Ungebeten

Ungebeten

 
Ungebeten
von Maabra

In musikalischer Begleitung tippt er die mehrstellige Nummer in sein Telefon. Die Leitung knackst … Rattert und ächzt. Er spürt, wie sich die Wahlimpulse ihren Weg ins europäische Ausland bahnen. Pioniere, die darauf getrimmt sind, jegliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen und … Die Leitung bricht ab.

„Das kennen wir ja schon“, murmelt er, während er seinen zweiten Verbindungsaufbau startet. Seine Finger zittern. Dieses Mal drückt er die Zifferntasten langsamer, mit besonderem Nachdruck, ganz so, als ob er seinem Pioniertrupp klar machen wolle, dass es jetzt punktgenau klappen muss – höchste Konzentration, Disziplin und keine Kompromisse. Wer versagt, wird degradiert. Er muss lachen bei der Vorstellung, dass er Oberbefehlshaber einer Telefonverbindungstruppe sei, die bäuchlings ins feindliche Territorium robbt, mit dreckverschmiertem Gesicht, Tarnbemalung und mit einem schwarzen, spiralförmigen Telefonkabel bewaffnet. Sie ächzen wieder … Sekunden vergehen … Diesmal ein Freizeichen. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht lobt er seine Jungs in Gedanken: Gut gemacht.

Auf der anderen Seite der Leitung – 1.200 Kilometer entfernt –, tief im Feindesland, nimmt jemand den Hörer ab. Eine dunkle, gebrechliche Stimme nuschelt ein „Hallo?“ in die Sprechmuschel. Eindeutig ein Mann. Freund oder Feind?

„Hallo. Ich bin’s. Kann ich bitte Marie sprechen?“ Funkstille. Dann eine undefinierbare Antwort in gebrochenem Deutsch, überlagert von Störungen in der Leitung. Er wendet sich vor seinem geistigen Auge einem jungen Soldaten mit dicker Nickelbrille zu: „Sie sind mein bester Dechiffrier-Spezialist. Jetzt zeigen Sie, was Sie können.“

„Jawohl, Sir“, kommt wie aus der Pistole geschossen. „Sir, die Nebengeräusche sind zu stark. Ich kann den Inhalt der Botschaft nicht entschlüsseln, aber …“

„Was – aber?“

„Sir, es ist vom Klangbild eindeutig eine Frage, Sir.“


Bewusst darauf bedacht, mit aller Deutlichkeit und Nachdruck zu sprechen, formuliert er seine Frage in eine Aussage – fast schon als Befehl: „Ich möchte Marie sprechen!“ Ein kurzer Moment, dann – klack.

„Sir, allem Anschein nach wurde der Hörer auf eine Art … Ähm … Tischplatte gelegt, Sir.“
„Das habe ich auch gemerkt, Schlaumeier.“


Das Telefon auf der anderen Seite wird weiter gereicht. Im Hintergrund hört er ihre Stimme. Sie lacht. In diesem Augenblick wird die graue Wolkendecke über ihm durch einen gleißenden Lichtstrahl aufgeschnitten. Er durchbohrt seine Haut, trifft sein Herz und verbrennt mit der Energie eines Laserstrahls sein Muskelfleisch. Wie sehr mir deine Stimme gefehlt hat. Er atmet tief durch.

Eine junge Frauenstimme, frisch, klar und überhaupt nicht feindselig, reißt ihn aus seinen Gedanken: „Hallo?“

„Ja, ich bin’s. Ich möchte bitte Marie sprechen.“

„Ah … Moment.“ Ein weiteres Klack.

„Sir, ich glaube, wir …“

„Ja, ja, ich weiß. Wir liegen wieder auf dem Tisch. Wegtreten, Soldat.“


Im Hintergrund ist zu hören, wie die junge Frau eine Botschaft überbringt. Gesprächsbrocken kann er aufschnappen, nichts Konkretes. In den ganzen Jahren hat er es versäumt, die fremde Sprache zu lernen. Er wollte immer – gab es zumindest vor –, doch über die anfängliche Sprachbegeisterung, um sie zu beeindrucken, ging es nie hinaus. Weshalb auch? Schließlich hat er sie erobern können, ohne sein Versprechen jemals einlösen zu müssen. Sofern er sich erinnern konnte, war das sein erstes Versprechen in einer unendlichen Reihe, das er brach.

Sein Körper ist gespannt. Es fühlt sich wie ein Déjà-vu an, nur mit einem Unterschied: Dies hier ist keine neue Situation, die sich nur so anfühlt, als hätte er sie schon erlebt, die ihm vorgaukelt, dass sie schon geschehen sei, irgendwann einmal, in der Vergangenheit, in einem Vorleben oder vielleicht erst in naher Zukunft geschieht. Dies hier hat er bereits erlebt und das nicht nur ein Mal, sondern fast ein Dutzend Mal - ganz genau gesagt das elfte Mal. Seit Wochen versucht er, die Stimme von Marie nicht nur aus dem Hintergrund zufällig aufzuschnappen, sondern sie direkt an sein Ohr zu bekommen. Er will mit ihr sprechen und dürstet nach ihrer süßen Stimme wie ein ausgezehrter Fremdenlegionär, der sich in der Wüste verlaufen hat, seit Tagen unter der glühenden Hitze nach Wasser sucht, allerdings auf eine Fatamorgana nach der anderen hereinfällt, immer in der Gewissheit, dass der nächste zu scheiternde Versuch sein Todesurteil bedeuten kann.

Aus dem feindlichen Hintergrund, Hunderte von Kilometern entfernt, vernimmt er das hyänische „Nein! Kommt nicht in Frage.“ Es ist wieder soweit. Der Kampf mit der Bestie steht bevor, die ihn in den vergangenen Versuchen immer wieder am Nacken zu packen bekam, doch er konnte ihren Reißzähnen immer wieder entfliehen – noch. Er hört sie auf den Hörer zukommen. Er schließt seine Augen mit der Vorahnung, dass die Hölle gleich wieder ihre Pforten öffnet.

„Du brauchst hier nicht weiter anzurufen. Ich lasse dich nicht mit Marie sprechen, das weißt du ganz genau.“ KLICK … Funkstille.

Sie hat ihm diesmal nicht einmal die Chance gegeben, zu atmen und etwas zu sagen. Verblüfft und mit einem Anflug von Sadismus drückt er die Wiederholtaste. Auf geht’s, Jungs. Zurück ins Kampfgebiet! Wieder das Freizeichen … Allerdings nur ein Ton lang.
„WAS – WILLST – DU, verdammt noch mal?“, schreit sie durch die Leitung. „Wann kapierst Du es endlich? Du wirst …“

Er fällt ihr ins Wort, ruhig, aber bestimmt: „Ich möchte mit meiner Tochter sprechen, bitte.“

„Das wirst du aber nicht. Ich gebe sie dir nicht.“ Er kann sehen, wie sie am anderen Ende der Leitung mit gefletschten Zähnen in den Hörer blafft, jederzeit dazu bereit, ihn wieder zu packen. Bleib ruhig. Biete ihr keine Angriffsmöglichkeit – und pass auf deinen Nacken auf.

Kontrolliert fragt er nach. „Wann kann ich mit Marie sprechen?“ Sie setzt zum Sprung an, um ihre Beute mit einem gezielten Nackenbiss zu reißen. In der Gewissheit, dass ihr Opfer keine Chance hat, rammt sie ihm ihre Reißzähne in den Nacken: „Das Kind muss sich erst mal wieder beruhigen …“, die spitzen, tödlichen Reißzähne bohren sich in sein Fleisch … „Das Erste, was sie hier ihrer Großmutter erzählte, war, dass sie von Zuhause weg musste, weil der Papa ihre Mama gewürgt hat.“

Leg auf und flüchte – verschwinde, sonst bringt sie dich um! Er gibt seinem Impuls nach und legt auf, bevor die Zähne die lebensnotwendigen Nervenbahnen und sein Rückenmark durchtrennen. Sie hat ihm eine klaffende Fleischwunde verpasst. Schmerzen und der bittere Geschmack einer verlorenen Schlacht machen sich in seinem Körper breit. Seine rechte Hand umfasst krampfhaft den Hörer und drückt ihn mit aller Kraft auf die Gabel und scheinbar durch sie hindurch. Das Telefon stöhnt unter dem Druck – dafür war es nicht geschaffen.

Plötzlich reißt er den Hörer in die Höhe und lässt ihn krachend auf das Telefon nieder. Immer wieder und wieder schlägt er mit dem Hörer mit voller Wucht auf das Telefon ein.
„Du beschissenes Miststück … Du beschissenes Miststück … DU – VERDAMMT – BESCHISSENES – MISTSTÜCK!“

Das Telefongehäuse bricht auf, die Tasten fliegen durch den Raum, scharfkantige Platinen aus dem Innenleben reißen die Haut auf seinen Knöcheln auf. Er lässt den Hörer fallen – zumindest den Rest, der davon übrig ist. Er setzt sich in seinen Bürostuhl, lehnt sich zurück und blickt zum Fenster hinaus. Im Hintergrund bahnt sich Alanis Morissettes Refrain in sein Hirn: „You are uninvited!“

von Maabra

Re: Ungebeten

 
Hi Maabra,

Wow ... sehr gut gelungener Text. (Kurzzusammenfassung meiner nun folgenden Kritik ^^) Ich denke, du möchtest das noch ein bisschen ausführlicher *grins*. So *streck*:

Maabra hat geschrieben:In musikalischer Begleitung tippt er die mehrstellige Nummer in sein Telefon. Die Leitung knackst … Rattert und ächzt. Er spürt, wie sich die Wahlimpulse ihren Weg ins europäische Ausland bahnen. Pioniere, die darauf getrimmt sind, jegliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen und … Die Leitung bricht ab.


Hier würde ich das "In" durch "Mit" ersetzen, klingt in meinen Ohren logischer. Der Vergleich mit den Pionieren gefällt mir sehr gut ^^ Vor allem, weil du später die ganze Zeit bei diesem "Schlachtvokablular" bleibst.

Maabra hat geschrieben:„Das kennen wir ja schon(.)“, murmelt er, während er seinen zweiten Verbindungsaufbau startet. Seine Finger zittern. Dieses Mal drückt er die Zifferntasten langsamer, mit besonderem Nachdruck, ganz so, als ob er seinem Pioniertrupp klar machen wolle, dass es jetzt punktgenau klappen muss – höchste Konzentration, Disziplin und keine Kompromisse. Wer versagt, wird degradiert. Er muss lachen bei der Vorstellung, dass er Oberbefehlshaber einer Telefonverbindungstruppe sei, die bäuchlings ins feindliche Territorium robbt, mit dreckverschmiertem Gesicht, Tarnbemalung und mit einem schwarzen, spiralförmigen Telefonkabel bewaffnet. Sie ächzen wieder … Sekunden vergehen … Diesmal ein Freizeichen. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht lobt er seine Jungs in Gedanken: Gut gemacht.

Kleiner formaler Fehler: Bei Aussagesätzen in wörtlichen Reden lässt man den Punkt am Ende weg, wenn der Satz nach einem Komma weitergeführt wird.
Sonst, wie gesagt, der sehr gut gelungene Vergleich mit dem Pioniertrupp ^^. Da muss man als Leser schmunzeln.

Maabra hat geschrieben:Auf der anderen Seite der Leitung – 1.200 Kilometer entfernt –, tief im Feindesland, nimmt jemand den Hörer ab. Eine dunkle, gebrechliche Stimme nuschelt ein „Hallo?“ in die Sprechmuschel. Eindeutig ein Mann. Freund oder Feind?

Hier wird die Spannung gut gesteigert. Zumindest ich habe in dem Moment geschnallt, dass der Vergleich mit dem Pioniertrupp hier eine ganz andere, ernstere Bedeutung haben könnte. Man fragt sich, warum das jetzt das "Feindesland" ist, er ruft ja immerhin dort an. Sehr schlau eingebaut ^^.

Maabra hat geschrieben:„Hallo. Ich bin’s. Kann ich bitte Marie sprechen?“ Funkstille. Dann eine undefinierbare Antwort in gebrochenem Deutsch, überlagert von Störungen in der Leitung. Er wendet sich vor seinem geistigen Auge einem jungen Soldaten mit dicker Nickelbrille zu: „Sie sind mein bester Dechiffrier-Spezialist. Jetzt zeigen Sie, was Sie können.“
„Jawohl, Sir(.)“, kommt wie aus der Pistole geschossen. „Sir, die Nebengeräusche sind zu stark. Ich kann den Inhalt der Botschaft nicht entschlüsseln, aber …“

„Was – aber?“

„Sir, es ist vom Klangbild eindeutig eine Frage, Sir.“

Bewusst darauf bedacht, mit aller Deutlichkeit und Nachdruck zu sprechen, formuliert er seine Frage in eine Aussage – fast schon als Befehl: „Ich möchte Marie sprechen!“ Ein kurzer Moment, dann – klack.

1. Ich muss sagen, du hast einen wirklich guten Humor (-> Innerer Dialog)^^ Mir entspricht er. Außerdem baust du diesen Dialog so geschickt ein, dass man als Leser ungefähr weiß, worum es geht (z.B., dass das Gesagte nach einer Frage klingt), ohne dass du auf langwierige Beschreibungen zurückgreifen musst. 2. Die Frage nach Marie lässt den Leser aufmerken. Soso, wir haben jetzt ein Ziel, und anscheinend ist es nicht so leicht, an Marie zu kommen, da der arme Mann zwei Mal darum bitten muss. Jetzt fragt man sich: Warum? Wer ist Marie? und warum, um Gottes Willen, ist Marie im "Feindesland"?? xD

Maabra hat geschrieben:„Sir, allem Anschein nach wurde der Hörer auf eine Art … Ähm … Tischplatte gelegt, Sir.“
„Das habe ich auch gemerkt, Schlaumeier.“

Das Telefon auf der anderen Seite wird weiter gereicht. Im Hintergrund hört er ihre Stimme. Sie lacht. In diesem Augenblick wird die graue Wolkendecke über ihm durch einen gleißenden Lichtstrahl aufgeschnitten. Er durchbohrt seine Haut, trifft sein Herz und verbrennt mit der Energie eines Laserstrahls sein Muskelfleisch. Wie sehr mir deine Stimme gefehlt hat. Er atmet tief durch.

Eine junge Frauenstimme, frisch, klar und überhaupt nicht feindselig, reißt ihn aus seinen Gedanken: „Hallo?“

Zumindest mir ging es so, dass ich im ersten Moment gedacht habe, diese Frauenstimme würde zu Marie gehören. Im Nachhinein stimmt das nicht, aber ich persönlich habe so gedacht ^^. Ich wollte es nur anmerken, weil es vll nicht von dir beabsichtigt war.
Wie gesagt, der innere Dialog lockert das alles wieder ein wenig auf, und die Beschreibung der Gefühle unseres Anrufers ist dir mit den Bildern sehr gut gelungen!

Maabra hat geschrieben:„Ja, ich bin’s. Ich möchte bitte Marie sprechen.“

„Ah … Moment.“ Ein weiteres Klack.

„Sir, ich glaube, wir …“

„Ja, ja, ich weiß. Wir liegen wieder auf dem Tisch. Wegtreten, Soldat.“

Im Hintergrund ist zu hören, wie die junge Frau eine Botschaft überbringt. Gesprächsbrocken kann er aufschnappen, nichts Konkretes. In den ganzen Jahren hatte er es versäumt, die fremde Sprache zu lernen. Er wollte immer – gab es zumindest vor –, doch über die anfängliche Sprachbegeisterung, um sie zu beeindrucken, ging es nie hinaus. Weshalb auch? Schließlich hatte er sie erobern können, ohne sein Versprechen jemals einlösen zu müssen. Sofern er sich erinnern konnte, war das sein erstes Versprechen in einer unendlichen Reihe, das er brach.

Mit dem "Wegtreten" wird dem Leser klar, dass es jetzt ernst wird, irgendwie. Außerdem machen ihn die ganzen Verzögerungen neugierig. Der kurze Einblick in die Vergangenheit lässt erahnen, dass er anscheinend irgendeinen Fehler gemacht hat (bzw viele), und dass das jetzt irgendwie mit der ganzen Problematik zusammenhängt. Ein kleiner Fehler: bei dem "hatte" benutzt du die falsche Zeitform; du schreibst die Geschichte im Präsens, also musst du für die Vergangenheit ins Perfekt gehen: "In den ganzen Jahren hat er es versäumt ...". Ebenso bei "hatte er sie erobern können" - auch "hat" benutzen.

Maabra hat geschrieben:Sein Körper ist gespannt. Er fühlt sich wie in einem Déjà-vu-Erlebnis, nur mit einem Unterschied: Dies hier ist keine neue Situation, die sich nur so anfühlt, als hätte er sie schon erlebt, die ihm vorgaukelt, dass sie schon geschehen sei, irgendwann einmal, in der Vergangenheit, in einem Vorleben oder vielleicht erst in naher Zukunft geschieht. Dies hier hatte er bereits erlebt und das nicht nur ein Mal, sondern fast ein Dutzend Mal - ganz genau gesagt das elfte Mal. Seit Wochen versucht er, die Stimme von Marie nicht nur aus dem Hintergrund zufällig aufzuschnappen, sondern sie direkt an sein Ohr zu bekommen. Er will mit ihr sprechen und dürstet nach ihrer süßen Stimme wie ein ausgezehrter Fremdenlegionär, der sich in der Wüste verlaufen hat, seit Tagen unter der glühenden Hitze nach Wasser sucht, allerdings auf eine Fatamorgana nach der anderen hereinfällt, immer in der Gewissheit, dass der nächste zu scheiternde Versuch sein Todesurteil bedeuten kann.

Insgesamt stellt du hier sehr gut die Zerrissenheit und die Anspannung dar, aber sprachlich fällt mir etwas auf: "Er fühlt sich wie in einem Déjà-vu-Erlebnis" - diese Formulierung klingt ein wenig merkwürdig. Vielleicht etwas eleganter: "Es kommt ihm wie ein Déjà-vu vor" oder "Es fühlt sich wie ein Déjà-vu an".
Der Satz am Ende, mit dem Todesurteil, lässt die ganze Angelegenheit schön dramatisch erscheinen, ohne übertrieben zu klingen.

Maabra hat geschrieben:Aus dem feindlichen Hintergrund, hunderte von Kilometern entfernt, vernimmt er das hyänische „Nein! Kommt nicht in Frage.“ Es war wieder soweit. Der Kampf mit der Bestie steht bevor, die ihn in den vergangenen Versuchen immer wieder am Nacken zu packen bekam, doch er konnte ihren Reißzähnen immer wieder entfliehen – noch. Er hört sie auf den Hörer zukommen. Er schließt seine Augen mit der Vorahnung, dass gleich die Hölle wieder ihre Pforten öffnet.

hier steigerst du die Spannung sehr, sehr gut! Ein paar Kleinigkeiten: "Es WAR wieder so weit." - müsste eigentlich "Es ist wieder so weit." heißen. "Hunderte" schreibt man nach der Rechtschreibreform groß, das musste ich nach Herausgabe der letzten Deutsch-Schulaufgabe feststellen ^^. Von Lesefluss fände ich "...dass die Hölle gleich wieder ihre Pforten öffnet" schöner, aber das ist eher Geschmackssache.

Maabra hat geschrieben:„Du brauchst hier nicht weiter anzurufen. Ich lasse dich nicht mit Marie sprechen, das weißt du ganz genau.“ KLICK … Funkstille.

Sie hat ihm diesmal nicht einmal die Chance gegeben, zu atmen und etwas zu sagen. Verblüfft und mit einem Anflug von Sadismus drückt er die Wiederholtaste. Auf geht’s, Jungs. Zurück ins Kampfgebiet! Wieder das Freizeichen … Allerdings nur ein Ton lang.
„WAS – WILLST – DU, verdammt noch mal?“, schreit sie durch die Leitung. „Wann kapierst Du es endlich? Du wirst …“

Er fällt ihr ins Wort, ruhig, aber bestimmt: „Ich möchte mit meiner Tochter sprechen, bitte.“

Dieser kleine Absatz ist insgesamt sehr gut formuliert, die gedanken kann man irgendswie erahnen, man fühlt mit dem Mann mit. Gleichzeitig wird die Frau am Ende der Leitung wirklich als Biest wahrgenommen ^^. Und jetzt wird klar: AHA, Marie = Tochter! Es geht um irgendein Sorgerecht/Beziehungs/... Problem. Viel mehr muss man nicht wissen, aber der Leser ist zufrieden, weil er endlich was herausgefunden hat, und interessiert sich nun dafür, wie es weitergeht.

Maabra hat geschrieben:„Das wirst du aber nicht. Ich gebe sie dir nicht.“ Er kann sehen, wie sie am anderen Ende der Leitung mit gefletschten Zähnen in den Hörer blafft, jederzeit dazu bereit, ihn wieder zu packen. Bleib ruhig. Biete ihr keine Angriffsmöglichkeit – und pass auf deinen Nacken auf.

Kontrolliert fragt er nach. „Wann kann ich mit Marie sprechen?“ Sie setzt zum Sprung an, um ihre Beute mit einem gezielten Nackenbiss zu reißen. In der Gewissheit, dass ihr Opfer keine Chance hat, rammt sie ihm ihre Reißzähne in den Nacken: „Das Kind muss sich erst mal wieder beruhigen …“, die spitzen, tödlichen Reißzähne bohren sich in sein Fleisch … „Das Erste, was sie hier ihrer Großmutter erzählte, war, dass sie von Zuhause weg musste, weil der Papa ihre Mama gewürgt hat.“

Leg auf und flüchte – verschwinde, sonst bringt sie dich um! Er gibt seinem Impuls nach und legt auf, bevor die Zähne die lebensnotwendigen Nervenbahnen und sein Rückenmark durchtrennen. Sie hat ihm eine klaffende Fleischwunde verpasst. Schmerzen und der bittere Geschmack einer verlorenen Schlacht machen sich in seinem Körper breit. Seine rechte Hand umfasst krampfhaft den Hörer und drückt ihn mit aller Kraft auf die Gabel und scheinbar durch sie hindurch. Das Telefon stöhnt unter dem Druck – dafür war es nicht geschaffen.

Dieses "Duell" hast du sehr gut beschrieben. Vor allem, wie du die seelischen Wunden mit wirklichen, körperlichen Wunden vergleichst, ist dir sehr gut gelungen. Obwohl man merkt: "Ach, so 'ne weiße Weste hat der Typ anscheinend nicht ... ", hat man den hauptcharakter immer noch gern. Das heißt, du gehst sehr gut mit Sprache um, denn die Rollenverteilung hast du sehr gut definiert, und die Mutter ist die Böse, egal was früher passiert ist. man sieht ja, dass der Vater wirklich mit seiner Tochter sprechen möchte und sie ihm wirklich viel bedeutet.

Maabra hat geschrieben:Plötzlich reißt er den Hörer in die Höhe und lässt ihn krachend auf das Telefon nieder. Immer wieder und wieder schlägt er mit dem Hörer mit voller Wucht auf das Telefon ein.
„Du beschissenes Miststück … Du beschissenes Miststück … DU – VERDAMMT – BESCHISSENES – MISTSTÜCK!“

Das Telefongehäuse bricht auf, die Tasten fliegen durch den Raum, scharfkantige Platinen aus dem Innenleben reißen die Haut auf seinen Knöcheln auf. Er lässt den Hörer fallen – zumindest den Rest, der davon übrig ist. Er setzt sich in seinen Bürostuhl, lehnt sich zurück und blickt zum Fenster hinaus. Im Hintergrund bahnt sich Alanis Morissettes Refrain in sein Hirn: „You are uninvited!“

Dieses Ende ist sehr gut gelungen, finde ich. Man ahnt, dass der Mann nicht aufgeben wird, und gleichzeitig hat man das Gefühl, dass er vollkommen machtlos ist. Das zerstörte Telefon unterstreicht noch einmal (für mich) das Gefühl einer "Schlacht", die auch irgendwie stattgefunden hat. Das Büro steht für mich für etwas Alltägliches, und dass der Mann die ganze Zeit von da aus telefoniert hat, vermittelt das Gefühl, dass so etwas jedem und überall passieren kann (was heutzutage ja leider auch der Fall ist). Die Erwähnung des Songs am Ende ist so eine Art "i-Tüpfelchen", es rundet die ganze Geschichte ab und verleitet zu Nachdenken.

Wie gesagt, eine sehr gut gelungene Geschichte, durchweg spannend und sprachlich sehr schön!

Liebe Grüße & Carpe Noctem,
Ines

von Illanna

Re: Ungebeten

 
Hallo Ines,
na endlich, ein Kommentar zu meiner KZ - und dann noch von einer Frau, das freut mich. Vielen Dank für Deine Zeit, meinen Text zu lesen und mir die Stellen aufzuzeigen, die ich verbessern konnte und natürlich auch für Dein Lob.

Ich habe meinen Text bereits korrigiert und ausgebessert - bis auf "In Begleitung ...", denn das gefällt mir besser.

Es freut mich wirklich, dass der erste Kommentar von einer Frau kommt und dazu noch positiv ist, denn ich war mir nicht sicher, ob der Text zu "extrem" auf das weibliche Geschlecht wirken könnte bzw. generell zu gewaltsam ist, obwohl ich denke, dass ich vieles in Bilder verpacken konnte und durch das Unterschwellige zur Sprache brachte.

Ich habe gesehen, dass Du bereits eine veröffentlichte Autorin bist - klasse und tiefsten Respekt. Daher freut es mich umso mehr, dass Dir meine kleine Geschichte gefallen hat.

Danke. :D

von Maabra