[Tragik] Späte Erkenntnis

Tragödien, Tragisches

[Tragik] Späte Erkenntnis

Beitragvon Hurri » 22.07.2015, 17:56

Hi zusammen,

hier eine Kurzgeschichte, die ich mal im Rahmen eines Literaturwettbewerbes geschrieben habe.
Freu mich über Rückmeldungen jeder Art!



Manfred Peters saß auf seiner Terrasse und hörte den gurrenden Tauben auf dem Hausdach zu. Er wippte mit dem Fuß und ließ den Blick durch seinen Garten schweifen. Der Brunnen plätscherte friedlich vor sich hin, die Hecke war getrimmt und die dicke Nachbarskatze aalte sich auf den Stufen zum Gartenhaus in der Sonne.
Manfred Peters nickte. Es hatte alles seine Ordnung. Wie lange hatte er geschuftet, um nun endlich Tage wie diese in seinem wohlverdienten Ruhestand genießen zu dürfen. Das Haus war längst abbezahlt und die nächste Urlaubsreise – eine Kreuzfahrt im Mittelmeer – lag noch vor ihnen. Seine Tochter Susann stand auf eigenen Beinen und hatte einen Job in einer renommierten Anwaltskanzlei.
Maria trat durch die Terrassentür und brachte ihm eine Tasse seines geliebten Earl Grey-Tees. Sie wusste genau, wie er ihn am liebsten trank: ohne Zucker, mit einem kleinen Schluck frischer Milch. Sie wohnten erst seit wenigen Monaten zusammen. Drei Jahre, nachdem seine Frau gestorben war, hatte er Maria darum gebeten, bei ihm einzuziehen. Er war froh, Gesellschaft zu haben, wieder gemeinsam reisen zu können und genoss jede Tasse Tee, die sie ihm zubereitete.
Er nahm einen großen Schluck und lehnte sich in seinen Gartenstuhl zurück. Die Sonne wärmte sein Gesicht und ein schwacher Wind ließ die Blätter der Hecke rauschen. Beinahe war er eingeschlafen, als er Schritte neben dem Haus hörte. Er öffnete die Augen und sah, wie die Katze ebenfalls blinzelte, nur um sich daraufhin wieder zusammenzurollen und weiterzuschlafen.
Doch was dann geschah, änderte Manfred Peters‘ Leben für immer. Es war schon hunderte Male passiert, ihm aber nie bewusst geworden. Doch heute löste es etwas in ihm aus. Vielleicht lag es an Maria.
Sein schön gepflegter Garten, sein Haus, seine Reisen – all das war völlig wertlos. Er besaß alles, was er sich immer gewünscht hatte und doch fehlte ihm das Wichtigste. Etwas, dass er vielleicht nie mehr bekommen würde, weil er es vor Jahren verloren hatte.
Seine Tochter Susann trat auf die Terrasse. Sie ging zu Maria, begrüßte sie lächelnd und drückte sie fest an sich. Maria strich ihr über die Wange und bot ihr eine Tasse Tee an, die sie dankend annahm. Dann wandte sich Susann zu Manfred Peters und reichte ihm die Hand.
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Re: Späte Erkenntnis

Beitragvon Frydrun » 27.07.2015, 23:59

Hallo liebe Hurri!

Dies ist mein erster Kommentar, also verzeih bitte, wenn es noch nicht ganz perfekt ist ... :-)
Aber ich schreib dir einfach mal einige Gedanken zu dem Text:


Insgesamt hat mir deine Geschichte sehr gut gefallen und ich hoffe, dass ich richtig damit liege, dass die späte Erkenntnis
Spoiler: Anzeigen
das fehlende Familienleben ist. Wie es scheint, hat Susann zu ihrem Vater eine nicht sehr enge Beziehung aufgebaut, wenn sie ihm nur die Hand reicht, während Maria geherzt wird. Das scheint ihm meiner Meinung nach zu fehlen, denn aller Reichtum und alles scheinbar Wertvolle, verliert an Wert, wenn die Familie nicht m herzlichen Sinne vorhanden ist.


Den Aufbau finde ich an sich auch gut: Zuerst das (klassisch zu Beginn :-)) Landschaftsbild, allgemeine Beobachtungen.
Dann etwas Detailliertes, einen persönlichen Charakterzug, einen Geschmack Manfred Peters'.
Dann wieder reine Beobachtung und zum Schluss dann der Wendepunkt.


Das Haus war längst abbezahlt und die nächste Urlaubsreise – eine Kreuzfahrt im Mittelmeer – lag noch vor ihnen.

Da weiß man, meiner Meinung nach, nicht, wer jetzt genau "ihnen" ist. Zuerst dachte ich, seine Tochter, weil sie gleich darauf erwähnt wird. Wäre ja auch nicht unüblich, so ein Vater-Tochter-Urlaub.

Dass Marias Person erst ein wenig später beschrieben ist, finde ich nicht so schlimm. Man weiß über sie aber eben auch nicht mehr, als dass sie bei Manfred eingezogen ist. Ist sie nun aber eine Freundin, eine Schwester, eine Schwägerin ... ? Wär auch noch interessant gewesen. :-) Aber im Gesamten nicht sehr tragisch.


Vielleicht lag es an Maria.

Über diesen Satz hab ich mir schon ein wenig den Kopf zerbrochen. Welchen Sinn er nun wirklich macht, meine ich. Mich, zum Beispiel, würde es jetzt nicht sehr stören, wenn er nich dastünde.
Wenn dieser Satz allerdings so etwas aussagen solte, wie, dass Maria nur indirekt zur Manfred-Susann-Familie gehörte, dafür sich aber anscheinend
Spoiler: Anzeigen
Susann mehr zu ihr hingezogen fühlt, als zum Vater,
so ist er schon wieder sinnvoll.
Tut mir leid, wenn ich jetzt richtig einen Blödsinn gefaselt habe nd du mit diesem Satz etwas ganz anderes aussagen wolltest. :-)


Aber, wie schon zuvor erwähnt: Im Gesamten ein sehr guter Text. Toll!

Ich hoffe, du konntest mir meinem Geschreibsel ein bisschen was anfangen ...

Gruß,
Frydrun
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Oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.

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Re: Späte Erkenntnis

Beitragvon Hurri » 31.07.2015, 11:34

Hi Frydun,

vielen Dank für deine Anmerkungen!


Da weiß man, meiner Meinung nach, nicht, wer jetzt genau "ihnen" ist. Zuerst dachte ich, seine Tochter, weil sie gleich darauf erwähnt wird. Wäre ja auch nicht unüblich, so ein Vater-Tochter-Urlaub.

Dass Marias Person erst ein wenig später beschrieben ist, finde ich nicht so schlimm. Man weiß über sie aber eben auch nicht mehr, als dass sie bei Manfred eingezogen ist. Ist sie nun aber eine Freundin, eine Schwester, eine Schwägerin ... ? Wär auch noch interessant gewesen. :-) Aber im Gesamten nicht sehr tragisch.


Da hast du recht, das werde ich anpassen.

Vielleicht lag es an Maria.

Mit deiner Vermutung zu dem Satz liegst du ganz richtig. Ich denke noch mal darüber nach, ob er wirklich notwendig ist. Er sollte auch als Hinweis darauf dienen, was danach kommt...
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Re: Späte Erkenntnis

Beitragvon Ankh » 31.07.2015, 12:22

Hallo Hurri!

mal mein Endruck zum Text:

Es ist eine sehr kurze Geschichte, also erwartete ich irgendwie einen knackigen Plot. Zuerst kommt ein Absatz, der die Idylle beschreibt. Dann kommt ein Absatz, der die Idylle vertieft und erklärt, dass Manfred diese Idylle nach seinen Wünschen aufgebaut hat. So weit, so gut.

Dann kommt ein Absatz, in dem seine neue Partnerin vorgestellt wird, mehr Idylle.

Dann Schritte in der Idylle, eine Störung? Nein, falscher Alarm, die Katze beruhigt sich wieder. Das ist der Punkt, wo ich als Leser etwas ungeduldig werde. Kommen wir bald zum Punkt? Zwei Drittel der Geschichte sind schon vorbei, jetzt muss aber ein Knaller kommen!

Nächster Absatz: Okay, ein Knaller wird angekündigt. Umschrieben. In Kontrast zu seiner Idylle gesetzt. Betrauert. Ds ist mir ehrlich gesagt zu viel Bohei, bevor ich überhaupt weiß, worum es genau geht.

Und dann wird uns eine relativ harmlose, alltägliche Szene präsentiert.


Ich verstehe, dass genau darin der Schmerz von Manfred liegt, in der Erkenntnis, dass diese Distanz zwischen ihm und seiner Tochter so alltäglich geworden ist. Aber in der Art, wie du auf diesen Moment zusteuerst, mit der Spannung, die du aufbaust, wirkt sein Problem am Ende fast lächerlich.

Auch seine Feststellung, dass er die Zuneigung seiner Tochter nie mehr bekommen würde: Warum? Immerhin besucht sie ihn. Sie reicht ihm die Hand. Vielleicht lächelt sie nicht, drückt ihn nicht, aber in der kurzen Beschriebung finde ich auch nichts, was darauf hindeutet, dass sie unversöhnlich verfeindet sind. Er könnte jetzt, hier, beim Tee einen ersten Schritt der Annährung machen, wenn er es denn wirklich will. Er hat die perfekte Gelegenheit, das zu ändern, was ihn belastet. Nichts im Text spricht dagegen.

Ein wenig seltsam ist auch, wie ihm die Erkenntnis kommt. Nichts ist anders als sonst, trotzdem wird es ihm genau heute bewusst. Warum? Warum schlägt es so ein, wenn er es bisher nicht einmal registriert hat? Offenbar hat er die Nähe zu seiner Tochter bisher nie schmerzlich vermisst. Nie darunter gelitten, auch nicht unterschwellig, er weiß sein Leben zu füllen mit Arbeit, Reisen, einer neuen Partnerin. Er ist stolz auf die Unabhängigkeit seiner Tochter, also nimmt er auch nicht an, dass ihr etwas fehlt. Und jetzt haut ihn die Erkenntnis aus den Socken? Um so ein Umdenken zu bewirken, eine plötzliche Unzufriedenheit mit der Situation, muss irgendein Auslöser vorliegen, und der fehlt mir, um mit der Geschichte etwas anfangen zu können.

Ich hoffe, du kannst nachvollziehen, was ich meine. Im Grunde ist das eine sehr schöne Geschichte, aber ich finde, man könnte sie noch besser darauf zuspitzen, worauf du eigentlich hinauswillst.


Übrigens, durch das Bergamotte-Öl in Earl Grey Tee flockt Milch darin aus. Ein Grund, warum es der einzige Tee ist, den ich ohne Milch trinke.

lg,

Ankh
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Re: Späte Erkenntnis

Beitragvon Hurri » 31.07.2015, 12:58

Hallo Ankh,

danke für dein Feedback.

Ein wenig seltsam ist auch, wie ihm die Erkenntnis kommt. Nichts ist anders als sonst, trotzdem wird es ihm genau heute bewusst. Warum?


Das weiß der Prota ja selbst nicht. Es gibt einfach manchmal solche Situationen. Zum Beispiel laufe ich 50 Mal die gleiche Straße entlang und beim 51. Mal entdecke ich plötzlich einen Laden, den ich nie zuvor registriert habe. So ähnlich geht es Manfred auch. Außerdem vermutet er ja, dass es irgendwie mit Maria zusammenhängt.

Auch seine Feststellung, dass er die Zuneigung seiner Tochter nie mehr bekommen würde: Warum? Immerhin besucht sie ihn. Sie reicht ihm die Hand. Vielleicht lächelt sie nicht, drückt ihn nicht, aber in der kurzen Beschriebung finde ich auch nichts, was darauf hindeutet, dass sie unversöhnlich verfeindet sind. Er könnte jetzt, hier, beim Tee einen ersten Schritt der Annährung machen, wenn er es denn wirklich will. Er hat die perfekte Gelegenheit, das zu ändern, was ihn belastet. Nichts im Text spricht dagegen.


Du hast recht - nichts im Text deutet darauf hin. Wir wissen aber auch nicht, wieso seine Tochter ihn besucht. Ich möchte an dieser Stelle eigentlich nicht zu viel vorgeben und es der eigenen Interpretation überlassen. Ob ich noch kleine Hinweise einstreue, muss ich mir noch überlegen.

Übrigens, durch das Bergamotte-Öl in Earl Grey Tee flockt Milch darin aus. Ein Grund, warum es der einzige Tee ist, den ich ohne Milch trinke.

:mrgreen: Guter Hinweis, das sollte ich ändern.
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Re: [Tragik] Späte Erkenntnis

Beitragvon Nymeria » 04.09.2015, 21:12

Hallo Hurri,

ich habe eben deine Geschichte gefunden und dachte, ich gebe auch mal einen Kommentar dazu ab.

Insgesamt finde ich, dass du die Umgebung sehr schön bildhaft beschrieben hast und auch die Geschichte selbst lässt sich gut und ohne große Mühe lesen. Beim lesen enstand in meinem Kopf direkt das Bild der Terasse, des Gartens und der scheinbaren Idylle.

Allerdings sind mir noch ein paar Sachen aufgefallen:

und die nächste Urlaubsreise – eine Kreuzfahrt im Mittelmeer – lag noch vor ihnen.


Mir ist an dieser Stelle nicht ganz klar gewesen wer "ihnen" ist. Das hat sich dann erst im nächsten Abschnitt geklärt, als du seine Frau Maria erwähnt hast. Vielleicht wäre es besser, an dieser Stelle "vor ihm und seiner (neuen) Frau" zu schreiben?

Beinahe war er eingeschlafen, als er Schritte neben dem Haus hörte.


Für mich liest sich das so, als würden diese Schritte irgendetwas mit dem kommenden Geschehen zutun haben. Für mich entsteht der Eindruck, als wären die Schritte der Grund, warum sich sein Leben jetzt plötzlich ändert. Ein unerwarteter Besucher? Vielleicht, aber das ist nurmein persönliches Empfinden, wäre es besser Susann in diesen Satz miteinzubinden, damit ersichtlich ist um wessen Schritte es sich handelt. Oder sind es garnicht Susanns Schritte?

Ich persönlich finde auch das abrupte Ende gut gelungen. Damit wird der Leser zum nachdenken angeregt und es bleibt die Frage: reicht Manfred Peters die späte Erkenntnis, um das Verhältnis zu seiner Tochter zu ändern?
Was du allerdings meiner Meinung nach noch etwas mehr ausbauen könntest, wäre das Dramatische. Mit dem Satz

Doch was dann geschah, änderte Manfred Peters‘ Leben für immer.


kommt bei mir das Gefühl auf, als würde jetzt gleich etwas wirklich weltbewegendes geschehen. Man erfährt aber leider nur, dass etwas mit dem Verhältnis zu seiner Tochter nicht stimmt. Vielleicht könntest du ein Beispiel mit einbringen, was für Fehler Manfred Peters in der Vergangenheit gemacht hat oder was sonst noch zu dem Bruch mit seiner Tochter geführt haben könnte. So kommt aber mehr die Idylle seines Gartens zum Vorschein und verdrängt die eigentliche Aussage deiner Geschichte.

Ich hoffe ich konnte dir damit weiterhelfen. :)
Liebe Grüße
Nymeria
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