Sollten Nebenfiguren tiefgründiger als Protagonisten sein?

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Re: Sollten Nebenfiguren tiefgründiger als Protagonisten sei

Beitragvon canis-lupus-niger » 03.12.2013, 21:41

Meiner Meinung nach muss man auch zwischen den Büchern und den (meist amerikanischen) Verfilmungen unterscheiden.

In der Mehrzahl der Bücher ist auch der Prota komplexer, mehrschichtiger als in den Filmen. Aber die Filme sollen ein weniger anspruchsvolles Millionenpublikum ansprechen, von dem sich jeder einzelne mit dem Prota identifizieren können soll. Die Amis lieben Charaktere, die weichgespült und fleckenlos sind. We einmal Wendy Pinis Kommentar darüber gelesen hat, wie das Drehbuch zu Elfquest im Gegensatz zu ihren genialen Comics aussehen sollte, weiß, was ich meine. So fanden die potenziellen Produzenten, dass es keinesfalls anginge, dass bei den Zwillingen von Schnitter und Leetah das Mädchen die draufgängerische, kämpferische Persönlichkeit ist, und der Junge die verträumte, esotherisch fühlende. Sie wollten das austauschen. Geht ja auch nicht! Wie kann sich schon mit einem männlichen Weichei identifizieren, dessen Schwester das psychische Ebenbild des gemeinsamen Vaters ist? Jedenfalls kein Ami.

Ebenso können Amerikaner keine Protagonisten akzeptieren, die nur gegen Geld arbeiten, statt zum Wohle der Menschheit, die feige sind, die nicht ihr Klischee erfüllen. Das ist aus meiner Sicht der Hauptgrund, warum so viele nicht-amerikanische Erfolgsfilme "remaked" werden müssen. Ob jetzt der Klassiker "Die sieben Samurai" (Die glorreichen Sieben) oder "Drei Männer und ein Baby", oder unzählige andere Filme mit einer erfolgversprechenden Story: sie mussten erst amerikanisiert werden, um dem amerikanischen Gaumen zu munden. Cornelia Funke war da ja dankenswerterweise von Anfang an entgegenkommend: Sie hat ihr "Tintenherz" gleich in den USA verfilmen lassen, nach einem amerikanischen Drehbuch. Machte die Sache einfacher, auch wenn dadurch die Geschichte stark verändert wurde und die Verfilmung der Folgebände ausgeschlossen ist.

Helden mit Dreck am Stecken, emotionale, sensible Männer, knallharte Frauen, das alles gibt es auch in den Filmen, aber eben nur in den Nebenrollen. Der Hauptcharekter muss everybodies darling sein, damit everybody in den Film geht.

Die Game of Thrones - Verfilmungen zeichnen sich dadurch aus, dass
a) sie sich extrem eng an die Buchvorlage halten (George R. R. sei Dank)
b) es nicht DEN Prota und die Nebencharekter gibt, sondern ein Dutzend extrem individuelle Protagonisten. (... von denen Tyrion nicht der unbedeutendste ist. Ich prognostiziere immer noch, dass er und Dany am Ende heiraten und gemeinsam über Westeros herrschen werden! :twisted: )
c) sie nicht in den USA sondern in Großbritannien produziert wurden.
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Re: Sollten Nebenfiguren tiefgründiger als Protagonisten sei

Beitragvon Lykos » 03.12.2013, 22:01

Hi :D
Klar hast du mit den niedrigen Ansprüchen der Amis recht. Amerikanische Filme sind deutlich heroischer als europäische, diese sind eher realistisch. Im Falle Deutschlands liegt das auch an der Geschichte: Töten als patriotisch und heroisch zu verkaufen, können wir uns anscheinend (vorerst) nicht leisten. Moralisch, nicht finanziell.
Man muss aber auch allgemein zwischen Buch und Film trennen, da sind nicht nur die Amis dran Schuld ;)
Filme haben einfach viel weniger Zeit für Charakterentwicklung. Während des Filmes, nicht davor, meine ich. Man hat halt zwei Stunden und da steht man als Produzent/Autor vor einer Entscheidung: Soll man in zwei Stunden Szenen einbauen, die den Charakter tiefgründiger machen? Oder soll man lieber die Handlung vorantreiben?
Roberto Bergini hat da in seinem Film "Das Leben ist schön"die Entscheidung sehr diplomatisch getroffen, und ein großartiger Film ist dabei herausgekommen. Die erste Hälfte des Filmes zeigt unseren Protagonisten, wie verrückt und fröhlich und komisch er doch ist, und bei allem so liebenswürdig bleibt. Ohne diese erste Stunde Charakterarbeit wäre die zweite Stunde unmöglich. Ein Vater erzählt seinem Sohn, das KZ sei nur ein großes Spiel - ohne diese Vorarbeit wäre das doch sehr seltsam. Jede Hälfte für sich wäre seltsam. Nur als Einheit ergibt der Film Sinn. Viele Produzenten/Autoren entscheiden sich jedoch gegen Charakterarbeit.
Was wollte ich mit diesen drei Absätzen eigentlich sagen? Dass im Film einfach weniger Zeit ist, und für tiefgründige Charaktere braucht es Zeit. Nicht um sonst ist Game of Thrones eine Serie.
Was hat das alles mit den Nebenfiguren zu tun? Ganz einfach: Die Zeit, die man für Charakter einteil (wenn überhaupt), wird in die Nebencharaktere investiert. Eben um, wie canis lupus niger schon gesagt hat, die Protas möglichst lupenrein und heroisch zu halten.
Lg,
Lykos
PS: Anscheinend scheint die Identifikation mit komplexen Hauptcharakteren für Amis doch möglich zu sein, in den USA kennt fast jeder Game of Thrones. Und fast jeder liebt die Serie.
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Re: Sollten Nebenfiguren tiefgründiger als Protagonisten sei

Beitragvon Träumerin25 » 01.06.2014, 00:23

Ich denke, diese teilweise "flachen" Hauptcharaktere hängen hauptsächlich mit dem Autor zusammen (naja klar, mit wem denn sonst? :roll: ). Aber eher in die Richtung, dass er aus seinem Helden immer etwas Besonderes machen will, weil er ja den Lesern in Erinnerung bleiben will. Der Autor hat also unglaublich hohe Erwartungen an seine kreativen Fähigkeiten, einen genialen Charakter aus dem Boden zu heben. Vielleicht ist er gerade deshalb blockiert und gestaltet ihn (völlig unbeabsichtigt) ziemlich blass und durchschnittlich.
Wenn sich der Autor jetzt aber an die Entwicklung der Nebencharaktere macht, fällt dieser Druck plötzlich weg und die Kreativität fließt ihm nur so aus den Fingern. Es fallen ihm hunderte Sachen ein, die sein Charakter lieben und hassen kann.
Klar hängt die Tiefe der Charaktere auch damit zusammen, ob die Geschichte nun plot- oder charaktergetrieben ist, aber es mag vielleicht auch Situationen geben, in denen die Kreativität eines Autors einfach versagt, weil seine Ansprüche viel zu hoch sind. Mir geht es nämlich auch (zumindest zum Teil) auch so. Ich habe auch Schwierigkeiten damit, meine Prota in Worte zu fassen und ihr eine Persönlichkeit zu geben. Allerdings hängt diese Persönlichkeit sehr stark mit der Welt zusammen, in der sie lebt. Wenn ich ihren Charakter ergründen will, muss ich also erst einmal die Welt erschaffen, in der sie lebt. Und bis ich das nicht beendet habe, wird sie auch weiterhin noch etwas schwammig bleiben, aber ich hoffe, das wird sich irgendwann zum Guten wenden. ;)

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Re: Sollten Nebenfiguren tiefgründiger als Protagonisten sei

Beitragvon Bonaventura » 01.06.2014, 02:33

Lykos hat geschrieben:Hi :D
Ich glaube meine Überlegungen zeigen sich schon in der Überschrift, ich führe sie hier aber nochmal näher aus^^
Ich weiß nicht, ob es euch auch aufgefallen sind, aber in vielen Erfolgsfilmen- und Büchern sind die Nebencharaktere deutlich ausgeprägter als die Hauptcharaktere!
Wie tiefgründig ist zum Beispiel Frodo? Überhaupt nicht. Und Gollum? Der hat einen soliden inneren Konflikt, er ist schizophren. Oder Faramir: Er tut alles, um die Anerkennung seines Vaters zu gewinnen.
Wie viele Eigenschaften hat Luke Skywalker aus Star Wars? Keine. Und C3PO? Feige, Ängstlich, vorsichtig, zurückhaltend. Han Solo? Eigennützig, charmant, ist aber nicht völlig unloyal. Luke Skywalker reagiert immer, wie es der Durchschnitt aller Menschen tun würde. Ist vielleicht genau das ein Erfolgsgeheimnis von Star Wars? Das durchschnittliches Handeln Identifikation erweckt, ein Tor zur Geschichte öffnet, und die Nebenfiguren dann genug Tiefe bieten, um den FIlm nicht als flach abzutun?
Ich würde gerne mal eure Gedanken dazu hören!
Lg,
Lykos
Interessanter Gedanke. Wobei ich jetzt nicht sicher bin, ob es "tiefgründiger" wirklich trifft. Tatsächlich ist Frodo ja der von Anfang an zerrissenste und gebildetste, ja "elbischste" der Hobbits. Und Luke macht die klassische "Heldenreise" vom naiven Bauernsohn zum durch die Begegnung mit Mentoren und Schatten gereiften (und gezeichneten) Ritter durch.
Andere Interpretation: Die "Sidekicks" können sich ihre Extravaganz nur erlauben, weil der Held sie durch sein klares Ziel vor Augen und durch seine Geradlinigkeit trotz allem in der Spur hält. Ohne diesen geradlinigen Protagonisten wäre sowohl der Kampf gegen das Imperium als auch die Reise der Ringgemeinschaft wohl nur bis zur nächsten Kneipe gekommen...

Bei Han Solo muss ich doch spontan auch an "Indiana Jones" denken. Auch da spielt Harrison Ford ja eigentlich den Han Solo. Bloß sind seine Sidekicks noch eine Ecke extravaganter. Sodass er unter denen immer noch der Geradlinigste ist. Ein so extravaganter Held mit noch extravaganteren Gehilfen gibt dem Ganzen aber halt dann auch etwas unweigerlich Slapstickhaftes, Skurriles, und die ganze Gruppe taumelt eher durch ihr Abenteuer, als hindurchzuwandern.

Womit sich dann auch die Frage stellt: Kann der Held der Extravagante sein, und einen geradlinigen Sidekick haben, der dem Ganzen Richtung verleiht? Ohne dass die beiden letztlich Rollen tauschen?
Ich glaube nicht. Held wird für den Leser letztlich immer derjenige sein, der die Handlung vorantreibt. Auch wenn der Leser die Eskapaden der Nebenfiguren noch so sehr schätzt.

"Game of Thrones" ist ein interessanter Fall. Tatsächlich weigert sich diese Geschichte ja ganz beharrlich, uns den Protagonisten vorzusetzen. Der Einzige, der (in puncto, wir sehen`s, Geradlinigkeit) das Zeug dazu gehabt hätte, wurde ja frühzeitig und fachgerecht entsorgt. Was dann eben die Möglichkeit gibt, die Handlung von einem ganzen Sack voll gleichberechtigter und sowohl extravaganter als auch geradliniger Protagonisten vorantreiben zu lassen. Ziemlich cleverer Ausweg, der (ich prophezeie es) wie Tolkien haufenweise Nachahmer (großenteils grottenschlechte) hervorbringen wird...
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Re: Sollten Nebenfiguren tiefgründiger als Protagonisten sei

Beitragvon Ratsherr » 01.06.2014, 10:37

Ich habe nicht alle Beiträge hier gelesen, aber ich denke, dass Nebenfiguren allgemein einen sehr wichtigen Part in einer Geschichte übernehmen sollten. Zwar ist es wichtig, dass ein Leser sich in einen Protagonisten hineinfühlen und seine Ansichten und Handlungen nachvollziehen kann, aber mit blassen und kaum ausgearbeiteten Nebenfiguren hat das auf den Leser dennoch nicht unbedingt den besten Effekt. Für mich ist es immer wichtig, dass das Gesamtpaket stimmt. Wenn es hundert Nebencharaktere gibt, muss nicht jeder einzelne bis auf den letzten Schliff charakterlich ausgearbeitet sein. Aber es sollte auch mehr als zwei, drei Charakterzüge geben, die vielleicht auch das Geheimnisvolle an einem Nebencharakter ausprägen, damit man umso interessierter an deren Sprechakten und Handlungen ist. Daher finde ich, dass Neben- und Hauptcharaktere mit gleicher Wichtigkeit behandelt werden sollten, ohne irgendeinen der Charaktere zu vernachlässigen. Um eine authentische Lesewelt zu schaffen, sollte es nachvollziehbare Charaktere geben, und das kann man nur schaffen, wenn Haupt- und Nebenfiguren zugleich tiefgründig und ausgearbeitet sind.
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Re: Sollten Nebenfiguren tiefgründiger als Protagonisten sei

Beitragvon Träumerin25 » 01.06.2014, 11:09

@Ratsherr: Du hast mich mit deiner Antwort auf einen interessanten Gedanken gebracht: Vielleicht sind die Nebenfiguren meistens so gut ausgearbeitet, weil sie die Illusion einer fremden Welt tragen sollen. Klar, der Held steht im Mittelpunkt, um ihn geht's in der Geschichte, aber die Nebencharas sind dafür verantwortlich, dass der Leser glaubt, dass es diese Welt, in der die Geschichte spielt (ob nun real oder erfunden), wirklich gibt und dass sie wirklich existieren kann. Wenn die Nebencharas flach und blass ausgearbeitet wären, bekäme der Leser vielleicht den Eindruck, dass die Geschichte nur um ihrer Existenz wegen existiert. Sind sie dagegen ausgearbeitet und vielschichtig, glaubt der Leser, dass diese "Welt" auch ohne den Helden und den Leser weiterlebt und -atmet.
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Re: Sollten Nebenfiguren tiefgründiger als Protagonisten sei

Beitragvon Samira-Jessica » 12.11.2015, 22:59

Hallo Lykos und ihr anderen,

ich stell mir ungefähr gerade diesselbe Frage zu meinem Projekt.

In meinem Kopf hat sich schon seit sehr langer Zeit der ungefähre "Ablauf" eines Teils des 'Hauptstranges' festgesetzt. Nur dreht es sich hierbei nicht um die Person, die ich (eigentlich) zum Hauptcharakter machen wollte, sondern um die, die als Nebencharakter in einem Subplot auftreten sollte.

Immer wenn ich über die beiden Mädchen nachdenke, fällt mir zu der, die eigentlich als Nebencharakter auftreten soll, mehr ein als zu der anderen, die ich zum Hauptcharakter machen wollte.
Kennt ihr sowas? Wie geht ihr damit um?

Jetzt meine Frage: Kann ich den eigentlichen Nebencharakter mit der eigentlichen Nebenhandlung im Hauptstrang auftreten lassen oder ist das doof?
Ich hoffe, ihr versteht was ich meine ...

nachdenkliche Grüße
Samira-Jessica
Schöne Grüße Samira-Jessica
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Re: Sollten Nebenfiguren tiefgründiger als Protagonisten sei

Beitragvon Lykos » 13.11.2015, 14:36

Ich bau's immer so um, wie es sich entwickelt; in deinem Fall würde ich dem Nebencharakter mehr Raum geben, oder ihn sogar zur neuen Hauptfigur machen, wenn die Geschichte es so will! Das wichtigste ist, dass man irgend etwas macht; dass man irgend eine Entscheidung trifft statt gar keiner.
Und nicht drei Monate an einem winzigen Detail feilt, sondern die drei Monate lieber zum Schreiben nutzt. Wenn sich die Entscheidung nachträglich als Fehler herausstellt, dann kann man immer noch umschreiben, oder eine neue Geschichte beginnen.
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