I.D.E.N.T.I.T.Ä.T.S.N.A.C.H.W.E.I.S.

Surreales, Experimentelles und alles was sonst nirgends rein passt.

I.D.E.N.T.I.T.Ä.T.S.N.A.C.H.W.E.I.S.

 
"I.D.E.N.T.I.T.Ä.T.S.N.A.C.H.W.E.I.S.!!"

Er verlangt meine Papiere
der neue Tag

"I.D.E.N.T.I.T.Ä.T.S.N.A.C.H.W.E.I.S.!!"

Suche nach den Papieren
in den Taschen
meines abgelegten Lebens


Abgelutschte Bonbonpapiere
Zerknitterte Kassenzettel
Arztrezepte
Spickzettel
Todesanzeigen

fallen mir entgegen


I.D.E.N.T.I.T.Ä.T.S.N.A.C.H.W.E.I.S.!!

mit der Beharrlichkeit einer Stechuhr
rückt er mir auf den Leib
und findet auch noch

Zerknautschte Fotos
Zettel aus Leihbüchereien
Quittungen für durchgelaufene Absätze
Nähnadelheftchen


Er läßt es nicht gelten
und nach dieser Leibesvisitation
geht er mir unter die Haut


Doch da läuft nur ein Fließband
mit den ewiggleichen Abläufen
Homogene Männchen werden
aufgehalftert um die
Maschinerie in Gang zu halten

Mit großen Augen starren
sie mich an

Sie wollten doch nur L:E:B:E:N

http://www.youtube.com/watch?v=M_bvT-DGcWw




von El Faloose

Re: I.D.E.N.T.I.T.Ä.T.S.N.A.C.H.W.E.I.S.

 
Hi,
bin gerade auf dein Gedicht gestoßen und fand es sehr interessant.
Normalerweise kommentiere ich eher Kurzgeschichten etc. also nicht böse sein, wenn das jetzt vll nicht so "professionnel" rüberkommt ^^
Vielleicht interessiert dich ja, wie ich dein Gedicht interpretiert habe:


"I.D.E.N.T.I.T.Ä.T.S.N.A.C.H.W.E.I.S.!!"

Alles an der Schreibweise scheint zu "schreien". Ich hatte sofort das Bild vor Augen, wie man quasi aus dem Bett gezogen wird und dabei angeschrien wird.


Suche nach den Papieren
in den Taschen
meines abgelegten Lebens


Das soll vielleicht heißen, dass man vergisst, zu leben, wenn man sich nur auf Formalitäten und trockenen Bürokram beschränkt.

Abgelutschte Bonbonpapiere
Zerknitterte Kassenzettel
Arztrezepte
Spickzettel
Todesanzeigen


Der ganze Alltagskram halt^^



Er läßt es nicht gelten
und nach dieser Leibesvisitation
geht er mir unter die Haut


Vielleicht besser geht er in mich hinein/ in meine Seele/mein Innerstes...? Ist aber Geschmackssache.


Code: Alles auswählen
Homogene Männchen werden
[color=#BF0000]aufgehalftert [/color]um die


Das Wort sagt mir persönlich nichts.

Auf jeden Fall beschreibt dein Gedicht sehr gut das Gefühl, wenn man jeden Tag in die Arbeit/Schule geht, obwohl man sich gar nicht bewusst ist, was eign der Sinn davon ist. Man tut es einfach, weil man es immer tut und vergisst dabei, das Leben zu genießen. Man fragt sich, was am Ende des Lebens wohl von einem übrigbleibt - vielleicht nicht mehr, als ein Identitätsnachweis?
Ich glaube, das wolltest du damit sagen. Wenn ich mich geirrt haben, machts auch nix :D

LG

von stubentiger123

Re: I.D.E.N.T.I.T.Ä.T.S.N.A.C.H.W.E.I.S.

 
Hallo El Faloose,

Mir gefällt dein Gedicht Gut, darum werde ich es auch gerne kommentieren. :D Und das mache ich einfach wie Stubentieger 123, nämlich indem ich meine Interpretation los werde, vielleicht fallen mir dadurch ja Unstimmigkeiten auf.

"I.D.E.N.T.I.T.Ä.T.S.N.A.C.H.W.E.I.S.!!"

Der Titel weckt bei mir sofort Assoziationen: Anonymität, Bürokratie, Zwang. Das wird zum einen durch das Wort „Identitätsnachweis“ an sich bewirkt, durch die Punkte zwischen den Buschtaben (Das Wort wird auf diese Weise systematisch in seine Einzelteile zerlegt und bekommt den Charakter eines maschinell zusammengesetzten Konstruktes.) und natürlich auch durch die Fett Schrift und das doppelte Ausrufezeichen, die das ganze wie einen starken Befehl aussehen lassen.


„Er verlangt meine Papiere
der neue Tag“


Gut, hier wird konkret erzählt, worum es geht. Zusätzlich handelt es sich vielleicht um einen neuen Lebensabschnitt oder Ähnliches, sonst wüsste ich nicht, weshalb es der neue Tag sein sollte, der die Papiere verlangt.

„Suche nach den Papieren
in den Taschen
meines abgelegten Lebens“


Hier wird klar, was die Suche nach den Papieren im Folgenden so aussichtslos macht. Sie werden in den Taschen des Lebens gesucht, wo sie natürlich nicht sind. Leben ist das eine, Papiere was ganz anderes. Hier also beginnt das Problem mit einem Irrtum.
Das abgelegt Leben ist wohl ein anderes als als das aktuelle, also wieder ein Hinweis Auf Neuanfang.

„Abgelutschte Bonbonpapiere
Zerknitterte Kassenzettel
Arztrezepte
Spickzettel
Todesanzeigen

fallen mir entgegen“


Solche Sachen findet man in den Taschen des Lebens! Lauter Dinge, die mit Erlebnissen verbunden sind. Es finden sich aber nur Rückstände an, nur das Papier vom Bonbon usw., nicht das Leben selbst (Bonbon, einkaufen und Eingekauftes, Arztbesuch und Krankheit, Prüfung, Tod eines bekannten Menschen vermutlich).

„mit der Beharrlichkeit einer Stechuhr
rückt er mir auf den Leib
und findet auch noch“


Ich finde der Vergleich hapert. Ist eine Stechuhr denn beharrlich? Ich würde sagen sie ist exakt. Du könntest die Beharrlichkeit und die Stechuhr auch ohne Vergleich beibehalten (zB.: Mit Beharrlichkeit und Stechuhr). Den Rest finde ich gut.


„Zerknautschte Fotos
Zettel aus Leihbüchereien
Quittungen für durchgelaufene Absätze
Nähnadelheftchen“


Wieder eine Aufzählung von Fundsachen, dieser Gedichtsaufbau ließt sich wunderbar.

„Er läßt es nicht gelten
und nach dieser Leibesvisitation
geht er mir unter die Haut“


All die Mitbringsel aus einem alten Leben genügen dem neuen Tag nicht. Also wird unter die Haut, direkt ins aktuelle Leben selbst gegangen und nach einem Beweis für Identität gesucht.

„Doch da läuft nur ein Fließband
mit den ewiggleichen Abläufen
Homogene Männchen werden
aufgehalftert um die
Maschinerie in Gang zu halten“


Im lebenden Körper könnte der Identitätsbeweis tatsächlich gefunden werden. Zwar gibt es hier keine Papiere, aber der Organismus ist eine „Maschinerie“, besteht aus „homogenen Männchen“, „ewig gleichen Abläufen“ und einem „Fließband“. Das erinnert stark an die Maschinerie der Bürokratie und an den systematisch zusammengesetzten Titel. Das lyrische ich ist offenbar entsetzt über diesen Zustand, vor allem weil da nur ein Fließband läuft.

„Mit großen Augen starren
sie mich an

Sie wollten doch nur L:E:B:E:N“


Das Wort „Leben“ ist ebenfalls in seine Einzelteile zerlegt, was es wieder mit der Bürokratie und Maschienen Gleichsetzt.

Zusammenfassend:
Zwei Gegensätze stehen sich gegenüber, Leben als Ansammlung von bunten Erlebnissen, Eindrücken und Erinnerungen, und Leben als auf Regelmäßigkeiten und Gesetzen basierendes Konstrukt. Letzteres findet sich auf der Ebene der Verwalteten Gesellschaft (also im Großen) und auf der Ebene des Organismus (also im Kleinen), das Lyrische ich als Individuum steht dazwischen.
Die Gliederung des Gedichtes ist einigermaßen systematisch und teilt es klar in einzelteile auf. Und trotzdem scheint es lebendig, wenn ich es lese (die Form passt also gut zum Inhalt) :wink:
Aber was ist mit dem neuen Tag? Vieles hat auf einen Neubeginn hingewiesen, das schwebt jetzt noch in der Luft und müsste erklärt werden.

Ich hoffe echt, mein Kommentar ist verständlich. Vielleicht hast du dir ja auch was völlig anderes bei deinem Gedicht gedacht als ich?

Liebe Grüße!

von Flussregenpfeifer