Ja ja. Es steigen halt immer zuerst die Essensgerüche aus der Erinnerung auf, wenn man an das Wort „Riechen“ denkt. Der leckere Bratenduft an den Sonntagen, der wunderbare Duft nach Backwerk kurz vor Weihnachten... je weiter man in seiner Erinnerung herabsteigt, desto mehr dominieren die Gerüche nach Essen. Das sagt uns einiges über menschliche Prioritäten...
Allerdings ist dies auch nicht weiter verwunderlich, wenn man weiß, dass Geschmacksbilder zu neunzig Prozent durch die Geruchsrezeptoren in der Nase geprägt werden. Die Nase ist schon ein wunderbar empfindliches Organ und trägt weit mehr zu unserer Orientierung in der Welt bei, als wir ihr im ersten Moment eigentlich zugestehen wollen. Da denken wir ja immer erst einmal an Augen und Ohren, dann an den Tastsinn. Der Nase weisen wir üblicherweise die Rolle des Aschenputtels zu. Vielleicht weil sie ihre Arbeit so hintergründig und unaufdringlich verrichtet.
Aber wir wissen genau, dass wir uns wohl einer Pflichtverletzung schuldig gemacht haben, wenn wir unsere Blumentöpfe gießen und ein intensiver erdiger Geruch aufsteigt. Nur strohtrockene Erde gibt diesen starken Duft ab, wenn sie nach langer Zeit erstmalig wieder mit Wasser in Berührung kommt.
Und wenn aus dem Auspuff des Wagen unseres Nachbarn weißer Rauch dringt, dann ist es unsere Nase, die die Diagnose stellt, falls dieser Rauch einen ganz besonderen stechend metallischen Duft verströmt: Zylinderkopfdichtung kaputt, au weia!
Vielleicht messen wir ihr ja deshalb geringere Bedeutung für unsere Orientierung zu als Augen und Ohren, weil sie uns keine eindeutigen räumlichen Signale zu vermitteln weiß. Und doch: Man könnte uns Augen und Ohren zuhalten, wir würden dennoch immer wissen, ob wir uns in der U-Bahn, einer Kirche oder dem heimischen Wohnzimmer befinden... einfach an Hand der charakteristischen Gerüche.
Herzlich
Merlinor