unter der kinderhand (veränderte Fassung)

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unter der kinderhand (veränderte Fassung)

Beitragvon Aranka » 29.09.2011, 13:09

machmal wenn der schnee fiel
verirrten sich deine blicke -
weit reichte das weiße feld
vor unserem fenster

dann und nur dann
hob er das kind auf sein rechtes bein
ließ die kleine hand gewähren
über edelstahlscharniere und lederriemen
tasten nach dem verlorenen anderen

das war der krieg sagten die leute

er erzählte dem kind vom gewaltigen
fjord vom unendlichen schnee
auch vom hunger von der kälte auch
und immer wieder von den menschen
sie verschenkten brot

später wenn du groß bist sagtest du

nahmst die kinderhand vom linken hosenbein
stelltest mich auf meine füße
kein wort vom erfrieren
nichts vom verhungern nichts vom töten
nichts von den fiebergestalten
aus all den nächten und tagen
der verschlossenen zimmer
die kinderhand auf der türklinke

immer noch fällt der schnee
aufs feld vor meinem fenster
immer noch reise ich an deinen fjord
suche dein erfrieren
erzähle mir deinen krieg
kurz ist die dauer des schnees

jetzt
bin ich groß

und immer noch
greifen
kinderhände
ins leere


[alteversion=]machmal wenn der schnee fiel
verirrten sich deine blicke -
weit reichte das weiße feld
vor unserem fenster

dann und nur dann
hob er das kind auf sein rechtes bein
ließ die kleine hand gewähren
über edelstahlscharniere und lederriemen
tasten nach dem verlorenen anderen

das war der krieg sagten die leute

er erzählte dem kind vom gewaltigen
fjord vom unendlichen schnee
auch vom hunger von der kälte auch
und immer wieder von den menschen
sie verschenkten brot

später wenn du groß bist – sagtest du dann
nahmst die kinderhand vom linken hosenbein
stelltest mich auf meine füße –

kein wort vom erfrieren
nichts vom verhungern nichts vom töten
nichts von den fiebergestalten
aus all den nächten und tagen
der verschlossenen zimmer
die kinderhand auf der türklinke

immer noch fällt der schnee
aufs feld vor meinem fenster
immer noch reise ich an deinen fjord
suche dein erfrieren
erzähle mir deinen krieg

jetzt
bin ich groß

und immer noch
greifen
kinderhände
ins leere

kurz ist die dauer
des schnees[/alteversion]

Formal gibt es da bestimmt noch einiges dran zu feilen. Bitte um euer kritisches Lesen. Pardon, der Text ist beim Ändern kurz verschwunden. Jetzt ist er wieder da.
Zuletzt geändert von Aranka am 03.10.2011, 12:01, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: unter der kinderhand

Beitragvon LyroLch » 29.09.2011, 17:48

Hallo Aranka,

ein Schneegedicht im schönen Spätsommer, durchaus ungewöhnlich. Ein kritisch-verträumt-melancholischer Rückblick in längst vergangene Kindertage. Eine Nordische Saga, ein Epos, ach nein, nordisch ja, aber keine Saga. Eine persönlich wirkende Erinnrungs- und Gedankenwelt, durchaus lyrisch. Eine weiche, gütige Sprache, durchaus musikalisch.

Du befürchtest, dass da noch nicht alles in bester Form ist. Dazu muss ich ganz ehrlich sagen, dass mir die unförmige Form solcher Texte wenig Anhaltspunkte für eine wirkliche darin verborgene oder daraus sprechende Bedeutung oder eine akustische Ordnung geben. Gedichte haben sehr oft etwas Artifizielles, ein Sonett genauso wie ein (formal) fast "prosaischer" Text eines Rimbaud oder die knappen Strophen- und Versfetzen einer Rose Ausländer. Es gibt strengere Formtraditionen und Befreiungsentwicklungen. Die freien Gebilden mit traditionellen Bausteinen zu erklären, halte ich für absurd. In einer virtuos fließenden Betonwand wird man keine Backsteine erkennen, in ungebundenen Textzeilen keine Sapphische Strophe, keine meißelnde Folge von Pyrrhichien. Wer würde den schönen Übergang von einer hellen Lachsfarbe über ein schmales Krapplackband in eine eingeschmutzte bordeauxfarbene Fläche als schwarz-weiß-alternierende Blöcke bestimmen. Sprache ist mehr als ratternde Betonungen mit fixierten weniger lauten Silben dazwischen, kein Gesang auf zwei mittleren Tonhöhen, kein kleinlich getaktetes Stück mit zwei Tonlängen im Verdopplungsverhältnis.
Der Verzicht auf sprachstrukturierende Komponenten wie Großschreibung, Interpunktion und damit von Satzgliederung und die Ordnung seiner Teile ist sehr anspruchsvoll ‒ für den Dichter wie für den Rezipienten. Oder es ist eine Mode gepaart mit etwas Bequemlichkeit. Das möchte ich dir allerdings nicht unterstellen.
Jedenfalls ist grammatisch notwendigerweise alles in normalen Bahnen.

Was bietet der Text an formbildenden Parametern? Zunächst ganz klassisch Strophen und Verszeilen. Strophen stellen hier, so empfinde und verstehe ich das, Sinneinheiten sowie erzählperspektivische Wechsel. Es kommen nämlich verschiedene Figuren vor: du, wir | das kind, er, der andere | die leute, die menschen | du = er, ich = kind …, so zu sagen Innenansichten und Außenberichte, die zunächst verschlüsselt nebeneinander (oder gar durcheinander) stehen, dann aber als identisch enträtselt werden.
Ferner gibt es verschiedene Zeitebenen: das Jetzt des Erzählers = ich (in "groß"), dann die Vergangenheit = Kriegszeit mit kaltem Winter in Norwegen, Hunger, Krankheit (Fieber) und menschengemachten Tod (töten) = Kindheit mit Fehlen von Menschen (verlorene andere = Mutter, weitere Familienmitglieder? oder der "zivile" Vater?), Eingeschlossensein (verschlossenes zimmer = versteckt?), Schoßsitzen und doch Geborgenheit vermissen, immer wieder Tasten bis heute => unter der kinderhand.
Verbindendes "Element" ist der Schnee, auch wenn ihm sehr unterschiedliche Qualitäten zug gesprochen werden, je nach Situation: Orientierungslosigkeit (verirrten sich) in der äußeren Welt (vor Fenster); unendlicher Schnee am Fjord (unendlich von der Dauer her, von der Ausbreitung her, von der Masse an Flocken*); aber zum Schluss auch wieder nicht unendlich, sondern gar nur von kurzer Dauer. Auch der traumatische Schnee von gestern taut beizeiten. Das ist wohl ein gewisser Trost als "Fine"-Botschaft.

Die "Verse" sind untergeoednet. Sie entscheiden mit für den optischen Eindruck des Textes, aber vielleicht auch für die Leseweise, d. h. Zäsuren, Atempausen, Spannungs-, Entspannungsmomente …

Ob da einzelne Abschnitte so oder anders notiert sind, bleibt für Verständnis wie für das Perfomance-Erleben in Bezug auf den Text ziemlich einerlei.
Du hättest auch schreiben können:

machmal
wenn schnee fiel
verliefen/-loren sich deine blicke
aus unserem fenster

so weit reichte das weiße feld

dann
und nur dann
hob er das kind auf sein rechtes bein
(und) ließ die kleine hand gewähren
über edelstahlscharniere und lederriemen
(zu) tasten
nach dem verlorenen anderen

das war der krieg
sagten die leute

er erzählte vom gewaltigen fjord
vom unendlichen schnee
auch von hunger
von der kälte auch
und immer wieder von den menschen
brot spendenden menschen

Wie wesentlich würde das den Text verändern?

Das Folgende verstehe ich nicht ganz. Fehlt da nicht etwas?

später, wenn du groß bist (…),
was ist dann?

[Pardon, ich muss gerade mal unterbrechen. Vielleicht ergänze ich später noch etwas. So weit so gut. Bis dann, bevor es schneit ...]
_______
*gemeint ist nicht die grundsätzlich unrichtige allgemein verbreitete Aussage: keine Schneeflocke gleicht einer anderen; ebenso falsch bei Eiern. Was damit gesagt werden soll, ist ja nur, das Dinge, die auf den ersten Blick eine einfache, klare Form haben und mit sehr starker Ähnlilchkeit in großer Masse auftreten meist sehr feine Unterschiede haben und man von daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie zwei absolut, d. h. gemäß einer in der Erkennbarkeit begrenzten Rastergröße, gleiche Objekte wie Eier oder Schneeflocken finden wird. Dass es nicht Gleiches gibt, ist nicht beweisbar, aber durchaus denkbar.
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Re: unter der kinderhand

Beitragvon Aranka » 29.09.2011, 22:19

Hallo LyroLch,

wie immer nicht nur ein hilfreicher Kommentar, weil du dir viele Gedanken machst, dich einlässt auf den Text und natürlich aus einem breiten Wissenshintergrund beim Schreiben schöpfst, sondern auch als Text selbst ist der Kommentar lesenswert. Gerne bin ich deinen bildreichen Gedanken in die „Formbetrachtungen“ gefolgt. Fast poetisch deine Einlassungen in dieser Passage. Und inhaltlich ist es ja auch richtig, was du sagst. „Man kann freie Gebilde nicht mit traditionellen Bausteinen erklären.“ Absolut einverstanden, aber frei Gebilde sollten vielleicht nicht „formlos“ oder wie du es sagst „unförmig“ sein. Und genau das ist mein Gefühl bei diesem Text. Er ist unstimmig bis unförmig und ich finde nicht den „Mantel“, den ich dem Inhalt anziehen könnte, damit er einen erkennbaren „Guss“ erhält.
Habe schon so lange daran rumgebastelt, ihm immer wieder eine andere Form verpasst, ihn manchmal bis zur inhaltlichen Unkenntlichkeit entstellt und jetzt sollen ruhig einmal ein paar Kommentatoren darüber herfallen. Ich brauche einen Außenblick, um die wunden Punkte herauszufiltern. Gebe sonst die Texte nicht mit so viel eigenen Fragezeichen heraus. Es ist ein Versuch, daran weiter zu kommen.

Vielleicht will ich jedoch auch inhaltlich mal wieder zu viel? Vielleicht sollte ich etwas entflechten? Vielleicht lassen sich die vielen Verflechtungen und Ebenen nicht in ein Gedicht fassen?

LyroLch hat geschrieben: Was bietet der Text an formbildenden Parametern? Zunächst ganz klassisch Strophen und Verszeilen. Strophen stellen hier, so empfinde und verstehe ich das, Sinneinheiten sowie erzählperspektivische Wechsel. Es kommen nämlich verschiedene Figuren vor: du, wir | das kind, er, der andere | die leute, die menschen | du = er, ich = kind …, so zu sagen Innenansichten und Außenberichte, die zunächst verschlüsselt nebeneinander (oder gar durcheinander) stehen, dann aber als identisch enträtselt werden.
Ferner gibt es verschiedene Zeitebenen: das Jetzt des Erzählers = ich (in "groß"), dann die Vergangenheit = Kriegszeit mit kaltem Winter in Norwegen, Hunger, Krankheit (Fieber) und menschengemachten Tod (töten) = Kindheit mit Fehlen von Menschen (verlorene andere = Mutter, weitere Familienmitglieder? oder der "zivile" Vater?), Eingeschlossensein (verschlossenes zimmer = versteckt?), Schoßsitzen und doch Geborgenheit vermissen, immer wieder Tasten bis heute => unter der kinderhand.
Verbindendes "Element" ist der Schnee, auch wenn ihm sehr unterschiedliche Qualitäten zug gesprochen werden, je nach Situation: Orientierungslosigkeit (verirrten sich) in der äußeren Welt (vor Fenster); unendlicher Schnee am Fjord (unendlich von der Dauer her, von der Ausbreitung her, von der Masse an Flocken*); aber zum Schluss auch wieder nicht unendlich, sondern gar nur von kurzer Dauer. Auch der traumatische Schnee von gestern taut beizeiten. Das ist wohl ein gewisser Trost als "Fine"-Botschaft.


Wenn du das aus dem Text herausliest, sehe ich ihn zu mindest an den Stellen, wenn auch nicht „geformt“, so dennoch inhaltlich als gelungen an.
An deinen Fragen sehe ich jedoch auch, dass manches auch inhaltlich zu unklar bleibt. Will da aber im Augenblick noch nichts zu sagen. Versuche jedoch, aus den Kommentaren die Schwachstellen im Text zu finden.

Dir, jetzt schon mal ein Danke, fürs Lesen und Kommentieren. Melde mich bestimmt noch mal zu diesem Text.

Gruß Aranka
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Re: unter der kinderhand

Beitragvon LyroLch » 30.09.2011, 05:07

Hallo Aranka,

da muss ich mich zunächst ganz dolle bei dir entschuldigen, dass ich im Eifer etwas missversändlich, teilweise an der Sache, nämlich an deinem Gedicht vorbei argumentiert habe. Dabei habe ich versäumt, einen prinzipiell bewertenden Satz zu schreiben …
Ich finde das Gedicht ohne Zweifel sehr gelungen und lesenswert. Der Ausdruck "unförmig" ist ein peinlicher Missgriff, gilt als zurückgenommen. Es verhält sich alles so (Versuch einer Erklärung):

Einerseits tue ich mich ein bisschen schwer, solche "Formen", solche Typen von Gedichten in ihrer Gestalt zu begreifen. Es ist eben nicht mein eigener Stil, meine Gewohnheit … (Was der Bauer nicht …). Aber das ist vielleicht wie bei abstrakter Malerei - wenn ich schon zur Bildenden und anderen Künsten abschweife -, die auch manchmal eine geschultere Betrachtungsweise erforderlich macht, um den "Sinn" oder die "Ästhetik" oder wie auch immer zu erfassen und sich daran zu erquicken oder zu reiben …
Ich bin direkt in eine allgemeine Kritik verfallen, die dein Gedicht überhaupt nicht berühren wollte. Deine Unsicherheit gerade mit der Form, die ich jetzt noch geschürt habe, trifft ja meine eigene. Ich hatte irgendwie das Bedürfnis, den Formgedanken gegenüber Fetischisten zu entkräften, also das Übergewichten von Formaspekten und besonders das nachträgliche Zerdeuten von Metrik und Versordnung zu hinterfragen. Damit sollen deine Fragen dennoch sehr ernstgenommen bleiben.
Mit meinen spontanen Variationsvorschlägen wollte ich lediglich zeigen, dass für mein wie gesagt auch nicht göttlich-weises Empfinden nicht jedes Wort, nicht jedes Formulierungspünktchen waagschalenrelevant ist, dass gerade solch freie offene "Formen" durch ihr größeres Potential einerseits viel mehr (und z. T. ganz andere) Entscheidungsprozesse bereithält, andererseits eine Chance für einen gelassenen, relativ natürlichen Sprachduktus bietet, wozu ich dich eigentlich ermuntern wollte. Aber ich habe leicht reden …

Zum Gedicht habe ist soweit gar nichts Bedeutsames zu ergänzen. Vielleicht findet sich ja auch noch ein weiterer Begutachter, der dein Opus unter die Lupe nimmt, mich und meinen Formdiskurs vielleicht demontiert und Lügen straft oder einfach gute Ratschläge auch in äußerlichen Fragen geben kann.

Man könnte jetzt sagen "Schnee drüber". Aber wir wissen ja, dass der nicht in Ewigkeitswolle gestrickt ist.

Ganz lieber Gruß aus Mitteldeutschland
LyroLch
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Re: unter der kinderhand

Beitragvon Aranka » 30.09.2011, 09:15

Hallo LyroLch,

uff, was bist du schon so früh unter den Lebenden! Und dann schon gleich mit Entschuldigungen! Dabei sind die nicht angebracht und ich finde auch nicht, dass dein Kommentar an meinem Gedicht vorbei argumentiert hat oder missverständlich war. Das nur dazu!
Du spricht die Dinge an, die mich, seitdem ich versuche meine Texte, die in Heften und Schubladen als spontane und oft auch aus Textsicht naive Entwürfe ganz privater Natur all das aufbewahren, was mir in meinen nun doch schon einigermaßen umfangreichen Leben, so durch Bauch, Kopf und Herz gegangen ist, eine Form zu „verpassen“, besser „suchen“, die vielleicht die ein oder andere Idee aus dem biographischen in einen allgemeingültigeren Raum stellt. Wau, was ein Satz. Hab jetzt aber keine Lust, den in drei oder vier zu verwandeln, wühl dich mal durch, bist ja schon gut wach.
Das will heißen, habe mich bis November des vorigen Jahres um Lyrik ernsthaft nur als Leser gekümmert, das jedoch mit viel Leidenschaft. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich auch aus „biographischem Anlass“ entschlossen, dem Schreiben ein größeres Augenmerk zu schenken und mich im Forum angemeldet. Da nun zwei Seelen in meiner Brust wohnen und eine zum Gründlichen und Perfekten neigt, die andere das Spontane und Verrückte liebt, zerren stets beide an mir herum und ich experimentiere mit allem möglichen und lese wie wild (lauter graue Theorie) um mir einfach fehlendes Handwerkszeug erst mal zu verschaffen, um dann vielleicht irgendwann mal aus sicherem „Bauchgefühl“, die richtigen Register zu ziehen. Man hat ja sonst nichts zu tun!!! Mein Ziel ist schon in meinem Handke-Zitat abzulesen. Sicher ein weiter Weg und wahrscheinlich werde ich ihn nie zu Ende gehen können, aber bestimmt wird er immer spannend bleiben.
Dein Ausflug in die moderne Malerei gefällt mir. Und er ist für mich nicht abwegig. Ich lebe seit über 30 Jahren sehr aktiv und hautnah mit der bildenden Kunst und finde die Wegsuche der jungen Künstler spannend und die jährlichen Ateliertage der Düsseldorfer Akademie machen richtig Mut, dass da eine Generation heranwächst, die mutig und kritisch die Welt erfasst, eigene experimentelle Wege geht und dennoch das alte Handwerk beherrscht. Da ist mein Blick geschulter und ich stoße nicht so rasch auf Grenzen wie beim Schreiben, oder wie in der Musik, wo mein Ohr ab einer bestimmten Musikrichtung nicht mehr mitmacht, auch wenn meine Söhne mich sehr nett an die Hand nehmen.
So, jetzt versuche ich mal wieder einen Schwenk zum Text zu kriegen, damit dass noch irgendwie Sinn macht, was ich hier schreibe. Aber es liegt auf der Hand: mein Problem ist eben ein grundlegenderes und bezieht sich nicht nur auf den einen Text, sondern auf mein Schreiben generell und da sind vergleichende Ausflüge in andere Bereiche der „Welterfassung“ einfach notwendig und ich schätze Kommentatoren wie dich, die einfach auch einmal geistreich und sinnvoll und ja auch nur vermeintlich abschweifen. Und lass den Schnee mal schon runter von deinem Kommentar, bin froh, dass der Spätsommer darin sein Unwesen treibt.
Ein schönes Wochenende und danke für die Möglichkeit eines erquicklichen Gedankenaustauschs.
Liebe Grüße Aranka
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Re: unter der kinderhand

Beitragvon Tarpan » 03.10.2011, 10:17

Hallo Aranka,

ich möchte ein paar Worte zu deinem Gedicht sagen, an dem ich seit ein paar Tagen immer wieder hängen bleibe.
Ganz bewusst habe ich mich gezwungen, die anderen Kommentare nicht zu lesen, damit ich genau das schreiben kann, was ich denke. Werde das Lesen aber im Anschluss nachholen.

Zunächst einmal zu deinem Titel, unter der kinderhand. Er gibt die Möglichkeit, sich eine große Vielfalt von Bildern vors Auge zu rufen. Was kann unter der Kinderhand geschehen? Etwas gemaltes entstehen, etwas geformt werden, etwas gegriffen werden und und und...
Unter kritischen Gedichten kommen mir jedoch auch negative Assoziationen...

Nun zum Text.

In der ersten Strophe erzeugst du das Bild, dass jemand am Fenster steht und in die Schneelandschaft stiert, der Blick regelrecht vertieft ist.

Kinderhand- Schneemann bauen???

Dann komme ich ins Stocken. Denn wird in der ersten Strophe ein Du angesprochen, geht es jetzt um einen Er. Mit Er geht es auch weiter, um in der sechsten Strophe wieder ein Du erscheinen zu lassen. Schon das hat mich dein Gedicht mehrmals lesen lassen, damit ich mir einen Reim darauf machen konnte. Denn dass es Absicht ist, bin ich mir ziemlich sicher.
Die beiden Du-Strophen ergeben einen Rahmen, in den die eigentliche Handlung "unter der Kinderhand" stattfindet. Wo das LI als Kind damals gezeigt wird (?) Und das Er ist das Du aus der ersten Strophe.
Aber worum geht es nun?
Kind wird hochgenommen und aufs rechte Bein gesetzt, klar, ein gewöhnliches Bild, aber was du dann zeigst, aber nicht benennst, ist das, was das Kind dort entdeckt. Es findet unterm linken Hosenbein etwas, das das Verlorene ersetzen soll. Aber ein Ersatz bleibt ein Ersatz und die Gedanken des Er wandern immer wieder zum Ereignis des Verlierens hin.
Du benennst die Zeit, die Gegend und die Vorgänge mit plastischen Bildern, ohne Worte wie "grausam", "furchtbar" oder ähnliche zu verwenden und dennoch treten genau diese Gefühle beim Lesen auf.

Am Ende dann wieder die Du- Anrede. Doch kann Er, das heißt, das Du, nicht mehr erzählen, die Erklärungen bleiben unausgesprochen und das LI muss sie sich selber geben. Beim Blick auf den Schnee. Als Erwachsener.

Und noch immer geschehen die gleichen Vorgänge, wie damals am Fjord, greifen (an irgendwelchen Orten der Welt) Kinderhände dort ins Leere, wo ein Bein hätte sein sollen.

Ein ganz starker Text in meinen Augen, den ich sehr gerne kommentiere und auch gerne befunkle.
Du batest um Handwerksarbeit. Nun auch dazu noch einige Gedanken von mir.

Über den (mich) leicht irritierenden Wechsel von Du zum Er habe ich bereits geschrieben. Dieser erschließt sich mir erst, wenn ich das Gedicht zum Ende lese. Am Anfang dachte ich noch, da seien die Pronomen etwas durch den Wind gewesen...

Was mir aufgefallen ist: An zwei Stellen wird etwas direkt ausgesprochen. Da du fast gänzlich auf Zeichen verzichtest, stehen dort auch keine Anführungszeichen. Aber beide Stellen unterscheiden sich voneinander.

das war der krieg sagten die leute Lässt sich auch ohne Zeichen als Aussage erfassen.

später wenn du groß bist – sagtest du dann
nahmst die kinderhand vom linken hosenbein
stelltest mich auf meine füße –
Hier irritieren mich die beiden Gedankenstriche. Komma wäre besser, aber genauso inkonsequent, weil sie dann an anderen Stellen gleichfalls gesetzt werden müssten.
Eine Möglichkeit wäre, die Striche wegzulassen und die Aussage wie die der Leute weiter oben frei stehen zu lassen. Etwa so:

später wenn du groß bist sagtest du dann

nahmst die kinderhand vom linken hosenbein
stelltest mich auf meine füße


Als Schlussvers steht:

kurz ist die dauer
des schnees

Soll heißen, dass diese Erinnerungen immer nur für Sekunden auftreten, aufflackern? Manchmal auch aus Selbstschutz, um sich bestimmten Bildern nicht länger aussetzen zu müssen, auch wenn es eigentlich nicht die eigenen Bilder sind, sondern die von jemand anderen, die man sich aber in die Vorstellung ruft.
Man könnte überlegen, die zwei Zeilen gänzlich weg zu lassen. Dann würde das Gedicht mit den noch immer ins Leere greifenden Kinderhänden enden. Ich persönlich fände dieses Ende stärker. Aber die ist nur meine persönliche Meinung.

Edit:
Habe mir das Ende noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Die Asussage an sich ist doch gut, weil es auch die Eindrücke des Er erleben lässt (nach zwei-dreimal lesen), der ebenfalls die Erlebnisse, Bilder, Eindrücke, die schmerzhaft aufflackern, unterdrücken möchte und nicht darüber reden kann und deshalb das Kind auf später vertröstet.
Vielleicht ist es möglich, das

kurz ist die dauer
des schnees

irgendwie anders auszudrücken. Aber wirklich wie, weiß ich nicht. Du bist die Fachfrau für kompakte Aussagen. Aber vielleicht sind meine Gedanken dennoch etwas hilfreich.

Gern gelesen und kommentiert.
Lieber Gruß
Tarpan
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Re: unter der kinderhand

Beitragvon Aranka » 03.10.2011, 11:51

Hallo Tarpan,
wie immer ein sehr hilfreicher Kommentar. Du hast dich ganz intensiv in den ja doch etwas schwierigen Text eingelesen und sowohl die Komplexität als auch die feinen Nuancen des Wechsels erspürt und zu deuten gewusst.
Ja, da gibt es das kindliche LI mit einem Vater, der nicht nur ein Bein im Krieg gelassen hatte und es gibt die kurzen Abwesenheitsmomente des Vaters, die Momente größter Nähe und größter Fremdheit zugleich (daher der Wechsel zwischen du und er), die einzigen Momente, in denen das wunde Thema „Krieg“ überhaut zugelassen wurde.
Das Kind hatte Fragen. „Das war der Krieg“, war das, was die anderen sagten, der Vater erzählte in diesen Ab- und Anwesenheitsmomenten vom Krieg, von der Seite des Krieges, die es auch gab und die er glaubte dem Kind zeigen zu können und in die auch er sich gerne zurückzog, die Weite und Stille der Schneelandschaft Norwegens (das Kind hörte ihm gerne zu) und den Menschen, die ihm begegnet waren, die ihm das Überleben ermöglichten. Das war auch der Krieg. Wenn du groß bist wollte er vom anderen Krieg erzählen. Hier nehme ich deinen Vorschlag an, die Zeile: „wenn du groß bist sagtest du dann“ einzeln ohne Gedankenstrich zu stellen. Das trägt zur Klarheit bei. Danke für den Vorschlag.
Auch dein Empfinden, dass die Endzeile vielleicht das ins Leere greifen der Kinderhand sein sollte, zeigt, wie sensibel du den Text durchspürt hast. Diese Zeile befand sich zuerst an anderer Stelle:

immer noch fällt der schnee
aufs feld vor meinem fenster
immer noch reise ich an deinen fjord
suche dein erfrieren
erzähle mir deinen krieg
kurz ist die Dauer des schnees

Ich habe das aus formalen Gründen umsortiert, wollte mit dem Schnee einen Rahmen schaffen. Stelle es wahrscheinlich wieder zurück. Mir schien der Schluss so angeheftet. Aber er soll wirklich, wie du es auch gelesen hast einen Blick ins Jetzt werfen. Einen Blick, was Kriege anrichten ohne die blutigen Schlachtfelder aufzusuchen. Das niemand unversehrt zurückkehrt und dass niemand lernt, mit den Verlusten (der Seelen) weite zu leben. Der Krieg greift weit über die Kriegsschauplätze und die Zeiten hinweg.

Dein Lesen hat mir wichtige Hinweise gegeben. Danke und liebe Grüße Aranka
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Re: unter der kinderhand

Beitragvon Tarpan » 03.10.2011, 12:01

Hallo Aranka,

es freut mich sehr, dass ich deinen Text richtig zu deuten wusste und dir meine Anmerkungen hilfreich erscheinen.
Die ältere Variante, wo der kurzlebige Schnee angeheftet ist, finde ich tatsächlich besser. Das Gedicht wirkt dadurch ausgewogener.

LG
Tarpan
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