[Tragik]Seemann

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Seemann

Beitragvon fette eule » 10.06.2013, 16:06

Ich spüre den Wind in meinem Gesicht und schmecke das Salz auf meinen Lippen. Am Horizont geht das graue Meer in den grauen Himmel über und sie bilden eine Mauer aus Wasser und Wind.
Das Schiff schaukelt sanft unter mir und das alte Holz knarrt bei jeder seiner Bewegungen. Meine Finger gleiten über die Reling und schließen sich darum, bis die Knöchel meiner Hände weiß hervortreten.
Ich presse meine Kiefer aufeinander und starre weiter unbewegt in die Ferne. Alles, an das ich denken kann bist du.
So schmerzlich ist dein Fernbleiben, so sehr vermisse ich, so sehr vermisse ich deine Stimme, deinen Geruch.
Wie oft bin ich aus dem Hafen gefahren ohne zurück zu blicken? Wie viele Städte ließ ich hinter mir? Und wie viele Herzen brach ich?
Aber hier habe ich alles was ich brauche: Den Wind, das Meer und mein Schiff. Auch die stetig wechselnde Besatzung stört mich nicht. Ich brauche niemanden, niemanden um glücklich zu sein.
Und nie weiß ich wohin der Wind mich tragen wird. Es ist ein routiniertes Abenteuer, zu wissen, irgendwann anzukommen, aber nicht zu wissen wo. Mein Ziel war nie ein Ort, mein Ziel war die Fahrt, das Flüchten vor mir selbst und vor allem anderen. Das Flüchten von einem Ort zum Nächsten.
Hätte ich gewusst, wohin mich diese Flucht bringen wird, wenn ich gewusst hätte, wohin die Winde mich jenes Mal trügen, dann hätte ich diese Reise nicht angetreten.
Zu dir haben sie mich getragen, in deine warmen Arme. Zu dir, in eine kleine Kammer, in einer kalten Nacht.
Du wusstest was ich bin, ein Seemann, heimatlos, ohne Ziel. Aber es war dir egal, es war dir egal, wie es auch mir egal war, wie es mir jedes Mal egal ist. Mein kaltes Herz sehnt sich nicht nach Menschlichkeit und nicht nach Nähe. Wieso sollte es mich dann interessieren, nie mehr an einen Ort zurückzukehren? Was sollte mich an meiner Art zu leben stören?
Jetzt stehe ich hier an der Reling, mit dem Wind im Gesicht und den Wellen vorm Bug. Jetzt stehe ich hier und fahre immer weiter auf die graue Wand zu, an deren Anfang mich nur ein weiteres Ende erwartet. Deren Ende nur der Anfang einer neuen Reise ist.
Wie leer mein Herz sich plötzlich anfühlt, wie leer ich mich fühle. Als wäre ich mit nichts mehr gefüllt als tiefer Schwärze und toten Worten. Als wären meine Gedanken nichts mehr, als das Flüstern in einer hohen Halle. So leer, das jedes Schlagen meines Herzens ein Echo mit sich trägt.
So leer, dass das Bild deines Gesichtes, alles ist, was meinen Kopf füllen kann. Dass der Klang deiner Stimme, das einzige ist was ich höre und dein Geruch, das einzige was ich rieche.
Ich fühle mich so leer und möchte doch nichts mehr, als mich wieder lebendig zu fühlen. Ich möchte das Feuer in meinem Blut spüren, wie jedes Mal, wenn ich die Meere kreuze. Ich möchte die Genugtuung der Fahrt spüren und die Erregung der Flucht.
Und gleichzeitig will ich nichts mehr, als dich berühren, bei dir sein. Deine Nähe genießen, um die ich nie gebeten habe, dein Gesicht sehen, das ich nie sehen wollte. Ich brauch das alles nicht, aber es ist alles nachdem ich mich verzehre. Ich will nicht abhängig von dir sein, aber ich will alles tun um dich glücklich zu machen.
Alles.
Aber ich fahre hier am Ende der Welt, mit dem Wind im Gesicht und dem Rauschen der Wellen in den Ohren. Ich fahre hier, immer weiter, immer weiter Richtung Horizont, wohin der Wind mich trägt. Ich fahre dorthin, wo heute die Sonne auf- und morgen untergeht.
Ich fahre weit weg von dir und spüre die Leere mit jeder Meile deutlicher und wünsche mir mit jeder Meile das Feuer zurück. Wünsche es mir so sehr, dass ich friere und keinen anderen Gedanken fassen kann.
Ich starre in die Ferne und sehe, dass die Sonne untergeht. Sie färbt den Himmel rot.
So rot wie das Feuer in der Lampe, die das Deck erleuchtet.
Feuerrot, wildes, heißes Feuer. Feuer, dass meine Seele wärmt und meinen Körper füllt. Feuer, dass deine Stimme vertreibt und deinen Geruch.
Ich fahre hier, am Ende der Welt mit dem Wind im Gesicht. Ich fahre am Ende der Welt, lichterloh, mit Feuer im Herzen.
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Re: Seemann

Beitragvon Neven » 11.06.2013, 18:56

Hallo fette eule x)
Ich finde deine Geschichte sehr stimmungsvoll geschrieben. Sie hat sich eingängig gelesen, Rechtschreibfehler sind mir nicht aufgefallen und auch was den Inhalt angeht, habe ich keine größeren Beschwerden.

Ich merke hier noch ein paar kleinere Sache an. Hoffentlich ist etwas brauchbares für dich dabei =)



So schmerzlich ist dein Fernbleiben, so sehr vermisse ich, so sehr vermisse ich deine Stimme, deinen Geruch.

Sollte da ein "dich" hin? Für sich macht die Stelle keinen Sinn. Anstatt noch ein Subjekt einzufügen könnte man sie auch einfach weglassen. Hört sich schöner an wenn dieses "so sehr vermisse ich" nur einmal vorkommt, finde ich.

Aber hier habe ich alles was ich brauche: Den Wind, das Meer und mein Schiff. Auch die stetig wechselnde Besatzung stört mich nicht. Ich brauche niemanden, niemanden um glücklich zu sein.

Das "aber" würde ich weglassen und das "brauche" vielleicht durch "will" ersetzen, weil es gleich darauf noch einmal verwendet wird.

Und nie weiß ich wohin der Wind mich tragen wird

Das klingt im Zusammenhang etwas seltsam. vielleicht eher "Ich weiß nie wohin der Wind mich tragen wird."

Aber es war dir egal, es war dir egal, wie es auch mir egal war, wie es mir jedes Mal egal ist

Kann man weglassen



Wie leer mein Herz sich plötzlich anfühlt, wie leer ich mich fühle. Als wäre ich mit nichts mehr gefüllt als tiefer Schwärze und toten Worten. Als wären meine Gedanken nichts mehr, als das Flüstern in einer hohen Halle.

So weit ich weiß heißt es "nicht mehr, als ... "
Bin mir aber nicht ganz sicher.

Ich glaube das ab und zu noch Kommafehler drin sind, aber das habe ich jetzt mal gelassen. Kenne mich da selbst nicht so aus xD

mfg
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Re: Seemann

Beitragvon fette eule » 11.06.2013, 20:16

Ja deine Tipps haben mir weitergeholfen... und zu der ersten Sache... eventuell sollte da "so sehr vermisse ich dich" stehen :roll:
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Re: Seemann

Beitragvon Träumerin25 » 25.01.2014, 00:50

Hallo fette eule,

ich finde deine Geschichte ebenso großartig und stimmungsvoll geschrieben. Vor allem das Ende hat mir gefallen. Ich konnte praktisch sehen/spüren, wie die Seele des Seemanns wieder Feuer fängt und sich von seiner Sehnsucht befreit. (Das kann aber zum Teil auch daran liegen, dass ich grad ein sehr leidenschaftliches Lied im Kopf habe, und das die ganze Zeit im Hintergrund abläuft und deshalb die tolle Stimmung erschafft, aber ich denke, deine Geschichte hat den allergrößten Anteil an der Stimmung. :P)

Allerdings sind mir so ein paar Stellen aufgefallen, die mir nicht ganz so gut gefallen haben. Wie Neven schon angemerkt hat, gibt es bei dir eigentlich nicht viel zu bemängeln, außer vielleicht ein paar subjektive Meinungssachen, wie ich sie dir jetzt zeige.

So schmerzlich ist dein Fernbleiben, so sehr vermisse ich, so sehr vermisse ich deine Stimme, deinen Geruch.


Das stört mich irgendwie. Aber das hat Neven auch schon angemerkt.

Aber es war dir egal, es war dir egal, wie es auch mir egal war, wie es mir jedes Mal egal ist.


Das ist meiner Meinung nach überflüssig. Der Satz funktioniert auch ohne den Einschub. An sich ist an diesem Satz nichts auszusetzen, denn er überträgt sehr viel Stimmung und Gleichgültigkeit, wie ich finde. Allerdings zerstört er etwas den Lesefluss, deshalb würde ich den rot markierten Teil auch streichen.

So das wars erst mal mit den (meiner Meinung nach :P) verbesserungswürdigen Sachen.
Und weil es so schön ist, kopier ich es noch mal in meine Antwort: Dein Ende. Ich finde es einfach nur genial wie geschickt du die Wörter wählst, um dieses brennende Gefühl im Leser zu wecken. :love: :2thumbs:

Ich starre in die Ferne und sehe, dass die Sonne untergeht. Sie färbt den Himmel rot.
So rot wie das Feuer in der Lampe, die das Deck erleuchtet.
Feuerrot, wildes, heißes Feuer. Feuer, dass meine Seele wärmt und meinen Körper füllt. Feuer, dass deine Stimme vertreibt und deinen Geruch.
Ich fahre hier, am Ende der Welt mit dem Wind im Gesicht. Ich fahre am Ende der Welt, lichterloh, mit Feuer im Herzen.


Lg Träumerin25
:nano: Mit Silence und Ashitaka durch den NaNo!!! :plotfeder:
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Re: Seemann

Beitragvon CraX » 02.02.2014, 21:50

Hallo fette eule,

Was für eine wunderschöne, düstere, schwermütige Stimmung da hingezaubert hast! Ich konnte mich richtig in den Seemann, die Nebelstimmung und das Schiff auf dem Meer hineinversetzen.

RS-Fehler habe ich keine gefunden, aber ich glaube, ein paar Kommas fehlen.

So schmerzlich ist dein Fernbleiben, so sehr vermisse ich, so sehr vermisse ich deine Stimme, deinen Geruch.

Aber es war dir egal, es war dir egal, wie es auch mir egal war,

Die anderen beiden Kritiker haben diese Sätze bemängelt, ich hingegen fand die Widerholungen interessant.

Wieso sollte es mich dann interessieren, nie mehr an einen Ort zurückzukehren?

Hier stimmt etwas nicht. Müsste es nicht so heißen:
Wieso sollte es mich interessieren, jemals an einen (/diesen) Ort zurückzukehren?

An dieser Stelle habe ich etwas gestutzt:
Ich will nicht abhängig von dir sein, aber ich will alles tun um dich glücklich zu machen.

Der zweite Teil des Satzes wirkt etwas platt und steht ein wenig im Widerspruch zum Rest der Seemann-Seele. Ich frage mich, ob es diesem Ego von Seebär jetzt tatsächlich um das Wohlergehen der Geliebten geht, ob er tatsächlich bereit wäre, sein bisheriges Leben aufzugeben, zum sich um das Glück und Wohlergehen der Angebeteten zu kümmern?
Er hat sie ja (wie alle anderen) verlassen, weil er einfach nicht anders kann, weil er eben ein Seemann ist, ein ruheloser Wanderer. Dieser Satz passt in meinen Augen nicht zu ihm. Es ist der einzige Satz, in dem er nicht über sich sinniert, sondern sich für jemanden anderen aufopfern will. Wenn er tatsächlich solch einen Sinnungswandel vollzieht, solltest du das vielleicht ein wenig mehr ausbauen.

Ich starre in die Ferne und sehe, dass die Sonne untergeht.

Die Sonne ist zu plötzlich da. Da er zuvor auf eine graue Wand zufährt (und in grauen Gedanken schwelgt), würde ich die Sonne durch diese Wand hindurch brechen lassen. Das würde auch unterstreichen, dass er jetzt neue (oder alte, ursprünglichre) Gedanken fasst.

Ich fahre weit weg von dir und spüre die Leere mit jeder Meile deutlicher und wünsche mir mit jeder Meile das Feuer zurück.

2mal Meile ist nicht so schön in einem Satz.

Der Schluss ist für mich rätselhaft.
Ich hatte ihn zuerst so interpretiert, dass Sonne und Lampe das Schiff entzündet haben und er (sinnbildlich) in Flammen steht. Nur so konnte ich mir erklären, dass er am Ende das Feuer im Herzen hat, wusste aber nicht so recht, warum.
Es war für mich nicht so klar, dass es sein tief verwurzeltes Drängen ist, davon zu segeln (wenn es denn so gemeint ist).
Feuer ist ein Symbol der Liebe, weniger das eines „Seebewohners“, deshalb habe ich es vielleicht falsch verstanden.
Wenn es so ist, wie es die beiden anderen Leser verstanden haben, würde ich vielleicht das Verdrängen der Liebe noch ein wenig hervorheben.
Viel würde ich aber da nicht ändern, nur einen kleinen Hinweis vielleicht.

Betrachte die Kritikpunkte bitte nur als Kleinigkeiten. Im Großen und Ganzen hat es mir sehr gut gefallen!
Die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.
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Re: Seemann

Beitragvon Glöckchen » 19.02.2014, 19:34

Hallo fette Eule :)

Die Geschichte ist sehr bildhaft und schön geschrieben, gefällt mir sehr gut. Das, was ich folgend schreibe sind nur kleine Anmerkungen und Kritiken, im Großen und Ganzen steht deine Geschichte für sich. :P

Ein paar Komma Fehler sind mir aufgefallen:

Wie oft bin ich aus dem Hafen gefahren, ohne zurück zu blicken?


Es ist ein routiniertes Abenteuer, zu wissen, irgendwann anzukommen, aber nicht zu wissen, wo.


Mein kaltes Herz sehnt sich nicht nach Menschlichkeit und nicht nach Nähe.

Den Satz verstehe ich inhaltlich nicht, da ich Menschlichkeit mit Nähe verbinde, bzw. fast schon gleichsetze. Vielleicht stehe ich ja nur auf dem Schlauch oder das ist nur meine Auffassung :)

Als wäre ich mit nichts mehr gefüllt als tiefer Schwärze und toten Worten. Als wären meine Gedanken nichts mehr, als das Flüstern in einer hohen Halle.

Diese zwei Sätze sind sehr umständlich zu lesen und stören meiner Meinung nach den Lesefluss.
Als Vorschlag könnte man schreiben:
Nichts als tiefe Schwärze und tote Worte füllten mich. Meine Gedanken waren wie das Flüstern in einer hohen Halle.
Natürlich gibt es tausend andere Möglichkeiten, diese Sätze zu schreiben. Wenn du die Sätze so lässt, müsste beim ersten Satz vor dem "als" allerdings ein Komma stehen.

Ansonsten sind mir nur positive Dinge aufgefallen und mir gefällt dein Schreibstil sehr, sehr gut. Viel Spaß weiterhin beim schreiben,
glöckchen
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Re: Seemann

Beitragvon MaraTheCherry » 23.02.2014, 18:01

Heyo Fette Eule,
(sehr cooler Nickname übrigens)

ich finde deine Geaschichte sehr schön geschrieben. Mir gefällt dein Stil!
Hier ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind:

Alles, an das ich denken kann, bist du

Statt an das würde ich woran nehmen, das klingt schöner und du hast ein Komma vergessen :) (passiert mir auch des öfteren :D)

So schmerzlich ist dein Fernbleiben, so sehr vermisse ich, so sehr vermisse ich deine Stimme, deinen Geruch.

Hast du da ein dich vergessen oder ist das Absicht?

Wie oft bin ich aus dem Hafen gefahren, ohne zurück zu blicken?

Zurückzublicken kann man zusammenschreiben.
Nach gefahren kommt ein Komma, würde ich sagen.

Aber hier habe ich alles, was ich brauche: Den Wind, das Meer und mein Schiff

Ich würde nach alles ein Komma setzen.

Du wusstest, was ich bin, ein Seemann, heimatlos, ohne Ziel

Komma nach wusstest :)

So leer, dass jedes Schlagen meines Herzens ein Echo mit sich trägt.

Ich glaube (!), dass das hier mit s geschrieben wird.

Sonst habe ich jetzt keine Fehler finden können (:
Also noch einmal: Schöner Text, gefällt mir gut! Wenn du dir mit den Kommas unsicher bist, kannst du die rechtschreibprüfung vom Duden mal ansehen, die hilft ganze gut (:

LG Mara
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