In einer Art kreativer Erguss habe ich das Ding ohne Pause niedergeschrieben und jetzt ist es ... nachts um halb 3; das könnte meine Fähigkeiten also eventuell negativ beeinflusst haben.
„Warum tust du das?“, fragte er sie genervt.
„Warum tue ich was?“ Arglos schaute die Angesprochene ihrem Gesprächspartner in die Augen. Ihrem scheinbar offenen Blick war es ein Leichtes Gedanken und Gefühle zu verbergen.
„Das weißt du ganz genau!“
Verärgert blickte er in die grünen Augen, die sich eisern weigerten, auch nur das geringste an Information preiszugeben.
Unbeeindruckt von den neuesten Verdächtigungen, ließ sie gelassen ihren Jadeblick durch den Raum wandern; brachte Polizisten und aufgewühlten Angestellten die gleiche Aufmerksamkeit entgegen wie einer chinesischen Blumenvase neben den verglasten Aufzügen oder seiner neuen Seidenkrawatte. Gedankenverloren spielte sie mit einer vorwitzigen Locke, die ihr ins Gesicht gefallen war.
War seine Krawatte zu auffallend?
Schnell sammelte er seine verstreuten Gedankengänge wieder ein und konzentrierte sich erneut auf den Sachverhalt – die Modeberatung musste warten.
„Der Parka! Du bringst dich in Teufelsküche mit deinen Aussagen - Ich habe mit dir telefoniert, vergiss das nicht; du warst zu Hause!“
„Der Abend ist lang, Chéri“, entgegnete sie ihm, „da kann so einiges passieren.“ Das goldene Alupapier knisterte verheißungsvoll, als sie nach einer Praline auf dem Bistrotisch griff, diese sorgfältig ausrollte und sie dann genüßlich in ihren roten Mund schob.
„Ich war da.“
„Das macht dich zur Hauptverdächtigen, ist dir das klar?“ Ungläubig starrte er ihr in die Augen und versuchte, ihnen doch noch einen Hinweis zu entlocken.
„So?“, verwundert hob sie eine ihrer sorgfältig gezupften Augenbrauen in die Höhe, „wie unangenehm.“
„Unangenehm... Ist das alles was dir dazu einfällt?“ Seine Gesichtszüge begannen auseinanderzufallen.
„Unangenehm! Katzen sind unangenehm; kalte Wintertage manchmal und Verspätungen immer – aber 20 Jahre Gefängnis!“
„Würden Sie die Marzipanpralinen bitte nachfüllen? Das ist nett, danke“, richtete sich das hauptverdächtige Wesen an den nächsten Angestellten.
„Ich bin zwar hauptberuflich dein Bruder – aber auch Anwalt!“
Langsam aber sicher schien er die Fassung zu verlieren. Wie sollte er bitteschön verteidigen, wenn seine Klientin gar nicht das Bedürfnis hatte aus diesem ganzen Schlamassel gerettet zu werden.
„Ich kann nun einmal die Wahrheit nicht leugnen“, entgegnete sie ihm gelassen und zupfte sich die Frisur zurecht.
„Meinst du, blonde Haare würden mir eher stehen?“ Sie zog einen kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche und warf einen prüfenden Blick hinein.
„Aber den Parka hatte sie doch schon Donnerstag von dir geliehen; du hast mir davon erzählt, weißt du nicht mehr? Es war ein eisiger Abend und du wolltest sie nicht ohne Jacke nach Hause schicken; meintest es würde dich mehr kosten, wenn sie auf Grund von Krankheit ausfallen würde – Ja, so wars!“ Immer schneller kamen die Worte aus seinem Mund gesprudelt und überschlugen sich fast, als er begann die Vorgeschichte, die sie entlasten konnte, zu rekonstruieren.
„Falsch.“
Widersprach ihm und beförderte den Spiegel zurück in ihre Handtasche.
Irritiert zuckte er zusammen und starrte sie mit offenem Mund an.
„Ich habe ihr die alte Jacke gestern abend vorbeigebracht; als Dankeschön für das Seidentuch, dass sie mir zu Weihnachten hat zukommen lassen. Ich habe sie eh nie getragen – und ihr hat sie auf Anhieb gefallen; warum also nicht?“
„Warum nicht? Ich sag’ dir warum! Du hast noch nie – wirklich noch NIE – eine Angestellte besucht – deshalb!“
Unbeabsichtigt war sein Tonfall kontinuierlich lauter geworden mit dem Ergebnis, dass er die letzten Worte fast in die Empfangshalle gebrüllt hatte. Einige Angestellte und Gäste im Foyer schüttelten missbilligend ihre Köpfe ob des unziemlichen Verhaltens des aufgeregten Herrn.
„Ich war da, das lässt sich nicht leugnen – aber das heißt nicht, dass ich sie umgebracht habe“, meinte sie mit ruhiger Stimme.
„Als ich gegangen bin, hat sie noch gelebt - da bin ich mir ziemlich sicher.“
„Definiere ziemlich sicher: Entweder man ist tot oder man lebt!“ Er verstand seine Schwester einfach nicht; was hatte sie nur davon, unschuldig verdächtigt zu werden.
„Sie hat sich bewegt und mir eine gute Nacht gewünscht; reicht das um als lebendig zu gelten?“, neckte sie ihn.
„Ach ja“, sie wechselte in einen beiläufigen Tonfall, „steht nun eigentlich im Polizeibericht, dass ich gestern in ihrer Wohnung gewesen bin?“ Scheinbar uninteressiert suchten ihre Augen die seinen und warteten die Antwort ab, während ihre mit einer weiteren Praline gefüllte Hand auf dem Weg zum Mund innehielt.
„Ja, ja ... das ist es ja gerade!“, murmelte er verärgert und fuhr sich fahrig mit einer Hand durch sein Haar.
„Du machst es mir als Anwalt unnötig schwer, verstehst du das nicht?“
Begütigend tätschelte sie eine seiner Hände und schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln, während sie die letzte Praline in seiner Jackettasche verschwinden ließ.
„Aber dafür habe ich ja dich Chéri - du hast mich noch nie im Stich gelassen!“
„Es war ihr Ex-Verlobter -“
Die Sonne strahlte durch das Fenster an diesem kühlen Frühlingstag und an den kahlen Platanen vor der grauen Anwaltskanzlei zeigten sich die ersten grünen Blätteransätze. Seufzend schaute er auf die aufgetürmten Akten, die ihm den Weg ins freie Wochenende versperrten.
„Glücklicherweise hattest du kein Motiv, sonst hätte der Fall auch anders verlaufen können“, brummte er, während er seinen Schreibtisch nach einem Eilantrag durchforstete.
„Apropo Verfahren, gibt es Neuigkeiten bezüglich der Erbstreitigkeiten zwischen dir und Onkel Beerenbusch?“
Betont langsam strich sie sich über ihr Kleid und entfernte etwaige Falten.
„Das Verfahren wurde eingestellt – Onkel Beerenbusch ist leider unerwartet verstorben.“
„Ach so? Beim letzten Treffen schien er mir doch noch recht gesund zu sein - wann denn?“
„Abschätzend betrachtete sie ihren Bruder, während dieser, ohne Aussicht auf Erfolg, versuchte die Berge von Dokumenten auf seinem Schreibtisch zu ordnen.
„Vor zwei Monaten – am zehnten Januar...“
„Zehnter Januar – war das nicht als“, ihr Bruder stutze plötzlich und wendete sich ihr langsam zu; seine Gesichtszüge schienen ihm zu entgleisen.
„Oh keine Sorge!“ Lächelnd setzte sie sich auf den einzig vorhandenen Bürostuhl im Zimmer.
„Es gibt keine gerichtlichen Konsequenzen, obwohl ich, laut seiner Verwandtschaft, Grund genug gehabt hätte, ihn zu töten. Aber nachdem die Polizei ein wenig in den offiziellen Dokumenten gekramt hat, war ich sehr schnell entlastet.“
Schweigen hüllte den Raum ein, als sie aufstand, in ihren Mantel schlüpfte und den Raum verließ.
Ein letztes Mal drehte sie sich zu ihm, zwinkerte ihm zu und sagte: „Mord ist das beste Alibi.“
