Re: Schwangerschaft - Abbruch - woher ein Kind??
Hallo Vianne,
ich finde das nicht sonderlich glaubwürdig.
Der Frau muss doch schon zum Zeitpunkt der Eheschließung klar sein, dass von ihr erwartet werden wird, einen Erben zu produzieren. Genauso, dass ihre Lage prekär ist, bis es so weit ist. In der Situation eine Schwangerschaft mutwillig abzubrechen, nur um hinterher eine vorzutäuschen ist doch absolut dämlich. Auf die Idee würde sie höchstens kommen, ihr kurz nach dem Abbruch gesagt wird: "Euer Gnaden, sie haben noch vier Monate Zeit schwanger zu werden, wenn es bis dahin nicht klappt, wird ihre Ehe annuliert und sie erwartet dann der Scheiterhaufen, denn unfruchtbare Frauen sind ein verhexter Fluch, der nur durch das Feuer von unserem Volk genommen werden kann."
Dann fehlen mir ein paar Informationen, um dem Rest einschätzen zu können. Zunächst mal, das technologische Niveau: Was Du hier so schilderst, klingt für mich ganz stark nach einer Zeit vor Erfindung der Dampfmaschine. Wenn ich mich da irren sollte, sind ein paar meiner Einwände hinfällig. (Der Gedanke an Abtreibung ist kein Hilfsmittel zur zeitlichen Einordnung. Abtreibungen, bzw. künstlich erzeugte Fehlgeburten gab es schon in der Antike; der Codex Hammurapi 18. Jahrhundert vor Christus enthält schon ein Abtreibungsverbot.
Wie definierst Du "Prinz"? Sind Prinzen bei Dir einfach Fürsten, wie etwa in England oder im französischen Sprachgebrauch, oder sind das männliche Nachkommen des Königs, wie der Ausdruck in Deutschland oft verstanden wird? Bei Nachfahren des Königs wird tierisch aufgepasst, dass nur legitime Nachkommen produziert werden, denn selbst wenn sie in der Thronfolge weit hinten stehen, sie könnten durch unglückliche Umstände tatsächlich auf den Thron gelangen. Bei einem Fürsten ohne Erbansprüche auf den Thron ist das nicht so wichtig, aber die Eifersucht des Ehemannes dürfte das Vortäuschen einer Schwangerschaft schon genug erschweren, um das Ganze praktisch unmöglich zu machen, schließlich will auch so jemand legitime Erben seines eigenen Blutes in seiner Nachfolge wissen.
Dazu kommt, der Moment der Geburt; das war früher ein recht öffentliches Ereignis und da waren eine Menge Leute nahe genug dran (der Vater des Kindes, Ärzte, Verwandte, Höflinge, Würdenträger, Dienstpersonal...) dass ihnen auffallen müsste, wenn das Kind nicht aus der Mutter sondern aus einem Bündel in ihrer Nähe gezogen wird... Die müsste die Frau alle vorher kennen, und in ihr Komplott integrieren. Schwer zu realisieren, wenn ihre Position wackelig ist.
Wie sieht das Hofprotokoll aus, dem sie zu unterwerfen hat? Wenn Du Dich da an historischen Vorbildern der Erde orientierst, hat sie sehr schlechte Karten, eine Schwangerschaft oder gar eine Geburt vorzutäuschen. Zumindest kann sie das nicht tun, ohne eine ganze Menge Leute ins Vertrauen zu ziehen, die ihr helfen, einiges zu verschleiern. Schon im Mittelalter waren alle, die auch nur an der Thronfolge schnupperten nie alleine; zumindest nie alleine genug, um so etwas massives wie eine Schwangerschaft dauerhaft türken zu können.
Dazu kommt, dass Gesellschaften, die Wert darauf dass "das richtige Blut" auf den Thron kommt, ziemlich paranoid gegenüber Bastarden sind. Und die ganzen Mechanismen, die eine legitime Erbfolge sichern sollen, stehen auch einer vorgetäuschten Schwangerschaft im Weg. Diese Paranoia hat in Europa dazu geführt dazu, dass bei allen, deren Nachfahren auf der Liste der Thronfolger stehen würden, alles was irgendwie mit Vermehrung zu tun hatte, ein Staatsakt war, der bezeugt werden musste. Wenn der König mit seiner Königin zur Sache kam, waren Familienmitglieder und einige höhere Beamte dabei. Nicht vor der Tür, sondern im Zimmer. Bei Prinzen war es im Prinzip genauso, nur dass die Zeugen vielleicht etwas weniger hochrangig waren. Und bei der Geburt dürften die kaum diskreter gewesen sein, als bei der Zeugung.
Weil es so schön heißt: "mother's baby, father's maybe" waren Frauen durch das Hofprotokoll so scharf überwacht, dass heimliche Seitensprünge im Prinzip unmöglich waren (wenn eine Frau ihrem Mann schon mehrere Thronfolger geschenkt hat, wurden Seitensprünge eventuell toleriert, aber sie nicht unbemerkt geblieben. Vor dem ersten Kind war so was aber absolut nicht drin; man hätte die Frau in Schimpf und Schande vom Hof gejagt.). Wenn schon ein zwanzig-Minuten Seitensprung nicht verheimlicht werden kann, wie soll man dann bei neun Monaten Schwangerschaft und vor allem später bei Geburt (die ja auch vor hochrangigen Zeugen stattfand), falsches Spiel treiben können?
Außerdem würde eine solche Gesellschaft der Frau niemals erlauben, das Land zu verlassen; schon gar nicht alleine. Das hat verschiedene Gründe: 1.: Wie soll es zu legitimen Nachkommen kommen, wenn die Eheleute voneinander getrennt sind? 2.: Wie sollen Gesundheit der Frau während einer anstrengenden Reise gesichert sein, wenn sie ohnehin schon schwächlich ist? Wenn sie schwanger ist, gilt das Ganze noch einen Tick schärfer. Man würde befürchten, die Anstrengungen der Reise könnten zu einer Fehlgeburt führen. Zumal; wenn es in ein anderes Klima gehen soll, ist das eine sehr lange Reise, die mit damaligen Mittel Wochen, wenn nicht gar Monate dauert. Kränkliche oder schwangere Menschen schickt man nicht auf solche Expeditionen.
Von Sicherheitsbedenken in Bezug auf Räuber, Schiffbruch und dergleichen ganz zu schweigen. Sie ist zu wertvoll, um sie solchen Risiken auszusetzen und wird daher im Land behalten. Das einzige, was vielleicht drin wäre, um sie zu schonen, wäre, wenn sie vom zentralen Palast zu einem kleineren, etwas abseits gelegenen Lustschloss umziehen dürfte. Das aber natürlich nur mit Mann und Personal vom Haupthof. Das wäre schon eine enorme Entlastung, weil erstens viel weniger Leute (und damit "bessere Luft"; verglichen mit Versailles unter Louis XIV war Woodstock eine hygienische Angelegenheit), zweitens weniger strenges Protokoll, was einem Wellnessurlaub entspricht.
Du schreibst von Wüstenländern. In Asien und Nordafrika haben die Fürsten oft Harems unterhalten. Da waren die Frauen in bestimmte Räumlichkeiten eingesperrt, zu denen ausschließlich der Herrscher Zutritt hatte. Aber das ist ein ganz anders Biotop als das, was bisher bei Dir angeklungen ist. Die Kurzfassung: Auch da ist das Vortäuschen einer Schwangerschaft und vor allem der Geburt im Prinzip unmöglich, weil das Überwachungsnetz, dem die Frauen darin unterworfen sind, für solche Nummern doch entschieden zu dicht ist.
Schließlich: Wenn sie eine Schwangerschaft vortäuscht, und ihrem Mann ein Kind unterjubelt, das nichts mit dem königlichen Blut zu tun hat, wäre das Hochverrat (die königliche so zu verunreinigen ist für eine monarchische Gesellschaft fast schlimmer, als den König direkt umzubringen). Wenn das rauskommt (und die Gefahr ist, wie geschildert sehr groß) würde die Frau offiziell "nach plötzlicher, schwerer Krankheit" (bedeutet: de facto an einer Vergiftung) mitsamt ihrer Leibesfrucht sterben. Wegen des Verrates darf sie nicht leben, aber man kann ihr auch schlecht den Prozess machen und sie aufs Schafott bringen, ohne sich Ärger mit ihrem Heimatland einzuhandeln; deshalb wäre in einem solchen Fall Gift das Mittel der Wahl.
Aus ihrer Sicht wäre es rationaler, nach einer Fehlgeburt (also einer echten, nicht einer künstlich herbeigeführten) und einer entsprechenden Erholungszeit, alles daran zu setzen, tatsächlich schwanger zu werden und wenn es nicht klappt, zu hoffen, dass ihr Gatte so in Liebe für sie entflammt, dass er trotz Kinderlosigkeit an ihr festhält. Letzteres ist allerdings nur eine sehr entfernte Chance, denn dynastische Heiraten haben mit Liebe oder lustvoller Sexualität nichts zu tun. Eine etwas aggressivere Methode, ihre Stellung zu sichern, wäre, ihren Gatten so zu vergiften, dass er den Zeugungsakt nicht mehr zustande bringt (dazu braucht es nicht annähernd so viele Vertraute, wie bei einer vorgetäuschten Schwangerschaft). Wegen der Zeugen, wäre klar, dass es nicht an ihr liegt, sondern an dem Schlappschwanz von Prinzen und sie wäre aus dem Schneider; vorausgesetzt, niemand kommt ihr mit dem Hängolin auf die Schliche...
Fazit: Alleine kann Deine Figur so etwas unmöglich durchziehen. Sie braucht eine Menge enge Vertraute, die sie dabei decken und unterstützen.
Ich hoffe, Du bist mir nicht böse, weil ich Dein Szenario so zerlegt habe. Aber kommt Dir ja anhand meiner Kritik eine bessere, glaubhaftere Idee.
Gruß
Anby
von
anby77