Das Lawinen-Prinzip
Bis ich den Artikel las, hatte ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wieviele Ideen man braucht, um einen Roman zu schreiben. Ich dachte immer, gute Ideen seien doch wirklich das kleinste Problem, daß es beim Schreiben gibt.
Trotzdem habe ich den Artikel zum Anlaß genommen, einmal darüber nachzudenken, wie ich an meine Ideen komme. Und die Antwort ist absolut eindeutig: EINE Kernidee für einen Roman. Versucht man mehrere Ideen zu verknüpfen, führt das unweigerlich zu einem unentwirrbaren Knäuel. Nein, definitiv nur eine Kernidee!
Diese Kernidee ist in den meisten Fällen bereits eine vage Vorstellung von einer Figur, dem Protagonisten. Wenn nicht, dann ist der erste und wichtigste Schritt, die Idee in einen Charakter umzuformulieren. Dies kann oder besser sollte mit nur einem Satz passieren. Z.B. Ein alter Mann, der nach Jahrzehnten in sein Heimatdorf zurückkehrt. – Klingt ziemlich langweilig, oder? Aber das war der erste Schritt auf dem Weg zu meinem Roman.
Steht dieser grobe Umriß eines Protagonisten, beginnt erst die eigentliche Ideenentwicklung. Um diesen Charakter herum baue ich mir – wenn möglich sogar per Mind-mapping – ein Fragengerüst. Lauter W-Fragen. Wer? Was? Wann? Wieso? Warum? Woher? Wohin? Womit? … Entsprechend der Idee für den Protagonisten sollte man die Fragen natürlich präzisieren. Z.B. Wohin ging der Protagonist, als er in seiner Jungend sein Heimatdorf verließ? Warum ging er damals weg? Warum kommt er nun wieder? Was hat er in der Zwischenzeit gemacht? (Das sind konkrete Beispiele von den ersten Überlegungen zu meinem Roman.)
Auf jede dieser Fragen kann es mehrere Antworten geben. Jede dieser Antworten wirft wieder neue Fragen auf. Darauf gibt es wieder jeweils mehrere mögliche Antworten. Die führen zu neuen Fragen. usw. usw.
Wahrscheinlich hast Du schon gemerkt worauf ich hinaus will: Es gibt einen Lawineneffekt. Nach drei bis vier Runden hast Du bereits eine solche Fülle von Optionen, daß Du daraus locker fünf oder zehn Romane machen könntest, ohne irgendeine Idee zu wiederholen. Jetzt brauchst Du nur noch die Optionen durchzugehen und dir die Punkte rauszupicken, die Dir am besten gefallen oder am vielversprechensten erscheinen. Natürlich mußt Du dabei darauf achten, daß die Auswahl auch harmonisch zusammenpaßt. Aber sollte mal etwas nicht so gut passen, dann hast Du sofort einen riesigen Katalog an Alternativen.
Im Artikel heißt es: „Es gab insgesamt vier Charakteren und ein magischen Objekt, zumindest im Wesentlichen.
Das waren wenigstens die Teile die mir wirklich wichtig waren und die ich unbedingt behalten wollte.“
Die Schlußfolgerung daraus war, daß die Geschichte nur aus einer Idee bestand und diese eine Idee einfach nicht ausreichte.
Meine Analyse ist genau umgekehrt: Es gab zu viele Ideen. Bei vier Charakteren MUSS es mehr als nur eine Idee geben. Und vermutlich war das Problem eher, daß diese Ideen einfach nicht zueinander paßten. Reduzier die Idee auf EINEN Protagonisten und starte die Lawine. – Wenn die Lawine im Tal angekommen ist, wirst Du bis zum Lebensende genug Material haben.
Wenn Du es ausprobieren willst, wünsche ich viel Spaß. Aber paß auf, daß Du nicht unter die Lawine kommst.
von ©
Richard K.