[Tragik]Sterbeszene Amanda

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Sterbeszene Amanda

Beitragvon EnglishBreakfast98 » 27.05.2013, 14:04

Das hier ist die Sterbeszene einer Hauptfigur meines aktuellen Projektes.
Sie kommt relativ am Ende vor, deshalb sind ein paar Sätze dabei, die ohne Kenntnis der Haupthandlung nicht ganz verstanden werden können, das ist aber nicht viel, deshalb hoffe ich, das stört nicht.

Seit ich zehn Jahre alt war, hatte ich ein Leben für die Waffe gelebt. Für mein Stilett und seine vernichtende Wirkung. Dafür, Menschen in unsere Gemeinschaft zu holen. Aber ich hatte nie das Gefühl gehabt, für Lilly und Ty zu leben. Die beiden hatten viel Tribut gefordert, doch dass ich eines Tages selbst zu einem Opfer ihrer Liebe werden würde, hätte ich nie gedacht.
Aber hätte unser Vorhaben nicht auch für mich positive Wirkung gehabt?, versuchte ich zu bedenken, während die Schmerzen in meiner Brust unerträglich wurden und mich sofort die die umarmende Ruhe ziehen wollten. Ruhe und Frieden. War das nicht alles, was ich wollte? Ich hätte wieder ein normales Leben führen können, ich hätte einen normalen Mann kennenlernen, normale Kinder und Enkel bekommen und einen normalen Tod sterben können. Doch wer wollte schon normal sein, durchschnittlich? Ich nicht. Da starb ich lieber qualvoll, aber dafür als Kriegerin. Ja, dachten meine schwachen Gedanken. Ich werde immer Kriegerin bleiben. Das kann mir auch der Tod nicht nehmen.
Aber noch war ich nicht tot, noch war alles offen. Ich musste atmen, die einzige Möglichkeit, am Leben zu bleiben. Doch die Qual bei jedem meiner pfeifenden Atemzüge war unerträglich. Aber wozu hatte man mich gelehrt, Schmerzen zu ertragen? Langsam sog ich ein weiteres Mal Luft in meine Lungen und versuchte zu verdrängen, dass es wehtat und dass mein Atem schon viel zu kurz ging, um mich weiter hoffen zu lassen. Mir war kalt. Eiskalt. Das warme Blut verließ meinen Körper. Ich spürte, wie es meine Ärmel tränkte und ebenfalls erkalten ließ. Dabei lag ich sicher erst ein paar Minuten hier. Doch ich wusste selbst, wie sicher und rasch Mariska ihre Waffe führte. Ein gezielter, tiefer Stoß hatte gereicht, makabererweise genau dahin, wo vor gefühlten Jahrtausenden meine Seele gesessen hatte. Ich spürte die Klinge schmerzlich, als wolle sie mir den Verlust noch unangenehmer bereiten.
Ein Schrei durchschnitt die moderige Luft um mich herum, prallte an den steinernen Wänden und der niedrigen Decke des düsteren Ganges ab und echote noch sekundenlang schmerzhaft in meinen Ohren. Lilly. Durch das Rauschen in meinen Ohren hörte ich, wie sie neben mir niederkniete und mich anschrie:
„Amanda! Nein! Amanda!“
Ich vergaß die negativen Gedanken, die ich noch eben für sie gehegt hatte und suchte in meinem schmerzvernebelten Kopf nach Worten, die ich ihr sagen könnte. Worte, die sie in die Freiheit begleiten könnten. Doch als ich mühsam die kalten Lippen bewegte, gab sie sofort einen abwehrenden Laut von sich.
Dann eben nicht, dachte ich mir. Wer nicht will, der hat schon.
Ich wollte es nicht, aber sie entglitt mir immer weiter. Meine Gedanken wurden wirr und träge. Ich musste die Augen schließen und hieß die Dunkelheit willkommen. Schon bald würde sie allgegenwärtig für mich sein. Ich hatte nie an ein helles Licht oder ähnliches geglaubt. Wozu auch? Ich wollte kein Licht mehr, nichts Helles. Nur noch Dunkelheit. Dunkelheit und Wärme.
Lillys Hand war das einzige, was ich noch spürte. Ich hörte nicht einmal mehr ihr krampfhaft unterdrücktes Schluchzen, das sie noch vor wenigen Minuten von sich gegeben hatte. Sie sollte nicht weinen. Im Gegenteil. Sie sollte ein letztes Mal meine Hand drücken und mich in Ruhe sterben lassen. Und wenn ich tot war, sollte sie kämpfen. Kämpfen und siegen und frei sein.
Ganz weit im Hintergrund nahm ich das Aneinanderschlagen zweier Waffen wahr. Ich hatte das Geräusch geliebt. Es war das einzige, was ich mitnehmen wollte in die Dunkelheit. Zu all denjenigen, die dort vielleicht auf mich warteten.
Aber ich war noch nicht bereit dazu! Ich wollte hier bleiben, als treue Dienerin. Was hatte ich eigentlich davon, wenn ich starb? Nichts! Ich würde wahrscheinlich nicht einmal einen Grabstein bekommen. Niemand, der hier zurückblieb, würde sich an mich erinnern.
Angst stieg in mir auf. Angst vor der Zukunft, Angst davor, vergessen zu werden.
Als der Schmerz in meiner Brust so schlimm wurde, dass ich sicher war, gleich ohnmächtig zu werden, fiel mir noch ein, dass ich ähnliche Schmerzen und ähnliche Angst schon einmal gespürt hatte. Seele, flüsterten meine Gedanken mit letzter Kraft. Dich werde ich vermissen.
Und dann entzog sich Lillys Hand vollständig meiner, das Waffengeklapper verstummte und ich umarmte die ewige Stille.


LG, Riki
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Re: Sterbeszene Amanda

Beitragvon Hurri » 28.05.2013, 16:10

Hallo EnglishBreakfast,

hier ein paar Anmerkungen zu deinem Text. Da ich den Inhalt der Story nicht kenne, kann ich dazu gerade nicht so viel sagen. Daher beschränke ich mich eher auf Ausdruck etc.:

Aber hätte unser Vorhaben nicht auch für mich positive Wirkung gehabt?, versuchte ich zu bedenken, während die Schmerzen in meiner Brust unerträglich wurden und mich sofort die die umarmende Ruhe ziehen wollten.
"in die" muss es wohl heißen. Statt "sofort ... ziehen" wäre ein Verb wie "zerren" stärker. Find ich zumindest ;-) ALso dann sowas wie: "... die mich in die umarmende Ruhe zu zerren versuchten"

Das warme Blut verließ meinen Körper. Ich spürte, wie es meine Ärmel tränkte und ebenfalls erkalten ließ.
Es liest sich, als ob das Blut die Ärmel erkalten lässt. Aber wahrscheinlich sollen es eher die Arme sein oder? Oder ich würde dazuschreiben, dass der Ärmel durch das Blut feucht und kalt wird ...

Wer nicht will, der hat schon.
Das klingt für mich in der Situation eine Spur zu trotzig.

Insgesamt wechselt für mich in dem kurzen Abschnitt die Stimmung recht häufig: Sie will nicht sterben, da sie eine stolze Kriegerin ist, sie sehnt sich nach Dunkelheit, Angst vor der Vergessenheit, um dann am Ende doch wieder die Stille zu "umarmen". Auch Lilly gegenüber wechseln die Gefühle häufig. Aber vielleicht wird der Sinn dafür deutlicher, wenn man den Zusammenhang kennt.

Hoffe, ich konnte ein bisschen helfen. Such dir raus, was du gebrauchen kannst :dasheye:
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Re: Sterbeszene Amanda

Beitragvon FrancescaDaRosa » 31.01.2014, 06:27

Hi Riki,

ich beginne mit ein paar Unstimmigkeiten, meiner Meinung nach.

- "Ich vergaß die negativen Gedanken, die ich noch eben für sie gehegt hatte [...]"
Was sind das für negative Gedanken? Ich würde mir an der Stelle ein konkretes Gefühl wünschen. Sowas wie "Ich zwang die negativen Gedanken nieder, bevor mich Trauer und Wehmut (oder was auch immer die Prota für Lilly und Ty nach all der Zeit empfindet) wieder überrollen und paralysieren konnten." Wurde die Prota doch so sehr von den beiden geliebt, dass sie regelrecht darunter zerquetscht wurde. Ich glaube, darüber fühlt man sicher mehrschichtig. Also nicht ausschließlich negativ. Allerdings kenne ich die (Vor)Geschichte nicht, so dass meine Kritik auch einfach nur Stuss sein kann (dann verzeih mir bitte).

- der eine Satz mit "dann eben nicht, wer net will, der hat schon" sollte lieber gestrichen werden.

- der Absatz "Aber ich war noch nicht bereit dazu! [...]" mag vielleicht ein letztes Aufbäumen sein, wirkt aber leider unglaubwürdig, dass die Prota mit wirren und trägen Gedanken noch zu solchen Überlegungen imstande ist. Also evtl. weiter hoch rücken.

Abgesehen von diesen Punkten hat es mir gut gefallen, vor allem die Bilder.
Weiter so und lg
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Re: Sterbeszene Amanda

Beitragvon Tautologe » 05.02.2014, 17:43

Hallo Riki,

ich habe schon länger nichts mehr in der Schreibwerkstatt geschrieben, da ich weniger stilistische und grammatikalische Tipps zu vermitteln versuche, sondern eher grundlegende Kenntnisse vom Schreiben. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich irgendwann nur noch wiederholt habe, aber vielleicht ist es wieder an der Zeit, ein paar grundlegende Anmerkungen in den Ring zu werfen.

Du beschreibst in deiner Szene den Tod bzw. ein Nahtodeserlebnis (mutmaßlich) deiner Protagonistin. Was mir dabei zuallererst auffällt, ist die meiner Meinung nach wenig plausible psychologische Konstruktion dieser Szene.
Todesszenen aus der Sicht des Sterbenden gehören zum Schwierigsten, das sich literarisch angehen lässt – aus naheliegenden Gründen. Nur wenige Menschen und noch weniger Autoren standen jemals selbst an der Schwelle des Todes, kehrten zurück und erinnerten sich dann auch noch klar genug an das Erlebte, um es niederschreiben zu können. Todesszenen aus der Ich-Perspektive sind daher immer extrem spekulativ und sehr schwer auf glaubwürdige Weise umsetzbar – insbesondere wenn noch starke Schmerzen das Bewusstsein zusätzlich trüben.

Plausibel ist es in einer solchen Situation, dass sich das Bewusstsein auf das kritisch-lebensnotwendige Minimum zurückzieht. Im Gehirn laufen Notprogramme an, die rational-planerischen Erwägungen keinen Raum mehr lassen.
Die Gedanken, die sich deine Protagonistin im Angesicht des Todeskampfes macht, passen meiner Meinung nach jedoch nicht zu dieser Extremsituation. Man würde sie vielleicht in einer ruhigen Minute, z.B. im Bett vor dem Einschlafen verorten, aber nicht in einer solchen Situation:

EnglishBreakfast98 hat geschrieben:Aber hätte unser Vorhaben nicht auch für mich positive Wirkung gehabt?, versuchte ich zu bedenken, während die Schmerzen in meiner Brust unerträglich wurden und mich sofort die die umarmende Ruhe ziehen wollten. Ruhe und Frieden. War das nicht alles, was ich wollte? Ich hätte wieder ein normales Leben führen können, ich hätte einen normalen Mann kennenlernen, normale Kinder und Enkel bekommen und einen normalen Tod sterben können. Doch wer wollte schon normal sein, durchschnittlich? Ich nicht. Da starb ich lieber qualvoll, aber dafür als Kriegerin. Ja, dachten meine schwachen Gedanken. Ich werde immer Kriegerin bleiben. Das kann mir auch der Tod nicht nehmen.


Man könnte zwar nun einwenden, dass die Protagonistin eine schmerzerprobte Kriegerin ist und sich bewusst dafür entschieden hat, den Tod in Kauf zu nehmen. Dennoch kann die Konstruktion dieser Szene selbst unter diesen Annahmen die Besonderheit einer solchen absoluten Grenzsituation leider nicht vermitteln.
Was mir zudem auffällt, ist zum einen der intensive Gebrauch von Adjektiven, der immer die Gefahr in sich trägt, den geschilderten Ereignissen etwas klischeehaftes zu vermitteln. Darum wäre mein Rat hier eine doppelte Reduktion: einerseits sprachlich (weniger Adjektive) und andererseits inhaltlich, um der Reduktion des Bewusstseins im Angesicht des Todes besser gerecht zu werden.
Es ist auch gar nicht nötig, die Gedanken deiner Protagonistin in dieser Situation explizit auszuformulieren. Schreiben ist die Kunst des Andeutens und du könntest z.B. die inneren Kämpfe deiner Figur dem Leser auch durch Gesten, Mimik und Andeutungen aus der Außenperspektive von Lilly heraus vermitteln.

Viele Grüße:

Tautologe
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