"Schlecht" schreiben lernen

Tipps, Ratschläge und Hilfen zum Schreiben. Wie machst du das? Hilfe bei Blockaden, Hemmungen und Anfangsschwierigkeiten

"Schlecht" schreiben lernen

Beitragvon Buchenkind » 11.04.2007, 13:52

Hallo ihr lieben! :D

Also, ich habe in letzter Zeit festgestellt, dass ich nicht einfach so drauf los schreiben kann. Ich meine, wenn ich wirklich weiß, was ich schreiben will, klappt es sehr gut und ich kriege dieses "Kribbeln". Aber wenn ich versuche mich einfach treiben zu lassen, steigt in mir sofort die Perfektionistin hoch und ich ändere jedes zweite Wort oder zerbreche mir den Kopf über Satzaufbau.
Das hab ich eben irgendwo gelesen, ich glaube es war von Kim Possible :oops: :

Sie erlaubt sich selbst "schlecht" zu schreiben.



Und das erlaube ich mir eben nicht. Ich glaube dadurch gehen mir viele Ideen und fantasievolle Einfälle verloren. Habt ihr vielleicht einen Ratschlag für mich?
Wir wissen was wir sind, aber nicht, was wir sein könnten." William Shakespeare "
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Beitragvon Kim Possilbe » 11.04.2007, 19:48

Wwwupp, das war ich ;)
Ich hab mitlerweile "schon" drei Bücher über das Schreiben gelesen.
("Von der Kunst des Schreibens" von Julia Cameron, "On writing" von Stephen King, "Schriftsteller werden" von Dorothea Brande). Minie-Binie und ich, nennen dieses "schlecht schreiben" auskotzen bzw. Wortkotze, James Cameron nennt es "Spur legen", was vielleicht besser ist, weil es einen positiveren Beigeschmack hat. Es bedeutet allerdings beides dasselbe.

Beim ersten Entwurf geht es nicht darum, gleich perfekt zu sein. Es geht einfach nur darum eine Idee auf's Papier zu bringen, bzw. eine Spur aus alten, gammligen Brotkrümeln zu legen.
Stephen King beschreibt das in seinem Buch "On Writing" so, dass er "mit geschlossener Türe" schreibt. Er sperrt die ganze Welt aus. Das macht er zum Einen im wörtlichen Sinne, er schließt tatsächlich seine Türe, stellt das Telefon ab, und sorgt dafür das ihn niemand stört. Zum Anderen tut er das auch im Übertragenen Sinne, er schickt seinen inneren Kritiker vor die Türe. Er sagt, er weiß dass das schwer ist, aber es geht nicht anders, der Lektor hat in dieser Phase des Schreibens nicht viel zu suchen, was er jetzt braucht ist sein kleines, überaus sensibles, kreatives Ich, und wenn der große, böse Kritiker auftaucht, versteckt sich die Kreativität immer ganz schnell.
Deshalb schreibt er los, und verbietet sich selbst, das was er geschrieben hat noch einmal zu lesen (außer um einen Namen nachzuschlagen, selbst das tu ich nicht, ich mach mir immer gleich in einer seperaten Datei eine Liste, damit ich eben nicht nachschlagen muss). Er schreibt die Sätze hin, einfach wie sie kommen, und wenn der Kritiker auftaucht, und zum Anfang des Satzes, der noch nicht mal zu Ende ist, zurück will, dann klopft er ihm gehörig auf die Finger, und schickt ihn wieder vor die Türe.

Beide stimmen auf jeden Fall darin überein, dass der erste Entwurf ruhig kacke sein darf!
Stephen King legt sein Werk danach für wenigstens sechs Wochen in eine Schublade. "Es ist einfacher die Kinder von anderen Leuten zu köpfen, als die Eigenen". Womit er nur sagen will, dass er so emotionalen Abstand gewinnt.
Wenn er, und das schreibt auch Julia Cameron, dann die Geschichte ein zweites Mal liest, fällt ihnen meistens auf, dass die gelegte Spur, gar nicht so schlecht ist, wie sie ihnen beim Schreiben vielleicht erschien.
Jetzt wird der Sensible Teil ins Bett gepackt, damit er ja nicht hört was vor sich geht, und der Kritiker wird raus geholt "Komma hier, ... Punkt da, ... überflüssiger Satz gestrichen, .. Fehler in der Logik korrigiert, ... Satzstellung, Verbfehler, Großschreibung ... Pillepalle" jetzt kommt der Perfektionist zum Tragen, jetzt DARF er!
Die Spur aus Brotkrumen wird zu einer Straße, gepflastert mit einem Mosaik, einem Bild aus millionen winziger Teile, verbunden durch Spachtelmasse aus Marmor, verziert mit Splittern aus Diamanten, gesäumt von alten, mächtigen Bäumen, selbst der Himmel beugt sich dieser Pracht *schwulst auspack dick auftrag*
Aber ich mein's schon so ;)

Ich hoffe das hat dir jetzt irgendwie geholfen, und du verstehst was ich meine ;)
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Beitragvon Buchenkind » 11.04.2007, 21:30

Hallo Kim Possible :D ! Vielen, vielen Dank. Das ist genial. Ich drucke mir das, was du geschrieben hast aus und bevor ich das nächste mal drauflos schreibe, lese ich es mir nochmal durch, um mich daran zu erinnern den "bösen Kritiker" rauszuschmeißen. Heute habe ich ein Gedicht geschrieben und da hat es schon mal funktioniert. Zuerst hab ich einfach geschrieben, was ich sagen will. Das Gedicht hatte dann ganz andere Worte etc., aber als Orientierung hat es mir geholfen. Nur bei (Kurz)geschichten hab ich es bisher noch nicht geschafft...Aber ich bin sicher, mit deinem motivierenden Text wird es klappen. Danke! :D
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Beitragvon Erik » 11.04.2007, 23:22

Mensch, da hast du dir ja echt Arbeit gemacht!
Das muss ich mir unbedingt gleich nochmal durchlesen. :!:
Vielleicht sollte ich mir auch so ein Buch zulegen, ich dachte immer die wären blanker Schwachsinn, aber scheinbar steht ja nicht nur Müll drin 8)
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Beitragvon Timbo » 17.04.2007, 02:37

@Buchenkind

Ich kenne dein Problem ;) Ich überlege auch oft genau, wie ich was beim Schreiben schreibe. Aber deswegen schreiben wir nicht schlechter. Keineswegs. Wir haben einfach eine andere Methode des Schreiben als Cameron oder King. Für sie mag es wohl ein Patenrezept sein, Aber nur weil sie Bestsellerautoren sind, muss es noch lange nicht heißen, dass diese Methode auch quasi grundlegend ist. Jeder entwickelt da seine eigene Taktik, Methode, um seine Gedanken aufs Papier zu bringen. Und das ist auch gut so, wie ein bekannter Berliner Politiker meinte ;)
Wenn du deine Art zu Schreiben für richtig hältst, bleib dabei. Schreib dir vielleicht deine Gedanken und kreativen ergüsse auf und überlege, wie du sie wo einsetzen kannst und möchtest. So mache ich es zum Beispiel.
Natürlich verschwindet auch mal ein Text für Wochen in der Schublade und wird anschließend noch einmal auf Herz und Nieren getestet.
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Beitragvon Kim Possilbe » 17.04.2007, 08:33

Ich wollte nur noch Mal erwähnen, dass das nur ein Ratschlag war, dass es das ist wie ich es mache, und das es jedem selbst überlassen bleibt, was er mit dieser Idee tut. Schließlich wäre ein Ratschlag, der angenommen werden muss, nur ein nutzloses Dogma.
Natürlich kann ich nur von mir selber sprechen, und bei jedem funktionieren andere Dinge. Bei mir war es so, dass ich früher auch oft festegesteckt habe, weil ich mich durch meine "direktkorrektur" selber am Schreiben gehindert habe.
Die Ratschläge von Camoren und King, haben mir da sehr weiter geholfen, und ich wollte das nur weiter geben, für den Fall, dass es auch jemand Anderem hilft ;)
"Denn alles was du bist, das ist in dir"
oder
"Jeder so wie er am besten kann"
und
"Was für dich funktioniert, das ist auch richtig."
*zitateschleuder aus* :P
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Beitragvon Timbo » 17.04.2007, 12:31

Kim Possible hat geschrieben:Die Ratschläge von Camoren und King, haben mir da sehr weiter geholfen, und ich wollte das nur weiter geben, für den Fall, dass es auch jemand Anderem hilft ;)


Weiß ich doch ;) War ja auch nicht böse gemeint :P
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Beitragvon boeserwolf » 04.05.2007, 09:00

Hey Kim, vielen Dank für den super Beitrag! Hab ich mir gleich mal ausgedruckt. Leider versuche ich auch zu sehr "perfekt" zu sein, und stehe mir eher selbst im Weg.

Es gab da mal einen italienischen Ingenieur namens Pareto. Der hat eine Wahrschenlichkeitsregel aufgestellt, die als Pareto-Prinzip (auch 80/20-Regel) bekannt ist: Eine Aufgabe lässt sich mit ungefähr 20% Einsatz zu 80% erledigen. Um die restlichen 20% zu erledigen, benötigt man wiederrum 80% Einsatz.

Wenn man darüber nachdenkt, trifft das auf erstaunlich Vieles im Leben zu...
Und ich geh jetzt mal wieder meine 20% arbeiten. *grins*
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Beitragvon Tulkas » 20.05.2007, 03:22

Hallo und herzlich willkommen zu meinem Erstlingsbeitrag! :lol:

Ich kann das was Kim gesagt hat nur bestätigen. Erst schreiben, dann korrigieren! Ich weiß aus eigener Erfahrung das sowas nicht einfach ist. Aber es ist meiner Meinung nach der einzige Weg überhaupt zu etwas zu kommen (es sei denn man möchte immer "nur" Gedichte schreiben). Da man sich ansonsten in selbstkritischen (normalen) Zweifeln verliert.

Als Tipp:
Wenn ich mit einem Wort oder einer Formulierung nicht zufrieden bin, suche ich nicht lange nach Synonymen, sondern unterstreich es mir. So weiß ich bei der Durchsicht sofort wo die eklatantesten Fehler (Unzufriedenheiten) sind und kann sie am nächsten Tag sehr schnell und einfach korrigieren.
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Beitragvon Blue_Sunshine » 23.06.2007, 15:36

Hi!

Kim, dein Ratschlag ist wirklich gut :D Habe ihn mir auch gleich ausgedruckt, damit ich es immer durchlesen kann, sobald der Perfektionist in mir wieder durchzubrechen droht.

Bei mir ist das so: Das erste Kapitel, also die ersten Seiten meines Romans, habe ich absichtlich sofort überarbeitet. Den Rest will ich dann erst verbessern, wenn ich fertig bin. Der Sinn ist einfach, dass wenn die ersten Seiten (fast) perfekt sind, ich gleich viel selbstbewusster schreibe, weil ich weiß, dass ich auch gut schreiben kann. Das tröstet mich dann über die Rohfassung hinweg. :D Hoffe, ich konnte helfen.

Blue_Sunshine :wink:
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