"Es werden alle Tipps beachtet, sein gewiß"
NEIIIIIIIIINNNNNN! Nein im Ernst, gewöhne dir das UNBEDINGT ab! Nimm jeden Hinweis zur Kenntnis, das ja, aber hör auf, jeden Hinweis berücksichtigen zu wollen.
Das wäre dann meine Ergänzung noch vor Tipp eins:
Tipp nullkommafünf: Nimm alle Hinweise des Betalesers zur Kenntnis, gehe aber NIE NIE NIE NIE NIE mit der Prämisse ans Überarbeiten, (fast) alle Hinweise umsetzen zu wollen. Nicht mal, wenn sie im ersten Moment logisch klingen. (Wenn du am Ende doch fast alle umsetzt, weil sie auch beim "durchkauen" noch logisch klingen, dann ist das was anderes.)
Nichts gegen Charly, aber vieles von dem, was er anmerkte ist (bestenfalls) reine Geschmackssache. Man kann sich zum Beispiel sehr wohl "erschlagen fühlen", denn man kann sich wie nach sauschwerer Arbeit fühlen, ohne dass man sauschwer gearbeitet hat. Man kann sich ja auch wie betrunken fühlen, ohne getrunken zu haben. Oder: Sie kann den Windhauch durchaus spüren OHNE sich sofort bewusst zu sein sein, dass er von geöffneten Fenster herkommt (Point of View!).
Oder: Das mit dem „dennoch" ist sogar Quatsch – man liebt einen Geruch unabhängig von der Kühle. "Dennoch" nimmt man, wenn eine Kausalität aufgebrochen wird (Er ist müde und schläft ein. / Er ist müde, dennoch schläft er nicht ein, weil …); "aber" dagegen kann auch zwei entgegensetzte Argumente für/gegen eine Sache anzeigen: "Es ist kühl, sie sollte das Fenster schließen - (aber) sie liebt den Geruch, sie sollte das Fenster nicht schließen" – was sie tut, ist noch offen (das muss nach einem Aber-Satz erkennbar sein). Bei "dennoch" ist es nicht mehr offen: „Es ist kühl – sie schließt das Fenster (dennoch) nicht." (da muss nach dem Dennoch-Satz das "weil" erkennbar sein.) (( Erkennbar heißt nicht, dass es explizit gesagt werden muss: "Es ist kühl, dennoch schließt sie das Fenster nicht. Tief saugt sie die würzige Luft ein." {schlechter Klang, ist nur ein Beispiel}.))
Das meiste andere, was Charly anmerkt, würde ich auch anmerken oder zumindest so stehen lassen.
Wie Charly schon sagt: Es ist seine Sicht, er ist so wenig fehlerfrei und Stil-Gott wie du oder ich. Wenn du etwas so oder so geschrieben hast, dann hattest du dabei etwas im Hinterkopf. Erinnere dich daran oder versuche, es nachzuempfinden!
Besonders wenn man "schreibt wie man spricht", also nicht so viel gezielt herbeikonstruiert, hat man manchmal den Eindruck, man habe nicht nachgedacht und deshalb vielleicht ein bisschen geschlampt. Das ist nicht so, dem Sprach„instinkt“ kann man vertrauen. Meist jedenfalls. Oder oft. Oder gelegentlich. Je nach Sprachbegabung. Also du kannst deinem Sprachinstinkt vertrauen, mehr als du es tust jedenfalls. (Das schließt ausdrücklich nicht aus, den Instinkt noch schärfen zu können.)
Ich ergänze also Tipp eins:
Tipp eins a: Prüfe, ob eine Erklärung logisch ist, sie dir logisch erscheint oder ob sie sich für dich richtig anfühlt und prüfe vor allem, ob du eine Änderung als merkbare Verbesserung empfindest oder einfach nur eins gegen das anderes ausgetauscht wird. (Von Verschlimmbesserungen rede ich mal noch gar nicht, die dir von ungeeigneten Betalesern schnell mal untergejubelt werden könnten.)
Nachtrag zur aktuellen Fassung:
Matt und ausgelaugt kam Betty auf ihrem Bett zu sich. Das weit geöffnete Zimmerfenster ließ einen kalten Wind in den Raum.
Das erste geht noch als "Betty = Point of View" durch (wegen des Gefühls, das zweite klingt eher nach einem "externen Beobachter"; man merkt nicht, dass Betty dieses Tatsache wahrnimmt. Später, wenn klar ist, dass alles sehr eng aus Betty Sicht geschrieben ist, würde auch so ein Satz als "Betty merkt, dass …" gelesen werden.
Sie wankte zum Fenster und sah gedankenverloren hinaus in die Nacht. Ein aromatischer Duft von frisch gefallenem Laub und feinem Regen stieg ihr in die Nase. Der Vollmond warf sein sanftes Licht auf die noch nasse Straße, die sich menschenleer vor ihrem Auge erstreckte.
… wie hier. Man sieht sie sehen und was sie sieht.
Das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos riss sie jäh aus ihren Traum.
Was für ein Traum? Hat sie das eben doch nicht gesehen?
Leise schloss Betty die Fensterscheiben.
Die Scheibe ist diese Glasplatte – die kann man nicht schließen. Das Fenster ist das "Loch" in der Mauer, das man mit einer Konstruktion aus Rahmen und Scheiben (und/oder anderen Konstruktionen wie Fensterladen oder Jalousie) abdecken/schließen kann.
Wegen des Point of View muss ich davon ausgehen, dass sie es bewusst leise schließt - warum?
Danach setzte sich im Schneidersitz auf die Bettdecke und griff nach dem Laptop.
Ein bisschen(!) unsauber: Sie ging zwischen "schließen" und "setzen" noch zum Bett zurück. Mit Absatz und ohne "dann" kann man diesen Weg abe rauch weglassen.
Ihr Blick fiel auf ein paar feuchte,verschieden große Blutstropfen.
… auf dem Laptop (sonst könnte sie nicht sehen(!), dass sie feucht sind; auf dem Laken wären sie auch nicht mehr feucht, höchstens noch frisch.). Sie blutet ihren Laptop voll? Ok, kann ich mir vorstellen, sie war neben der Spur, da war ihr schnurz, ob der Schleppi wegen der Flüssigkeit abkackt. Aber ist es das, was du sagen wolltest (oben war das Blut noch auf den Laken)?
Langsam kam die Erinnerung wieder. Sie hatte an ihrer neusten Tagebucheintragung gesessen, sich gehasst und geweint, dann kam nur noch der Schmerz.
Ich kenn mich nicht aus, aber: Sie hat sich wirklich geschnitten, ohne dass ihr das Schneiden bewusst war? Wie ein Blackout, aus dem sie erst der Schmerz zurückholt? Oder meinst du, sie erinnert sich nicht an den Schnitt (dann müsste sie ein "Loch" in der Erinnerung haben)?
Vorsichtig strich sie über die neue Wunde, während die Wut in ihr aufstieg. Mit geballter Faust schlug sie heftig auf ein Kissen.
Warum bin ich nur so eine Idiotin, verdammt. Ich muss unbedingt mit ihm reden.
Seit einer Woche fühlte sie nur noch Hass gegen sich. Der heutige Freitag hatte alles nur noch verschlimmert. Während sie traurig den letzten Eintrag las, …
Hier habe ich ein Problem mit der Figurenführung: Eben ist sie noch wütend, plötzlich (auch noch) traurig. Die Wut müsste sich vorher auflösen oder sie müsste sich umwandeln/abschwächen. (Bitte mal in die Schauspielrolle der Betty schlüpfen und genauer/„kleinschrittiger“ in sie hineinspüren!)
verklärten sich zunehmend ihre Augen.
Verklärung ist ein Gefühl von "in höhere, schönere, erhabenerere Sphären abdriften". Ich ahne, was du meinst (Augen füllen sich mit Tränen oder der Blick wurde glasig oder … // auch wenn ich ihn {außer das mit den Tränen = Schmerz, Traurigkeit} psycho-logisch nicht verstehe), aber das ist eben keine Verklärung.
Schnellstens musste ein klärendes Gespräch her, denn so konnte es nicht weitergehen.
… weil vorn das verklären sowieso nicht stimmt, hebt sich nach Überarbeitung wohl auch die Dopplung "klären" auf.
Ich erinnere an Tipp nullkommafünf! Prüfe meine Hinweise, bevor du sie umsetzt! (Nein, ich habe keine Falle eingebaut, ich möchte nur, dass du deinen Schreibinstinkt schärfst.)