[Liebe]Sommer´86

Liebe, Romantik, Sehnsucht

[Liebe]Sommer´86

Beitragvon Heribertpolta » 19.06.2015, 22:13

Du im Frühsommer´86: Billy Idol, Pickel, Zauberwürfel. Du bist verknallt, ja, verschossen. Nein, verliebt! In Anja, Anja Hauke, braunes Haar, Pferdeschwanz, braune Augen, Stubsnase.

Da ist sie, auf dem Schulhof, unter ihren Freundinnen! Dein Herz klopft und du hast nur Augen für sie. Die Kumpels reden, knuffen, kaspern, aber du siehst nur sie. Sieht sie her? Jetzt… nein; und jetzt? Nein. Ihre Freundin guckt und grinst. Sie weiß was? Wittert etwas? Hat etwas bemerkt?

Die Mädchen drüben tuscheln, Anja dreht sich um zu mir: ein koketter Blick, dann dreht sie sich zurück, wedelt mit dem Pferdeschwanz; du weißt, sie liebt Talk Talk.

Ein Kumpane: „Sie hat hergesehen!“ Ein anderer: „Die hat sich umgedreht!“ Der nächste: „Die hat dich angeglotzt!“ Jetzt peinliches Schulterklopfen und gefeixe. – "Schnauze, seid doch still… „
Du glühst, wirst rot, bist rot, warst es immer gewesen. Und Anja in der Mädchentraube, umringt von spöttelnden Gören, schüttelt den Pferdeschwanz und rümpft das süße Näschen.
Rrrring –
Pause aus.

Du, abends im Bett und Anja im Kopf, Anja an der Zimmerdecke, Anja in den Wolken und – in der Hose. Du umarmst die Bettdecke; stellst dir vor, dass sie es ist. „Anja!“ Du Seufzt, denkst an ihren Blick, an ihr Lächeln.
Und plötzlich: du kannst dir ihr Gesicht nicht mehr vorstellen! Mist! Es ist weg! Dir fällt der Pferdeschwanz noch ein, ihr Profil geht auch noch, aber von vorn verschwimmt sie, ganz und gar. „Mist, Anja!“, und seufzt.

Du wachst auf. Ein Uhr; Anja im Kopf, Anja im Arm.
Wachst auf. Zwei Uhr; Anja hängt halb aus dem Bett; du wurschtelst sie wieder zusammen, umschlingst sie mit den Beinen, umarmst sie…

Sieben Uhr; Sonne, raus, Zähne putzen für Anja, frischer Atem für sie. Du kannst es nicht erwarten: heute in der großen Pause! Und los!

Aber nein, du kommst nicht zur Pause... Herr Ammerbach, Biologie, geht mit dir ins Archiv; du gehst mit Herrn Ammerbach ins Archiv, den Film-Projektor holen, für Biologie. Warum du? Heute? Ich? Du gehst mit Herrn Ammerbach an den Schulhausfenstern vorbei; siehst hinunter auf den Pausenhof: Windjacken, Röcke, Hosen, blau, bunt, gepunktet, pink. Und wo ist Anja? Verdrehst dir den Hals; verdrehst ihn dir auch auf dem Rückweg mit dem Projektor im Arm.
Rrrring – Pause aus. Mist, denkst du.

Rrrring – Schule aus.
Ammerbach: „Stopp!“ Was will er? Ach, Projektor zurücktragen...
Trägst ihn, Ammerbach öffnet und schließt Türen: auf, zu, auf... Die Kumpels gehen schon und warten nicht: „Tschüss, bis dann“, oder: „Tschüss bis morgen!“, oder: „Ey, Knusperhucke!“ Du aber hast den Projektor im Arm und Herr Ammerbach ist auch da!

Frühsommer´86; Softeis, Flummi, Depeche Mode, und du denkst Scheiße! Deine Pickel jucken und du gehst zur Schulpforte hinaus, geknickt, mit gesenktem Blick. Hörst plötzlich ein Kichern, dann noch eines, siehst auf und zuckst zusammen: ein Grüppchen Mädchen an der Bank unterm so genannten Piss-Baum. Unter ihnen: Anja, das Zentralgestirn!

Du denkst, dass es bis zu den Mädchen an der Bank etwa vierzig Meter sind; noch zwanzig weitere bis zur Hausecke, die Hausecke, die dich unsichtbar macht, wenn du hinter ihr verschwunden bist. Sechzig Meter Pein an der verliebten Seele! Und du bist allein gegen Sechs. Mädchen.

Das heißt: für sechzig Meter Schweiß in den Händen, unterm Haaransatz und womöglich im Schlüpfer.

Zudem: auf sechzig Meter einen glühenden Kopf mit besonders roten Ohren.

Ferner: sechzig Meter mit einer verspannten oder angespannten Nacken-, Rücken- und Hintern-Muskulatur, und dagegen: sechzig Meter lang der zwecklose Versuch zu schlendern – cool zu gehen!

Alles in Allem: sechzig Meter heiße Hölle. In ihrem Zentrum: Anja!

Spätsommer´86: du und Anja auf der Bank unterm Piss-Baum. Händchenhaltend.
Grüße,

Heribert Polta
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Re: Sommer´86

Beitragvon beatrice » 06.07.2015, 16:26

Hallo Heribert,

wie ich sehe wurde deine Geschichte bisher noch nicht kommentiert. Schade! Aber das ändere ich jetzt.
Im großen und ganzen ist sie bereits stimmig. Logikfehler oder andere gravierende Fehler habe ich keine gefunden, alles was ich kommentiert habe, dient dem Feinschliff.

Das ist mir aufgefallen:

Du im Frühsommer´86: Billy Idol, Pickel, Zauberwürfel. Du bist verknallt, ja, verschossen. Nein, verliebt!


Nach "Zauberwürfel." würde ich noch einen Absatz machen.

In Anja, Anja Hauke, braunes Haar, Pferdeschwanz, braune Augen, Stubsnase.


Stupsnase wird mit "p" geschrieben

Oben charakterisierst du deinen Protagonisten mit drei aussagekräftigen Dingen aus verschiedenen Bereichen. Mir hat die Beschreibung deines Protagonisten am Anfang zugesagt, denn du kommst zum Punkt. Auch bei Anja würde ich mich daher an deiner Stelle auf drei Worte oder Dinge beschränken und diese für sich sprechen lassen. Nach Anja Hauke würde ich anstatt des Kommas daher einen Doppelpunkt setzen.

Für Anja nutzt du vier, allerdings weniger aussagekräftige, Äußerlichkeiten.
Zum einen betont das, dass dein Protagonist von ihrem Aussehen hingerissen ist.
Pferdeschwanz und Stupsnase sind für mich wesentliche Merkmale, durch sie kann ich mir vorstellen, wie Anja aussieht.
"braune Augen" und "braunes Haar" sind für mich persönlich fast zu schwach, um Anja eine Persönlichkeit zu geben, denn so viele Menschen haben braune Haare und braune Augen.
Gibt es vielleicht etwas anderes, das sie treffender beschreibt?
Hat sie Grübchen, Sommersprossen, einen kirschroten Kussmund, Rehaugen? Was ist ihr Erkennungsmerkmal, abgesehen vom Pferdeschwanz?

Vielleicht könntest du auch weg von den Äußerlichkeiten gehen, schließlich weiß der Protagonist vielleicht noch etwas über sie, das ihn fasziniert?


Da ist sie, auf dem Schulhof, unter ihren Freundinnen!


Meiner Meinung nach könntest du diesen Satz dynamischer gestalten.
Im ersten Abschnitt deines Textes leitest du ein, knapp und bündig, aber bereits mit Spannung. Insbesondere durch die Steigerung von verknallt zu verliebt hast du das erreicht.

In diesem zweiten Absatz lässt du die Geschichte beginnen und die Geschichte beginnt natürlich mit Anja.

Jedoch hat es mich ein wenig aus dem Lesefluss gebracht, hier eine Aufreihung zu sehen. Im ersten Moment ist es sogar ganz an mir vorbeigegangen, dass sie sich auf dem Schulhof befinden. Mir war es wichtiger, von seiner Gefühlselt zu lesen, die du im nächsten Satz beschreibst. Das hat meine Aufmerksamkeit wie ein Magnet angezogen.

Anja ist doch, wie du später so schön schreibst "das Zentralgestirn" der Geschichte.

Ich habe mir verschiedene Möglichkeiten überlegt, pick dir einfach das heraus, was dir am meisten zusagt:

1. Du könntest den Satz weglassen.

Deine Geschichte würde also direkt damit beginnen, dass dein Protagonist Herzklopfen von Anja bekommt. Ein schöner Anfang, denn er entführt einen direkt in die Gefühlswelt deines Protagonisten.

Ein Vorschlag:

"Du im Frühsommer´86: Billy Idol, Pickel, Zauberwürfel.
Du bist verknallt, ja, verschossen. Nein, verliebt!
In Anja, Anja Hauke: Pferdeschwanz, Rehaugen, kirschroter Kussmund.

Dein Herz klopft und du hast nur Augen für sie.
Die Kumpels reden, knuffen, kaspern, aber du siehst nur sie."

2. Du könntest den Satz verändern.

Natürlich ist eine Beschreibung der Szene wichtig! Dass sie auf dem Schulhof in zwei Gruppen verteilt dastehen, ist für den Verlauf der Geschichte relevant.

Anstatt eine Aufreihung zu nutzen, könntest du vielleicht den Satz anders aufbauen.

Die vielleicht einfachste Variante wäre, eine Konjunktion zu verwenden:

"Da auf dem Schulhof ist sie, allerdings unter ihren Freundinnen."

Oder vielleicht könntest du deinem Protagonisten ein Verb geben, durch das er handelt?

Zum Beispiel:

"Auf dem Schulhof entdeckst du sie unter ihren Freundinnen."

oder

"Dein Blick klebt sich an ihr fest, als du sie auf dem Schulhof siehst."



Vielleicht könntest du einen Aspekt als Aufhänger benutzen?

Wie wäre es, wenn du betonen würdest, dass sie in verschiedenen Gruppen stehen? Damit stellst du die Unerreichbarkeit heraus.
Dafür könntest du durchaus eine Aufreihung verwenden, schließlich passt das zum Stil des Textes, insbesondere, da du auch schon am Anfang die Anzahl drei betonst.

Zum Beispiel:

"So weit weg, am andern Ende des Schulhofs, in der Mädchentraube."

Hier habe ich bereits die "Mädchentraube" verwendet, von der du unten schreibst. Ich fände sie auch hier schon passend. Das Wort gefällt mir sehr gut und es würde die Unerreichbarkeit bekräftigen.

Ein anderer Aspekt, den du in den Vordergrund rücken könntest, wäre seine stille Bewunderung.

Ein Versuch:

"Vom Treiben auf dem Schulhof nimmst du keinerlei Notiz, denn sie steht dort drüben. Dein Herz klopft und du hast nur Augen für sie. Die Kumpels reden, knuffen, kaspern, aber du siehst nur sie."

Ich denke, es gibt viele Aspekte, die du in den Vordergrund rücken könntest. Dadurch würdest du noch mehr Spannung in die Geschichte hineinbringen und auch überraschen und nicht "nur" eine Szene beschreiben.

3. Du könntest die Aussage an späterer Stelle bringen, in veränderter Weise.

Damit kombiniere ich sozusagen die ersten beiden Vorschläge. Eine passende Stelle wäre vielleicht bevor er versucht Blickkontakt aufzubauen.

Zum Beispiel:

"Dein Herz klopft und du hast nur Augen für sie.
Die Kumpels reden, knuffen, kaspern, aber du siehst nur sie.
Vom Treiben auf dem Schulhof nimmst du keinerlei Notiz.
Dort drüben unter ihren Freundinnen steht sie, so weit weg."

Sieht sie her? Jetzt… nein; und jetzt? Nein.


Mir gefällt gut, wie du das darstellst. Allerdings würde ich hier einen Absatz mehr setzen, damit auch sein Abwarten miteinfließt.

Mein Vorschlag:

"Sieht sie her? Jetzt...nein;
und jetzt? Nein."

Ihre Freundin guckt und grinst.


Auch dies hier nimmt für mich durch die bloße Aufreihung die Dynamik heraus. Wie wäre es, wenn du eine weitere Konjunktion verwendest?

Zum Beispiel:

"Dafür guckt ihre Freundin und grinst."

[quote] Sie weiß was? Wittert etwas? Hat etwas bemerkt?

[/quote]

"Wittert" und "bemerkt" sind treffend und aussagekräftig. Allerdings wirkt der erste Satz auf mich wie im Unterricht, sie meldet sich, also weiß sie etwas. Bevor man etwas weiß, wittert man oder bemerkt etwas, die Reihenfolge stimmt also nicht ganz.

Wie wäre es, wenn du das Verb "wissen" durch "vermuten" ersetzt?

Auch würde ich als Steigerung im letzten Satz seine Befürchtung betonen und konkret werden.
Vermuten und wittern beziehen sich schließlich auf Schwammiges, vielleicht weiß sie nur, dass etwas nicht stimmt, aber nicht, was nicht stimmt. Er hat aber Angst, dass die Freundin ihn entdeckt und es auffliegt, dass er in Anja verliebt ist. Dazu würde ich das "etwas" durch "deine Blicke" ersetzen.

Also:
"Sie vermutet was? Wittert etwas? Hat deine Blicke bemerkt?"

Die Mädchen drüben tuscheln, Anja dreht sich um zu mir: ein koketter Blick, dann dreht sie sich zurück, wedelt mit dem Pferdeschwanz;


Hier brichst du aus deiner Perspektive aus und schreibst in der Ich-Form, ich würde das "mir" durch ein "dir" ersetzen. Übrigens gefällt es mir sehr gut, dass du diese "du" Perspektive gewählt hast, es wirkt wie ein innerer Dialog, durch den sich der Protagonist unter Druck setzt, nicht zu zeigen, dass er Anja mag und doch zu hoffen, dass er ihr auffällt.

du weißt, sie liebt Talk Talk.


Bei diesem Satz bin ich mir unsicher. Die Mädels tuscheln. Versuchst du hier Anja zu charakterisieren?
Oder will sich dein Protagonist beruhigen, dass sie wahrscheinlich nicht über ihn reden, sondern einfach nur gerne reden?

Sollte letzteres der Fall sein, würde ich erneut auf seine Befürchtung eingehen und sie dann zu beschwichtigen versuchen, doch vielleicht einen Restzweifel zurücklassen.

Ein Versuch:

"Die Mädchen drüben tuscheln, Anja dreht sich um zu dir: ein koketter Blick, dann dreht sie sich zurück. wedelt mit dem Pferdeschwanz;
Reden sie über dich? Du treibst dir die Flausen aus, sie liebt nur Talk Talk."

Ein Kumpane: „Sie hat hergesehen!“ Ein anderer: „Die hat sich umgedreht!“ Der nächste: „Die hat dich angeglotzt!“ Jetzt peinliches Schulterklopfen und gefeixe. – "Schnauze, seid doch still…


Das Anführungszeichen am Ende ist zu viel, ansonsten gefällt mir dieser Abschnitt sehr gut. Wieder bleibst du deiner dreiteiligen Steigerung treu und erschaffst einen schönen Dialog!

Du glühst, wirst rot, bist rot, warst es immer gewesen.


Hier bin ich mir unsicher, wird man nicht erst rot, bevor man glüht?
Vielleicht zuerst "du wirst rot" und dann "glühst, bist rot, warst es immer gewesen."

Aber ich finde, wenn du das "rot" als Stilmittel beieinander lassen willst, solltest du das tun und diesen Einwand einfach ignorieren!

Und Anja in der Mädchentraube, umringt von spöttelnden Gören, schüttelt den Pferdeschwanz und rümpft das süße Näschen.


Herrlich! Falls du die Mädchentraube oben schon verwendest, hier ein paar Synonyme:

Kreis der Mädchen, Mädchengruppe, Mädchenschar, Mädchenhorde, Rudel, Knäuel, Mädchenauflauf, Bande, Ring, Zirkel, Clique, Meute, Herde....

„Anja!“ Du Seufzt, denkst an ihren Blick, an ihr Lächeln.


Diesen Satz würde ich durch einen Absatz vom Rest trennen und "seufzt" klein schreiben.

Und plötzlich: du kannst dir ihr Gesicht nicht mehr vorstellen!


Hier bin ich beim Lesen darüber gestolpert, denn wieder ist hier wenig Dynamik. Das "und plötzlich" hat bei mir leider seine Wirkung nicht voll entfalten können.

Anstatt dem "und plötzlich" könntest du vielleicht ein "aber" schreiben? Oder ein "Oh nein!" oder "Doch"

Dir fällt der Pferdeschwanz noch ein, ihr Profil geht auch noch,


Diesen Satz würde ich wieder in die nächste Zeile verschieben.

Wie wäre es, wenn du ein kräftigeres Wort verwendest, nicht bloß "einfallen"?

Zum Beispiel:

"Ihr Pferdeschwanz tanzt noch vor deinem Gesicht herum/hüpft noch vor dir auf und ab"

auch beim nächsten Satz "ihr Profil geht auch noch"

vielleicht:

"auch ihr Profil ist noch ganz klar" / "auch ihr Profil erkennst du"

oder du beziehst dich hier zurück auf die oben beschriebenen Merkmale:

"ihr Pferdeschwanz hüpft noch vor dir auf und ab, auch das Stupsnäschen reckt sie in die Luft, aber von vorn verschwimmt ihr Gesicht/sie ganz und gar."

„Mist, Anja!“, und seufzt.


Vielleicht eher: "seufzt du"

Aber meiner Meinung nach könntest du das auch herauslassen, da klar ist, wer spricht.


Du wachst auf. Ein Uhr;


Zum einen nutzt du hier ein Stilmittel, zuerst wacht er auf und dann sieht er die Uhrzeit.
Das ist gut, doch da deine nächsten Sätze sehr kurz sind, war mir das persönlich zu abgehackt.

Meiner Meinung nach, könntest du die beiden Aussagen zu einem Satz verbinden:

"Um Ein Uhr wachst du auf; Anja im Kopf, Anja im Arm.
Als du wieder aufwachst, ist es Zwei; Anja hängt halb aus dem Bett..."

oder wenn du den Stil des kurzen beibehalten willst, würde ich trotzdem mehr Abwechslung einbauen:

"Du wachst auf. Ein Uhr; Anja im Kopf, Anja im Arm.
Wieder wachst du auf. Die Uhr zeigt Zwei;"

Ich kann aber auch verstehen, wenn du das Stilmitteltechnisch so lassen willst. Wie gesagt, pick dir aus meinem Kommentar nur das heraus, was dir in den Kram passt.

Anja hängt halb aus dem Bett; du wurschtelst sie wieder zusammen, umschlingst sie mit den Beinen, umarmst sie…


Dieser Abschnitt hat mich übrigens zum Schmunzeln gebracht! Das ist dir sehr gut gelungen!

Du kannst es nicht erwarten: heute in der großen Pause! Und los!



Das ist wiederum eine Aufreihung und wirkt auf mich etwas holprig. Wie wäre es, wenn du das alles zu einem Satz verbindest? Denn wenn du das abkürzt, könntest du seine Vorfreude herausstellen und zeigen, dass er es tatsächlich nicht mehr erwarten kann. Ein "und los" wäre dann gar nicht notwendig.
Ein Versuch:
"Du kannst die große Pause nicht erwarten!"


Aber nein, du kommst nicht zur Pause... Herr Ammerbach, Biologie, geht mit dir ins Archiv;



Zum einen beginnst du die Sätze oft mit "du", weshalb ich hier umstellen würde:

"Aber nein, heute kommst du nicht zur Pause..."

oder

"Aber leider kommst du heute nicht zur Pause..."

Zum zweiten könntest du das Biologie oben auch weglassen, da du es unten bereits erwähnst und es für mich ansonsten wie eine Wiederholung wirkt. Oder ist auch das als Stilmittel gedacht?

geht mit dir ins Archiv; du gehst mit Herrn Ammerbach ins Archiv,


Diese Wiederholung allerdings gefällt mir sehr sehr gut, es stellt heraus wie langwierig der Vorgang ist.

Warum du? Heute? Ich?


Hier vollziehst du erneut einen Perspektivenwechsel. Vielleicht könntest du nur eine Gedankenfrage stellen, zum Beispiel "Warum nur du?" oder "Wieso gerade heute?" oder "Warum gerade jetzt?".

Du gehst mit Herrn Ammerbach an den Schulhausfenstern vorbei; siehst hinunter auf den Pausenhof: Windjacken, Röcke, Hosen, blau, bunt, gepunktet, pink.


Schön! Aber ich würde das von der Gedankenfrage abtrennen und in die näcste Zeile verschieben.

Und wo ist Anja? Verdrehst dir den Hals; verdrehst ihn dir auch auf dem Rückweg mit dem Projektor im Arm.


Ich würde hier nicht bloß einen halben Satz hinschreiben, wie wäre es mit
"Dabei verdrehst du dir den Hals" , "Beim Ausschau halten verdrehst du dir den Hals" "Als du nach ihr spähst, verdrehst du dir den Hals"


Trägst ihn, Ammerbach öffnet und schließt Türen: auf, zu, auf... Die Kumpels gehen schon und warten nicht: „Tschüss, bis dann“, oder: „Tschüss bis morgen!“, oder: „Ey, Knusperhucke!“ Du aber hast den Projektor im Arm und Herr Ammerbach ist auch da!


Erneut hast du hier die Chance dem Text mehr Dynamik zu geben.
Natürlich ist das eine Situation, die dem Protagonisten nicht besonders zusagt, die sich in die Länge zieht. Dadurch wäre es auf jeden Fall gerechtfertigt, dem Text die Dynamik zu entziehen, um ihn realitätsnah zu gestalten.
Eine andere Herangehensweise wäre aber die Dramatik herauszustellen und zu betonen, wie verfahren die Situation ist. Du könntest deinen Protagonisten ein wenig lächerlich machen und in seinem Leid suhlen lassen und durch Überspitzung der Situation den Leser zum schmunzeln bringen.

Trägst ihn, Ammerbach öffnet und schließt Türen:


Auch hier gefällt mir der halbe Satz nicht ganz so gut. "Tragen" wäre eine Wortwiederholung, vielleicht könntest du "schleppen" schreiben?

auf, zu, auf...


Toll! Genau hier liegt ein Teil der Komik!

Die Kumpels gehen schon und warten nicht:


Auch hier eine hervorragende Idee, dein Protagonist wird alleine gelassen.

„Tschüss, bis dann“, oder: „Tschüss bis morgen!“, oder: „Ey, Knusperhucke!“


Hier liegt Potenzial im Dialog. Jedoch reihst du die Aussagen nur aneinander. Wie wäre es, wenn du diese Aussagen mit dem Satz zuvor verwebst?

Vielleicht so:

"Ammerbach öffnet und schließt die Türen, hinterher schlurfst du. Auf, zu, auf... Die Kumpels gehen schon: "Tschüss, bis dann!" , und warten nicht: "Tschüss, bis morgen!".
"Ey, Knusperhucke!" , sagt der eine, doch Ammerbach ist da und du musst den Projektor schleppen.

Frühsommer´86; Softeis, Flummi, Depeche Mode, und du denkst Scheiße! Deine Pickel jucken und du gehst zur Schulpforte hinaus, geknickt, mit gesenktem Blick.


Schön! Wieder bringst du auf den Punkt, was den Sommer ausmacht. Gleichzitig stellst du die Laune des Protagonisten heraus. Nach "Scheiße!" würde ich einen Absatz machen.

Hörst plötzlich ein Kichern, dann noch eines, siehst auf und zuckst zusammen: ein Grüppchen Mädchen an der Bank unterm so genannten Piss-Baum. Unter ihnen: Anja, das Zentralgestirn!


Super, kannst du genau so lassen, ich würde das aber auch als Sinnabschnitt ansehen und in eine eigene Zeile verschieben.

Du denkst, dass es bis zu den Mädchen an der Bank etwa vierzig Meter sind;


An sich ein guter Gedanke. Hier beginnst du wieder mit "du". Zuvor versuchst du das ja bereits an einigen Stellen zu vermeiden. Auch hier würde ich den Satz anders beginnen.

bis zur Hausecke, die Hausecke, die dich unsichtbar macht, wenn du hinter ihr verschwunden bist.


Die Wiederholung der Hausecke hat mich ein wenig aus dem Lesefluss gebracht. Ich würde hier versuchen den Satz zu vereinfachen.
Vielleicht könntest du die Hausecke nur einmal erwähnen:

"noch zwanzig Meter bis zur Hausecke, die dich unsichtbar macht."

Ich denke es ist klar, dass er dann hinter ihr verschwinden kann.

oder

"noch zwanzig Meter bis zur Rettung, denn dann kannst du hinter der Hausecke verschwinden."

Sechzig Meter Pein an der verliebten Seele!


Gefällt mir sehr gut! Ich leide mit ihm!

Und du bist allein gegen Sechs. Mädchen.


Da du vorher schon ein paarmal mit "und" beginnst, würde ich hier vielleicht nur
"Alleine gegen Sechs." schreiben.

Ist es beabsichtigt, dass du Mädchen nochmal extra anfügst? Vielleicht um seine Furcht vor ihrem Gerede oder auch ihrer Reaktion deutlicher herauszustellen? Dann würde ich nach Mädchen ein Ausrufezeichen setzen.

Nun mein Vorschlag für den Absatz:

"Etwa vierzig Meter sind es bis zur Bank; noch zwanzig weitere bis zur Hausecke. Ach, wenn du nur schon hinter ihr verschwunden wärst! Sechzig Meter Pein an der verliebten Seele! Alleine gegen sechs. Mädchen!"

Das heißt: für sechzig Meter Schweiß in den Händen, unterm Haaransatz und womöglich im Schlüpfer.


Ich glaube der Schweiß ist eher "an den Händen". Vielleicht könntest du auch "klerige Hände" oder "Schweißausbrüche an Händen, unterm Haaransatz und womöglich im Schlüpfer" schreiben.

Zudem: auf sechzig Meter einen glühenden Kopf mit besonders roten Ohren.


Schön! Erneut fühle ich mit dem Protagonisten. Ich denke, es müsste "auf sechzig Metern" heißen.

Eine andere Option wäre auch:

"Die ganzen sechzig Meter"

verspannten oder angespannten


Ich würde mich hier für eine Option entscheiden und fände persönlich "verspannt" dramatischer, ein guter Zusatz zum gezwungenen-lockeren Schlendern.

und dagegen:


Ich weiß nicht, ob das wirklich passt. Vielleicht eher:

"Ferner: sechzig Meter mit einer verspannten oder angespannten Nacken-, Rücken- und Hintern-Muskulatur, beim zwecklosen Versuch zu schlendern – cool zu gehen!"

Dann würdest du auch nicht erneut die sechzig Meter betonen und wärst wieder bei drei Steigerungen.

Alles in Allem: sechzig Meter heiße Hölle. In ihrem Zentrum: Anja!

Spätsommer´86: du und Anja auf der Bank unterm Piss-Baum. Händchenhaltend.



Superschöner Schluss, der mir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert hat!
Wieder kurz und knackig, wie ich mir von dem Text erwartet habe.

Mir hat es Freude bereitet deinen Text zu lesen und zu kommentieren. Es ist eine Liebesgeschichte, die den Zeitgeist der 80er einfängt. Meine Verbesserungsvorschläge sind keine grundsätzlichen Veränderungen, sondern zielen nur darauf ab, den Stil einheitlich zu gestalten und dienen dem Feinschliff. Im großen und ganzen ist dein Text bereits sehr gut!

Ich hoffe ich konnte dir ein paar Anregungen geben. Solltest du eine Verbesserung hineinstellen, kann ich sie mir gerne noch einmal ansehen. Sollte ich es verballern, kannst du gerne einfach eine PN schreiben!

Mir ist es wichtig zu betonen, dass ich hier nur meine Meinung kundgegeben habe, wenn dir etwas nicht in den Kram passt, dann änder das auch nicht, sondern hör auf dein Bauchgefühl. Ich hoffe ich konnte dir ein paar Anregungen geben!

Liebe Grüße,

Bea
Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.
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Re: Sommer´86

Beitragvon Heribertpolta » 06.07.2015, 19:46

Hallo, Bea,

zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich noch nie, nie, nie einen solch langen und vor allem konstruktiven Kommentar bekommen habe! Von niemandem. Diese Mühe gehört dir schon fast bezahlt!
Du hast dir jeden Absatz vorgenommen und dir Gedanken darüber gemacht; das ist eine Seltenheit!

Ich werde vieles von dem übernehmen, das du mir vorgeschlagen hast. Zunächst muss ich bloß kurz etwas erläutern:

- Bei der Stupsnase dachte ich, dass sie tatsächlich mit "b" geschrieben wird. Habe sogar deswegen nachgesehen. Aber du hast recht. Mit "p" wird sie geschrieben.

- Dass ich Anja zu wenig beschrieben habe stimmt. Ich sollte besser auf sie eingehen. War ja auch ein ganz und gar süßes Ding.

- Die Vorschläge, um die Grüppchen auf dem Schulhof darzustellen muss ich auch besser umsetzen.

- Ich bin eigentlich der Herr der Synonyme, aber du hast mich geschlagen und mir welche aufgezeigt, die meist passender sind.

du weißt, sie liebt Talk Talk.


Bei diesem Satz bin ich mir unsicher. Die Mädels tuscheln. Versuchst du hier Anja zu charakterisieren?
Oder will sich dein Protagonist beruhigen, dass sie wahrscheinlich nicht über ihn reden, sondern einfach nur gerne reden?


Aber nein, Talk Talk ist der Name der Band. Ich wollte nur klarmachen, auf welche Musik sie steht. Das war in der 80gern noch ein wichtiges Thema: Farbe bekennen über den Musikgeschmack.

Du hast mir viele Aufgaben zum Nacharbeiten gegeben. Da muss ich wohl nochmal ran!

Danke nochmals!
Grüße,

Heribert Polta
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Re: Sommer´86

Beitragvon DrJones » 22.07.2015, 22:05

Hallo Heribert,

ich mal wieder...

Ich steige mal gleich ein ohne viel blabla...


Heribertpolta hat geschrieben:
Du im Frühsommer´86: Billy Idol, Pickel, Zauberwürfel.


Das kommt ein wenig rüber wie ausgespielte Skatkarten.
Mein Haus, mein Hund, meine Yacht!
Auf jeden Fall ein schneller Weg in die 80er. Also positiv!
Auch interessant: Zauberwürfel. Hier ist ja das Männliche, das Rätsel intellektuell zu lösen
verbunden mit "Zauberei", also eher etwas Weiblichem / Intuitivem / Übersinnlichem.
Ich weiß nicht, ob es beabsichtigt war, aber es passt auch gut dazu, wie der Protagonist
diese Anja erobern möchte. Am Ende ist die Liebe wie ein Zauber. Der Weg dorthin ist
durch Hindernisse bestimmt, wie es auch weiter unten mit dem Biolehrer und dem Projektor
angedeutet ist.


Du bist verknallt, ja, verschossen. Nein, verliebt! In Anja, Anja Hauke, braunes Haar, Pferdeschwanz, braune Augen, Stubsnase.


Mit "Du" meint der Erzähler sich selbst, oder? Hatte mich etwas irritiert, da ich mich angesprochen fühlte.
Ich dachte mir mit leichtem inneren Protest "Diese Anja Hauke kenne ich doch gar nicht!"

Den Namen finde ich gut gewählt ... das Mädchen von nebenan Der Name ist so authentisch, dass
ich mich frage, ob es diese Person wirklich gibt.

Was macht diese Anja innerlich aus? Schwärmt der Erzähler nur für ihr Äußeres?
Wahrscheinlich ja, denn zunächst ist es das, was er sieht.

Da ist sie, auf dem Schulhof, unter ihren Freundinnen! Dein Herz klopft und du hast nur Augen für sie. Die Kumpels reden, knuffen, kaspern, aber du siehst nur sie. Sieht sie her? Jetzt… nein; und jetzt? Nein. Ihre Freundin guckt und grinst. Sie weiß was? Wittert etwas? Hat etwas bemerkt?


Das eröffnet für mich deutliche Bilder. "Wittert" empfinde ich als nicht optimal.


Die Mädchen drüben tuscheln, Anja dreht sich um zu mir: ein koketter Blick, dann dreht sie sich zurück, wedelt mit dem Pferdeschwanz; du weißt, sie liebt Talk Talk.

Ein Kumpane: „Sie hat hergesehen!“ Ein anderer: „Die hat sich umgedreht!“ Der nächste: „Die hat dich angeglotzt!“ Jetzt peinliches Schulterklopfen und gefeixe. – "Schnauze, seid doch still… „
Du glühst, wirst rot, bist rot, warst es immer gewesen. Und Anja in der Mädchentraube, umringt von spöttelnden Gören, schüttelt den Pferdeschwanz und rümpft das süße Näschen


Ja! Der Abschnitt ist gut gelungen! Schöne Innensicht.


Rrrring –
Pause aus.

Du, abends im Bett und Anja im Kopf, Anja an der Zimmerdecke, Anja in den Wolken und – in der Hose.

Autoerotische Andeutung?

Du umarmst die Bettdecke; stellst dir vor, dass sie es ist. „Anja!“ Du Seufzt, denkst an ihren Blick, an ihr Lächeln.
Und plötzlich: du kannst dir ihr Gesicht nicht mehr vorstellen! Mist! Es ist weg! Dir fällt der Pferdeschwanz noch ein, ihr Profil geht auch noch, aber von vorn verschwimmt sie, ganz und gar. „Mist, Anja!“, und seufzt.


Das ist ein schönes Detail, was hier beschrieben ist. Dass das Gesicht verschwimmt, unterstreicht auch das Träumerische, Platonische.

Du wachst auf. Ein Uhr; Anja im Kopf, Anja im Arm.
Wachst auf. Zwei Uhr; Anja hängt halb aus dem Bett; du wurschtelst sie wieder zusammen, umschlingst sie mit den Beinen, umarmst sie…

Sieben Uhr; Sonne, raus, Zähne putzen für Anja, frischer Atem für sie.


Er pflegt sich. Das macht es plausibel.

Du kannst es nicht erwarten: heute in der großen Pause! Und los!

Aber nein, du kommst nicht zur Pause... Herr Ammerbach, Biologie, geht mit dir ins Archiv; du gehst mit Herrn Ammerbach ins Archiv, den Film-Projektor holen, für Biologie.


Diese Doppelungen sagen mir sehr zu. Es ist so "tarantinoeske".

Warum du? Heute? Ich? Du gehst mit Herrn Ammerbach an den Schulhausfenstern vorbei; siehst hinunter auf den Pausenhof: Windjacken, Röcke, Hosen, blau, bunt, gepunktet, pink.


Ja ja, die 80er. Hast Du zuvor recherchiert? Oder aus dem Gedächtnis heraus?

Und wo ist Anja? Verdrehst dir den Hals; verdrehst ihn dir auch auf dem Rückweg mit dem Projektor im Arm.
Rrrring – Pause aus. Mist, denkst du.


Das "denkst du" könnte man überdenken...

Rrrring – Schule aus.
Ammerbach: „Stopp!“ Was will er? Ach, Projektor zurücktragen...
Trägst ihn, Ammerbach öffnet und schließt Türen: auf, zu, auf...


Dieses Symbol mit den Türen und "auf zu auf" lässt bei mir das Bild eines Labyrinths entstehen. Das gab es auch schon weiter oben mit dem Zauberwürfel, den man im übertragenen
Sinne auch wie eine Art Labyrinth auffassen kann. Es gibt ein bestimmtes Ziel, das es zu
erreichen gilt.
Es deutet für mich hier einen Neubeginn an, der aber mit gewissen Hindernissen verbunden ist -
oder den Abstieg in die Unterwelt...


Die Kumpels gehen schon und warten nicht: „Tschüss, bis dann“, oder: „Tschüss bis morgen!“, oder: „Ey, Knusperhucke!“ Du aber hast den Projektor im Arm und Herr Ammerbach ist auch da!

Frühsommer´86; Softeis, Flummi, Depeche Mode, und du denkst Scheiße! Deine Pickel jucken und du gehst zur Schulpforte hinaus, geknickt, mit gesenktem Blick.


Du greifst fast lyrisch den Anfang auf, den ich auch eher als ein Gedicht wahrgenommen hatte.
Es entsteht ein Rahmen für diese Geschichte, der ihr einen weiteren Fokus verschafft.
Das finde ich gut umgesetzt.


Hörst plötzlich ein Kichern, dann noch eines, siehst auf und zuckst zusammen: ein Grüppchen Mädchen an der Bank unterm so genannten Piss-Baum. Unter ihnen: Anja, das Zentralgestirn!


Das ist evtl. nur Zufall, aber ich sehe hier eine sexuelle Andeutung durch "Piss-Baum".

Du denkst, dass es bis zu den Mädchen an der Bank etwa vierzig Meter sind; noch zwanzig weitere bis zur Hausecke, die Hausecke, die dich unsichtbar macht, wenn du hinter ihr verschwunden bist. Sechzig Meter Pein an der verliebten Seele! Und du bist allein gegen Sechs. Mädchen.

Das ist ein Gedanke, den ich sehr plausibel finde. Ich kann mir diese Situation lebhaft vorstellen.
Lediglich die Längenangaben hätte ich mehr im Vagen gehalten.


Das heißt: für sechzig Meter Schweiß in den Händen, unterm Haaransatz und womöglich im Schlüpfer.


"Schlüpfer" ist bestimmt nicht verkehrt, aber es lässt mich mehr an Frauensachen denken.


Zudem: auf sechzig Meter einen glühenden Kopf mit besonders roten Ohren.

Diese Selbstzweifel, Peinlichkeiten sind förmlich spürbar.

Ferner: sechzig Meter mit einer verspannten oder angespannten Nacken-, Rücken- und Hintern-Muskulatur, und dagegen: sechzig Meter lang der zwecklose Versuch zu schlendern – cool zu gehen!

Alles in Allem: sechzig Meter heiße Hölle. In ihrem Zentrum: Anja!

Für mich ist das auch eine sexuelle Andeutung: "Heiß", "Zentrum" und dann Anja...
und dann Ziel erreicht.


Spätsommer´86: du und Anja auf der Bank unterm Piss-Baum. Händchenhaltend.


Das Ende ist eine Abkürzung. Den Rest denke ich mir dazu.
Ich habe diese Anja nicht gesehen. Es ist okay, da Du es hauptsächlich als inneren Monolog gestaltet hast.
Doch bleibt sie irgendwie ein Fantasiekonstrukt, eine flüchtige Sommerliebe, ein Tagtraum.

Mir hat die Geschichte gut gefallen. Eine Chimäre von Lyrik und Erzählung.

Herzlichen Gruß,

DrJones
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Re: [Liebe]Sommer´86

Beitragvon Amilyn » 20.09.2015, 21:09

Hallo Heribert,

es ist zwar schon eine Weile her, dass Du Deine Geschichte reingestellt hast, ich möchte aber trotzdem gerne einen Kommentar abgeben (meinen ersten, ich hoffe, ich stelle mich halbwegs vernünftig an :wink: ).

Zunächst einmal gefällt mir die Du-Perspektive, die Du gewählt hast, wirklich sehr gut. Man muss sich natürlich reinfinden, weil es keine übliche Perspektive ist, aber es funktioniert in Deinem Text sehr schnell.

Heribertpolta hat geschrieben:Du im Frühsommer´86: Billy Idol, Pickel, Zauberwürfel. Du bist verknallt, ja, verschossen. Nein, verliebt! In Anja, Anja Hauke, braunes Haar, Pferdeschwanz, braune Augen, Stubsnase.


Du beginnst schon ziemlich rasant, was ich gut finde. Man ist sofort drin, und durch die Du-Perspektive wird es gleich persönlich, das gefällt mir ebenfalls.

Heribertpolta hat geschrieben:Da ist sie, auf dem Schulhof, unter ihren Freundinnen!


Unter ihren Freundinnen – hört sich doch ein bisschen so an, als würde sie tatsächlich UNTER den Freundinnen liegen :wink: Der Begriff „Sie sind unter uns“ o. ä. ist zwar geläufig, hier würde ich „zwischen ihren Freundinnen“ oder „inmitten ihrer Freundinnen“ sprachlich etwas geschickter finden.


Heribertpolta hat geschrieben:Anja dreht sich um zu mir


Anja dreht sich um zu dir

Heribertpolta hat geschrieben:Ein Kumpane: „Sie hat hergesehen!“


Ich weiß nicht, mir gefällt hier einfach das Wort "Kumpane" nicht. Ich würde eher "Kumpel" oder einfach "Freund" nehmen.

Heribertpolta hat geschrieben: „Mist, Anja!“, und seufzt.


Hier fehlt im Satzverlauf ein erstes "du", daher würde ich vorschlagen:
"Mist, Anja!", seufzt du oder , und du seufzt. (zweiteres würde vielleicht besser zum Schreibstil passen).

Heribertpolta hat geschrieben:Du wachst auf. Ein Uhr; Anja im Kopf, Anja im Arm.
Wachst auf. Zwei Uhr; Anja hängt halb aus dem Bett; du wurschtelst sie wieder zusammen, umschlingst sie mit den Beinen, umarmst sie…


Der Absatz gefällt mir besonders gut - er schläft schlecht, holt Bettdecken-Anja wieder zurück ins Bett - einfach schön.

Heribertpolta hat geschrieben:Warum du? Heute? Ich?


Wenn er denkt, soll er dann als "du" oder als "ich" denken?

Heribertpolta hat geschrieben:Frühsommer´86; Softeis, Flummi, Depeche Mode


Du hast Talk Talk kursiv gesetzt, da würde ich es mit Depeche Mode auch machen.

Heribertpolta hat geschrieben:Ferner: sechzig Meter mit einer verspannten oder angespannten Nacken-, Rücken- und Hintern-Muskulatur, und dagegen: sechzig Meter lang der zwecklose Versuch zu schlendern – cool zu gehen!


Klasse :D Hab gestern erst ein paar furchtbar coole Jungs in der Stadt gesehen und muss sofort wieder an die denken :lol:

Fazit: Wie gesagt, mir gefällt die Du-Perspektive wirklich sehr. Eines meiner Lieblingsbücher ist ebenfalls in Du-Perspektive geschrieben, und wenn man sich dran gewöhnt hat, ist es wirklich gut zu lesen, und man ist viel persönlicher in die Geschichte involviert (auch, wenn der Hauptcharakter ein Mann/Junge ist und man selbst eine Frau).
Dein Schreibstil, also die eher abgehackten Sätze, gefällt mir ebenfalls, ich weiß aber nicht, ob ich es einen ganzen Roman lang würde lesen wollen. Als Prolog z. B. fände ich es gut, wenn es dann bei der weiteren Geschichte flüssiger geschrieben wäre.
Es macht mich schon neugierig, wie Du die Geschichte weiterführst, sowohl von der Geschichte selbst als auch von dem weiteren Schreibstil.

Also... mir gefällt's :D

Liebe Grüße,
Katrin
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