[SciFi]Rohstoffmond 16 (Teil 1/3)

[SciFi]Rohstoffmond 16 (Teil 1/3)

Beitragvon Flemeth » 11.01.2015, 20:29

Hallo,
Diese Kurzgeschichte hab ich vor einer Weile geschrieben, damals unter dem Eindruck von Solschenizyns Buch über das Leben im Gulag. Sie ist leider nicht recht ausgefeilt, aber vielleicht macht es trotzdem Spaß sie zu lesen.
:)

22.09.
Ich kann nicht glauben, dass ich endlich ein Stück Papier gefunden habe. Wie lange hatte ich danach gesucht, wie oft hatte ich die Suche wieder aufgegeben. Schreibwerkzeuge gibt es hier genug. Der Dübel etwa, der schöne, stabile Dübel, der vor ein paar Wochen auf der Schwelle zur Essbaracke lag. Für die Stoßer ist es nur ein herkömmlicher Dübel, für mich aber ist es die beste Schreibfeder, die ich mir an einem Ort wie diesen wünschen kann. Ich habe ihn mit einem Metallteil angespitzt und nun, während ich schreibe, krümmen sich meine wunden, zittrigen Finger darum, wie um ein heilbringendes Amulett. Und auch Farben gibt es, obwohl unsere Augen diese nicht mehr als solche wahrnehmen. Ausgeflossenes Schmieröl, feuchter Schmutz, Rost, Blut. Farben des Elends und des Leides, aber dennoch Farben. Doch Papier … Es war ein Tagtraum, einer der wahr wurde. Gestern Nacht hab ich es gefunden, doch erst heute bringe ich den Mut auf, zu schreiben. Es lag in der Ecke des Waschcontainers, neben den von Exkrementen verdreckten Aborten. Der Picker, der mich überwachen sollte, nahm es gar nicht wahr, aber für mich hat es geleuchtet wie ein heiliger Gegenstand, wie die Wunderlampe in diesem alten, irdischen Märchen. Einige Bögen weichen, nachgiebigen Papiers, mit einer Farbe irgendwo zwischen gelb und grau und im Moment noch viel zu feucht um ordentlich darauf zu schreiben, die Farbe verrinnt, sobald ich sie auf das Papier auftrage. Aber ich schweife ab, denn ich schreibe von offensichtlichen und unwesentlichen Dingen. Ich muss sparsam sein, es sind wenige Bögen Papier, so wenige, aber es tut gut einfach nur zu schreiben, was mir durch den Kopf geht. Doch dies soll weder das sinnlose Gekritzel eines alten Häftlings werden, noch ein akribischer Bericht davon, was wir hier tagtäglich durchmachen. Ich will diese schrecklichen Dinge nicht auf dem Papier Revue passieren lassen. Nein, ich will Gedichte schreiben, und ein paar kleine Anekdoten. Schließlich bin ich Dichter, Geschichtenerzähler, selbst hier auf dem Rohstoffmond 16F. Ich werde morgen weiterschreiben, oder den Tag darauf, oder wann immer mich die Muse wieder küssen wird.

25.09.
Die Inspiration kommt und kommt nicht, jetzt, da ich die Mittel hätte, sie zu Papier zu bringen. Ach ja, die Ironie, Spiel und Zeitvertreib der höheren Mächte.

26.09.
Es ist Nacht, es wird immer Nacht sein, wenn ich schreibe. Ich werde nie schreiben, wenn das Tageslicht mein Papier erhellt und dieser Gedanke beklemmt mich. Der Mann in dem Bett über mir murmelt seine Gebete, wie immer um diese Zeit. Er und ich, sind immer die letzten, die einschlafen. Seine Sägemehlmatratze hat ein Loch und jedes Mal, wenn er sich bekreuzigt rieseln Sägespäne auf mich herab und erinnert mich daran, dass es bald zu schneien beginnen wird. Sein unbändiger Glaube an Gott fasziniert mich. Götter sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt, hat einst einer meiner Vorfahren gesagt. Der Mann in der löchrigen Matratze hält also für uns alle Gott am Leben, wir sollten ihm danken.

28.09.
Die Muse war noch nicht da, die Gedichte müssen warten, stattdessen will ich von einem jungen Mann aus meiner Brigade berichten. O‘Hara ist sein Name und er war mir von Beginn an ein guter Freund. Einer, der einem die Hand reicht, wenn man im Dreck ausrutscht und sein letztes Stück Brot mit einem teilt. Ein guter Kamerad, eine edle Seele. Ja, er könnte beinahe mein Sohn sein, zwar nur im Geiste, denn er sieht mir hässlichem Kerl kein bisschen ähnlich, aber was zählen schon Dinge wie Blutsverwandtschaft, hier, auf diesem gottlosen Himmelskörper. Ich würde nie offen mit ihm darüber sprechen, er würde mich belächeln – ja, er hat das Lächeln noch nicht verlernt – und ich denke, man muss nicht alles aussprechen, zwischen zwei verwandten Seelen.

Aber ich muss anmerken, dass ich mich in einer Hinsicht in ihm getäuscht habe: Ich hielt ihn für vernünftig und rational. Zu Beginn wirkte er wie jemand, der das alles mit gespielter Nonchalance über sich ergehen lässt, mit der einen Hand die Sklavenarbeit erledigt, mit der anderen einen Witz an die Wand kritzelt und dabei, die Tage bis zum Kriegsende zählt.

Doch wie sich bald herausstellte handelt er zuweilen gedankenlos und impulsiv. Wäre ich sein richtiger Vater, hätte ich diesen Charakterzug vielleicht eher bemerkt. Nun ist er dabei sein eigenes Grab zu schaufeln, und ich weiß nicht, ob es für mich schon zu spät ist, ihm die Schaufel aus der Hand zu schlagen und ihn an den Schultern zu packen und zu schütteln. Seit kurzem spricht er von Flucht, nichts anderem als Flucht. In den ersten Morgenstunden beginnt er damit, und nachts, im Schlafcontainer, versucht er die anderen von seinen Plänen zu überzeugen – mit einer Besessenheit in seiner wispernden Stimme, die mir Angst macht. Sein Fluchtplan zeugt von Einfallsreichtum und einem aufgeweckten Geist, und ich habe ihn mir, auch wenn ich es bereits bereue, in jeder Einzelheit von ihm erklären lassen. Nicht weil ich daran denke, mich ihm anzuschließen. Nein, weil es ihm eine solche Freude macht, davon zu erzählen, weil seine Augen dabei leuchten, wie die der Kinder am galenischen Unabhängigkeitstag, wenn sie die Feuerwerke und bunten Fahnen bestaunen. Auch jetzt höre ich ihn wieder flüstern, seine Pläne vor den anderen ausbreiten, die seinen Worten halb fasziniert, halb abgestoßen lauschen. Früher oder später wird ihn jemand verraten, Roxin oder diese falsche Schlange Casey. Wenn ich ihn doch nur

29.09
Ich hab diesen verschmierten Lappen Papier und diesen Holzstück unter Lorraines Kopfkissen gefunden. Keine Ahnung, was ich damit anfangen soll, aber Lorraine hat da sowas wie seine Gedanken raufgekritzelt, obwohl ich das meiste nicht lesen kann. Und ich dachte, er als Dichterling, hätte eine schönere Handschrift. Muss daran liegen, dass er mit einem Stück Holz geschrieben hat, der arme Kerl. Gestern Nacht kamen Sie und rissen einige von uns - „Die Verschwörer“ - aus den Betten. Casey haben sie mitgenommen, und Adler, Brulles und Mondeza oder Mendoza oder wie dieser Knabe heißt. O’Hara, diesen Spinner, dem wir das alles zu verdanken haben, haben sie sich zualler erst geschnappt. Als sie den Burschen die Decke wegzogen und aus dem Bett zerrten, sprang Lorraine auf und ließ sich ebenfalls mitnehmen, ganz bereitwillig. Das war ein Riesenwirbel und jetzt stehen wieder einige Betten leer. Später kam Adler zurück und kroch wortlos in sein Bett. Wir anderen fragten ihn natürlich was passiert war, aber er äußerte sich kaum. Brulles und Mendoza seien verlegt worden ins Sonderlager, die armen Schweine. Was mit Casey passiert ist, wisse er nicht. Und Lorraine?, fragten wir, denn wir alle mochten ihn – der alte Dichterling war gut für die Moral und seine Geschichten hielten uns alle irgendwie zusammen. Er schwieg eine Weile und flüsterte dann, dass er alles auf sich genommen habe, den ganzen Verschwörungsscheiß, den ganzen verdammten Fluchtplan. Und, dass die Picker ihn an Ort und Stelle erschossen haben, seine Brust zerlöchert und Adler und O’Hara rausgeschickt wurden, um ihn in die Faulgrube zu werfen. Dann schwieg er wieder.
Zuletzt geändert von Flemeth am 25.02.2015, 18:55, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Rohstoffmond 16 (Teil 1/3)

Beitragvon LonesomeCowboy » 12.01.2015, 23:00

Hallo :)

Ich werde mal ein bisschen "ausfeilen" wenn ich darf. Bitte vorher zu Kenntnis nehmen dass das völlig konstruktiv ist, ich selbst mir bei allem nicht sicher bin und das meine persönliche Erkenntnis ist, bzw. Wie ich es eben machen würde.

Der Dübel etwa, der schöne, stabile Dübel, der vor ein paar Wochen auf der Schwelle zur Essbaracke lag.


Der Dübel etwa. Der schöne, stabile Dübel...

Finde da passt ein Punkt besser als das komma, das betont die wichtigkeit des Dübels bevor er beschrieben wird.

Farben des Elends und des Leides, aber dennoch Farben. Doch Papier … Es war ein Tagtraum, einer der wahr wurde.


anstatt Doch vielleicht Aber, finde das klingt ein wenig besser.

Und eventuell Es war die erfüllung eines [lange vergessenen / ewigen / füge hier ein passendes Adjektiv ein] Tagtraums
So wie du es geschrieben hastklingt es in meinen Ohren ein wenig "plump" :P.

Einige Bögen weichen, nachgiebigen Papiers


weicheM und nachgiebigeM (wenn ich mich nicht irre, bin mir selbst nicht so ganz sicher im Moment :D)

im Moment noch viel zu feucht um ordentlich darauf zu schreiben, die Farbe verrinnt, sobald ich sie auf das Papier auftrage.


auch hier würde ich nach schreiben einen Punkt setzen

Und da liegt die logik ein wenig quer, denn wenn ich es richtig verstehe dann schreibt er ja momentan auf das Papier, auf das er nicht ordentlich drauf schreiben kann? Wie kann man es dann ordentlich lesen :D überdenk es nochmal ob du nicht vielleicht eine andere Formulierung nimmst.

Ich muss sparsam sein, es sind wenige Bögen Papier, so wenige, aber es tut so gut einfach nur zu schreiben, was mir durch den Kopf geht.


nach Ich muss sparsam sein eventuell ein Punkt, noch besser passt es wenn du ein "Aber" davor setzt. Und ich würde das so bei es tut so gut streichen, du hast das davor schon und dann klingt es komisch.

Die Inspiration kommt und kommt nicht, jetzt, da ich die Mittel hätte


eventuell nach kommt nicht einen Punkt.

wenn er sich bekreuzigt rieselt Sägespäne


sagt man nicht rieseln Sägespäne ?

Ja, er könnte beinahe mein Sohn sein, zwar nur im Geiste, denn er sieht mir hässlichen Kerl kein bisschen ähnlich


allerdings anstatt zwar fände ich besser zu lesen irgendwie und dann würde es sogar noch besser passen wenn du nach Geiste den Satz beendest und mit Er sieht mir einen neuen anfängst. Oh und HässlicheM bitte :)

Und ich bin mir nicht sicher ob das Komma nach dem "hier" im selben Satz richtig steht, glaube das muss weg.

Ich würde nie offen mit ihm darüber sprechen, er würde mich belächeln


Gut, wenn der [Reim] (naja sprechen - belächeln ist vielleicht nicht ein wirklicher reim, aber es klingt ähnlich) gewollt ist, schließlich ist die Hauptperson ja Dichter, allerdings klingt es auf der anderen Seite ein wenig unpassend.

ja, er hat das Lächeln noch nicht verlernt – und ich denke, man muss nicht alles aussprechen, zwischen zwei verwandten Seelen.


Zweimal sprechen in einem Satz klingt doof.

Lösungsansatz für den gesamten Satz:

Ich könnte ihm das nie(mals) so sagen. Er würde mich wahrscheinlich einfach anlächeln - ja, das passte zu ihm, selbst in unserer miesen Lage hatte er das nicht verlernt. Auserdem denke ich muss man zwischen zwei verwandten Seelen nicht alles aussprechen.

Nun ist er dabei sein eigenes Grab zu schaufeln, und ich weiß nicht, ob es für mich schon zu spät ist, ihm die Schaufel aus der Hand zu schlagen und ihn an den Schultern zu packen und zu schütteln.


Drei mal und in einem Satz klingt ein bisschen plump. Vielleicht anstelle des zweiten und ein komma? ...die Schaufel aus der Hand zu schlagen, ihn an den Schultern zu packen und zu schütteln.

Wenn ich ihn doch nur


Scheint ein abgebrochenes Ende zu sein? ich denke wenn du diese Geschichte auf die Art und weise "jemand (der Leser oder person xy) findet diese papiere und liest sie und macht sich selbst gedanken dazu" erzählen möchtest müsstest du es ein wenig mehr umschreiben, sonst ist einem das nicht bewusst. Aber das wäre ein super Punkt um die Geschichte wieder auf zu nehmen! Überleg dir wer das finden und lesen könnte. Warum findet er das? Wie viel Zeit ist seitdem vergangen? Was für Gedanken macht er sich aus den Einzelteilen? Dann kommt dabei eine komplett neue Geschichte heraus die darauf basiert. Ähnlich wie z.B. vom Film "Die Nummer 23" (wenn nicht gesehen, unbedingt anschauen :P )

Zum letzten Teil "29.09" möchte ich mich relativ kurz äußern: Die Idee dass sich die Hauptperon nicht des Namens von Mondeza /Mendoza bewusst ist, ist okay und auch wie du es zuerst geschrieben hast ist gut. Ich würde vielleicht schreiben "alle nannten ihn nur den jungen, wahrscheinlich wegen seinem makellosen Gesicht." (es gibt bestimmt bessere ideen als das, fallen mir aber eben nicht ein) Und dann ihm ab dem Zeitpunkt so nennen. Sieht komisch aus wenn da steht Brulles und Mondeza/Medoza...

Und dafür das sich Adler kaum äußert erzählt er doch eine ganze Menge finde ich :D. Und es ist komisch das er und O'Hara rausgeschickt wurden, nur er zurückkame aber niemand gefragt hat wo O'hara geblieben ist.

Das war es von mir :)

Ich fand die Geschichte dennoch interessant, werde mir den zweiten Teil auch noch vornehmen allerdings nicht mehr jetzt ;)

So long,

Cowboy
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Re: Rohstoffmond 16 (Teil 1/3)

Beitragvon Zuraya » 15.01.2015, 21:01

Guten Tag auch Femeth,

zuerst einmal muss ich hier ganz deutlich sagen, dass ich von dem Schreibstil und der Originalität der Idee (auch wenn sie, wie du sagst, entliehen ist) gebannt war. Diese einfache Liebe zu kleinen Dingen von Lorraine erscheinen mir als Leser so bildlich, so passend, dass ich kaum wage noch zu kritisieren.
Und dann auch noch (ich weiß nicht, ob der Beitrag "29.09" ursprünglich im Text vorhanden war, lonesomeCowboys Beitrag lässt vermuten, dass du nach 28.09 einfach abgebrochen hast) diese Wendung. Zuerst sitzt man vor dem offensichtlich abgebrochenen Satz. Man wundert sich und traut diesem fehlerfreien Stil so einen Fehler gar nicht zu. Und dann liest man weiter und versteht erst beim zweiten Satz - hier auch der Stilwechsel grandios gelungen! - dass das lyrische Ich vom "29.09" ein anderes wie von den vorherigen sein muss.
Ich ziehe meinen Hut vor dir und bin ganz gespannt auf den zweiten, bzw. wohl noch kommenden dritten Teil!

Ich habe nur ein kleines Erbschen gefunden:
[...] Lappen Papier und diesen Holzstück unter Lorraines[...]
- das sollte doch "und dieses Holzstück" heißen, wenn man meine sprachliche Gepflogenheit mich nicht täuscht.

"25.09" ist widerum sehr interessant. Man könnte es glatt so verstehen, dass du als Autorin an diesem Tag selbst keine Muse hattest. Jedenfalls genial gelungen!

Ist es eigentlich so gedacht, dass der Leser nur sehr langsam einen Überblick bekommt, wer bzw. wieviele "Häftlinge" in dem Lager sind? Denn es wirkt etwas so, als ob nur der "Gläubige" übrig bleibt, der diesen Tagebucheintrag hätte schreiben können.
Dann passen die Handlungsweisen von Lorraine und der Charakter, den seine Einträge beschreiben, nicht ganz überein. Anfangs wirkt er für mich nicht so wie der Märtyrer, derjenige, der sich für alle opfert. Oder ist das so gewollt, dass der eigentlich "unscheinbare", nicht handelnde Charakter hier zuletzt zum Helden wird? - Zumindest von den Beschreibungen her passt dieser O'Hara doch eher zu den Leuten, die sich opfern würden.
Aber es ist ja deine Geschichte, muss man wohl so hinnehmen.

Und Lorraine?, fragten wir, denn wir alle mochten ihn – der alte Dichterling war gut für die Moral und seine Geschichten hielten uns alle irgendwie zusammen
- Hier empfinde ich es sinnvoller Anführungsstriche für die wörtliche Rede zu nehmen, weil der Satz sonst etwas den Redefluss stört.

So, das wars auch erstmal.
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Re: Rohstoffmond 16 (Teil 1/3)

Beitragvon Flemeth » 17.01.2015, 18:49

@ LonesomeCowboy

Danke sehr für den Kommentar!

weicheM und nachgiebigeM


Echt? Ich meine, das stimmt so, wie ich das geschrieben hab.

Oh und HässlicheM bitte


sagt man nicht rieseln Sägespäne?


Jap, da hab ich Fehler gemacht, gleich korrigiert, danke!

Bezüglich, deines Vorschlags hier und da, einen Satz kürzer zu machen, bzw in zwei Teile zu trennen: Ich glaube, das ist einfach Geschmackssache. Ich finde zB zu viele Kurzssätze/Satzellipsen ganz schnell plump.

Und dafür das sich Adler kaum äußert erzählt er doch eine ganze Menge finde ich


Stimmt, das hat mich jetzt noch mal ins Grübeln gebracht. Könnte ich noch mal ändern...


@Zuraya

Diese einfache Liebe zu kleinen Dingen von Lorraine erscheinen mir als Leser so bildlich, so passend, dass ich kaum wage noch zu kritisieren.


Wow... danke. Aus der Sicht Lorraines zu schreiben, hat mir auch großen Spaß gemacht und ich hatte ein deutliches Bild vor Augen. Es ist schön, dass das so bei dir angekommen ist.

Man wundert sich und traut diesem fehlerfreien Stil so einen Fehler gar nicht zu. Und dann liest man weiter und versteht erst beim zweiten Satz - hier auch der Stilwechsel grandios gelungen! - dass das lyrische Ich vom "29.09" ein anderes wie von den vorherigen sein muss.


Okay. LonesomeCowboy meinte ja, ich solle diesen Abbruch etwas mehr umschreiben. Du hingegen, warst erst verwirrt, hast es aber dann schnell verstanden – ganz genau so wollt ich das haben!

Ist es eigentlich so gedacht, dass der Leser nur sehr langsam einen Überblick bekommt, wer bzw. wieviele "Häftlinge" in dem Lager sind? Denn es wirkt etwas so, als ob nur der "Gläubige" übrig bleibt, der diesen Tagebucheintrag hätte schreiben können.


Ok, echt? Es bleiben neben dem zweiten Erzähler ab 29.09. - und dieser ist nicht der „Gläubige“ der über Lorraine lag, sondern ein ganz anderer - noch ein paar andere Leute übrig, auch welche, die in dieser Nacht gar nicht aus ihren Betten geholt wurden.

Dann passen die Handlungsweisen von Lorraine und der Charakter, den seine Einträge beschreiben, nicht ganz überein. Anfangs wirkt er für mich nicht so wie der Märtyrer, derjenige, der sich für alle opfert. Oder ist das so gewollt, dass der eigentlich "unscheinbare", nicht handelnde Charakter hier zuletzt zum Helden wird? - Zumindest von den Beschreibungen her passt dieser O'Hara doch eher zu den Leuten, die sich opfern würden.
Aber es ist ja deine Geschichte, muss man wohl so hinnehmen.


Hm... Was genau vorgefallen ist, soll sich der Leser selbst zusammenreimen, ich finde ein Text verliert bei zu viel Erklärung immer etwas an „Magie“.
Aber dennoch: Gedacht war es so, dass Lorraine sich mitnehmen lassen hat, um zwischen den „Pickern“ und den Gefangenen zu vermitteln oder möglicherweise auch durch irgendeine Ausrede/Lüge einen schlimmen Ausgang der Sache zu verhindern. Aufgeopfert hat er sich letztlich nicht für die Gemeinschaft – das würde gar nicht zu ihm passen, das sehe ich wie du – sondern allein nur für O’Hara. Und ich möchte auch keinesfalls, dass es so wirkt, als sei Lorraine jetzt ein Held und Märtyrer für die anderen. Sie reagieren höchstens mit stumpfem Mitleid und auch Unverständnis, warum er etwas zugegeben hat, das er nicht getan hat - die Gefahr selbst unter Verdacht zu stehen ist für sie aber dennoch viel schlimmer als das Schicksal von Lorraine.

... jetzt verständlicher?
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Re: Rohstoffmond 16 (Teil 1/3)

Beitragvon DrJones » 05.02.2015, 20:37


Hallo Flemeth,

Ist schon ein Weilchen her… Ich freue mich sehr, wieder von
Dir zu lesen!

Dieser Anfang hat mir sehr gefallen. Auch dieser Tagebuchstil passt gut.
Man ist soo gut in der Story drin! Es wirkt so echt. Man hat das Gefühl, dabei zu sein,
wenn er oder sie die Einträge macht. Es transzendiert, ja scheint regelrecht durch
die Schrift hindurch, wenn z. B. erwähnt wird, wie die Seiten noch feucht sind und
die Farbe verläuft.

Flemeth hat geschrieben:Hallo,
Diese Kurzgeschichte hab ich vor einer Weile geschrieben, damals unter dem Eindruck von Solschenizyns Buch über das Leben im Gulag. Sie ist leider nicht recht ausgefeilt, aber vielleicht macht es trotzdem Spaß sie zu lesen.
:)

Das Buch muss ich mal lesen.

22.09.
Ich kann nicht glauben, dass ich endlich ein Stück Papier gefunden habe. Wie lange hatte ich danach gesucht, wie oft hatte ich die Suche wieder aufgegeben. Schreibwerkzeuge gibt es hier genug. Der Dübel etwa, der schöne, stabile Dübel, der vor ein paar Wochen auf der Schwelle zur Essbaracke lag. Für die Stoßer ist es nur ein herkömmlicher Dübel, für mich aber ist es die beste Schreibfeder, die ich mir an einem Ort wie diesen wünschen kann. Ich habe ihn mit einem Metallteil angespitzt und nun, während ich schreibe, krümmen sich meine wunden, zittrigen Finger darum, wie um ein heilbringendes Amulett.

Dieser Dübel ist ein großartig gewähltes Detail, das die Geschichte total glaubhaft macht!
Woher hast Du diese Idee?
Ggf. würde ich besser von einem Holzdübel sprechen, da man das sonst irgendwie mit Plastik
assoziieren würde. Dübel ist aber auch völlig okay, wenn Du vllt. schreibst: Ich habe den Dübel zunächst trocken werden lassen und das Stückchen Holz dann mit einem Metallteil angespitzt.
Somehow like that…
:D

Und auch Farben gibt es, obwohl unsere Augen diese nicht mehr als solche wahrnehmen. Ausgeflossenes Schmieröl, feuchter Schmutz, Rost, Blut.

Berührt mich sehr diese Passage. Die Farben entstehen auf meiner inneren Leinwand.

Farben des Elends und des Leides, aber dennoch Farben.

Ich weiß, Du hasst es, aber … Show don't tell. Du hast es ja schon gezeigt. Ich würde dieses Tell daher ggf. streichen. Obwohl… mir gefällt der Nachsatz: ", aber dennoch Farben.
Hier gibt es für mich ein Argument für und gegen.


Doch Papier … Es war ein Tagtraum, einer der wahr wurde. Gestern Nacht hab ich es gefunden, doch erst heute bringe ich den Mut auf, zu schreiben. Es lag in der Ecke des Waschcontainers, neben den von Exkrementen verdreckten Aborten. Der Picker, der mich überwachen sollte, nahm es gar nicht wahr, aber für mich hat es geleuchtet wie ein heiliger Gegenstand, wie die Wunderlampe in diesem alten, irdischen Märchen. Einige Bögen weichen, nachgiebigen Papiers, mit einer Farbe irgendwo zwischen gelb und grau und im Moment noch viel zu feucht um ordentlich darauf zu schreiben, die Farbe verrinnt, sobald ich sie auf das Papier auftrage.

Das ist so plastisch beschrieben! :D Hier transzendiert es die Schrift. Ich werde praktisch eins mit dem Text und dem Prota.

Aber ich schweife ab, denn ich schreibe von offensichtlichen und unwesentlichen Dingen. Ich muss sparsam sein, es sind wenige Bögen Papier, so wenige, aber es tut gut einfach nur zu schreiben, was mir durch den Kopf geht. Doch dies soll weder das sinnlose Gekritzel eines alten Häftlings werden, noch ein akribischer Bericht davon, was wir hier tagtäglich durchmachen. Ich will diese schrecklichen Dinge nicht auf dem Papier Revue passieren lassen.

Revue … da denke ich ans Musiktheater. Vielleicht besser: will diese schrecklichen Dinge wenigstens vom Papier fernhalten.

Nein, ich will Gedichte schreiben, und vielleicht ein paar kleine Anekdoten. Schließlich bin ich Dichter, Geschichtenerzähler, selbst hier auf dem Rohstoffmond 16F.

Hat hier den leichten Beigeschmack von Exposition an den Leser.

Ich werde morgen weiterschreiben, oder den Tag darauf, oder wann immer mich die Muse wieder küssen wird.

25.09.
Die Inspiration kommt und kommt nicht, jetzt, da ich die Mittel hätte, sie zu Papier zu bringen. Ach ja, die Ironie, Spiel und Zeitvertreib der höheren Mächte.

Seehr plausibel! :D :D Das kenne ich: Die Idee von etwas ist manchmal schöner, als es dann zu machen.

26.09.
Es ist Nacht, es wird immer Nacht sein, wenn ich schreibe. Ich werde nie schreiben, wenn das Tageslicht mein Papier erhellt und dieser Gedanke beklemmt mich. Der Mann in dem Bett über mir murmelt seine Gebete, wie immer um diese Zeit. Er und ich, sind immer die letzten, die einschlafen. Seine Sägemehlmatratze hat ein Loch und immer, wenn er sich bekreuzigt rieseln Sägespäne auf mich herab und erinnert mich daran, dass es bald zu schneien beginnen wird.

Wow! Ich sitze hier mit offenem Mund! Wie authentisch das klingt! Ich liege auf dem Bett, und es rieseln Sägespäne auf mich herab. :D :D

Sein unbändiger Glaube an Gott fasziniert mich. Götter sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt, hat einst einer meiner Vorfahren gesagt. Der Mann in der löchrigen Matratze hält also für uns alle Gott am Leben, wir sollten ihm danken.

"wir sollten ihm danken" Irgendwie muss ich gerade an Jules Verne denken. Die geheimnisvolle Insel.
Du schaffst irgendwie so eine anachronistische Atmosphäre. Das liegt lang zurück.


28.09.
Die Muse war noch nicht da, die Gedichte müssen warten, stattdessen will ich von einem jungen Mann aus meiner Brigade berichten. O‘Hara ist sein Name und er war mir von Beginn an ein guter Freund. Einer, der einem die Hand reicht, wenn man im Dreck ausrutscht und sein letztes Stück Brot mit einem teilt. Ein guter Kamerad, eine edle Seele. Ja, er könnte beinahe mein Sohn sein, zwar nur im Geiste, denn er sieht mir hässlichem Kerl kein bisschen ähnlich, aber was zählen schon Dinge wie Blutsverwandtschaft, hier, auf diesem gottlosen Himmelskörper. Ich würde nie offen mit ihm darüber sprechen, er würde mich belächeln – ja, er hat das Lächeln noch nicht verlernt – und ich denke, man muss nicht alles aussprechen, zwischen zwei verwandten Seelen.

Du schaffst es sehr geschickt, gleich beide Charaktere auf einmal zu zeichnen.


Aber ich muss anmerken, dass ich mich zumindest in einer Hinsicht in ihm getäuscht habe: Ich hielt ihn für vernünftig und rational. Zu Beginn wirkte er wie jemand, der das alles mit gespielter Nonchalance über sich ergehen lässt, mit der einen Hand die Sklavenarbeit erledigt, mit der anderen einen Witz an die Wand kritzelt und dabei, die Tage bis zum Kriegsende zählt.

Haben wir einen Schelm in diesem Charakter? Das gefällt mir sehr! :D

Doch wie sich bald herausstellte handelt er zuweilen gedankenlos und impulsiv. Wäre ich sein richtiger Vater, hätte ich diesen Charakterzug vielleicht eher bemerkt.

Über diesen Satz bin ich inhaltlich etwas gestolpert. Wäre er wirklich sein Vater, würde er wahrscheinlich
jeden seiner Charakterzüge kennen. Vielleicht so: Wäre ich sein richtiger Vater, hätte ich diesen Charakterzug vielleicht noch ertragen können. Doch so?


Nun ist er dabei sein eigenes Grab zu schaufeln, und ich weiß nicht, ob es für mich schon zu spät oder noch zu früh ist, ihm die Schaufel aus der Hand zu schlagen und ihn an den Schultern zu packen und zu schütteln. Seit kurzem spricht er von Flucht, nichts anderem als Flucht. In den ersten Morgenstunden beginnt er damit, und nachts, im Schlafcontainer, versucht er die anderen von seinen Plänen zu überzeugen – mit einer Besessenheit in seiner wispernden Stimme, die mir Angst macht.

Kann ich mir sehr gut vorstellen!

Sein Fluchtplan zeugt von Einfallsreichtum und einem aufgeweckten Geist, und ich habe ihn mir, auch wenn ich es bereits bereue, in jeder Einzelheit von ihm erklären lassen. Nicht weil ich daran denke, mich ihm anzuschließen. Nein, weil es ihm eine solche Freude macht, davon zu erzählen, weil seine Augen dabei leuchten, wie die der Kinder am galenischen Unabhängigkeitstag, wenn sie die Feuerwerke und bunten Fahnen bestaunen.

Interessant. Vielleicht weiß Dein Prota selbst noch nicht, dass er mit auf eine Flucht gehen will/wird. Dezente Vorausdeutung.

Auch jetzt höre ich ihn wieder flüstern, seine Pläne vor den anderen ausbreiten, die seinen Worten halb fasziniert, halb abgestoßen lauschen. Früher oder später wird ihn jemand verraten, Roxin oder diese falsche Schlange Casey. Wenn ich ihn doch nur

Dieser Abbruch ist klasse! Man stellt sich förmlich vor, wie ein Picker reinkommt, o. ä. und er
nicht weiterschreiben kann. Das macht Deine Geschichte unheimlich unmittelbar.
Mein Gesicht ist gerade wie das hier: :D

Tagebucheintrag 06.02.14:
Ich schreibe diese Zeilen mit der Wurzelspitze eines Schneidezahns, den ich gestern
in der Mine gefunden hatte. ;-)
Erst heute habe ich Zurayas Kommentar gelesen und verstanden, was es mit
diesem Abbruch auf sich hat. KRASS! Das gibt dem Ganzen nochmal eine neue
Dimension. Vielleicht solltest Du den anderen Schreiber noch kürzere Sätze
schreiben lassen. Ggf. mal hier und dort einen Artikel wegfallen lassen, absichtliche
Rechtschreibfehler einbauen. Etwas elliptischer gestalten, so im Stenografiestil.



29.09
Ich hab diesen verschmierten Lappen Papier und diesen Holzstück unter Lorraines Kopfkissen gefunden. Keine Ahnung, was ich damit anfangen soll, aber Lorraine hat da sowas wie seine Gedanken raufgekritzelt, obwohl ich das meiste nicht lesen kann.

Das finde ich etwas unlogisch, da der gesamte Text ja hier "veröffentlicht" ist.
Welches "Holzstück"? Ich dachte, er schrieb mit einem Dübel? :shock:



Und ich dachte, er als Dichterling, hätte eine schönere Handschrift. Muss daran liegen, dass er mit einem Stück Holz geschrieben hat, der arme Kerl.

Du musst ein bisschen beim Schreibstil dieser anderen Person aufpassen.
Dieser kurze Nachtrag "der arme Kerl" erinnert mich doch sehr an Lorraines ", wir sollten ihm danken".


Gestern Nacht kamen Sie und rissen einige von uns - „Die Verschwörer“ - aus den Betten.
:2thumbs:
Jetzt kommt die Erklärung für den Schreib-Abbruch des letzten Tages. Ja ja ja ja!
:D

Casey haben sie mitgenommen, und Adler, Brulles und Mondeza oder Mendoza oder wie dieser Knabe heißt.

He he! :lol: Ich mag diese Namen. Vor allem, dass er bei einem der Namen Schwierigkeiten hat.
Das ist wohl nicht gerade sein Liebling… Du führst jetzt gleich dahinter noch weitere Personen auf, die mitgenommen wurden. Von O'Hara steht oben aber nichts. Lorraine als dramatischen Nachtrag finde ich passend.


O’Hara, diesen Spinner, dem wir das alles zu verdanken haben, haben sie sich zualler erst geschnappt. Als sie den Burschen die Decke wegzogen und aus dem Bett zerrten, sprang Lorraine auf und ließ sich ebenfalls mitnehmen, ganz bereitwillig. Das war ein Riesenwirbel und jetzt stehen wieder einige Betten leer. Später kam Adler zurück und kroch wortlos in sein Bett. Wir anderen fragten ihn natürlich was passiert war, aber er äußerte sich zunächst nicht. Erst, als wir ihn drängten, da erzählte er, Brulles und Mendoza seien verlegt worden ins Sonderlager, die armen Schweine.

"die armen Schweine". Für mich ist unklar, ob das seine oder Adlers Wertung ist.
Auch klingt das wieder zu sehr nach Lorraines Schreibstil.


Was mit Casey passiert ist, wisse er nicht. Und Lorraine?Was ist mit Lorraine?, fragten wir, denn wir alle mochten ihn – der alte Dichterling war gut für die Moral und seine Geschichten hielten uns alle irgendwie zusammen.

Guter Charakter… Es gibt wirklich solche altruistischen Helden.
Ich habe mal auf Am**on Deinen Solschenizyns Buchtipp gesucht. Da gibt es ja drei Teile von.
Hast Du eigentlich den ersten gelesen? Oder den gekürzten Sammelband?


Er schwieg eine Weile und flüsterte dann, dass er

"er" ggf. durch "Lorraine" ersetzen

alles auf sich genommen habe

"hätte"?


, den ganzen Verschwörungsscheiß, den ganzen verdammten Fluchtplan. Und, dass die Picker ihn an Ort und Stelle erschossen haben,

"hätten"?

seine Brust zerlöchert und Adler und O’Hara rausgeschickt wurden, um ihn in die Faulgrube zu werfen. Dann schwieg er wieder.



Ja, das war echt gut! Werde mich bald an Teil zwei machen.
Danke für den tollen Text.

Gruß,

DrJones
Zuletzt geändert von DrJones am 12.02.2015, 20:18, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Rohstoffmond 16 (Teil 1/3)

Beitragvon Flemeth » 08.02.2015, 19:52

Hallo, DrJones!
Freut mich s e h r, dass ich einen Kommentar von dir bekommen hab! :) :)

Dieser Anfang hat mir sehr gefallen. Auch dieser Tagebuchstil passt gut.
Man ist soo gut in der Story drin! Es wirkt so echt. Man hat das Gefühl, dabei zu sein,
wenn er oder sie die Einträge macht. Es transzendiert, ja scheint regelrecht durch
die Schrift hindurch, wenn z. B. erwähnt wird, wie die Seiten noch feucht sind und
die Farbe verläuft.

Gut, dass das so angekommen ist. Danke, für das Lob!

Ich weiß, Du hasst es, aber … Show don't tell. Du hast es ja schon gezeigt. Ich würde dieses Tell daher ggf. streichen. Obwohl… mir gefällt der Nachsatz: ", aber dennoch Farben.
Hier gibt es für mich ein Argument für und gegen.

Ja....Okay. Für mich ergeben die Schranken die einem der Grundsatz ‚show, don’t tell’ auferlegt einfach keinen Sinn, sorry :-/

Doch wie sich bald herausstellte handelt er zuweilen gedankenlos und impulsiv. Wäre ich sein richtiger Vater, hätte ich diesen Charakterzug vielleicht eher bemerkt.


Über diesen Satz bin ich inhaltlich etwas gestolpert. Wäre er wirklich sein Vater, würde er wahrscheinlich
jeden seiner Charakterzüge kennen. Vielleicht so: Wäre ich sein richtiger Vater, hätte ich diesen Charakterzug vielleicht noch ertragen können. Doch so?


Ja, da haste recht. Ich hab diesen Satz schon mal umformuliert, weil er nicht gut klang und jz merke ich, dass auch die Aussage nicht ganz sinnvoll ist – entweder dein Vorschlag, oder etwas in die Richtung: „...würde mir dieser Charakterzug schon länger Sorgen machen.“, sowas in der Art. Danke, auf jeden Fall, für den Hinweis!

Nun ist er dabei sein eigenes Grab zu schaufeln, und ich weiß nicht, ob es für mich schon zu spät oder noch zu früh ist, ihm die Schaufel aus der Hand zu schlagen und ihn an den Schultern zu packen und zu schütteln. Seit kurzem spricht er von Flucht, nichts anderem als Flucht. In den ersten Morgenstunden beginnt er damit, und nachts, im Schlafcontainer, versucht er die anderen von seinen Plänen zu überzeugen – mit einer Besessenheit in seiner wispernden Stimme, die mir Angst macht.

Kann ich mir sehr gut vorstellen!


Find ich interessant! Meinst du so auf die Art: „Ja, lass ihm doch seine Fantasie, die erhält ihn/bzw seinen Geist am Leben.“ ?


Tagebucheintrag 06.02.14:
Ich schreibe diese Zeilen mit der Wurzelspitze eines Schneidezahns, den ich gestern
in der Mine gefunden hatte.
Erst heute habe ich Zurayas Kommentar gelesen und verstanden, was es mit
diesem Abbruch auf sich hat. KRASS! Das gibt dem Ganzen nochmal eine neue
Dimension. Vielleicht solltest Du den anderen Schreiber noch kürzere Sätze
schreiben lassen. Ggf. mal hier und dort einen Artikel wegfallen lassen, absichtliche
Rechtschreibfehler einbauen. Etwas elliptischer gestalten, so im Stenografiestil.


:D Haha.
Okay, dein Nachtrag hat mich grad echt zum Lachen gebracht, aber er zeigt mir auch, dass ich den Unterschied zwischen den Schreibstilen noch deutlicher machen muss. Ich merke jetzt auch, dass Identität Nr. 2 sich teilweise zu gewählt ausdrückt. Hmhm.

Vielleicht solltest Du den anderen Schreiber noch kürzere Sätze
schreiben lassen. Ggf. mal hier und dort einen Artikel wegfallen lassen, absichtliche
Rechtschreibfehler einbauen. Etwas elliptischer gestalten, so im Stenografiestil.

Das sind auf jeden Fall ein paar gute Vorschläge um den Unterschied zu verdeutlichen, dankesehr!

29.09
Ich hab diesen verschmierten Lappen Papier und diesen Holzstück unter Lorraines Kopfkissen gefunden. Keine Ahnung, was ich damit anfangen soll, aber Lorraine hat da sowas wie seine Gedanken raufgekritzelt, obwohl ich das meiste nicht lesen kann.


Das finde ich etwas unlogisch, da der gesamte Text ja hier "veröffentlicht" ist.
Welches "Holzstück"? Ich dachte, er schrieb mit einem Dübel?


Ja, guter Punkt, aber du musst dir das so vorstellen, dass das, was du jetzt hier auf der Schreibwerkstatt liest eine Abschrift von dem schmierigen alten Lappen ist. Die Person konnte in dieser Situation eben das meiste nicht lesen – schlechtes Licht, Ungeduld, etc.
Der Dübel ist aus Holz, deswegen Holzstück.
Du musst ein bisschen beim Schreibstil dieser anderen Person aufpassen.
Dieser kurze Nachtrag "der arme Kerl" erinnert mich doch sehr an Lorraines ", wir sollten ihm danken".

Stimmt, stimmt. Ich wollt es halt nicht übertreiben, aber merke jetzt auch, dass ich da zu sehr in den ersten Stil verfallen bin...

Guter Charakter… Es gibt wirklich solche altruistischen Helden.
Ich habe mal auf Am**on Deinen Solschenizyns Buchtipp gesucht. Da gibt es ja drei Teile von.
Hast Du eigentlich den ersten gelesen? Oder den gekürzten Sammelband?

Hm, ich weiß nicht, auf was genau du gestoßen bist, aber ich meine das recht kurze Buch: „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“. Gibt es da Fortsetzungen? Wusst ich gar nicht. Kann aber sein, dass Solschenizyn mehrere Geschichten zu den Gulag verfasst hat, die aber nicht direkt miteinander zusammenhängen.

:mrgreen: Nochmal danke für deinen Kommentar, hat mich sehr gefreut! :mrgreen:
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Flemeth
 
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Re: Rohstoffmond 16 (Teil 1/3)

Beitragvon DrJones » 08.02.2015, 21:58

Hallo Flemeth,


Flemeth hat geschrieben:Hallo, DrJones!
Freut mich s e h r, dass ich einen Kommentar von dir bekommen hab! :) :)

Sehr gern!


Dieser Anfang hat mir sehr gefallen. Auch dieser Tagebuchstil passt gut.
Man ist soo gut in der Story drin! Es wirkt so echt. Man hat das Gefühl, dabei zu sein,
wenn er oder sie die Einträge macht. Es transzendiert, ja scheint regelrecht durch
die Schrift hindurch, wenn z. B. erwähnt wird, wie die Seiten noch feucht sind und
die Farbe verläuft.

Gut, dass das so angekommen ist. Danke, für das Lob!

Hast Du Dir auch verdient! Dein Stil war vorher schon super und ist mittlerweile sehr geschliffen.
Woher kommt's?


Ich weiß, Du hasst es, aber … Show don't tell. Du hast es ja schon gezeigt. Ich würde dieses Tell daher ggf. streichen. Obwohl… mir gefällt der Nachsatz: ", aber dennoch Farben.
Hier gibt es für mich ein Argument für und gegen.

Ja....Okay. Für mich ergeben die Schranken die einem der Grundsatz ‚show, don’t tell’ auferlegt einfach keinen Sinn, sorry :-/

Ich verstehe genau, was Du meinst. Dieses "show don't tell" sehe ich mittlerweile wie einen
einarmigen Banditen. Manchmal gewinnt man damit, manchmal verliert man. Diese Regel hat
also keine Allgemeingültigkeit. Bei mir gilt immer:
Die Zeichnung einer Figur steht über allem! Danach kommt der Rest. Wenn ich jetzt z. B. schreibe:
"Aus seinen Augen tröpfelte es.", um ein Tell zu vermeiden, ist das absoluter Unsinn! Allein schon, weil
es mistig klingt. Dann haben wir die Leser, die nicht unbedingt Gesichter lesen können.
Es ist schon erlaubt zu schreiben "Er fühlte sich müde und traurig."


Doch wie sich bald herausstellte handelt er zuweilen gedankenlos und impulsiv. Wäre ich sein richtiger Vater, hätte ich diesen Charakterzug vielleicht eher bemerkt.


Über diesen Satz bin ich inhaltlich etwas gestolpert. Wäre er wirklich sein Vater, würde er wahrscheinlich
jeden seiner Charakterzüge kennen. Vielleicht so: Wäre ich sein richtiger Vater, hätte ich diesen Charakterzug vielleicht noch ertragen können. Doch so?


Ja, da haste recht. Ich hab diesen Satz schon mal umformuliert, weil er nicht gut klang und jz merke ich, dass auch die Aussage nicht ganz sinnvoll ist – entweder dein Vorschlag, oder etwas in die Richtung: „...würde mir dieser Charakterzug schon länger Sorgen machen.“, sowas in der Art. Danke, auf jeden Fall, für den Hinweis!

Dein Vorschlag ist noch viel besser!

Nun ist er dabei sein eigenes Grab zu schaufeln, und ich weiß nicht, ob es für mich schon zu spät oder noch zu früh ist, ihm die Schaufel aus der Hand zu schlagen und ihn an den Schultern zu packen und zu schütteln. Seit kurzem spricht er von Flucht, nichts anderem als Flucht. In den ersten Morgenstunden beginnt er damit, und nachts, im Schlafcontainer, versucht er die anderen von seinen Plänen zu überzeugen – mit einer Besessenheit in seiner wispernden Stimme, die mir Angst macht.

Kann ich mir sehr gut vorstellen!


Find ich interessant! Meinst du so auf die Art: „Ja, lass ihm doch seine Fantasie, die erhält ihn/bzw seinen Geist am Leben.“ ?

Ja, so in etwa! Einfach sein Zweifel, ob er da intervenieren sollte oder nicht bzw., ob das überhaupt
noch möglich ist.



Tagebucheintrag 06.02.14:
Ich schreibe diese Zeilen mit der Wurzelspitze eines Schneidezahns, den ich gestern
in der Mine gefunden hatte.
Erst heute habe ich Zurayas Kommentar gelesen und verstanden, was es mit
diesem Abbruch auf sich hat. KRASS! Das gibt dem Ganzen nochmal eine neue
Dimension. Vielleicht solltest Du den anderen Schreiber noch kürzere Sätze
schreiben lassen. Ggf. mal hier und dort einen Artikel wegfallen lassen, absichtliche
Rechtschreibfehler einbauen. Etwas elliptischer gestalten, so im Stenografiestil.


:D Haha.
Okay, dein Nachtrag hat mich grad echt zum Lachen gebracht, aber er zeigt mir auch, dass ich den Unterschied zwischen den Schreibstilen noch deutlicher machen muss. Ich merke jetzt auch, dass Identität Nr. 2 sich teilweise zu gewählt ausdrückt. Hmhm.

Ich habe vor ein paar Tagen Roman Polanskis "Der Mieter" gesehen, wo der Typ unter dem
Putz einen Zahn findet. Fand die Idee gruselig und witzig.


Vielleicht solltest Du den anderen Schreiber noch kürzere Sätze
schreiben lassen. Ggf. mal hier und dort einen Artikel wegfallen lassen, absichtliche
Rechtschreibfehler einbauen. Etwas elliptischer gestalten, so im Stenografiestil.

Das sind auf jeden Fall ein paar gute Vorschläge um den Unterschied zu verdeutlichen, dankesehr!

29.09
Ich hab diesen verschmierten Lappen Papier und diesen Holzstück unter Lorraines Kopfkissen gefunden. Keine Ahnung, was ich damit anfangen soll, aber Lorraine hat da sowas wie seine Gedanken raufgekritzelt, obwohl ich das meiste nicht lesen kann.


Das finde ich etwas unlogisch, da der gesamte Text ja hier "veröffentlicht" ist.
Welches "Holzstück"? Ich dachte, er schrieb mit einem Dübel?


Ja, guter Punkt, aber du musst dir das so vorstellen, dass das, was du jetzt hier auf der Schreibwerkstatt liest eine Abschrift von dem schmierigen alten Lappen ist. Die Person konnte in dieser Situation eben das meiste nicht lesen – schlechtes Licht, Ungeduld, etc.
Der Dübel ist aus Holz, deswegen Holzstück.

Das habe ich jetzt auch verstanden. Du könntest die Aussage mit der Schrift ggf. etwas
abmildern.


Du musst ein bisschen beim Schreibstil dieser anderen Person aufpassen.
Dieser kurze Nachtrag "der arme Kerl" erinnert mich doch sehr an Lorraines ", wir sollten ihm danken".

Stimmt, stimmt. Ich wollt es halt nicht übertreiben, aber merke jetzt auch, dass ich da zu sehr in den ersten Stil verfallen bin...


Guter Charakter… Es gibt wirklich solche altruistischen Helden.
Ich habe mal auf Am**on Deinen Solschenizyns Buchtipp gesucht. Da gibt es ja drei Teile von.
Hast Du eigentlich den ersten gelesen? Oder den gekürzten Sammelband?

Hm, ich weiß nicht, auf was genau du gestoßen bist, aber ich meine das recht kurze Buch: „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“. Gibt es da Fortsetzungen? Wusst ich gar nicht. Kann aber sein, dass Solschenizyn mehrere Geschichten zu den Gulag verfasst hat, die aber nicht direkt miteinander zusammenhängen.

Dieses Buch. Danke. Wenn Du wieder mal was Krasses lesen willst, kann ich Dir noch "Kameraden" von Römer
empfehlen.


:mrgreen: Nochmal danke für deinen Kommentar, hat mich sehr gefreut! :mrgreen:


Herzlichen Gruß,

DrJones
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Re: Rohstoffmond 16 (Teil 1/3)

Beitragvon Avunculus » 22.02.2015, 14:46

Hallo Flemeth,

es freut mich, wieder von dir zu hören und zu lesen.

Was machen 'Esther', 'Deliria' und Co? Geht es mit ihnen voran, hast du sie bereits zu Ende geschrieben, werden sie im wohlsortierten Buchhandel zum Verkauf feilgeboten …? :wink:


Zu deiner Geschichte:

Es herrscht Krieg. In einem Gefangenenlager auf einem Rohstoffmond werden die Häftlinge zur Zwangsarbeit herangezogen. Einer der Insassen entdeckt auf der Latrine verschmutztes Papier, schmuggelt es in die Schlafbaracke und kritzelt nachts heimlich seine Gedanken darauf. Der Häftling wird ermordet, ein anderer findet das Papier, schreibt nun seinerseits auf, was ihm durch den Kopf geht …


Ich habe eine ganze Weile darüber nachgedacht, was ich davon halten soll, in diesem relativ kurzen Text drei verschiedene Ich-Erzähler vorzufinden. (Danke Zuraya!) Es bringt doch eine gewisse Unruhe in deinen Text. Du solltest also m.E. einen triftigen Grund haben, die Erzähler so zügig durchzuwechseln.
Tja und genau diesen triftigen Grund hast du. Die Erzähler werden ermordet, und als eine feste Größe, als eine Konstante tritt auf ein Lappen Papier, den verschiedene Menschen beschreiben …
Irgendwie pfiffig!




Ich habe ihn mit einem Metallteil

Hier könntest du m.E. ein bisschen genauer werden: eine rostige Schraube, ein Fitschenring … was auch immer.



Doch Papier … Es war ein Tagtraum, einer der wahr wurde. Gestern Nacht hab ich es gefunden, doch erst heute bringe ich den Mut auf, zu schreiben. Es lag in der Ecke des Waschcontainers, neben den von Exkrementen verdreckten Aborten. Der Picker, der mich überwachen sollte, nahm es gar nicht wahr, aber für mich hat es geleuchtet wie ein heiliger Gegenstand,

Pingelig:
Mit dieser Aussage suggerierst du, dass heilige Gegenstände leuchten.
Ich stelle mir ein prächtiges Messbuch, den Oberschenkelknochen einer Heiligen, einen Splitter vom Kreuz Jesu vor: Sie alle leuchten m.E. nicht.
Du könntest vielleicht ausweichen auf:
… aber mir war es, als umgebe ein Leuchten diesen heiligen Gegenstand … oder so ähnlich.



Ich muss sparsam sein, es sind wenige Bögen Papier, so wenige, aber es tut so gut einfach nur zu schreiben, was mir durch den Kopf geht.

Hier würde ich auf das zweite 'so' verzichten.



Doch dies soll weder das sinnlose Gekritzel eines alten Häftlings werden, noch ein akribischer Bericht davon, was wir hier tagtäglich durchmachen. Ich will diese schrecklichen Dinge nicht auf dem Papier Revue passieren lassen. Nein, ich will Gedichte schreiben, und ein paar kleine Anekdoten. Schließlich bin ich Dichter, Geschichtenerzähler, selbst hier auf dem Rohstoffmond 16F. Ich werde morgen weiterschreiben, oder den Tag darauf, oder wann immer mich die Muse wieder küssen wird.

Gefällt mir sehr gut.



25.09.
Die Inspiration kommt und kommt nicht, jetzt, da ich die Mittel hätte,

Pingelig:
… jetzt, da ich die Mittel habe …



26.09.
Es ist Nacht, es wird immer Nacht sein, wenn ich schreibe. Ich werde nie schreiben, wenn das Tageslicht mein Papier erhellt und dieser Gedanke beklemmt mich. Der Mann in dem Bett über mir murmelt seine Gebete, wie immer um diese Zeit. Er und ich, sind immer die letzten, die einschlafen. Seine Sägemehlmatratze hat ein Loch und immer, wenn er sich bekreuzigt rieselt Sägespäne auf mich herab und erinnert mich daran, dass es bald zu schneien beginnen wird.

Toller Gedankensprung!



Sein unbändiger Glaube an Gott fasziniert mich. Götter sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt, hat einst einer meiner Vorfahren gesagt. Der Mann in der löchrigen Matratze hält also für uns alle Gott am Leben, wir sollten ihm danken.

Toller Gedanke!



28.09.
Die Muse war noch nicht da, die Gedichte müssen warten, stattdessen will ich von einem jungen Mann aus meiner Brigade berichten. O‘Hara ist sein Name und er war mir von Beginn an ein guter Freund. Einer, der einem die Hand reicht, wenn man im Dreck ausrutscht und sein letztes Stück Brot mit einem teilt.

1. 'Die Hand reichen' und 'im Dreck ausrutschen' kombinieren m.E. nicht optimal.
Eher:
… die Hand reicht, (um beim Aufstehen zu helfen,) weil man im Dreck ausgerutscht und gefallen ist …
oder:
… Einer der fest zupackt und dich hält, wenn du im Dreck ausrutscht (und Gefahr läufst zu fallen).

2. '… der … sein letztes Stück Brot mit einem teilt.'
Hier könntest du auf 'mit einem' verzichten.
Also:
… der sein letztes Stück Brot teilt.

3. Jemandem die Hand reichen und mit jemandem Brot teilen sind sehr ausdrucksstarke Bilder. Ich würde ihnen jeweils einen eigenen Satz gönnen.



Aber ich muss anmerken, dass ich mich in einer Hinsicht in ihm getäuscht habe: Ich hielt ihn für vernünftig und rational.

'Vernünftig' und 'rational' ist m.E. doppelt gemoppelt.



Doch wie sich bald herausstellte handelt er zuweilen gedankenlos und impulsiv. Wäre ich sein richtiger Vater, hätte ich diesen Charakterzug vielleicht eher bemerkt.

Ich meine, hier fehlt etwas, im Sinne von:
… und hätte ihm die Ohren langgezogen oder die Leviten gelesen oder ihm ins Gewissen geredet …

Ein Vater sollte den Charakter seines Sohnes m.E. kennen. (Ich glaube, Dr Jones hat das schon geschrieben.)
Einen Charakterzug 'vielleicht eher' bemerken, scheint mir hier zu zögerlich, zu vorsichtig formuliert.



Nun ist er dabei sein eigenes Grab zu schaufeln, und ich weiß nicht, ob es für mich schon zu spät ist, ihm die Schaufel aus der Hand zu schlagen und ihn an den Schultern zu packen und zu schütteln.

- Du könntest nach 'schaufeln' einen Punkt machen und / oder
- nach 'schlagen' ein Komma setzen.



Seit kurzem spricht er von Flucht, nichts anderem als Flucht. In den ersten Morgenstunden beginnt er damit, und nachts, im Schlafcontainer, versucht er die anderen von seinen Plänen zu überzeugen – mit einer Besessenheit in seiner wispernden Stimme, die mir Angst macht.

Toller Satz!



Sein Fluchtplan zeugt von Einfallsreichtum und einem aufgeweckten Geist, und ich habe ihn mir, auch wenn ich es bereits bereue, in jeder Einzelheit von ihm erklären lassen. Nicht weil ich daran denke, mich ihm anzuschließen. Nein, weil es ihm eine solche Freude macht, davon zu erzählen, weil seine Augen dabei leuchten, wie die der Kinder am galenischen Unabhängigkeitstag, wenn sie die Feuerwerke und bunten Fahnen bestaunen. Auch jetzt höre ich ihn wieder flüstern, seine Pläne vor den anderen ausbreiten, die seinen Worten halb fasziniert, halb abgestoßen lauschen.

Ich fände es sehr spannend zu erfahren, was an O'Haras Worten fasziniert und was abstößt.



29.09
Ich hab diesen verschmierten Lappen Papier und diesen Holzstück unter Lorraines Kopfkissen gefunden. Keine Ahnung, was ich damit anfangen soll,

'Keine Ahnung, was ich damit anfangen soll' … könntest du m.E. weglassen.
Nachdem der neue Ich-Erzähler den 'Lappen Papier' gefunden hat, tja, da hat er gelesen was darauf geschrieben steht (oder es zumindest versucht) und dann selbst seine Gedanken zu Papier gebracht. Ich meine also, der Ich-Erzähler hat eine klare Vorstellung davon, was er mit diesem 'Lappen Papier' anfangen kann.



Als sie den Burschen die Decke wegzogen und aus dem Bett zerrten,

Ich meine:
Geht es hier um O'Hara, dann: … dem Burschen …
Geht es um eine Mehrzahl Gefangener, dann: … die Decken … den Betten …

Sofern es nicht um die Decke, sondern um den Burschen geht:
… und ihn aus dem Bett zerrten …



sprang Lorraine auf und ließ sich ebenfalls mitnehmen, ganz bereitwillig.

Warum? Einfach so?



Und Lorraine?, fragten wir, denn wir alle mochten ihn – der alte Dichterling war gut für die Moral und seine Geschichten hielten uns alle irgendwie zusammen. Er schwieg eine Weile und flüsterte dann, dass er alles auf sich genommen habe, den ganzen Verschwörungsscheiß, den ganzen verdammten Fluchtplan. Und, dass die Picker ihn an Ort und Stelle erschossen haben,

Hier ist der einzige Punkt, wo deine Geschichte mich nicht so ganz überzeugt (bzw. wo mir etwas Wesentliches fehlt).
Wenn Lorraine so etwas außergewöhnliches tut, dann solltest du m.E. auch sagen 'warum'. Was hat Lorraine zu dieser tugendhaften, dummen, heiligen, total bescheuerten Aktion motiviert?



Fazit:
Ich bin mal wieder schwer beeindruckt von deinem tollen Schreibstil und der spannenden Geschichte – soweit eingestellt. Leider habe ich "Der Archipel Gulag" nicht gelesen und kann also Bezüge, Reminiszenzen etc. nicht erkennen.

Die Science-Fiction 'Rohstoffmond 16' schaut auf uns Menschen: Sie erzählt von Krieg, Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung und Willkür. - Eine Dystopie?

Flemeth, ich bin sehr neugierig wie es weitergeht und hoffe sehr, du stellst den dritten Teil deiner Geschichte bald ein? 8)

LG
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Re: [SciFi]Rohstoffmond 16 (Teil 1/3)

Beitragvon Aikaterini » 02.11.2015, 02:01

Hallo liebe Flemeth,

mir hat dein Text ausgesprochen gut gefallen, er gehört zu den besten, die ich bislang in der Schreibwerkstatt gelesen habe. :)

Besonders gefallen hat mir
die dichte Atmosphäre,
das starke Innenleben,
wie du geschickt, nahezu filigran, die Charaktermerkmale in die Handlung einstreust,
wie du Tiefe und Spannung schaffst ohne Effekthascherei
und dass du einen eigenen Schreibstil entwickelt hast.

Aufgefallen sind mir daher eher Kleinigkeiten.

Unter anderem war ein Kritikpunkt für mich die fehlenden Absätze. Manche Sätze, sehr gelungene Sätze wohlgemerkt, gehen durch den Blockabsatz unter. Du könntest sie hervorheben, indem du ihnen sogar einen eigenen Absatz widmest. Überhaupt ist ein Text übersichtlicher, überschaubarer, wenn er gegliedert ist.
Vielleicht probierst du es einfach Mal aus, legst die beiden Texte nebeneinander und prüfst, wie es auf dich wirkt.

Hier Stellen, wo ich einen Absatz setzen würde:

Doch Papier … Es war ein Tagtraum, einer der wahr wurde.
(Dem Satz würde ich sogar einen eigenen Absatz schenken)

Aber ich schweife ab, denn ich schreibe von offensichtlichen und unwesentlichen Dingen.


Ich werde morgen weiterschreiben, oder den Tag darauf, oder wann immer mich die Muse wieder küssen wird.

(Dem Satz würde ich auch einen eigenen Paragraphen widmen)

Der Mann in dem Bett über mir murmelt seine Gebete, wie immer um diese Zeit.


Auch jetzt höre ich ihn wieder flüstern, seine Pläne vor den anderen ausbreiten, die seinen Worten halb fasziniert, halb abgestoßen lauschen.


Wenn ich ihn doch nur

(könnte auch in einem eigenen Absatz, um es noch mehr hervorzuheben)

Gestern Nacht kamen Sie und rissen einige von uns - „Die Verschwörer“ - aus den Betten.

(Neuer Absatz wegen Themawechsel)


Nächster (kleiner) Kritikpunkt sind Füllwörter, allen voran „aber“, besonders im ersten Teil.
An manchen Stellen, schwächt das Füllwort den Satz und kann getrost gestrichen werden. Ich muss allerdings sagen, dass ich ein geschärftes Auge für Füllwörter habe. Ein gewöhnlicher Leser hätte sie wohlmöglich nicht einmal bemerkt.

Für die Stoßer ist es nur ein herkömmlicher Dübel, für mich aber ist es die beste Schreibfeder, die ich mir an einem Ort wie diesen wünschen kann. Ich habe ihn mit einem Metallteil angespitzt und nun, während ich schreibe, krümmen sich meine wunden, zittrigen Finger darum, wie um ein heilbringendes Amulett. Und auch Farben gibt es, obwohl unsere Augen diese nicht mehr als solche wahrnehmen. Ausgeflossenes Schmieröl, feuchter Schmutz, Rost, Blut. Farben des Elends und des Leides, aber dennoch Farben. Doch Papier … Es war ein Tagtraum, einer der wahr wurde. Gestern Nacht hab ich es gefunden, doch erst heute bringe ich den Mut auf, zu schreiben. Es lag in der Ecke des Waschcontainers, neben den von Exkrementen verdreckten Aborten. Der Picker, der mich überwachen sollte, nahm es gar nicht wahr, aber für mich hat es geleuchtet wie ein heiliger Gegenstand, wie die Wunderlampe in diesem alten, irdischen Märchen. Einige Bögen weichen, nachgiebigen Papiers, mit einer Farbe irgendwo zwischen gelb und grau und im Moment noch viel zu feucht um ordentlich darauf zu schreiben, die Farbe verrinnt, sobald ich sie auf das Papier auftrage. Aber ich schweife ab, denn ich schreibe von offensichtlichen und unwesentlichen Dingen. Ich muss sparsam sein, es sind wenige Bögen Papier, so wenige, aber es tut gut einfach nur zu schreiben, was mir durch den Kopf geht.


Doch wie sich bald herausstellte handelt er zuweilen gedankenlos und impulsiv.
(Hier würde ich „doch“ allein schon streichen, weil der vorherige Absatz mit „aber“ anfängt. So wird unwillkürlich der Eindruck erweckt, der Prota widerspreche sich ständig :wink: )

Keine Ahnung, was ich damit anfangen soll, aber Lorraine hat da sowas wie seine Gedanken raufgekritzelt, obwohl ich das meiste nicht lesen kann.
(zwischen den Sätzen ist kein Wiederspruch, „aber“ kann somit gestrichen werden)


Und noch einige allgemeine Anmerkungen, nur Feinheiten.

Gestern Nacht hab ich es gefunden, doch erst heute bringe ich den Mut auf, zu schreiben.
„Gestern Nacht fand ich es…“ Du brauchst keine Vorvergangenheit, wenn du danach Gegenwart hast.

Einige Bögen weichen, nachgiebigen Papiers, mit einer Farbe irgendwo zwischen gelb und grau und im Moment noch viel zu feucht um ordentlich darauf zu schreiben, die Farbe verrinnt, sobald ich sie auf das Papier auftrage

„Viel“ streichen, das bläht nur den Satz.
Vor „die Farbe verrinnt“ würde ich dir empfehlen einen Punkt zu setzen, sonst geht der Satz im Lesestrom unter, und das ist schade, weil er gut ist.

Aber ich schweife ab, denn ich schreibe von offensichtlichen und unwesentlichen Dingen.

„Der Nebensatz wirkt etwas unnatürlich auf mich, nicht wie einer, den man in sein eigenes Tagebuch schreibt. Außerdem erörterst du in den folgenden Sätzen, was er vermeiden möchte.“

Ich hielt ihn für vernünftig und rational.

„Ist beides nicht das gleiche?“

O’Hara, diesen Spinner, dem wir das alles zu verdanken haben, haben sie sich zualler erst geschnappt.
„zuallererst / zu aller erst“

Als sie den Burschen die Decke wegzogen und aus dem Bett zerrten, sprang Lorraine auf und ließ sich ebenfalls mitnehmen, ganz bereitwillig.

„Ich glaube, hier brauchst du die Vorvergangenheit. „… ist Lorraine aufgesprungen …“ Bin mir aber nicht sicher, aber irgendwie bleibe ich immer wieder an dieser Stelle hängen.“

Wir anderen fragten ihn natürlich (Komma) was passiert war, aber er äußerte sich kaum.

„Äußerte klingt recht sachlich, ist auch nicht so bildlich. Vielleicht „murmelte nur vor sich hin“ oder ähnlich, damit es anschaulicher wird.“

Und, dass die Picker ihn an Ort und Stelle erschossen haben, seine Brust zerlöchert und Adler und O’Hara rausgeschickt wurden, um ihn in die Faulgrube zu werfen.

Kein Komma, das lässt den Lesefluss nur stocken.
Ich bin hier etwas verwirrt, es ist doch „Adler“ der spricht, oder? Würde er sich selbst dann als „Adler“ bezeichnen, du gibst ja seine Rede wieder. Vielleicht besser „und ihn und OHara …“


Zum Schluss noch verschiedene Sätze, die mir besonders gut gefallen haben. Ich finde Lob immer genauso wichtig wie Kritik, denn ein Autor muss sich nicht nur seiner Schwächen, sondern viel mehr noch seiner Stärken bewusst sein.

Der Dübel etwa, der schöne, stabile Dübel, der vor ein paar Wochen auf der Schwelle zur Essbaracke lag.
(Hier gefällt mir der Satzaufbau.)

habe ihn mit einem Metallteil angespitzt und nun, während ich schreibe, krümmen sich meine wunden, zittrigen Finger darum, wie um ein heilbringendes Amulett.

(wunden, zittrigen Finger ist eine Andeutung, die Spannung erzeugt)

Ausgeflossenes Schmieröl, feuchter Schmutz, Rost, Blut.

(sehr bildstark)

Gestern Nacht hab ich es gefunden, doch erst heute bringe ich den Mut auf, zu schreiben.
(Gutes Innenleben)

Es lag in der Ecke des Waschcontainers, neben den von Exkrementen verdreckten Aborten.
(Tolle Atmosphäre)

Die Inspiration kommt und kommt nicht, jetzt, da ich die Mittel hätte, sie zu Papier zu bringen. Ach ja, die Ironie, Spiel und Zeitvertreib der höheren Mächte.
(Origineller Satzaufbau)

Seine Sägemehlmatratze hat ein Loch und jedes Mal, wenn er sich bekreuzigt rieseln Sägespäne auf mich herab und erinnert mich daran, dass es bald zu schneien beginnen wird
(Atmosphäre pur)

Der Mann in der löchrigen Matratze hält also für uns alle Gott am Leben, wir sollten ihm danken.

(Strotz nur so vor Ironie)

Wenn ich ihn doch nur

(der abgebrochene Satz erzeugt eine gute Spannung)


Es war eine Genuss deinen Text zu lesen :D
Vielleicht kannst du mit der einen oder anderen Anmerkung etwas anfangen

Noch einen ganz lieben Gruß
Aikaterini
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