[Nachdenk]Schweigen

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Schweigen

Beitragvon xena14 » 19.06.2015, 11:51

Hallo. Dieser Text ist noch nicht fertig, deshalb wäre ich sehr glücklich mit ernstgemeinten Verbesserungsvorschlägen.

Schweigen

Es ist nicht so, als ob er nicht lächeln würde. Oder sein Lächeln falsch wäre. Er wirkt nur nie glücklich. Er redet gerade oft genug, dass es nicht auffällt, dass er schweigsam ist. Unter alten Bekannten bewegt er sich sicher und lacht auch mal. Wenn Fremde dabei sind, sagt er fast nichts. Seine Gesten sind nicht schwungvoll, aber voller Ausdruck. Er ist authentisch. Entweder man mag ihn oder man hasst ihn. Es braucht eine Weile, ihn zu durchschauen. Wenn man aber hinsieht, sieht man die kleinen Dinge. Wie er im Dunkeln steht, die Lippen schließt und die Hände ausbreitet, wenn man ihn etwas fragt. Wie er auf dem Dach eines Hauses klettert, das einsturzgefährdet ist. Er steht zu dem, was er sagt. Wenn er sich etwas vornimmt, zieht er es dann auch durch. Er lässt es nicht oft durchblicken, aber er ist sehr stolz auf dieses Prinzip. Die, die ihn besser kennen, können sich darauf einigen, dass er ziemlich cool ist. Schade, dass er es selbst nicht bemerkt. Er hat Freunde. Menschen, auf die er zählen könnte, würde er sich umschauen. Aber sie reichen nicht.
Sie hat Drogen genommen. Ecstasy trägt seinen Namen zu Recht. Immer war sie zu spät dran. Das erste Mal betrunken gerade mal vor einem Jahr. Nun hatte sie ihre Gelegenheit. Nicht feige sein. Nicht die Letzte sein. Sie nimmt das Wort „bewusstseinsverändernd“ sehr ernst. E zerstört den Teil des Gehirns, der dich glücklich macht. Sie wird es in den nächsten Jahrzehnten nur sehr selten nehmen. Sie weiß, dass sie die Balance halten kann. Und es war schön. Sie hatte Spaß. Sie fühlt sich so cool, als sie davon erzählt.
Sie und er, sie haben einmal versucht zusammen Pilze zu nehmen. Saßen nebeneinander und haben gewartet, ob die Wirkung eintritt. Damals passierte fast nichts. Als sie erzählt, hört er aufmerksam zu.

Sie sieht, wie er abrutscht. Ihn interessieren die Konsequenzen nicht. Seine Freunde wollen ihn warnen. Er sagt nichts. Aber sein Schweigen spricht schon genug. Zu viel, zu oft. Gekauftes Glück für jemanden, der eigentlich nie glücklich ist.
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Re: Schweigen

Beitragvon Waldrapp » 19.06.2015, 18:17

Salut, xena14. Ich hoffe, ich kann dir ein paar hilfreiche Anregungen machen.

Der Text deutet die Figurenkonstellation sehr subtil an. Es ist aber soweit verständlich, dass hier von einen Pärchen/zwei Freunden die Rede ist, die zu Drogen greifen, dabei aber unterschiedliche Wege einschlagen: Ihr gelingt scheinbar, den Konsum zu kontrollieren, ihm hingegen nicht. Die Sprache ist einfach und wirkt mit seinen knappen Sätzen spontan und authentisch, was dem Sujet angemessen ist.

xena14 hat geschrieben:Es ist nicht so, als ob er nicht lächeln würde; Oder dass sein Lächeln falsch wäre. Er wirkt nur nie glücklich. Er redet gerade oft genug, dass es nicht auffällt, dass er schweigsam ist. Unter alten Bekannten bewegt er sich sicher und lacht auch mal. Wenn Fremde dabei sind, sagt er fast nichts. Seine Gesten sind nicht schwungvoll, aber voller Ausdruck. Er ist authentisch. Entweder man mag ihn, oder man hasst ihn.


Zwei kleine Korrekturvorschläge in rot; "Hassen" ist ein ziemlich starkes Wort; was würde ihn denn hassenswert machen? Aus der Aufzählung lese ich jedenfalls nichts heraus. Ist mit "authentisch" vielleicht gemeint "Geigt Anderen gern die Meinung"? Das wäre z. B. ein Charakterattribut, das Manchen sauer aufstößt. Vielleicht noch etwas in der Richtung ergänzen, oder stattdessen etwas schreiben wie "Entweder man mag ihn, oder man übersieht ihn."

Wie er auf dem Dach eines Hauses klettert, das einsturzgefährdet ist. Er steht zu dem, was er sagt. Wenn er sich etwas vornimmt, zieht er es dann auch durch. Er lässt es nicht oft durchblicken, aber er ist sehr stolz auf dieses Prinzip.


"Er steht zu dem, was er sagt." könnte meiner Meinung nach wegfallen. Dass er sein Ding durchzieht, kommt durch den Folgesatz gut genug durch.

Sie hat Drogen genommen. Immer war sie zu spät dran: Das erste Mal betrunken gerade mal vor einem Jahr. Nun hatte sie ihre Gelegenheit. Nicht feige sein. Nicht die Letzte sein. Sie nimmt das Wort „bewusstseinsverändernd“ sehr ernst. Ecstasy trägt seinen Namen zu Recht. E zerstört den Teil des Gehirns, der dich glücklich macht. Sie wird es in den nächsten Jahrzehnten nur sehr selten nehmen. Sie weiß, dass sie die Balance halten kann. Und es war schön. Sie hatte Spaß. Sie fühlt sich so cool, als sie davon erzählt.


Doppelpunkt gesetzt, Satz in rot verschoben; Der rote Satz macht sich dort besser, finde ich.

Sie sieht, wie er abrutscht. Ihn interessieren die Konsequenzen nicht. Seine Freunde wollen ihn warnen. Er sagt nichts. Aber sein Schweigen spricht schon genug. Zu viel, zu oft. Gekauftes Glück für jemanden, der eigentlich nie glücklich ist.


Sehr tragischer Satz zum Schluss, der die Spirale verdeutlicht, die "er" in Gang gesetzt hat. Gefällt mir.

Ich hoffe, die Anregungen nützen dir bei der Weiterarbeit am Text. Pick' dir einfach die Rosinen raus. :)
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Re: Schweigen

Beitragvon brehb » 19.06.2015, 19:00

Hallo xena14,

ich habe deinen "nicht fertigen Text" durchforstet. Hier meine Eindrücke

Inhalt:
Ich lese zwei Texte, einer beschreibt einen Protagonisten in seinem (eher schweigsamen) Auftritt, seiner Wirkung seinem (Sprech)Verhalten.
Der Zweite beschreibt eine Frau, über deren Drogenumgang berichtet wird. Und dass sie zusammen mit "ihm" Spaß beim Pilze nehmen hatten.

Formales:
Du schreibst gutes Deutsch, ohne RS- oder Grammatikprobleme, die Ausdrucksweise wirkt stimmig. Mich irritiert allerdings der Satzbau, der mich zuletzt abschreckt. Das liest sich wie eine Excel-Tabelle/Strich-Liste:
Es ist nicht so, als ob er nicht lächeln würde.
Oder sein Lächeln falsch wäre.
Er wirkt nur nie glücklich.
Er redet gerade oft genug, dass es nicht auffällt, dass er schweigsam ist.
Unter alten Bekannten bewegt er sich sicher und lacht auch mal.
Wenn Fremde dabei sind, sagt er fast nichts.
Seine Gesten sind nicht schwungvoll, aber voller Ausdruck.
Er ist authentisch.
...

Ausführung:
Du beginnst mit einer doppelten Negation:
Es ist nicht so, als ob er nicht lächeln würde.

Der Leser benötigt schon für eine einfache Negation 50% mehr Aufmerksamkeit als für einen Positivsatz.
Damit stolpere ich bereits beim Start.
Der zweite Satz ist eine Elipse
Oder sein Lächeln falsch wäre

Ihm fehlt das Subjekt. Nach dem ersten Stolperer sofort die nächste Leserfalle, meine ich.
Der Nächste:
Er wirkt nur nie glücklich

Erneut eine Negation. Ich weiß nicht, ob ich weiterlesen würde. Das ist mir im Aufbau zu negativ getrimmt.
Dann:
Er ist authentisch

Spätestens hier stoße ich mich an der (arroganten? besserwisserischen?) Erzählperspektive. Ich wüsste zumindest spätestens hier gerne, wer dieser Beobachter ist.
Hier
Wie er im Dunkeln steht, die Lippen schließt und die Hände ausbreitet, wenn man ihn etwas fragt

irritiert mich die (Un)Logik zwischen "Im Dunklen stehen" und "etwas gefragt werden"
Next
Wie er auf dem Dach eines Hauses klettert, das einsturzgefährdet ist.

Spontan habe ich mich gefreut: Aha, ein Dachdecker. Aber dann bekam ich Zweifel und war ob der Willkür dieser Beobachtung irritiert.
Die, die ihn besser kennen, können sich darauf einigen, dass er ziemlich cool ist

Ein imponierender Satz. Aber wieder aus dieser (abgehobenen?) Erzählperspektive, finde ich.
...
Aber sie reichen nicht.

Lässt mich rätseln. Später glimmt leises Verstehen auf, wenn ich lese "Sie sieht, wie er abrutscht"

Sie:
Ecstasy trägt seinen Namen zu Recht. Immer war sie zu spät dran

Ein seltsamer Sprung zwischen einer wertenden Behauptung und einer Lebenserfahrung als Allsatz. Erneut: Ich erlebe das als abhaken einer Tabelle.

Das erste Mal betrunken gerade mal vor einem Jahr

Eine Elipse, die zwar Platz für zwei Füllwörter hat, aber nicht für ein Subjekt. Das erschreckt mich etwas.
Und gleich noch eine Elipse
Nicht feige sein
..
und noch eine
Nicht die Letzte sein.

Spätestens hier würde ich den Text weg legen, er spricht mich nicht an, ich sehe keinen Film, nur Blitzlicht.

Sie wird es in den nächsten Jahrzehnten nur sehr selten nehmen.

Offensichtlich der gleiche Erzähler wie bei ihm. Der weiß zuviel. Ich fühle mich unwohl. Ob er so etwas auch über mich weiß?

Mein Lieblingssatz:
Er redet gerade oft genug, dass es nicht auffällt, dass er schweigsam ist.

...obwohl auch hier eine Negation

Fazit:
Das ist in den Einzelsätzen gut geschrieben, finde ich. Man bekommt ein stark auf "Sprachlosigkeit" ausgerichtetes Bild des Protas mit, ohne allerdings etwas zu erleben, zu empfinden. Ich mag diese Satzstilistik in Kombination mit dem Erzähler nicht, ich würde den Text nicht weiterlesen.

LG brehb
[SigNat] Zu spät. Sich sputen bringst nichts
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Re: Schweigen

Beitragvon Abbyly » 12.07.2015, 11:12

Hallo xena14! :beckon:
Ich weiss, ich bin etwas spät, aber vielleicht kannst du meinen Kommentar ja doch noch brauchen.
Es könnte sein, dass sich Punkte wiederholen, das liegt daran, dass ich die Kommentare vor mir nicht durchgelesen habe :oops:

Es ist nicht so, als ob er nicht lächeln würde. Oder sein Lächeln falsch wäre. Er wirkt nur nie glücklich.

Eigentlich finde ich das einen sehr gelungenen Einstieg. In den ersten beiden Sätzen beziehst du dich ausschliesslich auf sein Lächeln, im Dritten schliesst du daraus auf seinen Gemütszustand.
Da bin ich gestolpert, weil ich das Gefühl hatte, es müsste stehen:
Es (Das Lächeln) wirkt nur nie glücklich.

Er redet gerade oft genug, dass es nicht auffällt, dass er schweigsam ist

Musste ich auch zwei mal lesen. Ich hab jetzt viel nachgedacht, wie man diese zwei dass vermeiden könnte, bin aber auch noch auf keine schlaue Lösung gekommen. :roll: :-P
Er redet gerade oft genug, dass es nicht auffällt, wie schweigsam er eigentlich ist...?

Entweder man mag ihn oder man hasst ihn.

Wieso sollte man ihn denn gleich hassen? Bis jetzt beschreibst du nur seine zurückhaltende, ruhige Art, nichts was einen dazu bewegen könnte, jemanden zu hassen. Vielleicht gehst du mehr auf diese starken Gefühle ein, ansonsten würde ich sagen man könnte ihn langweilig finden, oder man kommt mit seiner Art nicht zurecht...

Wenn man aber hinsieht, sieht man die kleinen Dinge. Wie er im Dunkeln steht, die Lippen schließt und die Hände ausbreitet, wenn man ihn etwas fragt. Wie er auf dem Dach eines Hauses klettert, das einsturzgefährdet ist.


Okay, aber wieso steht er denn im Dunkeln? Und wieso ist dieses Detail wichtig, während man ihn etwas fragt?

Beim letzten Satz schiessen mir gleich mehrere Fragen durch den Kopf.
Wieso um Himmels Willen klettert er überhaupt auf ein Dach, das ausserdem noch einsturzgefährdet ist? Ist es für die Situation wichtig, dass das Haus einsturzgefährdet ist?
Im ersten Satz schreibst du, es seien die kleinen Dinge, die man sieht. Gehört das Klettern auf Hausdächern zu Kleinigkeiten?

Und dann noch die Wiederholung von sehen im ersten Satz. Nichts Schlimmes natürlich, ist mir halt einfach gerade aufgefallen.
Wenn man aber hinsieht, bemerkt / entdeckt / auffallen...

E zerstört den Teil des Gehirns, der dich glücklich macht. Sie wird es in den nächsten Jahrzehnten nur sehr selten nehmen.

Ecstasy würde ich ausschreiben, sonst stolpert man beim Lesen drüber.
Die nächsten Jahrzehnte, das ist ne ganz schön lange Zeit. 30, 40, 50, Jahre...Vielleicht lieber kleine Ziele stecken und sagen, die nächsten Jahre?

Nicht feige sein. Nicht die Letzte sein. Sie nimmt das Wort „bewusstseinsverändernd“ sehr ernst.

Wovon spricht sie hier? Warum darf sie genau jetzt nicht feige sein? Wobei darf sie nicht die Letzte sein? Der Sinn dieser Sätze erschliesst sich mir hier nicht wirklich, zumal bereits im nächstens Satz wieder auf etwas ganz anderes eingegangen wird. :thinking:

Sie und er, sie haben einmal versucht zusammen Pilze zu nehmen. Saßen nebeneinander und haben gewartet, ob die Wirkung eintritt. Damals passierte fast nichts. Als sie erzählt, hört er aufmerksam zu.

Wieso denn nur versucht? Haben sie es nicht geschafft?

Ob die Wirkung einsetzt. Irgendwie finde ich den Satz etwas unsauber. Ich würde einfach ganz klassisch sagen:
...und haben gewartet, bis die Wirkung eintritt /einsetzt.
Weil, ich hab zwar noch nie Pilze gegessen, aber ich nehme mal an, dass sie immer irgendeine Wirkung haben, oder irre ich mich da?

Okay im allgemeinen mag ich den Text, ich bin selber ein grosser Fan von kurzen aneinandergereihten Sätzen.
Zur Leseerleichterung würde ich den Text besser gliedern. Mehr Absätze machen, wenn ein neues "Thema" beginnt. Auch zwischen "seinem" Abschnitt und "ihrem".

Grundsätzlich hat mich der Text über "sie" sehr verwirrt. Ich habe überhaupt nicht durchblicken können, von was die Erzählerin spricht. Auch nach mehreren Durchgängen weiss ich nur, dass sie kontrolliert Drogen nimmt.
Du springst von nüchternen Tatsachen (Ecstasy zerstört die und die Regionen im Hirn) zu persönlichen Charakterzügen oder sogar Lebensausschnitten (Und es war schön. Sie hatte Spass)
Na ja, vielleicht geht mir ja beim nächsten Durchlesen plötzlich ein Leichtlein auf :mrgreen:

Liebe Grüsse
Abby
Der Mensch ist kein Gefangener seines Schicksals, sondern seiner Gedanken :writing:
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