[Spannung/Roman]Sommeralptraum 11 von X

Krimi, Thriller, Horror, Geistergeschichten, Abenteuer und alles andere, was die Nackenhaare zu Berge stehen lässt.

[Spannung/Roman]Sommeralptraum 11 von X

Beitragvon Samis » 18.10.2015, 12:50

Dienstag, 01. August, später Nachmittag

Bis Liam zu uns zurückkehrte vergingen Stunden. Natalie und ich hatten in der Zwieschenzeit selbst versucht, den winzigen Strand landeinwärts zu verlassen, was sich jedoch rasch als unmöglich erwiesen hatte. Zum Einen waren die Felsen derart scharfkantig, dass man nur äußerst langsam und vorsichtig vorankam, wollte man sich keine schmerzhaften Schnittverletzungen zuziehen und zum Andern steilten die Gesteinsformationen nach allen Seiten rasch auf, sodass sie selbst erfahrene Kletterer samt zwingend erforderlicher Ausrüstung sicher vor große Probleme gestellt hätten.
Als Liam in den Wellen vor uns auftauchte und schließlich aus dem Wasser stieg, liefen weder Natalie noch ich ihm freudestrahlend entgegen. Natürlich freute ich mich, ihn wieder zu sehen, zudem hatte ich tausend Fragen an ihn. Nur hätte ich nie gedacht, wie rasch man mangels Nahrung und vor allem Flüssigkeit, ausgesetzt einer unerbittlich von wolkenlosem Himmel brennenden Sonne, aller Kraft beraubt wird. Erst vor Minuten hatten sich am westlichsten Rand unseres winzigen Strandes erste kleinere Schattenflecken vor den höheren Felsen gebildet, unter welche wir uns Schutz suchend zurückgezogen hatten.
Aber auch Liam kam nicht sofort zu uns geeilt, nachdem der den Strand erreicht hatte. Bestimmt hatte er uns vor den Felsen liegend entdeckt, blieb uns jedoch fern, hielt sich weiter in der Nähe des Wassers auf. Nach einigen Minuten nahm ich alle verbliebene Kraft zusammen, erhob mich und ging zu ihm. Als ich ihn erreichte, wandte er den Kopf ab.
»Liam, was ist mit dir?«
Er schwieg, sah mich noch immer nicht an.
»Liam«, begann ich noch einmal und berührte ihn vorsichtig an der Schulter.
»Ich habe einen Weg gefunden«, meinte er tonlos und sah weiter aufs Meer hinaus.
»Aber das ist doch gut, oder?«
Endlich drehte er sich zu mir um und schluchzte: »Beth, sie sind alle tot!« Sein Gesicht war kreidebleich und seine Augen schwammen in Tränen. »Ich habe sie gesehen, Beth. Ihre zerschlagenen Körper. Keine halbe Stunde von hier. Das, was von ihnen übrig ist, treibt im Wasser oder liegt verkeilt zwischen den Klippen.«
Halb über ihn gebeugt verharrte ich wie versteinert und konnte kein einziges Wort sagen. Vom Nacken her begann es in meinem Hinterkopf zu kribbeln und in meinen Ohren wurde ein Pfeifen lauter und lauter. Die Ränder meines Sichtfeldes verdunkelten sich dramatisch, als ich plötzlich Natalie wahrnahm, die, keine Ahnung, wie lange schon, neben mir stand.
»Was ist los?«, fragte sie beunruhigt und ich musste mich übergeben.

Wenig später erzählte uns Liam, was er gesehen hatte. Zunächst war er ein großes Stück weit hinausgeschwommen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Doch egal, wie weit er auch rausschwamm, zu beiden Seiten zeigte sich nichts als abweisende Klippen. Als er bereits zum Strand hatte zurückzukehren wollen, war ihm plötzlich eine Veränderung im Wasser aufgefallen. Eine kühle, erfrischende Strömung. Da das Meerwasser selbst weit vom Ufer entfern noch unerwartet warm war, hatte er die kühle Strömung zunächst für aufsteigendes Tiefenwasser gehalten. Dann hatte er jedoch bemerkte, dass sie unbestreitbar Süßwasser enthielt.
Eine geschlagene Stunde war er der Strömung Richtung Westen gefolgt, bis er hinter einer S-förmigen Landzunge den ins Meer mündenden Fluss entdeckt hatte. Von da an hatte er noch einmal eine knappe Stunde gegen die immer stärker werdende Strömung anschwimmen müssen, bis er die Mündung endlich erreicht hatte. Am Ufer hatte er ein kleines, flaches Gesteinsplateau vorgefunden und obgleich auch das zu beiden Seiten von hohen Klippen flankiert war, hielt er den Fluss für eine gute, wenn nicht gar die einzige Möglichkeit, das Inselinnere zu erreichen.
Nach kurzer Pause, in welcher er ausgiebig vom Flusswasser getrunken hatte, hatte er sich sogleich an den Rückweg gemacht. Mit der Hoffnung, auf direktem Weg schneller voranzukommen, hatte er beschlossen, in Küstennähe zurückzuschwimmen.
Nichts ahnend war er losgeschwommen, als plötzlich erste Kleidungsstücke und anderer im Wasser umhertreibender Unrat seinen Weg gekreuzt hatten. Die Gegenstände waren rasch mehr geworden und plötzlich trieb ihm ein Shirt entgegen, das er gut kannte. Ein knallrotes Cugar-Collegeshirt, wie er selbst eines besaß. Er hatte danach gegriffen, hatte nach dem Namensschild sehen wollen. Er hatte es zu sich gezogen und zu spät bemerkt, dass das Shirt nicht ohne Inhalt war. Der zertrümmerte Torso eines Jungen steckte darin. Keine Arme, kein Kopf, kein Unterleib. Schreiend hatte er das Shirt von sich gestoßen und war wie von Sinnen weitergeschwommen. Schneller, immer schneller war er geschwommen, um nur schnellstmöglich von dem grausamen Fundstück fortzukommen. Und plötzlich hatte er sich inmitten unzähliger Leichenteile befunden. Von Panik ergriffen hatte er wild umsichgeschlagen, hatte in alle Richtungen zugleich schwimmen wollen, beinahe wäre er ertrunken. Aber dann hatte es in seinem Kopf klick gemacht. Plötzlich war er nicht mehr vor Ort gewesen. Natürlich schwamm er noch immer inmitten der Trümmer und Toten, aber er verweilte nicht länger in seinem Körper. Er schwebte einige Meter darüber und sah sich beim Schwimmen zu. Sah das dunkel gefärbte Wasser, sah die vertrauten Kleidungsstücke und die geschundenen Leiber. Bedächtig und zielstrebig sah er sich durch all das schwimmen. Sah sich so lange beim Schwimmen zu, bis er alles hinter sich gelassen hatte.

Am Ende seiner Schilderung sagte keiner von uns ein Wort. Mir kam das Ganze so unwirklich vor, dass ich es kaum glauben konnte. Alles klang so surreal, so grausam, dass mir lange Zeit kein vernünftiger Gedanke gelingen wollte. Erst nach Minuten wurde mir klar, was das für uns bedeutete.
»Was ist mit der anderen Richtung?«, hörte ich mich unverhofft ruhig fragen. Liam sah mich an und antwortete ebenso ruhig: »Da ist nichts. Nichts, was wir erreichen könnten.«
Dann schwiegen wir wieder. Schwiegen, bis auch Natali plötzlich zu verstehen schien. »Ihr meint doch nicht etwa, wir sollen zum Fluss schwimmen?«, fragte sie entsetzt. »Wir sollen im Ernst da durch schwimmen?«
Liam sah sie nur an, antwortete aber nicht.
»Das kann ich nicht!«, sagte Natali bestimmt, »Dann bleibe ich lieber hier!«
»Hier wirst du verdursten«, entgegnete Liam schlicht, »hier überstehen wir keinen weiteren Tag.«
»Dann schwimmen wir eben weit raus, so wie du es gemacht hast!«, schlug Natalie leicht hysterisch vor.
»Das könnt ihr nicht schaffen, das ist viel zu weit und das letzte Stück gegen die Strömung zu ansträngend. Ich glaube ja nicht einmal, dass ich es noch einmal schaffen könnte.«
»Ja aber dann –«, Natalie wollte erneut etwas einwenden, aber ich schnitt ihr das Wort ab: »Wir schwimmen heute Nacht. Natalie, Liam hat recht, das können wir nicht schaffen. Sie uns doch an! Wir können kaum gehen. Das wird auch so schwer genug werden, aber eine andere Möglichkeit sehe ich nicht. Lasst uns zurück in den Schatten gehen, wir sollten uns ausruhen.«
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