Sturmnächte

Gesellschaft, Kritik, Philosophie, Nachdenkliches

Sturmnächte

 
Es fällt ihr schwer,
den Schlaf zu wagen
wenn der Wind Klagen pfeift
und Äste an das Fenster schlagen.

Eine dieser Nächte,
die zum Denken zwingen,
und alle Geräuschen
wie Schreie klingen.

Er war zornig, laut geworden, gegangen.
hinterlässt sie ruhelos und verwirrt.
Sie weiß,
was kommen wird.

Er in ihr.
Betrunken.

Er ist schon da.
Und sie versunken.

Sie nimmt ihn kaum wahr,
ist in den Sturm der Nacht,
in die Unendlichkeit geflohen,
hat dort eine Ewigkeit verbracht.

Gefangen und befreit zugleich,
hat zitternd im Nirgendwo verharrt,
hinter verschlossenen Türen
das Gesicht gewahrt.

Sie spürt Nässe, schmeckt salzig,
der Schmerz verbietet ihr, zu weinen,
sie fühlt sich schuldig,
denn die Tränen sind die Seinen.

Sie hört sein Schluchzen,
will ihm glauben – kann es nicht,
nie wieder wird er sie verletzen,
so schwört, beteuert er und verspricht.

Als das Dunkel dem Morgen weicht,
verschwimmt die Nacht
zum niemals Gewesenen;
der Tag hat neue Hoffnung gebracht.

Sie sitzt alleine an der Klassenwand,
kopfversunken und schreibt;
sie mag Mathe –
weil’s immer logisch bleibt.

von wie]<->[so

Re: Sturmnächte

 
Hallo,

seitdem ich dein Gedicht gelesen hab, klebt es in meinem Kopf fest und lässt nicht zu, dass ich mich auf anderes konzentriere. Eigentlich kann ich im Moment nur schwer Worte finden, weil mich die sprachgewaltigkeit umhaut. ich versuchs mal...
die intensität und die bedrückende Enge, die kurzen Momente der Entschlossenheit und Versuche des Ausbruchs...und dann Rückkehr zum Alltag, als wenn nichts wäre...traurig traurig und keiner merkts...ein stückweit auch ein Fausthieb gegen die ignoranz der umwelt und ein ganz lauter Hilferuf...oder deute ich das falsch?
Am liebsten würde ich sie in die Arme schließen und eigenhändig befreien.

von EmilyD

Re: Sturmnächte

 
Hallo :D ,

zunächst einmal möchte ich dir sagen, dass dein Gedicht wirklich fesselnd ist. Ich würde dir gerne kurz erzählen, woran ich während des Lesens gedacht habe, vielleicht trifft es ja die Intention deines Gedichts....
Man fühlt sich zunächst in die Szene rein, in das Unwetter, den Sturm, den Krach und hört das Pfeifen. Dann, bei

Er war zornig, laut geworden, gegangen.
hinterlässt sie ruhelos und verwirrt.
Sie weiß,
was kommen wird.

Er in ihr.
Betrunken.


denke ich, dass ein Streit zwischen einem Paar geschah, dass er zu ihr kommt, mit ihr schläft. Eventuell Gewalt im Spiel ist und sie das alles einfach so hin nimmt, als wäre es nichts besonderes. Etwas, was sie anscheinend nicht zum ersten Mal erlebt.

Sie spürt Nässe, schmeckt salzig,
der Schmerz verbietet ihr, zu weinen,
sie fühlt sich schuldig,
denn die Tränen sind die Seinen.

Sie hört sein Schluchzen,
will ihm glauben – kann es nicht,
nie wieder wird er sie verletzen,
so schwört, beteuert er und verspricht.


Die Gefühlsbreite ist beeindruckend. Man kann sich sowohl in ihn reinfühlen, als auch sie verstehen. Man fühlt sich als Leser hin und her gerissen. Dein Übergang zum ganz normalen Alltag, fast trockenen normalen Leben ist schonungslos und lässt einen darüber nachdenken, dass jeder nur seine Fassade spielt und jeder etwas vor den anderen versteckt. Gefühle, Ängste. Nicht alles kann man aussprechen oder zeigen. Dein Gedicht ist sehr tiefgründig, gefällt mir ausgesprochen gut und hat mich sofort mitgerissen.
Über den Inhalt werde ich mit Sicherheit noch eine Weile nachdenken. Vielleicht auch andere. Jeder hat einen Grund, warum er ist wie er ist. Eventuell war das auch die Aussage deines Gedichts, vielleicht interpretiere ich das auch lediglich hinein. Auf jedenfall freue ich mich auf weitere Gedichte von deiner Seite!

Alles Liebe
von
Amalthea :D

von Amalthea

Re: Sturmnächte

 
Wenn ich Dein Gedicht richtig verstanden habe, bin ich dafür, es anstelle der STOP-Schilder im Internet zu verwenden.

Am Anfang denkt man es geht um eine Frau. Am Ende stellt sich aber heraus, dass es ein Mädchen ist, welches noch zur Schule geht. Krass. Wie alt sie ist, wird nicht genau klar. Ich weiß nicht wie ich das beschreiben soll, aber ich finde, Du hast es anschaulich gemacht, was für einen schrecken das Mädchen druchlebt.

Die sprachliche Wucht ist enorm. Und den halben Bruch mit dem Versmaß verpasst mir Gänsehaut.
Er in ihr.
Betrunken.

Er ist schon da.
Und sie versunken.


Und auch die Flucht der Protagonistin in ihre Irreale Welt wird sehr klar. Aber gleichzeitig flieh sie auch in die Mathematik, deren Logik sie braucht. Wirklich beeindruckend. Und irgenwie assoziere ich die ganze Zeit Nähe zur See, einen Leuchtturm und einen Seemann mit gelben Regencape. Weiß auch nicht wieso. Wird an mir liegen.

Eins würd ich aber noch versuchen: Den letzten Vers so hinzukriegen, dass er sich komplett reimt. Dann bleib das noch stärker im Gedächtnis. Vielleicht "Schulphysik" auf "Mathematik". Aber Vorschläge klingen immer so besserwisserisch finde ich. Sorry dafür. Danke für das Gedicht.

von Fred Fredson

Re: Sturmnächte

 
@Amalthea / Fred Fredson
Ich freue mich, dass ich den Nerv getroffen habe. Es war tatsächlich so beabsichtigt, wie ihr es interpretiert habt. Ich wollte die Schockwirkung dadurch verstärken, dass es sich um ein Kind oder einen Teenager handelt, der solche Situationen erlebt. Übrigens ist mein LI kein Einzelfall - solche Szenarien ereignen sich auch in unserem Land täglich tausendfach, ohne dass wir etwas davon ahnen (wollen).

@Fred Fredson
Und irgenwie assoziere ich die ganze Zeit Nähe zur See, einen Leuchtturm und einen Seemann mit gelben Regencape.

Soetwas war zwar nicht vorgesehen - aber fühle dich frei, zu sehen, was du möchtest. Genau das macht doch den Reiz aus, jeder liest und fühlt anders.

Vielen Dank euch allen

Gruß
sowieso

von wie]<->[so

Re: Sturmnächte

 
Hallo Wieso,
inhaltlich ist der Text ja bereits gewürdigt worden und ich kann mich da nur anschließen.
Formal könnte ich mir den Text etwas mehr verdichtet noch wirkungsvoller vorstellen.
Die ersten beiden Verse sind zu ausufernd und für mich eigentlich entbehrlich, wären aber für sich ein eigenes gutes Stimmungsgedicht. Die Sturmnacht taucht ja später noch einmal im Text auf.
An der Stelle

"Er war zornig, laut geworden, gegangen.
hinterlässt sie ruhelos und verwirrt.
Sie weiß,
was kommen wird.

Er in ihr.
Betrunken.

Er ist schon da.
Und sie versunken."

bin ich im Erzählstrang etwas gestrauchelt.
Ich nehme an, er ist zornig fortgegangen und später betrunken zurückgekehrt.
Dieses "später" sollte im Text irgendwie erkennbarer auftauchen, um den zeitlichen Ablauf deutlicher darzustellen.

Soweit meine Anmerkungen zu deinen sehr bedrückenden Bildern eines Kindesmissbrauches.
LG
Perry

von Perry