Beim Umziehen wählte sie sorgfältig eine schon lange nicht mehr hervorgeholte schicke Hose, ein passendes Top, schminkte sich ausnahmsweise und setzte eine Sonnenbrille auf. Sie ging ein paar Minuten lang die Allee hinunter, bog um die Ecke, sah von weitem die große Fensterfront. An diesem warmen Septemberabend herrschte Hochbetrieb. Sie betrat die Kneipe durch den Hintereingang und weihte Evelyn, die nette Bedienung darin ein, dass sie ihrem Bruder eine Überraschung machen wolle. Den Stammtisch gut im Blick und in Hörweite, nahm sie an einem der kleinen hinter Blumen versteckten Ecktische Platz.
Sie beobachte Katryn, als sie hereinkam. Mike ging wie selbstverständlich auf sie zu und stellte sie seiner Skatrunde vor:
- „Alle mal hersehen, diese tolle Frau ist die Freundin meiner Schwester, und die hat nichts gemerkt. Schaut sie euch doch mal an! Aber genau! Was fällt euch auf?“
Tom meinte, „Naja, sie sieht deiner Schwester ähnlich. Und deine Schwester ist übrigens auch eine tolle Frau!“
- „Darüber lässt sich streiten. Ich bin halt der Bruder. Meine Schwester ist etwas langsam von Begriff. Merkst du es nicht?“
- „Was soll ich denn merken?“-
- „Diese Frau ist eine begabte Schauspielerin. Sie hat sich als Mia verkleidet.“
Tatsächlich. Alle starrten verblüfft auf Katryns braves Aussehen, hinter dem sich bei genauerem Hinsehen eine feurige Persönlichkeit versteckte.
- „Ich habe das sofort gemerkt, und zwar von Anfang an. Katryn, Liebste, nach diesem gelungenen Auftritt, komm doch bitte in Zivil wieder.“
Katryn verschwand in der Damentoilette und Mike begann zu erklären:
- „Diese hochbezahlte Dame verdient ihr Geld damit, eventuelle Versicherungsschwindel aufzudecken. Und das ist bei trauernden Angehörigen eines tragischen Flugzeugunfalls gar nicht so einfach. Mir war sofort klar, dass Katryn ein ganz anderes Format hatte, als meine ziemlich – Entschuldigung, Tom – beschränkte Schwester.“
- „Aha, ihr seid also Versicherungsschwindler?“ meinte Tom in spöttischem Tonfall, den er fast immer annahm, wenn mit seinem Freund Mike sprach. Dessen selbstsichere Art und seine Tendenz sich herablassend über seine Schwester zu äußern, waren ihm zuwider.
Mike ließ sich nicht beirren: „Nein, bei uns hatte sie nur routinehalber vorbei geschaut.“ -
- „Und so was dauert Monate? Mia und Katryn kennen sich doch seit mehr als einem halben Jahr!“
- Mike klopfte Tom auf die Schulter: „Dir entgeht doch nichts! Siehst du, mich kennt Katryn ebenfalls, und das auch seit mehr als einem halben Jahr! Und zwar gut, mein alter Freund. Wir wussten nicht so recht, wie wir das dem Schwesterchen verkaufen sollten. Denn immerhin hat sich Katryn einer nicht sehr feinen Methode bedient, um das Vertrauen meiner Schwester zu erschleichen.“
Katryn war inzwischen als photogene Mischung zwischen Penelope Cruz und Demi More wieder aufgetaucht, hakte sich bei Mike unter und fragte: „Hast du nun die Fluglotsengeschichte erzählt?“
- „Sollen wir nicht lieber warten, bis Mia auftaucht?“
- „Das kann ich ihr dann doch im Auto erzählen. Du hast doch das Auto dabei?“
- „Selbstverständlich! Das war doch der ganze Trick. - Also, Leute, wenn im Frankfurter Flughafen die Fluglotsen streiken, freut sich Katryns Familie! Achtzig Erben der von Brewitz besitzen dort ein Wäldchen entlang der Startbahnen, mit einem zerfallenen Schlösschen, unverkäuflich, aber wahnsinnig charmant. Nicht wahr, Katryn?“
- „Ja, ungelogen. Also, mein Onkel, der dafür zuständig ist, organisiert immer eine Party, wenn die Fluglotsen streiken. Ihr seid alle eingeladen.“
„Außerdem gibt es was zu feiern, Leute!“
Mia war kein Wort entgangen war, ein Stuhl fiel um, während sie zum Stammtisch stürmte. Zorn verzerrte ihr Gesicht. Sie schrie: „Natürlich gibt es was zu feiern, natürlich! Heute ist der Tag deiner Schwester, Mike, oder der Tag deiner Freundin, Katryn: der Tag der blöden Kuh.“ Schluchzend warf sie sich auf einen Stuhl, den Tom ihr zugeschoben hatte. Er flüsterte ihr etwas zu. Sie wehrte zuerst seine Worte ab. Aber Tom flüsterte weiter und streichelte ihr aschblondes Haar. Sie schluckte, fand ihr unbefangenes Lächeln wieder und nickte Tom bejahend zu. Alle klatschten, als Mia aufstand und verkündete: „Gut, fahren wir zu diesem verdammten Wäldchen, aber ich will mit meinem Wagen fahren, und Katryn fährt mit mir.“
Was genau auf der Fahrt besprochen wurde, erzählten weder Katryn noch Mia. Aber alle erinnern sich an den zauberhaften Abend in einem verwunschenen Jagdschlösschen, an dem letzten Endes zwei Verlobungen gefeiert wurden.
