[Spannung/Roman]Sommeralbtraum 12 B von X

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[Spannung/Roman]Sommeralbtraum 12 B von X

Beitragvon Samis » 23.10.2015, 12:39

Die ersten Minuten überspielte die Anspannung meine Müdigkeit. Abgesehen von den Geräuschen unserer Schwimmbewegungen war es vollkommen still und mich erschreckte jedes Glucksen, jedes Plätschern und jede noch so kleine Welle, die mir auf der ruhigen Wasseroberfläche ins Gesicht schwappte. Gerade diese unwirkliche Stille, die wir mit unserem verräterischen Geplansche anfüllten, jagte mir unsägliche Angst ein. Ich vermochte nicht mehr als einen halben Meter weit zu sehen und auch Natalie und Liam, die in unmittelbarer Nähe zu mir schwammen, konnte ich nur erahnen, nicht wirklich erkennen. Jede einzelne Sekunde rechnete ich mit einen Angriff, befürchtete ich, dass etwas nach meinen Beinen schnappen und mich in die Tiefe ziehen würde. Aber es geschah nichts. Schweigend schwammen wir Minute um Minute weiter in der schwarzen See und mit zunehmender Zeit wurden mir Arme und Beine schwer. Die Anstrengung des Tages holte mich immer rascher ein und bald bedurfte es meiner gesamten Willenskraft, meine unendlich müden Gliedmaßen weiterzubewegen.
Nach etwa zwanzig Minuten erkundigte sich Liam nach unserem Befinden und sowohl Natalie als auch ich versicherten ihm, dass alles in Ordnung sei. Dabei schmerzten meine Arme und Beine so sehr, dass jeder weitere Zug reine Qual war. Obendrein war mir schmerzlich bewusst, dass wir inzwischen nur mehr halb so schnell vorankamen, wie zu Beginn. Ich verkniff mir die Frage, wie weit es noch sei und versuchte mich stattdessen, ausschließlich auf die jeweils nächste Schwimmbewegung zu konzentrieren.
Der messerscharfen Klippen wegen, schwammen wir dreißig bis vierzig Meter vom Ufer entfernt, was ein zwischenzeitliches Ausruhen unmöglich machte. Irgendwann manifestierte sich wie von selbst die Frage in meinem Kopf, wie sich Ertrinken wohl anfühlen mag. Detailliert stellte ich mir den Vorgang bildlich vor und wunderte mich, wie wenig mich der Gadanke daran beunruhigte.
Ich war erschöpft. Vollkommen erschöpft. Mein gesamter Körper schmerzte. Schmerzte so sehr, dass der Gedanke, jetzt ertrinken zu müssen, mit jeder weiteren Minute mehr an Schrecken verlor. Ich war so unendlich müde. So müde, dass Stillhalten und langsam Untersinken zunehmend an Reiz gewann. Und dann war es so weit. Ich gönnte Armen und Beinen die wohl verdiente Ruhe, schloß die Augen und ließ es geschehen.
Aber ich versank nicht. Liam hatte längst bemerkt, wie es um mich stand und war augenblicklich zur Stelle.
»Dreh dich auf den Rücken, Beth«, sagte er leise aber bestimmt und ich folgte seiner Aufforderung ohne Widerrede.
»Natalie, wie geht es dir?«, wollte er wissen und Natalie antwortete mit fester Stimme: »Mach dir um mich keine Sorgen.«
Dann ging es weiter. Mit Liams Hilfe glitt ich durch die stille See und lauschte dem nun wieder rascher an meinen Ohren vorüberziehenden Wasser. Ich fixierte einen einzelnen Stern, den ich hoch oben zwischen den dunklen Wolken ausgemacht hatte und in meinem Kopf kreiste ein einzelner Gedanke. Wie bei einer kaputten Schallplatte wiederholt er sich immer und immer wieder. Das werde ich dir nie vergessen, Liam. Dafür stehe ich auf ewig in deiner Schuld.

Zuerst streifte etwas mein Bein. Ich war mir jedoch nicht sicher, denn mein Kopf war nun vollkommen leer, irgendwie wie betäubt. Vielleicht hatte ich es mir ja nur eingebildet.
Dann bemerke ich den Geruch und war mit einmal hellwach. Natalie stieß einen schrillen Schrei aus und im nächsten Augenblick trieb mit Gewissheit etwas unmittelbar zu meiner Linken vorüber. Ich löste mich von Liam und die Anspannung hatte mich wieder.
»Seht zu den Sterne hoch«, sagte Liam, »und schwimmt ruhig weiter. Jetzt ist es nicht mehr weit«, versuchte er betont ruhig hinzuzufügen, aber seine zitternde Stimme verriet ihn. Liam hatte Angst. Genau wie wir hatte er furchtbare Angst und stand kurz davor, die Nerven zu verlieren. Er schwamm zunehmend schneller und ich hatte große Mühe, ihm zu folgen. Aber die Angst, die Panik, die nur mehr einen Herzschlag entfernt lauerte, trieb mich an. Bei bestem Willen konnte ich mir später nicht erklären, woher ich die Kraft nahm. Aber mit weit ausholenden Armbewegungen und kräftigen Beinschlägen trieb ich meinen Körper voran. Dabei streckte ich den Hals, reckte ich den Kopf so weit irgend möglich aus dem Wasser. Stur starrte ich zum wolkenverhangenen Himmel hinauf, nirgends zeigt sich ein Stern.
Plötzlich prallte etwas gegen meine Brust, verfing sich für Sekunden in meinen Armen und glitt dann an meinem Körper entlang nach hinten. Ich schloß die Augen und musste würgen. Mir wurde übel. Nein, mir war schon geraume Zeit übel aber nun drohte es übermächtig zu werden. Ich würgte immer heftiger und mit einmal schnürte es mir die Kehle zu. Ich bekam keine Luft mehr. Ich konnte nicht atmen und in meinem Kopf begann es erneut zu Pfeifen. Wieder stieß etwas gegen meinen Körper und dann noch etwas und noch etwas. Meine Lungen begannen zu brennen und das Pfeifen verdichtete sich zu einem dumpfen Dröhnen. Trotz meiner zugekniffenen Augen verfinsterte sich die Schwärze um mich rasant und mir wurde klar, dass ich jetzt sterben würde. Dann lief ich auf etwas auf, das knapp unter der Wasseroberfläche trieb. Nein, nicht auf etwas, auf einen Leichnam. Ein unnatürlich weicher, fast vollständiger Körper schob sich unabwendbar unter mich und plötzlich schrie ich aus Leibeskräften. Unkontrolliert schlug ich mit Armen und Beinen und schrie und schrie. Ich schrie selbst dann noch, als der Leichnam längst unter mir hindurchgezogen war. Ich schrie aus reiner Angst. Aber nicht etwa aus Angst, dass ein weiterer Toter meinen Weg kreuzen könnte, ich schrie aus purem Überlebenswillen. Aus Furcht, würde ich damit aufhören, könnte ich erneut nicht atmen. Dabei schrie ich gar nicht mehr. Hatte es vielleicht nie. Mit zum Schreien verzerrtem Gesicht und fest verschlossenen Augen schwamm ich weiter. Atmete ich weiter, bis das Wasser spürbar kühler wurde und ein rasch anschwellendes Rauschen die nahe Flussmündung ankündigte.
Später erinnerte ich mich weder an die letzten Meter im Meer, noch wie wir daraus ans Ufer gestiegen waren. Einzig die ersten, herrlich süßen, unendlich guttuenden Schlucke Flusswasser werde ich mein Leben lang nicht vergessen.
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Samis
 
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