Stilfrage - Ich werd noch irre !

Tipps, Ratschläge und Hilfen zum Schreiben. Wie machst du das? Hilfe bei Schreibblockaden, Hemmungen, Stolpersteinen und Anfangsschwierigkeiten

Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Schönen guten Morgen

Hier wieder eure Nervensäge havering :mrgreen:
Nein, Scherz. Aber eine Frage habe ich trotzdem.
Ich habe einigen Leuten mal ein paar Kapitel zum lesen zu geben und um Feedback gebeten. Soweit so gut.
AAAABER : Jeder von denen hat unterschiedlich reagiert. Ok, war zu erwarten. Bringt mich aber aus der Fassung. Denn ich weiß nicht,wie ich die unterschiedlichen Meinungen zusammenfassend einbringen soll. Und bin dadurch gewaltig ins stocken geraten mit meinem Buch.
Dem einen gefällt mein Erzählstil, der andere mäckelt aln der Gramatik (obwohl ich gesagt habe, das es noch die Rohfassung ist, und das alles noch kommt). Dem dritten gefällt der Satzbau nicht. Dann kommt einer, der das aus einer anderen Perspektive geschrieben besser fände ...und...und ...und.
Wie ihr bemerkt, sind das wirklich unterschiedliche Auffassungen. Wie geht ihr mit sowas um? Ich glaube nicht das man jeden Leser zufriedenstellen kann, da ja jeder unterschiedliche Bücher liest und auch unterschiedliche Autoren bevorzugt.

LG eure havering :wink:

von © Havering

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Dass Grammatik, Satzbau und Rechtschreibung kritisiert werden, muss Dich bei Kritiken an einer Rohfassung nicht wundern. So wenig bearbeitete Texte zu lesen und zu kritisieren, ist nun mal sehr anstrengend, da juckt es einen Betaleser/Kritiker zwangsläufig in den Fingern. Wenn Du an diesen Punkten ohnehin noch arbeiten wolltest, würde ich die Kritiken als Chance nutzen, mir die Überarbeitung etwas zu erleichtern. Nimm sie einfach zum Abgleichen.

Mit Den anderen Problemen habe ich allerdings auch immer mein Tun, hatte sogar schon mal ein ganz ähnliches Fragethread wie Deins. Ich denke, zuerst muss man als kritisierter Autor die rein sachlichen Kritiken von den Stil- und Geschmacksfragen trennen. Rechtschreibung und dergleichen sind ja keine Streitpunkte. Das hat man entweder richtig gemacht und lässt es so, oder man erkennt, dass der Kritiker Recht hat, und ändert es.

Bei Geschmacksfragen (z.B. welche Erzählperspektive) ist mir geraten worden, die Kritiken sorgfältig zu überdenken, und dann zu tun, was ich selber für richtig halte. Diese Empfehlung gebe ich hiermit an Dich weiter. Es ist Deine Geschichte. Du hast Dir vermutlich bei Deiner (Roh-)Version etwas gedacht. Wenn Du jetzt noch mehrere weitere, womöglich verschiedene Meinungen dazu bekommst, musst DU entscheiden, welche davon dich am meisten überzeugt. Ein kritischer Probeleser ist jemand, der Dir helfen will und soll. Er ist kein Lektor eines Verlages, dem Du Dich (in Grenzen) fügen musst. Und wenn sich die Einschätzungen Deiner Kritiker so sehr unterscheiden, dann haben sie eben einfach unterschiedliche Interessenschwerpunkte und einen unterschiedlichen Geschmack. Allen Leuten Recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann. Eventuell kannst Du bei der Bewertung der Kritiken noch berücksichtigen, welcher Deiner Kritiker am meisten Deiner Zielgruppe entspricht. Die hochgeschätzte Meinung eines 70jährigen Freundes muss nicht unbedingt ausschlaggebend sein, wenn Du im Jugendslang für 16jährige Leser geschrieben hast.
Etwas anderes ist es, wenn von fünf Kritikern vier die gleiche Stilproblematik übereinstimmend bewerten. Da müssen die Alarmglocken dann etwas lauter bimmeln, als im anderen Fall. Aber letzten Endes gilt: Es ist Deine Geschichte, Dein Stil, Deine Entscheidung. Wenn Du Dir in dieser Frage sicher bist, dann entscheide notfalls gegen alle Kritiker. Wenn Du Dir (noch) nicht sicher bist, dann ist es vielleicht ganz gut, das Deine Entscheidung noch einmal durch die Kritiken auf den Prüfstand geschoben wird. Das hilft Dir, diese Sicherheit zu finden.

von © canis-lupus-niger

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Tipp null: Gib NIE NIE NIE NIE weitgehend unkorrigierte Texte raus! Leser, die ständig über Rechtschreibung und Grammatik stolpern, KÖNNEN nicht angemessen auf Stil, Inhalt und Figurenführung achten. Die puhlen dir womöglich "die Figur ist schwach" raus, weil sich dummerweise dort die Tippfehler gehäuft haben.

Tipp eins: Versuch mal, Beta-Leser zu finden, die dir auch ERKLÄREN können, warum sie was anders machen würden. Oder was genau ihnen aufstößt. Und zwar im Detail und nicht nur pauschal. Wenn "würde mir besser gefallen" (oder "gefällt mir nicht") das einzige Argument ist, dann kann das eine ganz niedrige Priorität bekommen. Auch ein globales "ich finde den Stil nicht gut" ist nicht hilfreich, also denk gar nicht erst darüber nach. (Jedenfalls nicht, bis derjenige konkret sagt, was ihn stört.)

Tipp zwei: Lass dir nicht nur sagen, was den Betalesern nicht gefällt, frag sie eventuell auch mal, wie sie dies oder jenes verstanden haben, was sie bei dieser oder jener Figur für einen Charakter erkannt haben.

Tipp drei: Frag Betaleser auch gezielt danach, was ihnen gefällt und wie gut („Spitze!" bis "das geht schon so"). Erstens könnten drei davon gut finden, was der vierte blöd fand und du deshalb beinahe geändert hättest. Zum anderen schärft das deinen Blick dafür, ob du die für den Text passenden Betaleser ausgewählt hast und wie ernst du also deren Hinweise nehmen könntest.

Tipp vier: Wie canis-lupus-niger schon gesagt hat: Such dir Betaleser in deiner Zielgruppe! Das betrifft nicht nur das grobe Genre sondern auch die Anspruchshaltung. Inhaltsfreaks werden Inhalt prüfen, Deutschfreaks Deutsch, Fans von "menschelnden Figuren" schauen, ob es genug menschelt etc. (Gute Probeleser/Lektoren schauen komplexer hin, sind aber auch nur Vertreter einer vielleicht nicht ganz passenden Zielgruppe …)

Tipp viereinhalb: Unterschätze nicht die "Wellenlänge"! Es wird immer Leute geben - auch unter deinen Freunden – die überhaupt keinen Zugang zu dem finden, was du eigentlich schreiben wolltest. Die kritisieren dann Dinge, die du „gar nicht geschrieben hast“. Wenn du über das Innenleben eines Mörders schreibst und jemand fängt an, deine Stadtansichten zu zerpflücken, hat aber nicht ein Wort über die Figurenführung übrig, dann hat auch das eher niedrige Priorität.



Tipp zehn oder achtzehn oder so: Wenn Betaleser nicht erklären können, warum sie etwas stört, versuche (nicht bei Pillepalle, aber bei "das geht gar nicht!"-Hinweisen) rauszukriegen, was der Leser anderes gelesen haben könnte als du schreiben wolltest. Das ist schwer, du müsstest quasi dein eigener Betaleser sein. ABER wenn du das einigermaßen drauf hast, dann wirst du schon bei der ersten (vor Betaleser-)Überarbreitung selbst merken, was nicht stimmt.


Tipp x: Hör auf canis-lupus-niger – der hat mit seiner Antwort das Wichtigste schon gesagt (nur Tipp null hat er vergessen ;) )

von © Ojinaa

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Wenn Du Rückmeldungen bekommst, dass es in Sachen und Satzbau hakt, solltest Du vielleicht Deine Arbeitsweise überdenken. Wobei, ich weiß nicht, wie intensiv Du Deine Rohfassungen überarbeiten musst, damit Grammatik und Satzbau durchgehend stimmen. Einzelne Fehler können immer passieren, aber wenn es bei Dir ein größerer Arbeitsschritt ist, von einer Rohfassung zu einem grammatikalisch und syntaktisch einwandfreien Text zu kommen, solltest Du vielleicht Deine Arbeitsweise überdenken. Nicht nur, weil es für Beta-Leser schwierig wird, sich mit Deinem Stil auseinander zu setzen, wenn sie über Grammatik- und Satzbaufehler stolpern. Sondern - viel wichtiger - weil Du selbst Dich nicht mit Deinem Stil auseinandersetzen kannst, solange Du Dich mit Grammatik und Satzbau befassen musst. Ich finde, jemand der mit Sprache wirklich arbeiten will, sollte in der Lage sein, auf Anhieb und ohne groß überarbeiten zu müssen, grammatikalisch und syntaktisch korrekt zu formulieren.

Ich kann nur allen raten, danach zu streben, diese Dinge von Anfang an richtig zu machen anstatt sie auf einen späteren Korrekturdurchlauf zu verschieben. Auch wenn es anfangs Zeit kostet und einen "aus dem Fluss" bringt. Auf Anhieb korrekt zu formulieren ist einfach eine Frage der Übung und Routine. Irgendwann geht das ganz automatisch und wenn man das geschafft hat, schreibt man viel produktiver schreiben, als wenn man einfach unkontrolliert rausfließen lässt, was einem gerade so in den Sinn kommt.

von © anby77

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Nabend zusammen!

Ich habe mich jetzt auch entschlossen, das Buch erst zu schreiben, gegebenenfalls zu überarbeiten und erst dann jemandem zum Lesen zu geben.
Stutzig macht mich eben nun diese Feststellung. Die Person, die sich über meinen Satzbau aufregt, liest ein und den selben Text an verschiedenen Tagen. Einmal mäkelt sie an dem rum, was ich schon geschrieben habe. Dann wieder sagt sie, es sei flüssig zu lesen.




LG eure havering :wink:

von © Havering

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Wenn deine Betaleserin dieselbe Problematik bei zwei Lese-Durchläufen verschieden bewertet, darfst Du, glaube ich, ihre fachliche Kompetenz ein wenig in Frage stellen. Das hat ja nichts mit ihren menschlichen Qualitäten zu tun. Aber gute Freunde müssen nicht unbedingt gute Beta-Leser sein. Tatsächlich ist das eher die Ausnahme. Besser ist es, Dir jemanden zu suchen, der keinen Grund hat, Dich zu schonen und Dir klar und rücksichtslos sagt, was Du warum und wie besser machen kannst.

von © canis-lupus-niger

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Ich versuche, keinen aussenstehenden Erzähler einzubauen. Auch habe ich bemerkt, das ich schreibe, wie ich rede. Ob das ein Hindernis ist, kann ich an der Stelle nicht sagen. So gut es geht, versuche ich alle Tipps die ich hier bekomme, einzubinden.


Hallo Have...!

Hab deinen Textauszug gelesen. Für meine Begriffe könnte man hier und da etwas eleganter formulieren, mehr Abwechslung in den Satzbau bringen und manche Dinge weg lassen (so dass das Tempo etwas anziehen würde) Inhaltlich ist es so weit ganz interessant zu lesen. :wink:

Dein neuer Betaleser :twisted:
Gruß, CS

von © CharlySemmel

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Hallo Have!

Ich geh jetzt mal (auf deinen Wunsch hin) den Textauszug durch und sage dir, was man (aus meiner Sicht) verbessern könnte. :wink:

Betty fühlte sich völlig erschlagen, als sie auf ihrem Bett zu sich kam.


Bin mir nicht sicher, ob das Wort "erschlagen" hier das richtige ist. Erschlagen ist man doch, wenn man eine anstrengende Arbeit oder dergleichen hinter sich hat.

Sie spürte, wie sich ein kalter Windhauch über ihren Körper legte.

Hier würde ich erklären, was die Ursache ist: ..., der vom geöffneten Fenster her rührte.
Ich hab erst an Fieber und Schüttelfrost gedacht, als ich das las. :wink:

Schaudernd richtete sie sich auf und sah auf den Wecker neben ihrem Bett. Noch verschlafen merkte sie, dass es mittlerweile dunkel geworden war.


Am Anfang wäre das Wort "fröstelnd" evtl. eher angebracht. Den zweiten Satz würde ich umwandeln in: Es war mittlerweile dunkel geworden. Dass sie das merkt und noch halb verschlafen sein muss, ist selbstverständlich und muss nicht mehr erwähnt werden. Der Leser hat ja zuvor schon erfahren, dass sie gerade aufgewacht ist.

Ihr Notebook lag neben ihr, die letzte Eintragung hatte sie noch nicht abgespeichert.


Den hinteren Teil des Satzes würde ich allgemein ausdrücken, das wäre mMn sprachlich eleganter: ... die letzte Eintragung war noch nicht abgespeichert.

Wie im Trance drückte sie die Speichertaste, während sie aufstand. Sie wankte zum weit geöffneten Fenster und schloss es.


Hier würde ich auch (zwecks besserer Sprache) umformulieren: Sie stand auf, drückte die Speichertaste und wankte zum Fenster, um es zu schließen.

Der ganze Raum war ausgekühlt, aber sie liebte diesen Geruch von frisch gefallenem Laub.


Hier könnte man evtl. ein "dennoch" setzen, um den Widerspruch klarer raus zu stellen: Sie fror und liebte gleichzeitig diesen Geruch. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob das relevant ist für die Geschichte (??) Man könnte es evtl. weg lassen. Wenn doch, würde ich es so schreiben: Der ganze Raum war ausgekühlt, dennoch liebte sie diesen Geruch von frisch gefallenem Laub.

Am Nachthimmel konnte sie den Vollmond sehen, der sein Licht sanft auf die menschenleere Straße warf.


Hier würde ich auch wieder allgemein formulieren, weil du ja gleich danach wieder beschreibst, wie die Prota dies und jenes sieht und empfindet: Am Nachthimmel stand ein Vollmond, der sein Licht sanft auf die menschenleere Straße warf.

Gedankenverloren sah sie durch das Fenster, nur wenige Autos waren um diese Zeit noch unterwegs. Langsam erinnerte sie sich wieder. Sie war offensichtlich eingenickt, als sie ihren neusten Tagebucheintrag geschrieben hatte.


Ich würde so fortfahren:
Gedankenverloren betrachtete sie ihn einen Moment. So wie du es schreibst, fehlt der Bezug. Erst bringst du den Mond ins Spiel und redest dann über die Autos. :wink:

Ihr Kopf fühlte sich an, wie durch den Fleischwolf gedreht. Das Letzte, an das sie sich erinnern konnte, waren die hemmungslosen Tränen und der Schmerz einer frischen Verletzung am Arm. Betty setzte sich wieder auf ihr Bett. Neben dem Notebook fand sie einige feuchte Bluttropfen. Sie fuhr vorsichtig über die neue Wunde. Wütend über sich selber, ballte sie ihre Hände zu Fäusten zusammen und schlug mit voller Wucht auf das Bett.


Das ist gut geschrieben! :wink: Ich würde aber das Wort "selber" durch "selbst" ersetzen.

Warum bin ich nur so eine Idiotin, verdammt. Ich muss unbedingt mit ihm reden.
Betty setzte sich im Schneidersitz in die Mitte ihres Bettes und fuhr sich mit den Händen durch die roten, zerzausten Haare. Sie hatte das Gefühl, als würden diese, wie lange Loden an ihr herunterhängen. In diesem Moment war sie alles andere als zufrieden mit sich selbst. Jede Strähne war ihr ein Dorn im Auge. Solche Hassatacken hatte sie in den letzten Wochen oft gefühlt. Aber diesen Freitag würde sie so schnell nicht vergessen.


Auch nicht schlecht geschrieben; ich würde aber noch ein bisschen entschlacken. Der unterstrichene Satz könnte mMn weg, das kann sich der Leser denken. Der Umschwung von der Unzufriedenheit zu den Hassattacken würde ich dem Leser erklären. Mir kam er jedenfalls etwas schleierhaft vor. Ich würde es so machen:
Warum bin ich nur so eine Idiotin. Ich sollte unbedingt mit ihm reden. Betty setzte sich im Schneidersitz in die Mitte ihres Bettes und fuhr sich mit den Händen durch die roten, zerzausten Haare. Sie hatte das Gefühl, diese würden wie lange Loden an ihr herunter hängen. Jede Strähne war ihr ein Dorn im Auge. Solche Hassatacken hatte sie in den letzten Wochen oft gefühlt. Aber diesen Freitag würde sie so schnell nicht vergessen.

Die "Hassattacken" würde ich (wie gesagt) erklären. Wenn sie gegen sich selbst gerichtet sind: Solche Hassatacken gegen sich selbst hatte sie in den letzten Wochen oft gefühlt. Wenn ihr Freund gemeint war: Solche Hassatacken gegen ihren Freund hatte sie in den letzten Wochen oft gefühlt.

Fazit: Wie gesagt, kann ich den Text nur aus meiner Sicht kommentieren. Der Teufel steckt (wie so oft) im Detail. :wink: Je mehr man sich um diese Details Gedanken macht und seine Texte entsprechend verbessert, desto eher kann man als Autor wachsen. Gut schreiben, denke ich mal, hat eine ganze Menge damit zu tun (ein bisschen Klugscheißerei konnte ich mir an der Stelle nicht verkneifen :mrgreen: ) Ich hoffe, meine Anmerkungen sind gut genug erklärt, dass du etwas davon hast. Im besten Sinn ...

HGruß, CS

von © CharlySemmel

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Wow, herzlichen Dank für deine Hilfe. Es werden alle Tipps beachtet, sei gewiß.
Aber auch ich habe nicht untätig dagesessen. :D Die Nacht über habe ich hier einige von Jackys Beiträge studiert. Mir fiel immer wieder auf, das meine Texte regelrechte Bandwurmsätze enthalten. Denn ich wollte ja den aussenstehenden Erzähler verhindern. Nur tue ich mich damit schwer, das die meisten Sätze dann "Er hatte, sagte,dachte fühlte usw. enthielten. Damit finde ich den Text oft unnötig aufgebläht.
Heute mittag habe ich mich dann doch an den aussenstehenden Erzähler gewagt und hoffe das richtig umgesetzt zu haben.


LG eure havering :wink:

von © Havering

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
"Es werden alle Tipps beachtet, sein gewiß"
NEIIIIIIIIINNNNNN! Nein im Ernst, gewöhne dir das UNBEDINGT ab! Nimm jeden Hinweis zur Kenntnis, das ja, aber hör auf, jeden Hinweis berücksichtigen zu wollen.
Das wäre dann meine Ergänzung noch vor Tipp eins:
Tipp nullkommafünf: Nimm alle Hinweise des Betalesers zur Kenntnis, gehe aber NIE NIE NIE NIE NIE mit der Prämisse ans Überarbeiten, (fast) alle Hinweise umsetzen zu wollen. Nicht mal, wenn sie im ersten Moment logisch klingen. (Wenn du am Ende doch fast alle umsetzt, weil sie auch beim "durchkauen" noch logisch klingen, dann ist das was anderes.)

Nichts gegen Charly, aber vieles von dem, was er anmerkte ist (bestenfalls) reine Geschmackssache. Man kann sich zum Beispiel sehr wohl "erschlagen fühlen", denn man kann sich wie nach sauschwerer Arbeit fühlen, ohne dass man sauschwer gearbeitet hat. Man kann sich ja auch wie betrunken fühlen, ohne getrunken zu haben. Oder: Sie kann den Windhauch durchaus spüren OHNE sich sofort bewusst zu sein sein, dass er von geöffneten Fenster herkommt (Point of View!).
Oder: Das mit dem „dennoch" ist sogar Quatsch – man liebt einen Geruch unabhängig von der Kühle. "Dennoch" nimmt man, wenn eine Kausalität aufgebrochen wird (Er ist müde und schläft ein. / Er ist müde, dennoch schläft er nicht ein, weil …); "aber" dagegen kann auch zwei entgegensetzte Argumente für/gegen eine Sache anzeigen: "Es ist kühl, sie sollte das Fenster schließen - (aber) sie liebt den Geruch, sie sollte das Fenster nicht schließen" – was sie tut, ist noch offen (das muss nach einem Aber-Satz erkennbar sein). Bei "dennoch" ist es nicht mehr offen: „Es ist kühl – sie schließt das Fenster (dennoch) nicht." (da muss nach dem Dennoch-Satz das "weil" erkennbar sein.) (( Erkennbar heißt nicht, dass es explizit gesagt werden muss: "Es ist kühl, dennoch schließt sie das Fenster nicht. Tief saugt sie die würzige Luft ein." {schlechter Klang, ist nur ein Beispiel}.))

Das meiste andere, was Charly anmerkt, würde ich auch anmerken oder zumindest so stehen lassen.

Wie Charly schon sagt: Es ist seine Sicht, er ist so wenig fehlerfrei und Stil-Gott wie du oder ich. Wenn du etwas so oder so geschrieben hast, dann hattest du dabei etwas im Hinterkopf. Erinnere dich daran oder versuche, es nachzuempfinden!
Besonders wenn man "schreibt wie man spricht", also nicht so viel gezielt herbeikonstruiert, hat man manchmal den Eindruck, man habe nicht nachgedacht und deshalb vielleicht ein bisschen geschlampt. Das ist nicht so, dem Sprach„instinkt“ kann man vertrauen. Meist jedenfalls. Oder oft. Oder gelegentlich. Je nach Sprachbegabung. Also du kannst deinem Sprachinstinkt vertrauen, mehr als du es tust jedenfalls. (Das schließt ausdrücklich nicht aus, den Instinkt noch schärfen zu können.)

Ich ergänze also Tipp eins:
Tipp eins a: Prüfe, ob eine Erklärung logisch ist, sie dir logisch erscheint oder ob sie sich für dich richtig anfühlt und prüfe vor allem, ob du eine Änderung als merkbare Verbesserung empfindest oder einfach nur eins gegen das anderes ausgetauscht wird. (Von Verschlimmbesserungen rede ich mal noch gar nicht, die dir von ungeeigneten Betalesern schnell mal untergejubelt werden könnten.)



Nachtrag zur aktuellen Fassung:

Matt und ausgelaugt kam Betty auf ihrem Bett zu sich. Das weit geöffnete Zimmerfenster ließ einen kalten Wind in den Raum.

Das erste geht noch als "Betty = Point of View" durch (wegen des Gefühls, das zweite klingt eher nach einem "externen Beobachter"; man merkt nicht, dass Betty dieses Tatsache wahrnimmt. Später, wenn klar ist, dass alles sehr eng aus Betty Sicht geschrieben ist, würde auch so ein Satz als "Betty merkt, dass …" gelesen werden.

Sie wankte zum Fenster und sah gedankenverloren hinaus in die Nacht. Ein aromatischer Duft von frisch gefallenem Laub und feinem Regen stieg ihr in die Nase. Der Vollmond warf sein sanftes Licht auf die noch nasse Straße, die sich menschenleer vor ihrem Auge erstreckte.

… wie hier. Man sieht sie sehen und was sie sieht.

Das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos riss sie jäh aus ihren Traum.

Was für ein Traum? Hat sie das eben doch nicht gesehen?

Leise schloss Betty die Fensterscheiben.

Die Scheibe ist diese Glasplatte – die kann man nicht schließen. Das Fenster ist das "Loch" in der Mauer, das man mit einer Konstruktion aus Rahmen und Scheiben (und/oder anderen Konstruktionen wie Fensterladen oder Jalousie) abdecken/schließen kann.
Wegen des Point of View muss ich davon ausgehen, dass sie es bewusst leise schließt - warum?

Danach setzte sich im Schneidersitz auf die Bettdecke und griff nach dem Laptop.

Ein bisschen(!) unsauber: Sie ging zwischen "schließen" und "setzen" noch zum Bett zurück. Mit Absatz und ohne "dann" kann man diesen Weg abe rauch weglassen.

Ihr Blick fiel auf ein paar feuchte,verschieden große Blutstropfen.

… auf dem Laptop (sonst könnte sie nicht sehen(!), dass sie feucht sind; auf dem Laken wären sie auch nicht mehr feucht, höchstens noch frisch.). Sie blutet ihren Laptop voll? Ok, kann ich mir vorstellen, sie war neben der Spur, da war ihr schnurz, ob der Schleppi wegen der Flüssigkeit abkackt. Aber ist es das, was du sagen wolltest (oben war das Blut noch auf den Laken)?

Langsam kam die Erinnerung wieder. Sie hatte an ihrer neusten Tagebucheintragung gesessen, sich gehasst und geweint, dann kam nur noch der Schmerz.

Ich kenn mich nicht aus, aber: Sie hat sich wirklich geschnitten, ohne dass ihr das Schneiden bewusst war? Wie ein Blackout, aus dem sie erst der Schmerz zurückholt? Oder meinst du, sie erinnert sich nicht an den Schnitt (dann müsste sie ein "Loch" in der Erinnerung haben)?

Vorsichtig strich sie über die neue Wunde, während die Wut in ihr aufstieg. Mit geballter Faust schlug sie heftig auf ein Kissen.
Warum bin ich nur so eine Idiotin, verdammt. Ich muss unbedingt mit ihm reden.
Seit einer Woche fühlte sie nur noch Hass gegen sich. Der heutige Freitag hatte alles nur noch verschlimmert. Während sie traurig den letzten Eintrag las, …

Hier habe ich ein Problem mit der Figurenführung: Eben ist sie noch wütend, plötzlich (auch noch) traurig. Die Wut müsste sich vorher auflösen oder sie müsste sich umwandeln/abschwächen. (Bitte mal in die Schauspielrolle der Betty schlüpfen und genauer/„kleinschrittiger“ in sie hineinspüren!)

verklärten sich zunehmend ihre Augen.

Verklärung ist ein Gefühl von "in höhere, schönere, erhabenerere Sphären abdriften". Ich ahne, was du meinst (Augen füllen sich mit Tränen oder der Blick wurde glasig oder … // auch wenn ich ihn {außer das mit den Tränen = Schmerz, Traurigkeit} psycho-logisch nicht verstehe), aber das ist eben keine Verklärung.

Schnellstens musste ein klärendes Gespräch her, denn so konnte es nicht weitergehen.

… weil vorn das verklären sowieso nicht stimmt, hebt sich nach Überarbeitung wohl auch die Dopplung "klären" auf.



Ich erinnere an Tipp nullkommafünf! Prüfe meine Hinweise, bevor du sie umsetzt! (Nein, ich habe keine Falle eingebaut, ich möchte nur, dass du deinen Schreibinstinkt schärfst.)

von © Ojinaa

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Nachtrag: Mit den Wurmsätzen hattest du recht. Entschlacken ist auch immer gut. Aber gerade in Stimmungspassagen wie hier ist nicht alles Schlacke, was nicht Plot ist …

von © Ojinaa

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Ojinaa hat geschrieben:"Es werden alle Tipps beachtet, sein gewiß"
NEIIIIIIIIINNNNNN! Nein im Ernst, gewöhne dir das UNBEDINGT ab! Nimm jeden Hinweis zur Kenntnis, das ja, aber hör auf, jeden Hinweis berücksichtigen zu wollen.
Das wäre dann meine Ergänzung noch vor Tipp eins:
Tipp nullkommafünf: Nimm alle Hinweise des Betalesers zur Kenntnis, gehe aber NIE NIE NIE NIE NIE mit der Prämisse ans Überarbeiten, (fast) alle Hinweise umsetzen zu wollen. Nicht mal, wenn sie im ersten Moment logisch klingen. (Wenn du am Ende doch fast alle umsetzt, weil sie auch beim "durchkauen" noch logisch klingen, dann ist das was anderes.)


:D Ooook, ich muss gestehen, wie ich das gelesen hatte, musste ich herzhaft lachen. Ich konnte mir dein Entsetzen bildlich vorstellen^^


LG eure havering :wink:

von © Havering

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Der "externe Beobachter" erleichtert wirklich vieles. Eine Art "bewegliche Kamera" erlaubt es, mal in die Totale zu gehen, in der der (quasi) Point of View mittendrin steht, die Kamera mal dem Point of View sozusagen auf die Schulter zu setzen oder sogar mal in den Kopf zu verpflanzen (und Gedanken hörbar zu machen). Ich glaube, das ist die häufigste Kamera"art" bei erzählenden Texten.

Idee: Dort, wo das Schneiden in der Erinnerung fehlt, kannst du das Loch einfach durch eine Trennung sichtbar machen: "Langsam kam die Erinnerung wieder. Sie hatte an ihrer neusten Tagebucheintragung gesessen, sich gehasst und geweint. Dann kam nur noch der Schmerz." Diese Lösung (Minipause beim Punkt) erzeugt genau die Lücke, die in der konkreten Erinnerung da ist, lässt sie aber so klein und "fließend", dass sie nicht als "Fehlen von Handlung" auftritt sondern man sofort merkt, dass Betty sehr wohl sofort weiß, was in diesem Moment passiert ist (sie muss nicht lange nachdenken). Auch der Leser weiß es sofort und nimmt es (das ist nicht sooo gewichtig, kein großer Wendepunkt, dass es viel Raum braucht) als "nicht verwunderlich, passiert immer wieder" wahr.
Hintergedanke von mir: Wenn du dir bewusst wirst, dass auch die Satzrhythmik Botschaften trägt (hektische Szene mit lauter kurzen Sätzen, weiche Szene mit langen fließenden Sätzen, Pause durch Punkt oder Komma (oder Absatz) um etwas zu betonen …), dann wirst du weniger schnell wieder in Gefahr geraten, unpassende Wurmsätze zu bauen. Davon, dass ein rhythmisch abwechslungsreicher Text viiiiel seltener als langatmig oder langweilig empfunden wird, ganz zu schweigen. ((Hier berührt der Text die Musik-Sparte.))


So, das war genug klug gesch… …prochen für heute. :mrgreen:

von © Ojinaa

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Ojinaa hat geschrieben:So, das war genug klug gesch… …prochen für heute. :mrgreen:



Och schaaade^^

Nein, mal im ernst. Klingt alles logisch für mich.
Hatte dann aber auch gleich die nächste Falle.
Ich empfand, das ihre Tagebucheintragungen sich optisch zu wenig vom Rest der Story abhoben. Für mich sah es aus wie ein einziger Wortbrei.


LG eure havering :wink:

von © Havering

Re: Stilfrage - Ich werd noch irre !

 
Hallo H!

Hab gerade den Kommentar von Ojinaa gelesen, der teilweise Stellung zu meinen Anmerkungen genommen hat. Beim "dennoch" war ich bemüht, mich versichtig auszudrücken, weil man es nur evtl. nehmen könnte. Es wäre dann ein Widerspruch aufgemacht: Auf der einen Seite liebt die Prota den Geruch des kühlen Laubs, auf der anderen Seite friert sie (ist vielleicht doch zu kompliziert gedacht)
Ich gebe Ojinaa natürlich recht: Man muss und sollte nicht alles 1:1 übernehmen, was ein Betaleser anmerkt. Aber man kann durchaus darüber nachdenken und die Anmerkungen als Anregung betrachten. In einem anderen Forum (in dem ich lange Zeit war) haben die Kommentatoren oft dazu geschrieben: "Nimm was du brauchen kannst und den Rest in die Tonne!" :wink: In diesem Sinne ...

Gruß, CS

von © CharlySemmel

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