bei mir sammelte sich stattdessen nur fröhlich Staub an. <<
Das ist natürlich alles nur mein persönlicher Geschmack und wie ich mir das Zimmer eben anhand deines restlichen Textes so vorstelle. :)


<<Ich war nämlich „verrückt“. Verrückt mit Anführungszeichen, weil alle glaubten, ich wäre verrückt, nur ich wusste, dass ich es nicht war, aber an manchen Tagen glaubte ich es selbst schon fast.<<

- Warum fühlt sie sich fast schon verrückt? Da hätte ich gerne eine Erklärung gehabt, wenn dass natürlich alles noch kommt – dann habe ich nichts gesagt! :D
So, könnte ich mir aber so eine Passage gut vorstellen:

<<Ich war nämlich „verrückt“. Verrückt mit Anführungszeichen, weil alle glaubten, ich wäre verrückt, nur ich wusste, dass es nicht war, aber an manchen Tagen glaube ich es beinahe schon selbst. Das lag vorallem an der fast vollkommenen Isolation hier. Ich hatte einfach viel zu viel Zeit um nachzudenken und weil es so still war schienen mich die Gedanken in meinem Kopf fast schon anzuschreien. „Verrückt! Verrückt!“ brüllten sie regelmäßig mit gehässigem Unterton, und „Man kommt nicht umsonst in die Psychiatrie.“<<


Den restlichen Text finde ich wirklich top!:)
Ich mag deine Erzählweise, auch wenn du die Gefühlswelt deiner Protagonistin ruhig noch ein wenig ausschweifender erzählen könntest.

Die Idee mit dem Reaper – bzw. dem 'Tod' der Menschen in einer Psychiatrie holt finde ich klasse. Außerdem wirft sein Auftritt viele Fragen auf.
Ist er ein 'lieber'?
Ist er 'böse'?
Bringt er die Patienten dazu Selbstmord zu betreiben oder 'holt' er sie nur ab?
Warum kann nur sie ihn sehen?
Warum nickt er ihr zu?
Außerdem finde ich es gut, dass du sein Aussehen noch nicht allzu sehr beschrieben hast, da bleibt viel Raum für die eigene Fantasie.

Alles in allem mag ich es wirklich sehr und bin gespannt ob & wie es denn weitergeht!:)

LG:)
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Re: [UrFan] Reaper (1/x)

Beitragvon Bella98 » 07.10.2015, 15:47

Hallo ihr beiden und vielen Dank für eure Kommentare!
Ich habe einen Teil eurer Vorschläge übernommen bzw. den Text noch einmal etwas überarbeitet und werde gleich oben eine zweite Version einstellen.

@ Asieral
Asieral hat geschrieben:6 Minuten den Kopf gegen die Wand hauen.. überlebt man das?^^

Ehrlich gesagt? Keine Ahnung. Ich muss zugeben, ich lebe meistens danach: was der Autor schreibt, ist "Wirklichkeit". Ich bin keine Ärztin, aber ich kann mir vorstellen, dass man sechs Minuten durchaus überleben könnte. Ich habe ja weder die Frequenz der Schläge noch die Wucht beschrieben; habe die Zahl trotzdem auf drei Minuten herunter geschraubt :)

Asieral hat geschrieben:Wenn die Protagonistin nicht selbst eingreifen möchte, aber dennoch gerne helfen würde, wieso ruft sie nicht eine der Krankenschwestern?

Eine sehr gute Frage. So gut, dass sie mich ungelogen tagelang beschäftigt hat :D Immerhin weiß ich jetzt mehr über meine Protagonistin und kann dir auch eine Antwort geben: sie hätte durchaus eingegriffen, wäre dieser SVV-Versuch nicht bemerkt geworden. Meine Protagonistin interessiert sich jedoch nicht sehr für die Patientin, sie würde lediglich ihren Tod vermeiden wollen. Hätte sie also bemerkt, dass es der Frau schlechter ginge bzw. drastisch schlecht, hätte sie letztendlich doch noch eingegriffen.

Asieral hat geschrieben:Ist das Wort "übel" etwas, was durch den Sprachgebrauch der Protagonistin, diese charakterisieren soll? Wenn nicht, würde ich eventuell empfehlen, ein anderes Wort zu suchen, da "übel" einen teilweise nicht ganz so "ernsthaften" Klang hat.

Genau das ist es. So drückt sich meine Protagonistin aus.

Asieral hat geschrieben:Allgemein wirft das Geschilderte aber auch dem Leser einige Fragen auf (was ich jetzt positiv meine^^) Zumindest würde es mich interessieren, was es mit dem Ganzen auf sich hat.

Super, genau das sollte der Text auch erreichen :2thumbs: Vielen Dank für dein Kommentar!

@ Winchest
Erst mal vielen Dank für die ganzen Komplimente! <3 Und auch danke für dein tolles Kommentar und die Mühe dahinter, es hat mir gewiss ein paar Anregungen gegeben!

Winchest hat geschrieben:- Warum fühlt sie sich fast schon verrückt? Da hätte ich gerne eine Erklärung gehabt, wenn dass natürlich alles noch kommt – dann habe ich nichts gesagt!

Ich hab's zwar in der überarbeiteten Version kurz erläutert, möchte dir aber gerne eine ausführlichere Antwort geben :) Meine Protagonistin ist seit einem guten Jahr in der Psychiatrie und sie glaubt, dass sie dort nicht hingehört. Sie wäre allerdings nicht dort, wenn andere dasselbe glauben würden - ihr wird also gesagt, dass sie aus Grund XY (der ja eigentlich ziemlich klar ist) in der Geschlossenen ist. Und, noch wichtiger, das ihr Verhalten widernatürlich/krank/gestört ist. Deshalb kämpft sie ziemlich dagegen an. Sie selbst klammert sich an die Überzeugung fest, nicht verrückt zu sein, aber manchmal fragt sie sich schon, ob nicht SIE im Unrecht ist.

Winchest hat geschrieben:Ich mag deine Erzählweise, auch wenn du die Gefühlswelt deiner Protagonistin ruhig noch ein wenig ausschweifender erzählen könntest.

Tolle Beobachtung! :) Aber: das ist gewollt! (Ja, das kann jetzt jeder sagen :D)
Meine Protagonistin hatte eine ziemlich blöde Vergangenheit + die Tatsache, dass sie in der Geschlossenen ist und vermutlich keinen Ausweg findet, zermürbt sie zusätzlich. Sie KANN fühlen, aber sie hat einen Großteil der Gefühle aufgegeben. Einfach aus dem Grund, weil sie a) weiß, dass es ihr nichts nützt und b) sich selbst schützen will. Alles gewollt/geplant also. Im besten Fall kommt Jules auch noch aus sich heraus, irgendwann :)

Winchest hat geschrieben:Die Idee mit dem Reaper – bzw. dem 'Tod' der Menschen in einer Psychiatrie holt finde ich klasse. Außerdem wirft sein Auftritt viele Fragen auf.
Ist er ein 'lieber'?
Ist er 'böse'?
Bringt er die Patienten dazu Selbstmord zu betreiben oder 'holt' er sie nur ab?
Warum kann nur sie ihn sehen?
Warum nickt er ihr zu?
Außerdem finde ich es gut, dass du sein Aussehen noch nicht allzu sehr beschrieben hast, da bleibt viel Raum für die eigene Fantasie.

Klasse, klasse, klasse! :2thumbsup: Vielen, vielen Dank! Genau das ist der Punkt :) Ich wollte erreichen, dass der Leser Fragen (und idealerweise den Anreiz hat, weiterzulesen) hat, und das scheint funktioniert zu haben.

Viele liebe Grüße, Bella
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Re: [UrFan] Reaper (1/x)

Beitragvon FrozenBambi » 08.10.2015, 12:10

Dann will ich doch mal deine Bearbeitung einer kritischen Überprüfung unterziehen.

Gleich vorab, ich habe die Kritiken nicht (!) gelesen und werde dies erst später tun, damit du siehst, ob ich eventuell noch etwas zu kritisieren habe, was du a) nicht verbessert b) verschlimmbessert hast *g*



„Du hast heute nur noch eine Stunde Zimmerzeit“, erinnerte mich eine Frau, kaum älter als ich, als ich gerade eintreten wollte.


Diese Doppelung klingt, wenngleich grammatisch korrekt, doch gruselig. Alternativ: "eine Frau in meinem Alter, als ich ..."


„Danke für die Erinnerung“, erwiderte ich automatisch, meine Stimme rau wie Schleifpapier.


Ich denke nicht, dass jemand, der seine Stimme schon sein Leben lang kennt, in Gedanken betont, wie seine Stimme klingt. Ausnahme wäre:
a) es ist Teil ihrer Krankheit
b) sie ist erkältet und evtl. überrascht über den Klang (dieses sollte dann aber auch angemerkt werden)


Seit fast einem Jahr befand ich mich nun in der geschlossenen Psychiatrie, und das Schlimmste daran war, dass ich dem Ende dieses Aufenthalts nicht einem Schritt näher gekommen war.


Dieses hier sollte verdammt (!) gut recherchiert sein. In Österreich bspw. gibt es nur noch eine einzige mir bekannte tatsächlich wirklich (!) geschlossene Psychatrie. Und die Plätze sind sehr begrenzt. Ein Mensch, der noch so reflektiert ist, wäre da auf keinen Fall untergebracht.


Ich war nämlich „verrückt“. Verrückt mit Anführungszeichen, weil alle glaubten, ich wäre verrückt, nur ich wusste, dass ich es nicht war, aber an manchen Tagen glaubte ich es selbst schon fast. Wenn man nur sich selbst hatte, dann fiel es schwer, nicht dem Glauben zu schenken, was andere sagten.


Das hier musst du auch gut argumentieren. Unter verrückt entnehme ich mal eine psychotische Persönlichkeitsstörung. Nachdem die Frau aber darüber nachdenken kann, muss sie gut medikamentiert sein. Somit wäre es unwahrscheinlich, dass sie längerfristig auf der Psychatrie bleibt - viel eher betreutes Wohnen oder ähnlich.

Sollte es sich bei der Person nicht um eine Person handeln, die o.g. Krankheitsbild hat, sondern eher eine dissoziale o.ä. Persönlichkeit, dann wird da auch i.d.R. kein dauerhafer Psychatrieaufenthalt gemacht.

Was zu dem psychotischen Krankheitsbild noch zu sagen ist: Wenn sie bspw. Wahnvorstellungen etc. hat und in diesem psychotischen Schub gerade ist, dann ist es ihr nicht möglich, darüber zu reflektieren, dass sie verrückt ist, da ihre Wahrnehmung derartig verschoben ist, dass Wahnvorstellungen als unleugbare Realität wahrgenommen werden.

schließlich gab es in meinem Zimmer Überwachungskameras


Ich mag mich irren, aber in einer Einrichtung, wo die Patientin die Möglichkeit (nur halt nicht die Erlaubnis) hat, ihr Zimmer selbstständig zu verlassen, wären Überwachungskameras doch ein Eingriff in die Menschenrechte und so? War noch nie selber auf einer Psychatrie. Sollte es eine Wahnvorstellung sein, dass sie glaubt, sie werde überwacht, dann betone ich noch einmal dieses hier:

Was zu dem psychotischen Krankheitsbild noch zu sagen ist: Wenn sie bspw. Wahnvorstellungen etc. hat und in diesem psychotischen Schub gerade ist, dann ist es ihr nicht möglich, darüber zu reflektieren, dass sie verrückt ist, da ihre Wahrnehmung derartig verschoben ist, dass Wahnvorstellungen als unleugbare Realität wahrgenommen werden.


Ein paar vereinzelte Tabletten lagen neben der Dose, grünliche, kleine, große, Kapseln – wie auch immer die Patientin es angestellt hatte, sie hatte es gründlich getan.


Ich würde mich für eins der Wörter entscheiden und das andere streichen.

Und noch dazu die Pulsadern, der Länge nach aufgeschnitten.


Och büdde auf ner geschlossenen Klappse kommen die niemals an einen Gegenstand ran, mit dem sie sich die Pulsadern aufschneiden können. Davon abgesehen sind solche Extremfälle dort derartig sediert, dass solche Aktionen sehr unwahrscheinlich sind. Auch das sie sich x-Medikamente reinhauen ist nahezu unmöglich. Wenn da wer auszuckt und einem Betreuer o.ä. versucht, Medikamente abzuluchsen, dann sind auf der Stelle x-Betreuer da und fixieren sie am Boden.


Fazit:

Also rein stilistisch ist die Geschichte gut geschrieben, da hab ich ja kaum was finden können.

Fraglich finde ich den Realitätsfaktor. Betrachtet man rein die Protagonistin und lässt alles andere aus, haben wir zwei Möglichkeiten, die beide unmöglich sein sollten:

a) Sie ist eine Psychopatin und innerhalb eines psychotischen Schubs, was seltsam ist, nachdem sie schon länger hier zu sein scheint und ergo medikamentiert sein sollte. Ungeachtet dieses Aspekts passt ihre reflektierte Art dann nicht zu ihrer Krankheit.
Hierzu empfehle ich das Studium von Texten Shizophreniekranker, die aufgrund der Medikation halbwegs wieder in ein normales Leben fanden. Diese Erfahrungsberichte sind sehr aufschlussreich.

b) Sie hat eine Störung im Sinne fehlender Affektkontrolle o.ä. und hat Aggressionen, Depressionen whatever - dann hat sie längerfristig nichts in der geschlossenen Psychatrie verloren. Derartiges Klientel wird anderwärtig betreut.

Aber evtl. übersehe ich eine Möglichkeit c), die der Text in seinem Verlauf noch preisgibt. ;)

Sodale ... joar kann dir nur sehr viel Recherche empfehlen, außer du siedelst es wirklich stärker im Fantasy denn im "Urban" Bereich an. Sonst läufst du Gefahr, dass der ein oder andere Leser das Buch harsch in die Kritik nimmt, wenn ihm da Unstimmigkeiten auffallen. :mrgreen:

LG

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Re: [UrFan] Reaper (1/x)

Beitragvon Bella98 » 08.10.2015, 19:30

Hallo Bambi, danke auch für deinen Kommentar :)
FrozenBambi hat geschrieben:Ich denke nicht, dass jemand, der seine Stimme schon sein Leben lang kennt, in Gedanken betont, wie seine Stimme klingt.

Sie IST ja überrascht. Wie meines Erachtens wenig später erwähnt wird, redet sie wenig/nicht oft. Klar kennt sie den Klang ihrer eigenen Stimme, doch in diesem Moment hätte sie nicht damit gerechnet, dass sie so heiser ist (hat man ja mal, wenn man eine Weile lang still ist).

FrozenBambi hat geschrieben:Also rein stilistisch ist die Geschichte gut geschrieben, da hab ich ja kaum was finden können.

Vielen Dank :dasheye:

Sooo und jetzt zu dem Hauptpunkt deiner Kritik: danke für deine Reflexion! Ehrlich gesagt hätte das aus meiner Sicht nie so befremdlich gewirkt, ich bin ja schließlich auch selber die Verfasserin. Ich habe mir keine klaren Grenzen gesetzt, wo meine Geschichte spielt und vor allem WANN, aber ich kann sowohl Deutschland als auch Nachbarländer als Handlungsort ausschließen. England wäre eine Option für mich, doch ich spiele auch mit dem Gedanken, den Handlungsort einfach nicht näher zu definieren (da er nicht relevant ist).
Dann habe ich auch eher an die 80er, 90er Jahre gedacht, vielleicht noch um das Jahr 2000 herum.
Allerdings muss ich dir völlig dabei rechtgeben, dass die Bezeichnung "Geschlossene" unpassend ist. Ich werde diesen Punkt ganz sicher ändern, vielleicht ist in Anbetracht dessen der Rest nicht ganz so unrealistisch. Ich denke daher auch, dass die Frau, wenn sie "nur" in einer "normalen" Psychiatrie ist, auf irgendeine Art und Weise an die Klinge hätte kommen können.
Besonders etwas später im Text wird dieser Punkt erneut relevant, da meine Protagonistin "Ausgang" bekommen wird. Daher passt das jetzt alles besser.
Vielen Dank! :flowers:
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Re: [UrFan] Reaper (1/x)

Beitragvon Samis » 08.10.2015, 22:58

Hallo Bella,
anbei meine Gedanken zu deinem Text.



Ich hatte ihr eine Weile dabei zugesehen; um genau zu sein, zwei Minuten.

Ich persönlich – halt, nein! Persönlich finde ich es unschön, einen Satz mit ich zu beginne.

Eine Weile hatte ich ihr dabei zugesehen; um genau zu sein, zwei Minuten.



Keine der Aufseherinnen drehte sich um, um nach ihr zu sehen.

... um, um ... finde ich unschön. Zudem ist es unschlüssig, da du im Folgenden schreibst, dass die Hauptfigur nonstop beobachtet wird.

Keine der Aufseherinnen nahm von ihr Notiz.



Ich war jedoch etwas besorgt angesichts der Tatsache, dass die Frau ihr selbstverletzendes Verhalten mittlerweile schon drei Minuten lang betrieb.

Auch hier würde ich das `ich´ nach hinten verfrachten.

Angesichts der Tatsache, dass die Frau ihr selbstverletzendes (selbstzerstörerisches) Verhalten mittlerweile nun schon drei Minuten lang betrieb, war ich doch etwas besorgt.



Ich hatte einen Moment lang überlegt, ob ich nicht eingreifen sollte. Doch ich wusste, was folgen würde; mehr Geschrei, mehr Schmerzen.


Ein letztes Mal noch, entschuldige, ich kann nicht anders. :D

Einen Moment lang hatte ich überlegt, ob ich eingreifen sollte. Aber was folgen würde, wusste ich nur zu gut: mehr Geschrei, mehr Schmerzen.



Nicht zu vergessen, dass ich hinterher die Schuldige wäre. Schließlich sollte ich meine Mitpatienten in Ruhe lassen… diese ganzen Verhaltensregeln konnte ich in Sekundenschnelle herunterbeten, so oft hatte ich sie schon gehört.

... all die (vielen) Verhaltensregeln ... fände ich hier schöner.



Endlich bemerkte eine Krankenschwester, dass es ein Kopf war, der hier auf Beton schlug.

Endlich kapierte eine der Krankenschwestern, dass es ein Kopf war, der gegen Beton schlug.

Kapieren anstatt bemerken würde das `endlich´ noch betonen.



Sie eilte hastig zu der Frau und kniete sich neben ihr nieder, eine Hand auf den Hinterkopf der Irren, die andere auf dem Knie. Sie redete leise auf die Frau ein.


Auch andere persönliche Fürwörter würde ich zu Beginn eines Satzes vermeiden. Und meinem Empfinden nach gehören eher die beiden letzten Satzteile verbunden.

Hastig eilte sie zu der Frau und kniete bei ihr nieder. Eine Hand am Hinterkopf der Irren (vielleicht ein wenig zu heftig), die andere auf ihrem Knie; leise redete sie auf die Frau ein.

Zudem möchte ich anmerken, dass jemandem, dessen Schädel minutenlang unsanften Kontakt mit hartem Beton hatte, allein mit Worten wenig geholfen sein dürfte. Zumindest Verbandszeug wäre hier angebrachter.



Hier gab es nichts Spannendes – die Verrückten, die versuchten, sich selbst zu verletzen, und die, die mit den Stimmen in ihrem Kopf sprachen, wurden schnell zu einer verdrehten Normalität.
Demnach war es hier wenig reizvoll.


Weiß es nicht recht zu erklären, aber diese Absatz bin ich besonders gestolpert. Eine andere Möglichkeit wäre Folgendes:

An diesem Ort gab es für mich kaum mehr etwas von Reiz. All die Verrückten, die sich unentwegt selbst zu verletzen versuchten, und auch jene, deren einzige Gesprächspartner die Stimmen in ihren Köpfen waren, wurden mir rasch zu einer Art verdrehter Normalität.



Ich hatte nicht vor, das zu tun.

Verdammt! Hier passt das `ich´ hervorragend am Satzanfang, bzw., wäre es schwer, es dort wegzubekommen. :shock: :D



„Du hast heute nur noch eine Stunde Zimmerzeit“, erinnerte mich eine Frau, kaum älter als ich, als ich gerade eintreten wollte.

Eine Möglichkeit, das unschöne ... als ich, als ich ... zu vermeiden:

Als ich eintreten wollte, erinnerte mich eine Frau, die kaum älter als ich selbst war ...



Manchmal vergingen Tage, ohne dass ich auch nur ein Wort sagte. Ich war hier. Der Rest der Welt lief ohne mich weiter. Was gab es da schon zu sagen?

Das gefällt mir sehr! Eine sehr gelungene Formulierung, die Trostlosigkeit ihre Situation zu beschreiben.



Ich setzte mich auf mein Bett und starrte die nackte Wand gegenüber an. Das Zimmer hätte genauso gut unbewohnt sein können, so wenig hatte es sich seit meinem Einzug verändert.

Habe ich schon erwähnt, dass ich ein Freund von Vereinfachung bin?

Ich setzte mich auf mein Bett und starrte die nackte Wand an. Das Zimmer hätte genauso gut unbewohnt sein können, so wenig hatte sich seit meinem Einzug verändert.



Die Wände waren grau, – nicht dass man sie nach seinen Gutdünken gestalten durfte – die Bettwäsche ausgebleicht und die Fenster hatten auch schon bessere Tage gesehen.

Hier solltest du im Konjunktiv schreiben:
– nicht dass man sie nach seinen Gutdünken hätte gestalten dürften –



Ich besaß kein persönliches Hab und Gut. Ich hatte nie auch nur etwas in der Art gehabt.


Aus zwei mal ich ließe sich zumindest eines machen:

Ich besaß kein persönliches Hab und Gut, hatte nie viel in der Art besessen.



Seit fast einem Jahr befand ich mich nun in der geschlossenen Psychiatrie, und das Schlimmste daran war, dass ich dem Ende dieses Aufenthalts nicht einem Schritt näher gekommen war.

Das klingt mir auch etwas unrund. Mein Vorschlag:

Seit fast einem Jahr schon befand ich mich in der (geschlossenen) Psychiatrie, und am schlimmsten war, dass ich dem Ende meines Aufenthalts nicht einem Schritt näher gekommen war.



Ich war nämlich „verrückt“. Verrückt mit Anführungszeichen, weil alle glaubten, ich wäre verrückt, nur ich wusste, dass ich es nicht war, aber an manchen Tagen glaubte ich es selbst schon fast. Wenn man nur sich selbst hatte, dann fiel es schwer, nicht dem Glauben zu schenken, was andere sagten.


Die Aussage dieses Absatzes gefällt mir gut. Verrückt jedoch in Anführungszeichen zu setzen und dann auch noch zu schreiben, dass die in Anführungszeichen stehen, ist etwas zu viel.

Ich war verrückt. „Verrückt“, weil alle glaubten, dass ich es wäre. Denn allein ich wusste, dass ich es nicht war. Dennoch glaubte ich an manchen Tagen selbst, dass es stimmte. Hat man nur sich selbst, fällt es auf Dauer schwer, nicht dem Glauben zu schenken, was andere unentwegt sagten.



Das schwarze Cape verschwand gerade hinter dem Knick, den der Gang machte.

Das kling unschön. Mein Vorschlag:
Das schwarze Cape verschwand eben um die Ecke am Ende des Flures.



Ich war schon mit der Hand an der Türklinke, als ich innehielt. Ich wusste, was jetzt kommen würde, und ich wusste, dass es eine dumme Idee war, dem Mann in dem Cape zu folgen.

Meine Hand lag bereits auf der Türklinke ...
... dem Mann im (schwarzen) Cape zu folgen.



Die letzten Zeilen waren sehr spannend, darüber habe ich glatt das Herummäkeln vergessen. Glückwunsch! So muss das sein.



Der Mann hob den Kopf, sein Gesicht im Schatten, den seine Kapuze warf, verborgen.

Das funktionier vereinfacht besser.

Der Mann hob den Kopf, das Gesicht im Schatten der Kapuze verborgen.



Zurück blieb ich mit all den Pflegern, die den Tod der Patientin feststellten, und zahlreichen offenen Fragen.

Den Tod kann/darf, so glaube ich, nur ein Arzt feststellen. Aber diese Kleinigkeit vermag dein fulminantes Ende kaum zu schmälern.
Gute Geschichte mit richtig gutem Ende! Hier und da noch etwas nachbessern und schon hast du pures Lesevergnügen erschaffen.
Weiter so!

Beste Grüße,
Samis
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Re: [UrFan] Reaper (1/x)

Beitragvon Bella98 » 11.10.2015, 06:45

Hey Samis,
auch an dich vielen Dank für das tolle Kommentar! Besonders so "Kleinigkeiten" sind die Punkte, die letzten Endes das Lesen richtig flüssig machen. Deshalb freue ich besonders, wenn man mir die Möglichkeit gibt, an meinem Stil zu arbeiten. (Ich werde jetzt meine Texte besonders auf das "Ich" am Satzanfang Korrektur lesen; ich bin begeistert, was für einen Unterschied ein simpler, umgestellter Satz macht!)
Samis hat geschrieben:Gute Geschichte mit richtig gutem Ende! Hier und da noch etwas nachbessern und schon hast du pures Lesevergnügen erschaffen.
Weiter so!

Vielen lieben Dank! Deine Verbesserungsvorschläge haben mir sehr gut gefallen und auch wirklich geholfen (zumindest in meinen Augen; aber man sieht seine eigenen Werke ja immer mit einer rosa Brille :rosetintedglasses: ) :flowers:
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Re: [UrFan] Reaper (1/x)

Beitragvon Malia19 » 27.10.2015, 19:04

Hallo Bella :D

Nachdem du einen Kommentar bei mir abgelassen hattest, dachte ich, schaue ich auch mal bei dir vorbei :beckon:

Seit fast einem Jahr befand ich mich nun in der Psychiatrie, und das Schlimmste daran war, dass ich dem Ende dieses Aufenthalts nicht einem Schritt näher gekommen war.


...einen Schritt näher gekommen war.

Es war bisher immer so gewesen, dass sie noch lebten, wenn der Mann kam.


Wahrscheinlich ist das Geschmackssachen, aber hier würde ich eher 'als' anstatt 'wenn' verwenden.

Ein Frösteln überkam mich und ich wich zurück, ich stand ohnehin im Weg, die Ärzte eilten zu der Frau, die filmreif auf dem Boden lag, sie rannten dabei durch den Mann hindurch, als wäre er nichts als Luft.

Ich finde die länge des Satzes vollkommen okay und würde ihn an dieser Stelle auch nicht kürzen, aber wenn man eine kleine Konjunktion einfügt, lässt es sich (Meiner Meinung nach) noch etwas flüssiger lesen

Beispiel: Ein Frösteln überkam mich und ich wich zurück, ich stand ohnehin im Weg, denn die Ärzte eilten zu der Frau, die filmreif auf dem Boden lag und rannten dabei durch den Mann hindurch, als wäre er nichts als Luft.

Vielleicht wunderst du dich über die Kürze meiner Kritikpunkte, aber das liegt nicht an meiner Faulheit, sondern daran, dass ich keine weiteren gefunden habe. Das Ende, oder der ganze Text allgemein, ist sehr schön gestaltet und macht definitiv Lust auf mehr! Dein Schreibstil ist toll und ich bin mir sicher, das dieser Text genauso gut in einem veröffentlichtem Buch stehen könnte :D
Als ich den Titel sah, habe ich als erstes an etwas komplett anderes gedacht, als das es sich dann entpuppte. Aber meine Erwartungen wurden keinesfalls enttäuscht, ganz im Gegenteil!
Zum Schluss kann ich nur sagen, das ich mich auf weitere Werke von dir freue und gespannt bin, was als nächstes kommt und wie die Geschichte weiter geht.
Keep writing like this! :P
Alles Liebe,
Malia :cap:
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