Hallo Jacky, Nagual und Alibabe
leider kann ich mich erst jetzt melden, da in letzter Zeit viel für die Schule zu tun war (Klausurhochsaison, etc.). Dafür kommt aber jetzt ein längerer Beitrag.
Zuerst einmal vielen Dank für die schnellen, ausführlichen und ganz besonders hilfreichen Antworten!

Das ist doch nicht schlecht: Ein Thread hat etwa vier Jahre keinen neuen Beitrag bekommen, dann komme ich und am nächsten Tag hat sich die Beitragszahl geradezu verdoppelt! Um da weiter mitzuhalten aber vor allem, um vielleicht doch noch etwas mehr als einen Hilferuf beizusteuern, gehe ich hier noch einmal auf die Beiträge ein. Das ist gleichzeitig auch eine längere Version von einem ganz dicken Dankeschön.
Wichtig vor allem im Sinne von: Wichtig für den Charakter innerhalb der Geschichte.
Das klingt nicht nur logisch, sondern ist es auch. Womöglich bin ich eine der Wenigen, die das nicht ganz gepeilt haben. Gut, dass das jetzt da steht.
okay, sagen wir dein Charakter ist ein Vampir in einem historischen Setting. Dann ist seine Einstellung gegenüber seiner Unsterblichkeit, gegenüber der Sterblichkeit der Rest der Menschheit und gegenüber dem aktuell existierende Monarchen (so es den gibt) genauso wichtig, wie seine Einstellung zum "töten von Menschen für Blut" oder "was ist eine Frau 'wert'".
Gutes Beispiel, so geht das viel besser in meinen Schädel. Es kommt also vor allem auf die Umwelt des Charakters an. Vielleicht sollte ich da ansetzten? Also z.B. ein paar Zukunftsvorstellungen einbauen oder – einfacher – die Zeit der Geschichte von 2050 auf 2013 ändern. Aber selbst dann bleibt da genug übrig: In meiner Welt „wimmelt“ es vor Angehörigen magischer Völker. Die Einstellungen zu ihnen, genauer den Elfen, kommen bisher nur im Punkt „Vorurteile“ vor. Das ist zwar bezeichnend für meine Hauptfigur, da sie möglichst Vorurteilen aus dem Weg geht und absolut notwendig für die Handlung, aber – das ist eigentlich eines der Wichtigsten Elemente der Geschichte überhaupt. Und gerade diesen Teil habe ich bisher eher grob bearbeitet !
Zwischenergebnis: Völkerentwicklung und Schaffung einer Fantasywelt und Plot nebenher zur Charakterentwicklung laufen lassen
Damit war so etwas gemeint wie: Gesundheit, Partnerschaft, Sozial/Freunde/Familie, Finanzen, Arbeit, Geist/Seele/Spiritualität/Glauben (wenn du ein paar Selbstfindungsbücher gelesen hast, weißt du was ich meine, falls nicht reicht auch "ins Blaue raten" )
Da habe ich nicht nur etwas über’s Schreiben sondern auch über Selbsteinschätzung und eigene Fähigkeiten gelernt. Manche Sachen bleiben im Hirn, manche länger, manche kürzer, und einiges verschwindet mit erschreckender Geschwindigkeit aus den Gedanken oder zumindest aus dem Bewusstsein. Diese Ansatzpunkte verknüpfen für mich sofort die Erinnerung über das fünf Säulen Modell der Identität nach H.G. Peztold (
http://www.ifp-finanzen.de/downloads/petzold.pdf ). Da ich über meine Seminararbeit über Identitätskrise (anhand von Schöne Neue Welt von Aldous Huxley; Leitthema des Seminars: Film und Literatur der Moderne - yeah!) schreibe, hätte ich da eigentlich auch irgendwie selbst drauf kommen müssen. Wie definiert man Identität anhand von Literatur? Die Frage gehört sowohl in meine wissenschaftliche Seminararbeit als auch in eine (jede) gute Charakterentwicklung für eine Geschichte – wobei es hier natürlich mehr auf die literarische und sprachliche Umsetzung als auf die wissenschaftliche Analyse derselben ankommt. Auf‘s „ins Blaue raten“ (könnte ich auch mal probieren, einfach so) bin ich also gar nicht mehr angewiesen.
Ich arbeite gerade an einem etwas ausführlicheren Fragebogen (ja, noch ausführlicher als die 100 Fragen zum Charakter ^^ )
Super!

Die 100 Fragen sind etwas ganz besonders für die Charakterentwicklung, finde ich jedenfalls (so weit ich durch bin). Manches deckt zwar den Charakterkurs ab (was auch nicht schlecht ist), aber einiges erweitert ihn sogar, wie z.B.
Wenn du nur einen Koffer hättest, in dem du deinen gesamten Besitz packen dürftest, was würdest du hineinpacken? (passt doch zur Gesinnung, oder?) Das Besondere daran ist vor allem, dass man sich richtig mit seinem Charakter „unterhalten“ kann bzw. ihn/sie interviewen kann. Dabei lernt man ihn/sie viel besser kennen. Man arbeitet schon für seine Geschichte, ohne Angst haben zu müssen, dass man schlecht schreibt (dazu gab es auch einen Artikel, ich weiß aber leider nicht, wo er erschienen ist oder wie er heißt). Außerdem erinnert mich das an einen Artikel, in dem Sie geschrieben haben, dass Sie sich gerne mit den Charakteren unterhalten und einer Sie sogar angeschrien hat! Leider weiß ich auch von diesem Artikel weder Titel noch „Standort“.
kann aber noch nicht abschätzen, wie lange ich brauche bis ich fertig bin, weil ich dank meinem *stern* nur recht wenig Zeit dazu finde. Wenn dir so etwas also helfen würde, dann musst du dich noch eine Weile gedulden
Damit habe ich nicht das geringste Problem! Einerseits habe ich dann noch etwas zum drauf-freuen-und-weil-es-neu-ist-noch-interessanter-finden

; andererseits bin ich auch beeindruckt, wie Sie es überhaupt schaffen, so viel für die Schreibwerkstatt zu machen. Vielleicht ist das nur eine Sache des Zeitmanagements, aber trotzdem: WOW, großen Respekt von meiner Seite. Ich fühle mich zeitweise schon von der Schule überfordert, aber es muss sicher etwas ganz Anderes sein, etwas zu tun, was Viele lesen und nach dem sich Viele richten.
Zunächst mal fand ich das ganze sehr interessant! Über gewisse Punkte hatte ich mir bis jetzt noch keine Gedanken gemacht, während andere schon lange festgelegt waren und ich sie ebenso aus der Pistole beantworten konnte, als hätte man mir die Frage gestellt (und nicht meiner Prota)
.
So ähnlich ging es mir bisher auch an manchen Stellen. Schritt 1 und 2 (Stereotyp und Name) z.B. hatte ich auch bei den Nebencharakteren schon abgeschlossen, als ich die Schreibwerkstatt entdeckte. Auf der anderen Seite wäre ich nie auf so viele Dinge, die die Äußerlichkeit betreffen gekommen, wenn nicht durch den Charakterkurs. Das trifft sicher auch auf viele andere Aspekte zu, aber ich bin nun mal noch nicht so weit gekommen. So ähnlich verhält sich das auch mit dem Völkerbogen, obwohl ich den bisher nur gelesen und nicht bearbeitet habe.
Ich hätte all diese Fragen niemals beantworten können, als ich erst bei der Vorbereitung zum Plot war. Ich lerne meine Charas am besten beim Schreiben selbst kennen. Wenn ich erst einmal den Plot soweit hab, kann ich schon anhand von Szenen viele Fragen beantworten. Es dauert eben seine Zeit, bis man für die Leute ein gewisses Gefühl bekommt.
"Wie kommst du auf seine Gewohnheiten? Wie entscheidest du, welche Vorlieben er haben soll?" eigentlich bei mir aus dem Schreiben heraus.
Die Erfahrung konnte ich bisher noch nicht so richtig machen. Ich arbeite schon etwa zwei Jahre an Plot, Charakteren, Hintergründen, etc. von meiner Geschichte, habe aber bisher kaum etwas geschrieben (geniale Taktik für einen Autor...) – und vieles fehlt noch, auch was den Plot, die Charaktere und die Hintergründe (v.a. bei den Völkern) betrifft. Einfach mal Schreiben ist sicher eine gute Idee; wenn ich doch Mal schreibe habe ich immer mein Notizbuch neben mir liegen. Manche Dinge braucht man eben, merkt es aber wohl erst beim Schreiben, manches entwickelt sich erst aus neuen Ideen, die wiederum beim Schreiben umgesetzt und gesammelt werden. Und falls es doch nicht klappt, hat man eben noch Mal Schreiben geübt.
Zwischenfazit: neben Charakterentwicklung weiter plotten und – vor allem –
schreiben.
Viele Fragen sind variabel, für gewisse Genres kaum verwendbar (die Frage mit dem Fernseher in einer mittelalterlichen Fantasy-Welt? ). Wenn man sich aber damit auseinandersetzt, wie die Welt aufgebaut ist bzw was man schreiben will (Sci-Fi, Vampir, bla bla...) ergeben sich gewisse Fragen von allein. ZB herrschen in meiner Welt Machtkämpfe zwischen Priestern und Alchemisten. Daraus ergibt sich die Frage, auf welcher Seite meine Prota steht. Hat sie überhaupt eine Meinung dazu? Was denkt sie darüber? Verteidigt sie vlt sogar eine der beiden Gruppierungen rigoros?
Fernseher und High Fantasy? So ein Quatsch. Fernseher und Fantasy allgemein? Mal überlegen...

Meine Geschichte spielt in einer Fantasywelt, aber in der Gegenwart bzw. nahen Zukunft. Die Einstellung der Protagonisten zu Medien wäre also noch hinzuzufügen. Der Weltaufbau hingegen hängt vor allem mit den Völkern zusammen, oft jedenfalls, würde ich sagen. Dazu müssen die Völker nicht aus Fantasiewesen bestehen – so wie bei mir – verschiedene ethnische Gruppen und ihre Einstellung zueinander sind oft genug hoch interessant. Ganz spontan fällt mir dazu Isabell Allendes
Die Insel unter dem Meer ein: Es geht unter Anderem um die Sklavenhaltung in Haiti, was erheblichen Einfluss auf die Einstellung der Schwarzen (Bürger aus Haiti) gegenüber den Weißen (Reiche, Plantagenbesitzer, Sklavenhalter) und umgekehrt haben.
Das führt gleich zum nächsten Punkt, dem Machtkampf zwischen Priestern und Alchemisten – oder verschiedensten anderen Gruppen. (

vs

) Was, wenn ein Volk ein Anderes ausrotten oder vertreiben will, weil dieses Volk angeblich nicht kompromissbereit genug ist? In meinem Fall eine Gruppe Menschen, die es auf die Elfen abgesehen hat. Natürlich darf man nicht „schwarz-weiß“ malen, nach dem Schema „das sind die Guten und die sind böse“. Was lässt den Leser das Volk, das die Anderen vertreiben will, verstehen? Natürlich indem auch das Andere Volk seine schlechten Seiten hat. Gibt es z.B. auch unter ihnen Fanatiker? Als Mensch steht meine Hauptfigur natürlich auf der Seite der Menschen (ebenfalls ein Mittel, um sie gut dastehen zu lassen), bis sich herausstellt, dass eben diese Menschen sich eigentlich schrecklich verhalten. Hier ist nicht nur die Einstellung zu Politik wichtig, sondern auch wie, wie schnell und warum sich die Einstellung in welche Richtung ändert. Ist das nicht genau das, was mit Charakterentwicklung gemeint ist?
Und man kann sich am "realen" eigenen Leben orientieren. In gewissen Situationen, die ich erlebe, denke ich mir manchmal: "Wie hätte XYZ jetzt wohl reagiert?"
Keine so schlechte Idee, ich mache das auch die meiste Zeit mit meiner Hauptfigur. Für mich ergibt sich dann leider das Problem, dass ich das Gefühl habe, dass sie genauso wird wie ich – das möchte ich eigentlich nicht. Natürlich könnte ich Eigenschaften spiegeln (schlau – dumm, hübsch – hässlich, groß – klein, etc.), aber es gibt so viele Nuancen! Die müssten eigentlich locker zwischen die Gegenteile passen, leider fällt mir dazu nicht unbedingt so viel ein.
Niemand wird von jetzt auf nachher Alkohol- oder Drogenabhängig, weil er gerade Lust darauf hat. Schuldgefühle, chronische Schmerzen (physisch als auch psychisch) zeichnen einen Menschen. Einem Selbstmord geht immer eine Geschichte voraus, der Verlust eines geliebten Menschen etc.
Der Leser betrachtet einen Charakter am Punkt X. An diesem Punkt hat der Char als Individuum eine Entwicklung durchgemacht. Was hat er erlebt, welche Gefühle hat er empfunden, wie hat er in einer Situation reagiert?
Das betrifft, würde ich sagen, vor allem den vierten Teil des Charakterkurses, die Vergangenheit. Hierzu schrieb Jacky:
Sicher gibt es verschiedene Möglichkeiten auf so etwas zu reagieren. Darauf werden wir später noch zu sprechen kommen.
Ist dies also eben jener Teil, wo es um die Verarbeitung der Vergangenheit geht? Ich denke ja. Da ich aber die anderen Teile des Charakterkurses noch nicht kenne, könnte das aber genauso gut in einem späteren Teil oder über alle folgenden Teile verteilt kommen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was mein Charakter noch so zu bieten hat.
Gesamtfazit: Weitermachen, weitermachen. Schreiben, plotten, Welt kreieren, Charakterkurs. Da gibt es genug zu tun. Vielen Dank noch Mal für die vielen ausführlichen Beiträge.
Viele liebe und dankbare Grüße von Zauberzunge
