[Nachdenk]Übungstext (noch) ohne Titel

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Übungstext (noch) ohne Titel

Beitragvon Schlammeule » 31.12.2014, 13:12

Der IC 2123 nach Hamburg-Altona donnerte vorbei, dass die Fensterscheiben klirrten. Seine entschwindenden roten Rücklichter zogen den Blick mit sich über das Gewirr der kreuzenden Bahnschienen bis sich ihre Spur in der verregneten Dunkelheit draußen verlor.

Der Mann im Weichenstellerhäuschen stand regungslos da, die Hand noch immer über dem Schaltpult. Er schien auf etwas zu warten oder vielleicht lauschte er auch einfach den verebbenden Geräuschen nach. Hätte noch Licht in dem Zimmer gebrannt, hätte man sehen können, dass seine Miene versteinert war und seine Augen in eine große Ferne blickten. Aber er hatte das Licht kurz zuvor ausgeschaltet, um besser nach draußen in die hereinbrechende Nacht zu sehen.
Er stand da als sei er mitten in der Bewegung eingefroren, bis er Minuten später tief Luft holte und sich vom Fenster abwandte, wie ein erstarrter Spieluhrmechanismus, der wieder zum Leben erwacht.
In der Tür zum Nebenraum blieb er kurz stehen, als ob ihn noch etwas zurückhalte oder vielleicht auch, weil das Licht dort noch brannte und seine Augen sich an die Helligkeit anpassen mussten. Dann stand er im Vorraum, sah sich um und nickte dabei mehrfach. Aber das Nicken schien nicht den alten Büroschränken oder dem Wandkalender neben der Tür zu gelten, die sein Blick gestreift hatte, als vielmehr auf etwas in seinem Inneren gerichtet zu sein, das er sich selbst bestätigen musste. Das war's dann also.
Mit einer routinierten Bewegung nahm er Mantel und Tasche, löschte das Licht und verließ das Häuschen. Er drehte zweimal den Schlüssel im Schloss und rüttelte anschließend prüfend an der Klinke, bevor er die drei ausgetretenen Betonstufen herunter ging und mit großen Schritten im Regen davon eilte.

Als er das Senftöpfchen betrat, saßen seine beiden Skatbrüder schon am gewohnten Tisch in der Ecke beim Bier. Er wurde mit lauten Hallo begrüßt und fegte die besorgte Frage, ob denn auch alles ok sei mit einem „Muss, muss“ vom Tisch. Doch der Fragende hakte noch einmal nach, ob Hans denn schon überlegt habe, wie es jetzt weiter gehe. Ob er nicht doch gegen die Entlassung klagen wolle. Aber dieser schüttelte den Kopf und begann umständlich über die Automatisierungen der Stellwerke zu fachsimpeln. Der Dritte am Tisch hob schließlich sein Glas und unterbrach ihn mit der Bemerkung, so ein letzter Arbeitstag habe doch auch etwas Gutes: nie wieder arbeiten müssen. Prost! Man stieß gemeinsam an und war sich einig, dass Hans sich nicht unterkriegen lassen solle. Der so Angesprochene lächelte verkrampft in sein Bier und drängte darauf mit dem Spiel zu beginnen. Man holte die Karten heraus und sie alle bestellen noch eine Runde.

Wer sie kannte, der wusste, dass sie jeden Freitag dort tranken und Skat spielten. Sie pflegten Bier und Schnaps zu trinken, in geübten Mengen aber niemals über die Stränge schlagend.
Wie der Mann nun dort zwischen seinen Freunden saß, so war daran nichts anders als jeden Freitag. Nur wer sehr aufmerksam gewesen und seine Bestellungen mitgezählt hätte, dem wäre aufgefallen, dass er diesen Abend bereits nach zwei Stunden die doppelte Anzahl Schnäpse gekippt hatte, die er üblicherweise trank.
Um halb eins kam es zur allgemeinen Aufbruchstimmung, man leerte die letzten Schlucke aus den Biergläsern, sammelte die Karten zusammen und holte die Mäntel. Vor der Tür gab es ein allgemeines Schulterklopfen und ein paar Abschiedsworte flogen hin und her, bevor sich jeder in eine andere Richtung davon machte.

Es war Zeit nach Hause und ins Bett zu gehen. Es war Zeit, alleine im Dunkeln zu liegen und die Decke anzustarren. Es war Zeit, sich zu fragen, was noch kommen konnte. Ob noch etwas kommen konnte.
Er lief mit gesenktem Kopf, den Blick auf das nasse Pflaster gerichtet. Seine Füßen trugen ihn nicht wie erwartet nach Hause, sondern den Weg zurück zum Betriebshäuschen. Es war nicht ganz klar, ob dies aus Gedankenlosigkeit oder mit Absicht geschah oder in seinem angetrunkenen Zustand begründet lag.
Als die drei Betonstufen in sein Sichtfeld gerieten, hob er den Kopf, sah sich um, als suche er etwas oder müsse sich orientieren. Dann setzte er sich auf die nassen Stufen und vergrub den Kopf in den Händen. Was blieb noch zu tun? Es gab nicht mehr viele Alternativen. Er konnte heimgehen und auf Schlaf hoffen, das leere Morgen im Nacken. Er konnte zurück ins Senftöpfchen gehen, um sich alleine weiter bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken.

Der Mann öffnete seine Tasche und kramte eine kleine Plastikkarte heraus. „Hans Brockmann“ stand darauf, neben seinem Foto und der veralteten Berufsbezeichnung „Weichensteller“. Der entscheidende Satz stand auf der Rückseite: der Hinweis, der den Träger des Ausweises als Mitarbeiter des Unternehmens berechtigte, kostenfrei im gesamten Zugnetz der Deutschen Bahn zu reisen. Er besaß seit über vierzig Jahren einen Dienstausweis und hatte ihn noch kein einziges Mal als Fahrkarte benutzt.

Er drehte den Ausweis mehrfach hin und her, kratzte mit dem Daumen über die Fotografie und schlug ihn ein paar Mal in die hohle Hand. Dann stand er schließlich auf und ging, den Ausweis fest umklammert, langsam in Richtung der Gleise. Seine Tasche blieb neben den drei regennassen Betonstufen stehen, er schien es nicht einmal zu bemerken.

-----------------

Ich habe den Text als eine Fingerübung geschrieben, um ein paar Dinge auszuprobieren. Mich würden daher bei eurem Feedback vor allem zwei Punkte interessieren:

1) Ich wollte perspektivisch eine sehr starke Außensicht probieren, die fast nur optisch beschreibt, was ein äußerer Betrachter sehen (und sich ggf. denken) könnte. Mich würde interessieren, ob mir diese Umsetzung gelungen ist, wie der Stil auf euch wirkt und ob ihr das für den Text als stimmig empfindet.

2) Ich habe eine sehr klare Vorstellung von dem Protagonisten, wer er ist, was er denkt und fühlt. Mich würde interessieren, ob es mir gelingt, etwas davon in dem Text zu transportieren. Welchen Eindruck macht der Mann auf euch, was für ein Typ ist er? Welche Eigenschaften, welchen Charakter hat er? Wie fühlt er sich? Könnt ihr anhand des Textes dazu etwas sagen oder bleibt das offen?

Vielen Dank für euer Feedback dazu – oder auch zu sonstigen Punkten, die euch auffallen!
Grüße,
Schlammeule
Schlammeule
 
Beiträge: 7
Registriert: 20.12.2014, 23:16

Re: Übungstext (noch) ohne Titel

Beitragvon Hark » 04.01.2015, 23:38

Hallo Schlammeule,
ich habe mir Deinen Text unter den von Dir vorgegebenen Aspekten durchgelesen. Rechtschreibkorrektur gibt es daher keine. :wink:

Zu 1) perspektivisch sehr starke Außensicht

Ich fand Deine Beschreibung überwiegend gelungen, aber manchmal fehlte mir einfach etwas Beschreibung. Während der Teil im Bahnwärterhäuschen noch durch eine gewisse Spannung lebt, weil man nicht genau weiß, was Hans Brockmann im Dunkeln macht, erscheint die Kneipenszene nicht sehr realistisch. Zum einen fehlt hier irgendein Merkmal, das den Namen "Senftöpfchen" rechtfertigt. Es könnte ja z.B. eine ehemalige und aufgegebene Senffabrik sein, die nun eine einigermaßen gemütliche Kneipe für Arbeiter beherbergt. Ein wenig Beschreibung der Räumlichkeit, vielleicht des Wirts und der Gäste dort würde der Geschichte mehr Farbe verleihen.

Die Tatsache, dass der Protagonist mehr trinkt als üblich, könnte auch ein wenig mehr beschrieben werden. z.B. wenn die Bedienung schon wieder einen Strich auf den Deckel macht und eine Bemerkung dazu loslässt.
Oder er selber etwas von "Ausstand" erzählt. Wie heißt es so schön? "show - don't tell." In dem Du das eine oder andere Detail hervorhebst, erreichst Du eine gesteigerte Dimensionalität, also mehr Erzähltiefe.

Interessant für den Leser sind dann eher die unerwarteten Dinge oder Ereignisse. Aber man kann auch schreiben, dass an der Wand ein FC Schalke-Wimpel hängt und in der Glotze der Musikanten-Stadl vor sich hin trällert. So könnte man das öde, muffige Milieu betonen. Rauchschwaden erwähnen. Die typische Arbeiterpinte halt. Es ist denkbar, dass Hans noch mehr Kollegen hier trifft. Den Schwatten von der Poststelle, den Alten aus der Reklamationsabteilung.

Es ist sein letzte Arbeitstag und den könnte auch entsprechend begleiten: Ein letztes Mal das Kalenderblatt abgerissen, noch ein paar Sachen aus dem Schrank mitnehmen usw.

Zu 2) Protagonist - Typ, Charakter, Gedanken, Gefühle

- Er ist pflichtbewusst und erfüllt seinen Job bis zur letzten Minute
- Er ist verschlossen und will sein Schicksal lieber begießen als besprechen
- Grundsätzlich ist er diszipliniert beim Trinken (nur heute nicht so ganz)
- Er hat einen Plan, ist aber noch unschlüssig

Mehr konnte ich nicht herausfinden. Es ist nämlich so, dass durch die ausschließlich äußerliche Beschreibung der Leser nur sehr wenige und vage Einblicke in die Gedankenwelt des Protagonisten erhält.

Schlammeule hat geschrieben:Es war nicht ganz klar, ob dies aus Gedankenlosigkeit oder mit Absicht geschah oder in seinem angetrunkenen Zustand begründet lag.


Das ist so eine Situation, wo es möglich wäre, dem Leser Einblick zu geben. z. B. "Ein unbestimmter Drang zwang ihn, eine andere Richtung einzuschlagen. Er spürte, dass er jetzt unmöglich alleine sein konnte. Der Alkohol gab ihm Mut und so lenkte er seine Schritte - ohne selbst seine Absicht zu kennen - zurück zum vertrauten Bahnwärterhaus."

Man gewinnt durch solche - selbst knapp gehaltene - Einblicke in die Gedankenwelt ein bestimmtes, greifbares Bild einer Person.

Wenn dies aber ausschließlich über äußere Eindrücke geschehen soll, dann sollte die Person auch verhältnismäßig viele Handlungen zeigen, die Rückschlüsse zulassen.

Nun wäre es spannend, zu erfahren, wohin er denn in dieser Nacht mit seiner Freifahrkarte fahren wird.
Wer weiß, vielleicht erfahren wir es in Deiner nächsten Fingerübung? Ich hoffe jedenfalls, dass ich Dir etwas weiterhelfen konnte.

Gruß,
Hark
Benutzeravatar
Hark
 
Beiträge: 136
Registriert: 09.12.2014, 19:19

Re: Übungstext (noch) ohne Titel

Beitragvon Schlammeule » 05.01.2015, 23:47

Hallo Hark,

danke für dein Feedback, das hat mir sehr geholfen!

Dass die Beschreibung in der Kneipe ziemlich kurz ist, stimmt natürlich. Ich hatte hier auch überlegt, mehr ins Detail zu gehen, mich dann aber doch dagegen entschieden - und ich hatte dabei auch mehr die Gespräche der Männer im Sinn als die Beschreibung der Räumlichkeiten.
Ich freu mich aber, dass offenbar allein der Kneipenname (und die drei Skatkumpel) bei dir schon die richtigen Assoziationen und Bilder a la muffiges Milieu auslösen - für die erste Skizze in der Vorstellung des Lesers würde mir das vielleicht erst mal genügen ;-) Ansonsten überarbeite ich den Teil ggf. auch noch mal.

Was die Charakterisierung angeht, war dein Feedback für mich besonders spannend. Natürlich hatte ich für den Protagonisten noch weit mehr im Kopf, als rübergekommen ist - aber der Verschnitt war ein bisschen durch die Perspektivwahl einkalkuliert.
Und du hast völlig recht, wenn das funktionieren soll, muss man den Protagonisten bei mehr charakteristischen Handlungen beobachten können - oder eben durch Beschreibung der Gedanken mehr Einblick geben, aber Sinn meiner Übung war ja, es allein über die Aussensicht zu versuchen.
Und grundsätzlich trifft deine Charakterisierung schon gut die Richtung meiner Vorstellungen über ihn.

Einzig der letzte Punkt ("Er hat einen Plan, ist aber noch unschlüssig") widerspricht meiner darstellerischen Absicht. In meiner Vorstellung entwickelt sich der Abend eher spontan und zufällig: Hans läuft planlos / orientierungslos rum, ihm gerät zufällig der Freifahrtsschein in die Hände und dann ist es quasi mehr oder weniger eine Affekthandlung, dem Frust durch Flucht nach vorn zu begegnen.
Wenn ich den Text aber mit deinem Feedback im Ohr noch mal lesen, muss ich auch zugeben, dass die Szene, wie er den Ausweis aus der Tasche nimmt, zu geplant wirkt. Hier müsste ich also dringend noch mal überarbeiten!

Wie die Geschichte weitergeht habe ich übrigens nur grob im Kopf: ich stelle mir eine Art Road Movie vor, bei dem Hans quer durch Deutschland fährt und diverse Begegnungen hat, die ihn sein Leben in einem anderen Blickwinkel sehen lassen oder so ähnlich.
Aber weiter bin ich da gedanklich noch nicht, weil der Text hier nur eine erzählerische Übung war, um mal was auszuprobieren.

Grüße,
Schlammeule
Schlammeule
 
Beiträge: 7
Registriert: 20.12.2014, 23:16

Re: Übungstext (noch) ohne Titel

Beitragvon Enigma » 09.02.2015, 19:18

Hallo Schlammeule :)

Ich habe mich ein bisschen durch das Forum gelesen und bin da an deinem Text hängen geblieben.
Und fand ihn so spannend, dass ich meine Gedanken dazu mit dir teilen wollte, auch wenn der Text ja schon etwas länger online ist.

Zu deinen Fragen;
1) Perspektive
Ich fand die Perspektive sehr gelungen und fand auch, dass dir diese Distanz zum Protagonisten gut gelungen ist. Es hat dadurch was sehr klares, reales und trockenes (nicht negativ gemeint), was sich meiner Meinung nach auch im Thema ein bisschen wiederspiegelt. Arbeitslosigkeit ist natürlich auch etwas sehr emotionales, aber hat sicherliich auch diese Endgültigkeit und (schockierende) Realität.
Außerdem fand ich, dass durch die Perspektive die Geschichte vor allem im ersten Teil eine tolle Spannung aufgebaut hat. Ich persönlich hab mich gefragt, wieso denn der Mann in dem Bahnhäuschen erwähnenswert ist, was seine Geschichte ist und warum sie erzählt wird. Am Anfang kann im Prinzip ja noch alles passieren, und das hat mich gefesselt.
Alles in allem fand ich das sehr spannend und toll gelöst.

2) Protagonist
Meine Ideen / Gedanken / Vermutungen zu ihm sind:
Er ist pflichbewusst. Er hat ein sehr klares und sturkuriertes Leben.
Er braucht Routine; seit 40 Jahren der gleiche Job, die gewohnte Kneipe, die gewohnten Skatbrüder, der gewohnte Tisch usw. Struktur und Routine sind für ihn elemtar.
Er ist unspontan, er ist (bisher) mit seinem Leben zufrieden gewesen mit dem was er hatte.
Er ist nicht besonders emotional, trägt dies zumindest nicht nach außen.
Ich finde, es kommt nicht so rüber, als hätte er einen Plan, eher das Gegenteil ist der Fall. In meinen Augen brauchte er nie einen Plan, weil die Routine und Struktur in seinem Leben ja nicht viel Platz für Pläne ließ.
Jetzt ist die Routine weg, und er hat keinen Plan, was jetzt passiert.


Ein paar Formulierungen im Text sind mir besonders aufgefallen;

Der IC 2123 nach Hamburg-Altona donnerte vorbei, dass die Fensterscheiben klirrten.


Dass du die Zugnummer genau erwähnst finde ich toll, ist ein schöner Einstieg.
Ich würde dann aber eher schreiben ".., sodass die Fensterscheiben klirrten"

Gewirr der kreuzenden Bahnschienen bis sich ihre Spur


Vielleicht "der sich kreuzenden Bahnschienen"?

den verebbenden Geräuschen nach


"verebbende Geräusch" finde ich sehr schön, würde dann aber das "nach" weglassen, braucht man glaube ich an der Stelle nicht so.

wie ein erstarrter Spieluhrmechanismus, der wieder zum Leben erwacht.


Für mich der schönste Satz, den ich seit langem gelesen hab. Finde ich wirklich unfassbar toll :)

Der so Angesprochene lächelte verkrampft in sein Bier


Mir würde hier "der Angesprochene" reichen


Insgesamt fand ich den Text wirklich bewegend und finde auch das Thema schön, das dabei aufgegriffen wird.
Arbeitslosigkeit im konkreten Sinn, aber auch diese Frage, die dahinter steht, und ja immer wieder angedeutet wird. Was wird als nächtes kommen, wird überhaupt was kommen? das leere Morgen im Nacken.
Das sind alles schwierige Sinnfragen im Leben, die natürlich in so einem Fall noch einmal umso präsenter werden.
Ich finde den Text wirklich schön und spannend und muss sagen, er hat mich irgendwie gefesselt.
Großes Lob :)

Viele Liebe Grüße,
Enigma
Creativity takes Courage - Henri Matisse
Enigma
 
Beiträge: 1
Registriert: 09.02.2015, 12:30

Re: Übungstext (noch) ohne Titel

Beitragvon Primeltoaster » 10.03.2015, 10:46

Hey Schlammeule,

auch ich möchte dir gerne etwas zu deinem Text sagen, da er - ungeachtet der Tatsache dass ich hier noch nicht sooo lange unterwegs bin - schon in die Kategorie derer gefallen ist, die ich besonders toll und interessant fand.

Zu deinen Fragen:

1. Die Perspektive ist einer der wichtigsten Grundpfeiler dieses Textes finde ich, sie macht ihn auf eine sehr einzigartige Weise distanziert, aber eindrucksvoll. So wie Enigma haben mich die ersten Sätze total in seinen Bann gezogen, ich musste sogar nach ein paar Sätzen erstmal überlegen - Moment. Ach, jetzt gehts um den Mann im Weichenstellerhäuschen?! Durch diesen ersten Satz hatte ich (lustigerweise) irgendwie assoziiert, es sei einfach so eine beiläufige Beobachtung eines Zuginsassen, der gerade nach Hamburg-Altona fährt, wo die Geschichte vielleicht ihren Lauf nimmt. Fand ich super, weil es mich "gezwungen" hat, nochmal etwas aufmerksamer zu lesen, und das hat sofort Spannung aufgebaut. Würde ich ein Buch mit so einem Anfang in die Hände bekommen, würde ich definitiv weiterlesen. Den Weiterverlauf des kurzen Abschnitt im Hinterkopf hat es sogar eine tiefere Bedeutung, den Namen und die Nummer des Zuges genau zu nennen, gefällt mir sehr gut. Um zurück zur Perspektive zu kommen: Trotz dieser "Außenseiter"-Erzählweise gelingt es dir, teilweise mehr oder weniger indirekt auf die Charakterisierung des Protagonisten einzugehen, als ein Beispielsatz dafür würde ich spontan den hier nennen:
Das war's dann also.
relativ am Anfang, wo er noch im Häuschen steht. In Bezug auf den Weiterverlauf ebenfalls eine Art der Vorwegnahme und damit für den Leser im Nachhinein sehr schön, wenn er darüber nachdenkt, da die Story so viel mehr Erzähltiefe bekommt und nicht so linear wirkt, als müsste eines nach dem anderen passieren und erzählt werden.

Ich merke schon, die Perspektive geht für mich in die Charakterisierung des Protagonisten über, also die beiden sind sehr eng miteinander verbunden.
also 2., ich denke man kann anhand des Textes schon einiges über den Charakter sagen. Auch auf mich wirkt er pflichtbewusst, wie auch im Text steht routiniert und daher durch die Entlassung vor allem in einer gewissen Planlosigkeit oder vielleicht eher Ratlosigkeit "gefangen" (ab diesem Tag). Zugegeben, der Part mit der Karte passiert tatsächlich ein bisschen wie "geplant", aber schon alleine diese Idee, seinen eintönigen bzw. immer gleichen Alltag noch einmal dadurch zu verdeutlichen, dass er die Karte in 40 Jahren nicht ein einziges Mal als Fahrkarte benutzt habe, macht das doppelt wieder wett! Das war eine der Stellen, an denen ich schmunzeln musste, weil es eine unglaublich geniale indirekte Charakterisierung von ihm bzw. seinem Alltag ist, die man glaube ich selten so (gut) in anderen Werken findet. =) Auch sehr schön finde ich die direkte oder auch indirekte Wiederholung der Frage, was er denn nun ab morgen machen solle, was seine Ratlosigkeit natürlich verstärkt. "Das leere Morgen im Nacken", ebenfalls eine super Formulierung.

Achso, an einer Stelle hätte ich noch eine Kleinigkeit auszusetzen:
Doch der Fragende hakte noch einmal nach, ob Hans denn schon überlegt habe,
, das ist der Punkt wo der Protagonist zum ersten Mal für den Leser als Hans identifiziert wird, wenn mich nicht alles täuscht. Mir persönlich kam es ein bisschen komisch vor, dass er genau ab dem Punkt, wo zwei andere Männer ins Spiel kommen, einen Namen bekommt, als wollte man hier einfach vermeiden, dass es Verwechslungen gibt, und das wäre mir dann etwas zu offensichtlich. Schöner fände ich es, wenn er schon ab dem Eintritt ins "Senftöpfchen" Hans hieße, dann hat man einerseits den Namen für das folgende Gespräch und die Identifikation zur Verfügung stehen, aber andererseits noch einmal einen kurzen "Fragepunkt" für den Leser, weil dazwischen ja ein Absatz ist und man erstmal wieder ein, zwei Sätze lesen muss um sagen zu können "Ja, der Mann aus dem Weichenstellerhäuschen ist jetzt tatsächlich der Hans, der hier gerade die Kneipe betreten hat" ;) Falls du verstehst. Ansonsten finde ich die im ersten Absatz vorhandene Unpersönlichkeit des Mannes sehr passend, auch zur ja schon ausführlich gelobten Erzählweise.

Beste Grüße und über eine Fortsetzung ich persönlich mich sehr freuen :)
Primeltoaster
 
Beiträge: 6
Registriert: 09.03.2015, 23:13


Zurück zu Nachdenkliches

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste