Wie fange ich an?

Wie fange ich an?

Du befindest dich in einem schlecht beleuchteten Raum. Alleine stehst du vor einem Publikum von 1.000 Leuten. 10 Minuten von deiner Präsentation sind schon vorbei, deine Hände zittern und schwitzen nicht länger. Es läuft gut, denkst du. Aber dann hörst du plötzlich ein vage bekanntes Geräusch -- tip, tip, tip, klick-klack -- das du in einem Augenblick des Entsetzens wieder erkennst -- es ist dein Publikum. SMS verschickend, E-Mails abfragend, live bloggend ("Wireless Verbindung ist hier im Hotel beschissen, und Oh mein Gott! Das ist der abgrundtief langweiligste Redner den ich je gesehen habe")

Was ist falsch gelaufen?
Wie hast du sie schon in den ersten 10 Minuten verloren?
Wie kannst du ihre Aufmerksamkeit erlangen?

Niemand weiß mehr über die Bedeutung von Anfängen, als Autoren von Romanen und Drehbüchern, aber nur all zu oft denken wir, dass ihr Rat uns nicht betrifft schließlich halten wir technische Präsentationen. Vorlesungen. Predigten. Wir berichten über professionelle Themen, nicht Fiktion. Keine Unterhaltung.

Oh wirklich? Ungeachtet deines Themas, der einzige Weg, das sie weiter lesen oder zuhören werden ist, dass du sie vom ersten Augenblick an mitreißt. Wie deine Mutter immer sagt: "Du kriegst niemals eine zweite Chance einen ersten Eindruck zu hinterlassen." (oder wie ein Schriftsteller es ausgedrückt hat: "Du kannst nicht neben dem Leser im Raum stehn um ihm zu sagen "Vertrau mir, ... es wird besser."")

Also haben wir ein paar Tipps zusammengesucht, darüber wie man einen guten Anfang macht, von solchen Leuten, deren Arbeit davon abhängt.

1) Fang NICHT am Anfang an!

Ein Ratschlag für Erstautoren ist häufig: "Nimm das erste Kapitel, und schmeiß es weg. Die Chancen stehen gut, dass es das zweite Kapitel ist, wo es anfängt interessant zu werden, also fang DORT an." Fang dort an, wo die Handlung beginnt! Was passiert, wenn du die ersten 10 Minuten deiner Präsentation weg lässt? Was passiert wenn du das erste Kapitel aus lässt? Oder die erste Seite, den ersten Paragraphen, was auch immer?

Jepp, das heißt den Leser gleich ins kalte Wasser zu schmeißen, ohne all das unnötige drum herum. Aber wenn der Anfang packend genug ist, macht es ihnen einfach nichts aus, zumindest jetzt noch nicht. Sie werden wenigstens lange genug hängen bleiben, damit sich der Inhalt entwickeln kann, einfach mit der Zeit, während die "Geschichte" fortschreitet. Einer meiner größten Fehler in Büchern und Präsentationen ist, die Menge des Inhalts, den der Leser/Zuhörer wirklich im Voraus braucht, zu überschätzen.

2) Zeigen, nicht beschreiben!

Wenn du deinen Lesern SAGEN musst, dass sie interessiert sein sollten, bist du gearscht. Der Grund, warum sie aufmerksam dabei sind, muss ein essentieller Bestandteil der Geschichte, des Szenarios, Beispiels, der Graphik, etc. sein.
[Weiterfürende Links: Was heißt "zeigen, nicht beschreiben"? und Gefühle zeigen, statt beschreiben]

3) Um Himmels Willen, fang NICHT mit "Geschichte" an!

Wenn ich nur noch EIN Buch über das World Wide Web lesen muss, das mit der Geschichte des Internets beginnt, muss ich Gefangene nehmen. Kein Scherz. Braucht irgendjemand von uns wirklich etwas über DARPA und CERN, ... zu wissen? Kümmert es die meisten Webdesigner und Programmierer in irgendeiner Weise? Nein, und Nein. Und es sind nicht nur Webdesign Bücher, die unter diesem schlimmsten-was-man-in-das-erste-Kapitel-packen-kann-Syndrom leiden. WARUM BEHARREN AUTOREN DARAUF EINEN HISTORISCHEN ÜBERBLICK AN DEN ANFANG EINES BUCHS ZU SCHREIBEN?? Wenn du dich dazu gedrängt fühlst, oder eine moralische Verpflichtung verspürst, einen historischen Überblick über was auch immer einzubinden, schön, aber tu es nicht am Anfang. Steck es in den Anhang, oder auf eine Webseite, wo es den geringsten Schaden anrichtet. (Um fair zu bleiben, es existieren einige Themen, wo ein historischer Überblick interessant und nützlich ist, aber selten ist das die ich-reiß-sie-mit Methode, die man am Anfang braucht.)

Wenn du Inhalte/Fakten hast, die wichtig sind -- einschließlich Geschichte (Obwohl ich wie ein Löwe kämpfen würde, um dich zu überzeugen, das es unnötig ist) -- lass es sich während deiner Geschichte, Buch, Präsentation entwickeln, nicht vorher, wenn dein Publikum am wenigsten motiviert ist, so etwas zu hören. Denk an all die Dinge denen du nachgegangen bist, wo die Geschichte interessant wurde NACHDEM du ein starkes Interesse am Thema entwickelt, und schon einiges an Vorwissen erworben hattest.

Starte NICHT mit den Grundlagen

Entscheide was absolut, und unumgänglich, wirklich notwendig ist, und dann, ... pack es in den Anhang. Wenn du für ein Publikum schreibst, von dem du annimmst, dass es diese Grundlagen hat, warum solltest du ihnen dann das erste Kapitel versauen? Warum sie verlangsamen? Die Chancen stehen gut, dass sie das erste Kapitel einfach überspringen, und gleich bei Kapitel 2 anfangen. Die Chancen stehen gut, dass sie das ganze Buch überspringen.

Mythos: Du musst zuerst Glaubwürdigkeit erzeugen

Wie viele Präsentationen hast du schon gesehen, wo der Sprecher sich nur an ein paar Aufzählungspunkten entlang hangelte. Ich habe das einmal gemacht, weil ich dachte es würde den Leuten helfen den Inhalt meiner Präsentation zu verstehen, und es funktionierte NICHT so gut weil:

  1. Niemanden interessiert's
  2. Aufzählungspunkte sind nicht gleich Glaubwürdigkeit
  3. Niemanden interessiert's
  4. Du HAST schon die Glaubwürdigkeit am laufen, .. du musst sie nicht erst bekommen, du musst nur sicher stellen, dass du sie nicht verlierst
  5. Niemanden interessiert's
Ich habe auch schon Bücher gelesen, wo es sich so anfühlte, als ob der Autor dem Leser beweisen wollte, wie schlau er doch ist. Eine viel bessere Herangehensweise ist es, den Leser zu testen wie schlau ER ist. Indem man ihn nicht für dumm verkauft. Indem man dem Leser/Zuhörer demonstriert, dass man ihm zutraut, dass er diese wirklich schwierige Sache verstehen kann. Ich habe keinerlei Illusionen darüber, dass der der Leser/Zuhörer sich selbst weeeeeesentlich wichtiger nimmt, als mich.

Der Versuch Glaubwürdigkeit zu erzeugen funktioniert Rückwärts. Versuche nicht den Leser dazu zu bringen DICH zu respektieren, ... der Leser möchte wissen, dass du IHN respektierst!

Demonstriere diesen Respekt, indem du seine Zeit nicht verschwendest. Indem du dich um die Qualität der Zeit bemühst. Dein Publikum sollte gleich von Anfang an wissen, dass du dankbar bist für die Zeit die sie dir schenken, und du zeigst das, indem du unterhaltend, engagiert, packend oder wenigstens nützlich bist. Durch Anerkennung dessen, was sie schon mitbringen. Dadurch das du ihre Intelligenz nicht beleidigst. Durch vorbereitet sein.

IDEEN FÜR ANFÄNGER

Ein paar Tricks der Autoren von Romanen, Drehbüchern und den weltbesten Lehrern. Benutze ein oder mehrere der folgenden Punkte, um mit einem großen Knall anzufangen:

Starte mit einer Frage. Eine Frage, die der Leser beantwortet haben möchte

Es muss nicht buchstäblich eine Frage sein, nur etwas das sie herausfinden wollen. In einem guten Film. einer guten Geschichte, fragst du dich selbst:

  • Wer ist der Kerl?
  • Warum ist er in dieser Situation?
  • Wird er wieder herauskommen?
  • Was ist diese geheimnisvolle Sache, über die sie dauernd sprechen?

Mach sie neugierig.

Neugier ist Verführung. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie häufig wir einfach das Leben aus technischen Themen saugen, wenn sie doch in Wirklichkeit faszinierend sein könnten. Finde die Leidenschaft. Wenn DU dich nicht um die Antwort scherst, warum sollten sie?

Sei provokant

Vordere einen Glaubensgrundsatz heraus. Selbst wenn sie dir nicht zustimmen, dann werden sie doch lange genug bei der Stange bleiben, um herauszufinden wo du mit dieser verrückten Idee hin willst. Fang mit deiner dramatischsten oder unpopulärsten Behauptung an.

Erwecke Identifikation

Starte mit einer Geschichte über eine wirkliche Person, oder einen fiktionalen Charakter, mit dem sie sich identifizieren können.

Tu etwas überraschendes, .. SEHR überraschendes

Sie werden bleiben um zu sehen, was für verrückte Dinge du als nächstes tust.

Fang mit etwas lustigem an

Vergiss den Rat mit "einem Witz anzufangen", außer du bist zufälliger Weise einer dieser seltenen, wirklich witzigen Leute. Aber du musst nicht mit einem Witz anfangen, um sie früh zum Lachen zu bringen. Etwas, ein Bild, eine Geschichte, oder nur ein Zitat kann sie dazu bringen zu bleiben, weil du sie unterhalten hast, .. zumindest für den Moment.

Versprich dass es Konflikte geben wird

Wir würden kaum eine Geschichte lesen oder einen Film anschauen, wenn es nicht das Versprechen auf Konflikte gäbe. Spannung und Ungewissheit sind packend. Wie wird das ausgehen? Wie willst du diese Sache jemals regeln? Wie kannst du dieses Ding in so einer irre kurzen Zeit aufbauen, nur mit einem Stück Klebeband und einer Dose Reißnägel?

Starte mit einem dramatischen Schlüsselereignis oder Wendepunkt


Rätsel, Ungewissheit, Intrigen

An wie vielen schlechten Büchern und Filmen bist du schon hängen geblieben, nur um herauszufinden, wer es war? Schau auf dein Thema, und finde einen Weg um ein kleines Rätsel aufzubauen. ALLES was es wert ist darüber zu schreiben, hat Potential für ein Rätsel (was uns wieder zur Neugier bringt).

Vermittle ein emotionales Erlebnis

Dein Job ist es, ihre Gefühle in irgendeiner Art und Weise zu berühren. Nicht eine "Ich lachte, ich weinte, ich war berührt" Sache, aber denk dran: Menschen schenken ihren Gefühlen Aufmerksamkeit. Schau auf deine ersten paar Seiten, deine ersten Folien und frag dich selbst: "Was für ein Gefühl erwecken sie bei mir?" Heb deine Hand, wenn du zu viele Bücher gelesen hast, oder bei viel zu vielen Präsentation warst, wo niemand diese Frage gestellt hat.
Paul O'Neil:Pack den Leser im ersten Absatz an der Kehle, ramm ihm deine Daumen in die Luftröhre beim Zweiten, und press ihn gegen die Wand bis zur letzten Zeile.

Das ist das Ziel, aber nur die wirklich Talentierten können das auch umsetzen. Ich? Ich beschränke mich darauf, den Leser dazu zu bewegen, mir nur einen weiteren Augenblick zu schenken. Dann noch einen. Dann noch einen. Ich schätze (und fühle mich glücklich und geehrt für) jeden Augenblick, den du gewillt bist mir zu geben.

Mit freundlicher Genehmigung von Kathy Sierra, Originaltext auf Passionate, übersetzt von Jacky

Weiterführende Literatur

Einen ganzen Blog voll mit weiteren Tutorials und Anregungen zum Schreiben-lernen findest du auf Schriftsteller-werden.de.

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