"Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

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"Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon Federflug » 22.09.2015, 22:59

Habe eine Figur, die möglichst weit in der Vergangenheit leben soll.
Diese soll eigentlich Linkshänder sein, wurde aber umerzogen, weil es verboten war oder so gehandhabt wurde.
Ich weiß, dass man noch vor sehr kurzer Zeit Kinder hier in Deutschland nicht mit der linken Hand hat schreiben lassen. Man sagte, das schicke sich nicht. Aber hat das eine historische Bedeutung? Warum wurde das getan? Wie weit reicht das zeitlich zurück und wann begann das? Habe keine Ahnung wo man solche Dinge recherchert.
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon magico » 23.09.2015, 08:29

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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon Amilyn » 23.09.2015, 13:28

Hallo Federflug,

meine Tante ist jetzt 55 (also 1960 geboren) und wurde auch umerzogen, weil sie eigentlich Linkshänderin ist. Bis auf Schreiben macht sie auch alles mit links.

Ihr wurde in der Schule jedesmal, wenn sie den Stift in die linke Hand genommen hat, der Stift wieder abgenommen und in die rechte Hand gedrückt mit dem Kommentar: "Der gehört in die gute Hand."

Ich habe auch mal gelesen, dass Kindern angeblich die linke Hand hinter dem Rücken festgebunden wurde, damit sie nur mit rechts schreiben konnten. Das war aber bei meiner Tante nicht der Fall.

Nur mal so als kleiner Erfahrungsbericht, falls Dir das auch weiterhilft :)
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon anby77 » 23.09.2015, 15:38

Das hatte mit den Schriftsystemen und den verwendeten Schreibgeräte zu tun. Meine Großeltern haben in der Schule noch die deutsche Kurrentschrift gelernt und dabei spitze Eintauchfedern verwendet. Bei dieser Schrift wird eine an- und abschwellende Strichstärke angestrebt, die man erreicht, indem man den Druck auf die Feder variiert. Konkret heißt das: Wenn man die Feder über das Papier zieht, erhöht man den Druck wenn man sie schiebt, verringert man ihn. Wenn man das nicht täte, würde sich die spitze Feder ins Papier bohren. Und deshalb ist diese Art zu schreiben mit der linken Hand gar nicht möglich. Ein Linkshänder würde die Feder fast nur schieben, das ohne jeden Druck schreiben, wodurch nur sehr schwache, schlecht auszmachende Linien aufs Papier kämen. Davon, dass sich die Feder alle Nase lang ins Papier bohren würde ganz zu schweigen. Da blieb Linkshändern gar nichts anderes übrig, als mit rechts zu schreiben. Das änderte sich erst, als die heute auf Füllern üblichen Gleichzug- oder Kugelspitzfedern durchsetzten. Die wurden soweit ich weiß, bis in die 1960er hinein als "Anfängfedern" betrachtet, die den Einstieg erleichtern und zu "richtigen" Federn ohne aufgeschweißte Kugel hinführen sollten. Aber davon ist man abgekommen, weil die Kurrentschrift (unter anderem durch Druck der Nazis, die sich für die leichter zu erlernenden Antiquaschriften stark gemacht haben) aus der Mode gekommen ist und deshalb die Spitzfeder von Gleichzugfedern und zunehmend auch Kugelschreibern verdrängt wurde.
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon Nigromantia » 23.09.2015, 16:36

anby77 hat geschrieben:Das hatte mit den Schriftsystemen und den verwendeten Schreibgeräte zu tun. Meine Großeltern haben in der Schule noch die deutsche Kurrentschrift gelernt und dabei spitze Eintauchfedern verwendet.


Mit Verlaub, das mag eine sachliche Erklärung sein, aber das ist ja ein regelrechter Dünkel, der dahintersteckt. Mein Vater (Jahrgang '57) hat nie Kurrentschrift ("Sütterlin", "Deutsche Schrift") gelernt, trotzdem wurde ihm die Hand auf den Rücken gebunden und vom Rohrstock Gebrauch gemacht, wenn er die linke, falsche Hand verwendet hat. Auch mein Schwiegervater ('59)wurde umerzogen.

Und die Mutter von meinem Ex-Freund, er ist ein Nachzügler und sie war zu der Zeit schon Mitte 70 und eigentlich immer sehr lieb, hat mich mal die linke Hand benutzen sehen und total angewidert gefragt, ob ich Linkshänder sei. Dann meinte sie in einem richtig fiesen Tonfall: "Zum Glück habe ich meinem Jungen das sofort ausgetrieben!", so als sei meinen Eltern da ein gewaltiges Malheur in der Erziehung passiert.

Überhaupt hatten die Leute schon immer etwas gegen Linkshänder. Nicht zuletzt bedeutet "sinister" nicht nur links, sondern auch hinterhältig, düster usw. Das kann nicht erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts so sein. Ich glaube, sogar bei der Hexenverfolgung hat das eine Rolle gespielt ... irgendwas wie "Linkshänder sind mit dem Teuel im Bunde" ...

Viele Grüße,

Nigro, die auch mit links Sütterlin scheiben kann, aber noch nie mit einer Spitzfeder, sondern immer mit so angeschrägten Federn, die man in einem bestimmten Winkel aufsetzen muss, damit sie breit und schmal schreiben.
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon anby77 » 23.09.2015, 17:43

Nigromantia: Dass das Deutsche Schulwesen ein Vorreiter der Innovation ist, hat keiner behauptet. Im Gegenteil, es ist eher dafür bekannt, dünkelhaft an überholten Inhalten und Methoden festzuhalten. Als ich in den 1980ern und 1990ern zur Schule gegangen bin, gab es in meiner Heimatstadt noch ein ein rein altsprachliches Gymnasium, an dem man nur griechisch und Latein lernen konnte. Inzwischen hat dieses Gymnasium auch einen neusprachlichen Zug, aber diejenigen, die zu meiner Schulzeit dort hin gegangen sind, haben weder englisch noch französisch noch sonst eine lebende Sprache gelernt. Da wundert es mich überhaupt nicht, dass darauf bestanden wurde, die rechte Hand zu benutzen, obwohl der sachliche Grund dafür nicht mehr gegeben war. Aber das ändert nichts daran, dass die Spitzfeder der sachliche Grund dafür war, Linkshänder zum Schreiben mir Rechts zu zwingen.
Sütterlin ist nicht das gleiche wie die deutsche Kurrentschrift - auch wenn diese Unterscheidung sehr oft unter den Tisch fällt. Sütterlin ist eine für die Verwendung von Rundspitzfedern optimierte Weiterentwicklung der Letzteren und wurde in den 1920ern in preußischen Schulen eingeführt. Von meinen Großeltern (zwischen 1918 und 1923 geboren) sind drei nicht in Preußen zur Schule gegangen. Meine Eltern sind, was diese Dinge anbelangt, keine wirklichen Maßsstäbe; mein Vater hat mir erzählt, dass er aufgrund des Nachkriegszeit bedingten Mangels vierzehn war, als er das erste Mal auf Papier geschrieben hat; und Kriegsversehrte ohne Beine machen sich nicht die Mühe, ihren Schülern die Hände auf den Rücken zu binden...
Und dass Du mit einer Bandzugfeder links Sütterlin schreiben kannst, ändert nichts daran, dass Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts das Lernziel war, den Umgang mit der - nur rechts verwendbaren - Spitzfeder zu vermitteln. Bandzug- und Spitzfedern sind schreibtechnisch völlig unterschiedliche Dinge. Falls Du mir nicht glaubst, dass die nur rechts verwendbar ist: Firmen wie Brause und Rheita stellen heute noch Tauchfedern und die dazugehörigen Halter her; die kosten auch nicht viel, für unter zehn Euro kannst Du so ausprobieren, wie meine Großeltern schreiben gelernt haben.
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon Nigromantia » 23.09.2015, 20:35

Anby, ich habe ja deine Ansicht überhaupt nicht bestritten. Ich habe lediglich etwas ergänzt und hinzugefügt, dass das nicht der einzige Aspekt zu sein scheint.

Sütterlin habe ich nur als Beispiel für Kurrentschriften genannt und meine Großeltern sind übrigens zwischen 1921 und 1924 geboren und haben auch die Deutsche Ausgangsschrift gelernt - man sieht es ihrer Handschrift heute noch an. Und ich habe ja gesagt, dass ich so eine Spitzfeder noch nie benutzt habe.

Wie gesagt, es geht über diesen praktisch-sachlichen Aspekt hinaus, meiner Meinung nach. Und Federflug sprach ja von einem möglichst frühen Zeitpunkt in der Geschichte, den deine sicher kluge Erklärung nicht abdeckt und habe nach Gedanken gesucht, die dabei weiterhelfen können oder einen Grund für das "Verbot" liefern. :flowers:
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon Arminius » 24.09.2015, 00:39

Die Bedeutung der Begriffe Rechts und Links sagt es ja eigentlich schon:

Rechts hat seinen Ursprung im Indogermanischen reg , was soviel wie aufrecht, geradeaus, recken, war also positiv besetzt. Im Gegenasatz dazu hat Links seinen Ursprung im mittelhochdeutschen linc, lenc, was soviel wie ungeschickt bedeutet, also negativ besetzt ist.

Rechts und Links haben somit, seit dem 15./16. Jahrhundert (Lutherbibel?) eine entsprechende synonyme Bedeutung: Rechts = Gut, Richtig, Recht. So sitzen die Guten an der rechten Seite Gottes
Links jedoch = falsch, link, linkisch, z.B. linker Hund, bzw. Kleidung auf links ziehen, also das innere nach außen.
Bei den Moslems übrigens ist es genauso: Die rechte Hand ist die gute/reine Hand, mit der man z.B. das Essen zum Munde führt, während die linke Hand die schlecht/unreine Hand ist, mit der man unreine Dinge, wie z.B. den Hintern abwischen, macht. Auch das spielt bei uns eine Rolle.
Das die rechte Hand eben die rechte, also richtige Hand ist, liegt wahrscheinlich daran, dass es wesentlich mehr Rechts- als Linkshänder gibt.
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon Alys » 24.09.2015, 11:10

Ich denke auch, dass die Antwort auf die Frage, warum Linkshänder benachteiligt wurden bzw. man sie zur Umschulung gezwungen hat, sehr komplex ist.
Die Kurrentschrift ist sicher ein Teil der Antwort, aber auch eben nur ein Teil. Schließlich wurden Linkshänder auch schon viel früher sozial ausgerenzt und auch in anderen Kulturen benachteiligt bzw. umerzogen - man hat z.B. im englischen Sprachraum nie Kurrent und auch keine ähnlichen gebrochenen Schriften verwendet, trotzdem aber Linkshänder umerzogen. Man nehme als prominetes historisches Beispiel den US-Präsidenten Garfield, der (wahrscheinlich) Linkshänder war.

Das ist jetzt nur eine persönliche Theorie von mir, aber ich könnte mir vorstellen, dass Linkshänder einfach schon immer und in jeder Kultur mit sozialen Stigmata behaftet waren, weil sie einfach anders sind. Schon steinzeitliche Funde deuten darauf hin, dass eine Mehrzahl der Menschen damals Rechtshänder waren. Linkshänder waren schon immer ungewöhnlich, und es ist nun mal leider im menschlichen Wesen verhaftet, dass wir diejenigen, die "anders" sind, entweder aus der Herde ausgrenzen oder sie zum Angleich zwingen. Ergo hat sich die Abneigung gegen Linkshänder in fast allen Kulturen irgendwie ausgeprägt.
Ähnliches gilt ja z.B. auch für echte Rothaarige - sie sind selten, und in fast allen Kulturen hat man früher Negatives oder zumindest "etwas Besonderes" mit ihnen verbunden.
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon anby77 » 24.09.2015, 16:44

man hat z.B. im englischen Sprachraum nie Kurrent und auch keine ähnlichen gebrochenen Schriften verwendet, trotzdem aber Linkshänder umerzogen.

Aber auch im englischen Sprachraum hat man auf Spitzfedern ausgerichtete Schriften, wie Copperplate oder Spencerian gelehrt. Die Kugelpitzfeder war im englischen Sprachraum auch nicht früher verfügbar als im Deutschen. Eher sogar später, weil sie von der deutschen Firma Soennecken erfunden wurde. Und mit einer Spitzfeder kann man mit der linken Hand von links nach recht verlaufende Schriften nicht sauber schreiben; egal ob Fraktur oder Antiqua. Das gilt für Spitzfedern aus Metall genauso wie für Federkiele aus Gänsefedern. Natürlich gab es bei der Benachteiligung von Linkshändern eine Menge kultureller Faktoren, aber dass man zum Schreiben jahrhundertelang die rechte Hand benutzen musste, lag daran, dass die Schreibgeräte bei von links nach rechts verlaufenden Schriften mit der linken Hand nicht sauber zu benutzen waren. Das heißt: Lateinische, kyrillische Schriften und alle anderen von links nach rechts verlaufenden Schriften konnte man von Spätantike bis fast zur Gegenwart nur mit der rechten Hand schreiben, weil die dafür üblichen Schreibgeräte nicht schiebend sondern ziehend benutzbar waren. Deshalb ist das Schreiben einer, wenn nicht gar der zentralste Bereiche, in dem Linkshänder nicht kulturell-mythischen sondern aus praktischen Gründen im Nachteil waren. Das änderte sich erst durch die Erfindung der Rundspitzfeder und des Kugelschreibers im 20. Jahrhundert.
In anderen Kulturräumen, wie Ostasien, wo zum Schreiben Pinsel verwendet wurden, oder im arabischen Sprachraum, wo die von rechts nach links verlaufende Schrift, das gut zu schiebende Schreibrohr erzwungen hat, sieht das natürlich ein bisschen anders aus, aber für Europa ist die These, dass linkshändige Kinder aus puren Aberglaube und Vorurteilen gezwungen wurden, mit der rechten Hand zu schreiben, allenfalls für die 1960er und 1970er haltbar; nicht aber für die vielen Jahrhunderte seit der Spätantike.
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon Alys » 24.09.2015, 21:30

Warum wehrst Du Dich denn so dagegen, dass die Entwicklung des Phänomens "Linkshänder werden benachteiligt" multifaktoriell bedingt ist?
Es widerspricht Dir doch niemand, dass die Fähigkeit zu schreiben sicherlich ein Faktor war, aber es ist eben nur einer.
(Und mit einem Gänsekiel kann man übrigens hervorragend von links nach rechts schreiben. Man muss nur rechte Feder verwenden, also von der rechten Seite des Vogels.)
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon anby77 » 25.09.2015, 00:47

Weil der Ausgangspost einen Schwerpunkt auf das Schreiben gelegt hat. Es wurde ausdrücklich gefragt, warum man Kinder nicht mit links hat schreiben lassen und welchen Hintergrund das hatte. Und die Antwort darauf lautet: Weil die Lehrpläne z.T. bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein Schreibgeräte gefordert haben, die mit links gar nicht benutzt werden können. "Mit der linken Hand wischt man sich den Arsch ab" ist in diesem Kontext komplett irrelevant, denn selbst wenn man sich den Arsch mit rechts abgewischt hätte, hätte man zum Schreiben die rechte Hand benutzen müssen.
Und nein, diese Federn wurden nicht gefordert, um Linkshändern das Leben schwer zu machen, sondern weil Kugelschreiber und Füllfederhalter mit Kugelspitzfedern für weite Teile der Bevölkerung bis in die 1950er hinein schlicht zu teuer waren, um sie Kindern zu geben, die sie durch unsachgemäße Benutzung relativ schnell ruinieren. Federhalter sind nahezu unkaputtbar und Spitzfedern - die man im Gegensatz zu Kugelspitzfedern schon in den 1930ern vollmechanisiert herstellen konnte - waren, als sie noch ein Alltagsprodukt waren, Pfennigartikel.

Vogelfedern kann man so zuschneiden, dass sie von Linkshändern verwendet werden können. Aber als Federkiele das Standardschreibgerät waren, wurde anders geschrieben als heute. Zum einen musste man, da man Sachen, bei denen es auf Lesbarkeit durch andere ankam, ja nicht abtippen konnte, sehr viel einheitlicher und konsistenter schreiben. Bürokratien und Behörden waren dann gut geführt, wenn man an der Handschrift nicht ablesen konnte, wer ein Dokument aufgesetzt oder einen Eintrag erstellt hat. Dazu kommt, dass bei vielen der Schriften, die verwendet wurden als Federkiele aktuell waren, sich ändernde Strichbreiten ins Design der Buchstaben eingebaut waren. Diese Schriften mit der linken Hand schreiben zu wollen, ist, weil die Federn den für die breiten Linien erforderlichen Druck nur vertragen, während sie gezogen werden, sehr viel schwieriger als wenn man sie mit rechts schreibt. Um z.B. einen breite T-Strich zu erzeugen, muss ein Rechtshänder die Feder mit Druck von links nach rechts ziehen; es passt zur Schreibrichtung. Ein Linkshänder kann einen breiten T-Strich nur erzeugen, indem er von rechts nach links zieht, also entgegen der Schreibrichtung. Der Linkshänder ist also gezwungen, seine Buchstaben von rechts nach links zu schreiben und muss für den nächsten Buchstaben absetzen und den von rechts kommend an den davor kommenden anschließen. Der Rechtshänder schreibt jeden Buchstaben von links nach rechts und kann (vorausgesetzt, es noch Tinte in der Feder) ohne abzusetzen den nächsten Buchstaben ansetzen. Und wenn dann noch Schnörkel, Serifen oder sonst irgendwelche Zierelemente verlangt werden, wird es für jemanden, der die linke Hand benutzt, richtig haarig, denn da hat es sich schnell, dass etwas, das man mit Rechts mit einer fließenden Bewegung machen kann, für die linke Hand in eine ganze Reihe Einzelstriche zerlegt werden muss. Der Linkshänder braucht länger und die Gefahr zu klecksen ist durch das ständige hin und her auch vergrößert. Bei einem Einkaufszettel ist das nicht weiter problematisch, aber wenn es darum geht, formelle Urkunden aufzusetzen, oder offizielle Korrespondenz zu tätigen, Akten anzulegen oder als Kopist Schriftstücke zu vervielfältigen, sind diese Komplikationen so gravierend, dass die Benutzung der linken Hand - auch wenn sie technisch gesehen möglich ist - nicht wirklich eine Option darstellt.
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon grit » 25.09.2015, 10:45

Ich möchte noch einen Gedanken einwerfen, der bisher keine Rolle gespielt hat.

Unwissenheit.

Die Ausgangsfrage war ja - warum hat man das gemacht? Dabei spielen die Aussagen, was tut man mit der rechten Hand und was mit der linken, schon eine Rolle. ( Wäre Linkshändigkeit die Norm, dann sähe unsere Schrift vielleicht heute ganz anders aus. )

Es gibt bestimmte Postulate, die so fest kulturell verankert sind, dass sie nicht hinterfragt werden.
Eines davon war lange Zeit: Rechtshändigkeit ist normal / gesund / richtig.
Das wurde nicht infrage gestellt, weil unsere gesamte Umwelt darauf ausgerichtet ist. Das Schreiben ist dafür nur ein Beispiel.
Also wurde in der Schule Wert darauf gelegt, dass alle Kinder mit der "richtigen" Hand schreiben.
Tat ein Kind das nicht automatisch, so wurde indirekt ein Nicht-Wollen unterstellt und das Kind gezwungen, die "richtige" Hand zu benutzen, notfalls mit Gewalt und sehr fragwürdigen Methoden.
Lehrer, die so etwas taten, fühlten sich völlig im Recht und hatten gar keine Vorstellung davon, dass das, was sie taten, eine Art "Vergewaltigung des Gehirns" darstellt. Sie wussten es einfach nicht besser, kannten die Zusammenhänge nicht. Was wusste man denn damals über die rechte und linke Gehirnhemisphäre und deren Funktion? Man hat nicht einmal geahnt, was man den Kindern durch gewaltsames Umschulen angetan hat und war überzeugt, das Richtige zu tun, denn schließlich sollte das Kind sich doch in einer rechtshändigen Umgebung zurechtfinden und sich einfügen. ( Was nicht passt, wird passend gemacht.)
Die Erforschung des menschlichen Gehirns, das Herausfinden, wie die beiden Hälften zusammenarbeiten und das Erkennen, was man mit gewaltsamem Umschulen anrichtet, hat letztlich dazu geführt, dass man heute nicht mehr umschult, sondern im Gegenteil, die Hand fördert, die das Kind instinktiv benutzt. Deshalb hat man heute das Gefühl, es gibt viel mehr Linkshänder als früher.
Ich habe eine Bekannte, die als Kind gewaltsam umgeschult wurde und jahrelang eine Unmenge von Problemen hatte, bis hin zu körperlichen Symptomen. Sie hat sich selbst zurückgeschult und seitdem geht es ihr gut. Sie selbst sagt, sie kann den Lehrern, die sie damals unterrichtet haben, keinen Vorwurf machen, genauso wenig wie ihren Eltern, sie haben geglaubt, das Richtige zu tun - sie haben es einfach nicht besser gewusst.
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon anby77 » 25.09.2015, 16:48

Dabei spielen die Aussagen, was tut man mit der rechten Hand und was mit der linken, schon eine Rolle. ( Wäre Linkshändigkeit die Norm, dann sähe unsere Schrift vielleicht heute ganz anders aus.)

Ich weiß nicht. Einzelne Schriftarten wie Copperplate gäbe es nicht, oder sie sähen sehr anders aus, aber die Grundzüge der Schrift, nicht unbedingt. Meines Wissens ist der Anteil von Linkshändern unter arabisch und hebräisch sprechenden Menschen nicht höher als bei uns. Warum schreiben die also von rechts nach links? Und was ist mit Mongolen, Chinesen und all den anderen, die von oben nach unten schreiben? Und was ist mit den alten Griechen? Die hatten jahrhundertelang keine einheitliche Schreibrichtung und haben mal von rechts links, mal von links und mal innerhalb eines Texes abwechselnd - bustrophedon - geschrieben.

Das wurde nicht infrage gestellt, weil unsere gesamte Umwelt darauf ausgerichtet ist.

Naja, "unsere gesamte Umwelt" scheint mir reichlich übertrieben. Inzwischen gibt es sehr viel mehr Linkshänderprodukte als in meiner Kindheit, aber einige davon haben mehr mit Bedarfsweckung als mit Bedarfsdeckung zu tun. Welchen Sinn haben z.B. Blöcke mit für Linkshänder rechts angeschlagener Spirale? Sobald man umblättert und die Rückseiten beschreibt, ist die Spirale genauso im Weg wie bei einem normalen Block und ob sie bei den geraden oder ungeraden Seitenzahlen im Weg ist, spielt doch nicht wirklich eine Rolle. Und wenn jemand die Blätter tatsächlich nur einseitig beschreibt: Was hindert ihn daran einen normalen Block einfach umzudrehen; die Tatsache, dass das Deckblatt dann auf dem Kopf steht? Außerdem gibt es auch Blöcke, deren Spirale oben angeschlagen ist, die wären, wenn einen das Ding stört, sowieso besser als eine egal auf welcher Seite angeschlagene Spirale... Trotzdem kenne ich einige Linkshänder, die diese gespiegelten Dinger tatsächlich kaufen, sich, weil sie teurer als normale Blöcke sind, abgezockt fühlen und bitter darüber beklagen, wie gemein die Welt zu Linkshändern ist.
Also wurde in der Schule Wert darauf gelegt, dass alle Kinder mit der "richtigen" Hand schreiben.
Von der "richtigen" Hand in Anführungszeichen, kann nur die Rede sein, wenn es technisch überhaupt möglich ist, die andere Hand zu verwenden. Wenn diese Möglichkeit nicht besteht, gibt es nur die richtige Hand ohne Anführungszeichen. Ich habe das Gefühl es wird dramatisch unterschätzt, wie lange die Linkshänder problematischen (Füll)Federhalter - selbst die explizit für sie entwickelten - weitgehend alternativlos waren. Der Kugelschreiber wurde zwar in den 1930ern erfunden, aber so richtig ausgereift (ältere Kugelschreiber konnten ziemlich übel klecksen) war er erst nach dem Krieg. Tintenroller gibt es erst seit den 1960ern, ebenso Fineliner (die erst ihren Weg von Japan nach Europa finden mussten). Wer behauptet, dass das Umtrainieren von Linkshändern eine "mangels besseren Wissens durchgeführte "Vergewaltigung des Gehirns" gewesen sei, sollte sich mal vor Augen halten, dass die Alternative gewesen wäre, Linkshänder nur mit Griffeln, Blei- und Buntstiften schreiben zu lassen. Damit hätte man ihnen den Erwerb einer als grundlegenden Kulturkompetenz geltenden Fähigkeit vorenthalten was in etwa so stigmatisierend gewesen wäre, wie der ganze Scheiß, der Linkshändern in Antike und Mittelalter so blühte.
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Re: "Verbot" von Linkshändern in der Geschichte

Beitragvon BerndStephanny » 26.09.2015, 11:41

Wir hatten 1959 mit der Schule begonnen und hatten in der ersten Klasse eine sehr liberale Lehrerin, die jedem Linkshänder seine linke Hand ließ. Alle Linkshänder - und das waren etwa 10 Stück bei einer Klassenstärke von 45 Erstklässlern - konnten mit Tinte und Feder umgehen - auch im Fach "Schönschreiben-. Einer brachte es gar zu einer Meisterleistung mit der "Citofein" von Brause in Bezug auf Strichführung mit der linken Hand.
„Das Problem bei unseren jungen Schriftstellern ist, daß sie alle um die Sechzig sind.“
William Somerset Maugham (1874-1965), engl. Erzähler u. Dramatiker
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