[Spannung/Roman]Sommeralptraum 10 von X

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[Spannung/Roman]Sommeralptraum 10 von X

Beitragvon Samis » 17.10.2015, 23:05

Sonntag, 30. July, kurz vor Sonnenaufgang

»Wer ist das Weibsstück? Du sagtest, ihr kommt zu dritt!«
»Das geht dich nichts an! Du bist der Bootsmann, also kümmere dich ums Boot!«
Das nun auch noch eine Frau mitfahren sollte, gefiel Jonas nicht. Zum einen waren drei Passagiere abgemacht, zum anderen brachten Weiber fast immer Ärger mit sich. Erst recht eine wie die. Die beiden anderen waren bereits an Bord gegangen. Kylan, ein Fischer aus der Gegend und ein großer, finster dreinblickender Schwarzer, dessen Visage Jonas ebenso wenig gefiel. Nur was sollte er machen? Die Zeiten waren schlecht und der rothaarige Engländer, der ihn angeheuert hatte, zahlte gut. Zahlte sehr gut und das im Voraus. Und wer zahlt, hat bekanntlich das Sagen. Erst recht wenn die Zeiten schlecht sind.
Im Augenblick half der Engländer der Frau an Bord. Jonas kannte das Miststück, zumindest hatte er von ihr gehört. Die brauchte ganz sicher keine Hilfe beim Einsteigen. Wenn stimmte, was man sich von ihr erzählte, brauchte sie bei überhaupt nichts Hilfe. Wenn du es mit der zu tun bekommst, hilf dir Gott!, hatte man Jonas gewarnt. Für gewöhnlich gab Jonas wenig auf das Geschwätz der Leute. Als jedoch zum wiederholten Male von ihr die Rede war, hatte er auf Nummer sicher gehen wollen. Woran er sie erkennen könne, hatte er gefragt. Sie sieht aus, wie ein unschuldiges Kind und ist wahrscheinlich nicht viel älter, hatte man ihm geantwortet. Aber lass dich dadurch nicht täuschen! Sie mag das bezaubernd süße Lächeln eines unschuldigen Mädchens haben, aber ihrer Seele wohnt der Teufel inne! Sei unbesorgt, auch wenn du ihr nie zuvor begegnet bist, wirst du sie sofort erkennen. Sie lächelt dich an und dir wird heiß und kalt zugleich. Du wirst sie begehren und dich zugleich vor ihr fürchten. Halte dich von dem Weib fern oder du bist verloren! Butterfly wird sie genannt. Vergiss nicht, wir haben dich gewarnt!
Als Jonas sich weit übers Heck seines Bootes lehnte, damit er die Leine lösen konnte, stieg ihm ein Duft in die Nase, der ihn herumschnellen ließ. Unmittelbar hinter ihm stand das Weibsstück und Jonas vergas für Sekunden das Atmen. Im kommenden Jahr würde er 76 Jahre alt werden, lange schon hatte er sich nach keinem Rock mehr umgedreht. Und dennoch – nie zuvor hatte er sich so zu einem Frauenzimmer hingezogen gefühlt, nie zuvor sich derart beherrschen müssen, sie nicht augenblicklich zu berühren.
»Hör gut zu, Väterchen. Das hier geht dich nichts an! Wenn du weißt, was gut für dich ist, kümmerst du dich um deine eigenen Angelegenheiten.« Einen Moment lang fixierte sie Jonas mit ihren kindlich dreinblickenden, kastanienbraunen Kulleraugen, dann wandte sie sich wortlos um und ließ ihn stehen. Im ersten Licht des heraufziehenden Morgens konnte Jonas ihre nackten Arme und Schultern sehen. Sie waren über und über mit bunten Tätowierungen bedeckt. Unzählige Schmetterling in allen Farben und Größen zierten ihre Haut. Und obgleich es zu dieser Jahrszeit selbst nachts selten unter 25 Grad abkühlte, fröstelte Jonas mit einmal.
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Re: [Spannung/Roman]Sommeralptraum 10 von X

Beitragvon Fina_P » 28.10.2015, 21:58

Hallo Samis,

ich meinte im Hinterkopf gehabt zu haben, dass unter diesem Werk eigentlich bereits ein von einem anderen Forumsmitglied verfasster Kommentar war. Anscheinend aber nicht mehr und ich möchte mich an einem Aufschreiben meiner subjektiven Eindrücke beim Lesen deines Textes versuchen.


Sonntag, 30. July, kurz vor Sonnenaufgang

Ich habe nicht alle deiner Textausschnitte gelesen, meine aber, dass viele mit einer Zeitangabe anfangen. Zieht sich das durch den gesamten Text und sind die jeweiligen Abschnitte zwischen den Zeitangaben immer so kurz? Falls ja, ist es eigentlich unerlässlich, dass man weiß, welcher Tag ist? (Ich persönlich überlese solche Angaben meistens, aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Zu viele Angaben in kurzer Zeit finde ich anstrengend beim Lesen. Etwas anderes ist es, wenn es um Zeitunterschiede mehrerer Jahre geht.)


»Wer ist das Weibsstück? Du sagtest, ihr kommt zu dritt!«

Ein starker, emotional geladener Einstieg. Oha, dachte ich, da sagt aber jemand seine Meinung. Nur konnte sich dieser Eindruck im weiteren Verlauf nicht halten, als ich an folgender Stelle ankam:

Die Zeiten waren schlecht und der rothaarige Engländer, der ihn angeheuert hatte, zahlte gut. Zahlte sehr gut und das im Voraus. Und wer zahlt, hat bekanntlich das Sagen. Erst recht wenn die Zeiten schlecht sind.

Jonas weiß von Anfang an, dass er gut bezahlt wird und dass die Zeiten schlecht sind. Kann er es sich da leisten, verbal so ausfällig zu werden? Ich an seiner Stelle würde die potentielle Freundin meines spendablen Geldgebers nicht mit "Weibsstück" bezeichnen, sondern das eher still denken und laut nur sagen: "Ich dachte, ihr kommt zu dritt."

Edit: Eine Alternative wäre, dass Jonas tatsächlich das ausspricht, was er denkt. Dass er jemand ist, der sich nicht den Mund verbieten lässt. Dann würde ich ihn aber auch ein bisschen mehr Konfrontation ausbaden lassen, im Sinne von:
"Wer ist das Weibsstück? Du sagtest, ihr kommt zu dritt!"
"Hast du was gesagt, alter Mann?"
"Ich sagte, wer ist das Weibsstück? Ich mag keine Frauen an Bord und erst recht keine wie die!"
Der Engländer sah ihn aus schmalen Augen an und ballte ein Faust. "Das geht dich nichts an. Du willst außer deiner Bezahlung wohl auch deine Gesundheit riskieren?"



Wenn stimmte, was man sich von ihr erzählte, brauchte sie bei überhaupt nichts Hilfe. Wenn du es mit der zu tun bekommst, hilf dir Gott!, hatte man Jonas gewarnt. Für gewöhnlich gab Jonas wenig auf das Geschwätz der Leute. Als jedoch zum wiederholten Male von ihr die Rede war, hatte er auf Nummer sicher gehen wollen. Woran er sie erkennen könne, hatte er gefragt. Sie sieht aus, wie ein unschuldiges Kind und ist wahrscheinlich nicht viel älter, hatte man ihm geantwortet. Aber lass dich dadurch nicht täuschen! Sie mag das bezaubernd süße Lächeln eines unschuldigen Mädchens haben, aber ihrer Seele wohnt der Teufel inne! Sei unbesorgt, auch wenn du ihr nie zuvor begegnet bist, wirst du sie sofort erkennen. Sie lächelt dich an und dir wird heiß und kalt zugleich. Du wirst sie begehren und dich zugleich vor ihr fürchten. Halte dich von dem Weib fern oder du bist verloren! Butterfly wird sie genannt. Vergiss nicht, wir haben dich gewarnt!

Dies ist eine eher längere Passage, die nicht aktiv die Handlung vorantreibt, sondern rückblickend beschreibt. Das tut zur Entschleunigung manchmal ganz gut, an dieser Stelle jedoch wirft es mich eher aus der Handlung raus. Ist es notwenig den ganzen Prozess zu rekapitulieren, wie er von ihr gehört hat? Ist es relevant, dass er auf Nummer sicher geht und nach ihrem Aussehen fragt? (Wenn er sonst nichts auf das Geschwätz gibt, ergibt sich dieser Schluss doch eigentlich von selbst?) Wenn sie wie ein Kind aussieht und tatsächlich nicht viel älter als ein Kind ist, muss dieser Mini-Unterschied erläutert werden?

Kürzer und würziger fände ich es in etwa so:

Wenn stimmte, was man sich von ihr erzählte, brauchte sie bei überhaupt nichts Hilfe. Wenn du es mit der zu tun bekommst, hilf dir Gott!, hatte man Jonas gewarnt. Ein Mädchen mit dem Lächeln eines unschuldigen Mädchens und der Seele eines Teufels! Sie lächelt dich an und dir wird heiß und kalt zugleich. Jonas hatte es abtun wollen, er gab wenig auf das Geschwätz der Leute, aber mit jedem Mal warnte man ihn eindringlicher. Du wirst sie begehren, hatte man ihm gesagt, und dich zugleich vor ihr fürchten. Butterfly wird sie genannt. Halte dich von dem Weib fern oder du bist verloren!


Im kommenden Jahr würde er 76 Jahre alt werden, lange schon hatte er sich nach keinem Rock mehr umgedreht. Und dennoch – nie zuvor hatte er sich so zu einem Frauenzimmer hingezogen gefühlt, nie zuvor sich derart beherrschen müssen, sie nicht augenblicklich zu berühren.

Diese Stelle spricht mich am meisten an. Ich kann nicht genau sagen wieso, aber vielleicht liegt es am Alter. Zuerst hatte ich von Jonas den Eindruck eines sich beschwerenden Bootsmannes, der ein Problem mit Geld und Frauen hat. An dieser Stelle nun ändert sich das, ich habe einen älteren Mann mit zerknittertem Gesicht vor Augen, der nicht viel arbeiten kann und auf seine Arbeitgeber angewiesen ist (-> Mitleid?). Und während ich mich noch in den Mann einfühle, steigt ein Gefühl von Gefahr auf, was wiederum Spannung erzeugt.



Im ersten Licht des heraufziehenden Morgens konnte Jonas ihre nackten Arme und Schultern sehen. Sie waren über und über mit bunten Tätowierungen bedeckt. Unzählige Schmetterling in allen Farben und Größen zierten ihre Haut. Und obgleich es zu dieser Jahrszeit selbst nachts selten unter 25 Grad abkühlte, fröstelte Jonas mit einmal.

Von den im Text erwähnten Personen sind mir Jonas und dieses Mädchen am liebsten. Jonas wirkt trotz seiner Zwielichtes Tätigkeiten sympathisch, weil er nicht anders kann den anderen unterlegen ist.
Das Mädchen hingegen wirkt geheimnisvoll, ich frage mich, weshalb sie die ganzen Schmetterlinge trägt, ein eigentlich doch so nettes Motiv. Sie wirkt gefährlich und unberechenbar und ist deshalb für mich interessant. Wie geht es mit ihr weiter?, frage ich mich beim Lesen. Was trägt sie für ein Geheimnis in sich, das sie zu dem gemacht hat, der sie nun ist?


Insgesamt ließ sich der Text im Großen und Ganzen schnell und flüssig lesen, das Interesse an der Handlung und den handelnden Personen bleibt weiter bestehen.

Das war's von mir, vielleicht ist ja was dabei, ansonsten nicht weiter zu Herzen nehmen, der eine liest und denkt so, der andere so.
Viele Grüße,
Fina
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Re: [Spannung/Roman]Sommeralptraum 10 von X

Beitragvon Samis » 29.10.2015, 10:36

Hallo Fina,

schön, noch einmal von dir zu lesen!

Deine Anmerkungen gefallen mir erneut sehr gut! Auch deine alternativen Textbeispiele treffen meinen Geschmack. Kann mir gut vorstellen, manches davon zu verwenden – falls du erlaubst?

Die Zeitangaben finden sich vor jedem neuen Kapitel. Im Grunde kann man sie überlesen. Da die Geschichte an manchen Stellen jedoch nicht linear erzählt wird, können sie der Orientierung dienen.

Ich plote kaum. Jonas und Butterfly sind mir einfach so zugeflogen. Ich mag sie auch, besonders Jonas. Beide sind Nebenfiguren und hätten mehr Raum verdient.
Trotz der Ich-Perspektive empfinde ich auch Beth nicht als klassische Protagonistin. Eine Idee war, niemanden explizit in den Vordergrund zu stellen. Rückblickend vielleicht die größte Schwäche des Romans, da die Story dem nicht gerecht wird.
Leser, die den Roman im Ganzen gelesen haben, halten ihn zumeist für gelungen. Unterhaltsam, gut lesbar. In Begeisterungsstürme brach jedoch niemand aus. Damit bin ich nicht unzufrieden. Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.
Nun drängt es mich zu neuen Ufern. Werde Sommeralbtraum sprachlich noch etwas abrunden und dann vorerst ruhen lassen. Neue Ideen wollen in Worte gefasst werden. Wer weiß, vielleicht gelingt es mir diesmal sogar, die Schreibwut im Zaum zu halten, die Geschichte vorweg zu strukturieren.

Herzlichen Dank, für deine besonders hilfreichen Anmerkungen und die Zeit, die du dafür aufgewendet hast!

Beste Grüße,
Samis
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Re: [Spannung/Roman]Sommeralptraum 10 von X

Beitragvon Fina_P » 30.10.2015, 16:11

Hey Samis!

Samis hat geschrieben:Deine Anmerkungen gefallen mir erneut sehr gut! Auch deine alternativen Textbeispiele treffen meinen Geschmack. Kann mir gut vorstellen, manches davon zu verwenden – falls du erlaubst?

Klar, schließlich ist die Antwort für deinen Text geschrieben!


Samis hat geschrieben: Die Zeitangaben finden sich vor jedem neuen Kapitel. Im Grunde kann man sie überlesen. Da die Geschichte an manchen Stellen jedoch nicht linear erzählt wird, können sie der Orientierung dienen.

Ach so, dann kann das sehr gut helfen, auch, falls man mal zurückblättert und eine kurze Übersicht haben will.


Samis hat geschrieben: Nun drängt es mich zu neuen Ufern. Werde Sommeralbtraum sprachlich noch etwas abrunden und dann vorerst ruhen lassen. Neue Ideen wollen in Worte gefasst werden. Wer weiß, vielleicht gelingt es mir diesmal sogar, die Schreibwut im Zaum zu halten, die Geschichte vorweg zu strukturieren.

In diesem Fall wünsche ich gutes Gelingen, Motivation für's Handwerk und viel Freude beim Schreiben!

:plotfeder:

Viele Grüße,
Fina
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