›Auch haben will!‹ war mein erster Gedanke, als mir eine Freundin ihre schicken neuen Ohrhörer für den iPod vorführte. Es waren nicht diese Standard-Nullachtfuffzehn-Otto-Normalverbraucher-Teile, sondern schicke Stöpsel mit guter Akustik und einem entscheidenden Vorteil: Sie schirmen Außengeräusche ab. Genau das Richtige für mich! Ich nutze meinen iPod nicht so häufig, aber wenn, dann sitze ich meist in Bus oder Bahn. Bisher war das Musikhören dort nur eine bedingte Freude. Entweder hörte man wegen der Nebengeräusche nicht sonderlich viel, oder man wurde wegen der hochgedrehten Lautstärke fast taub und vergrätzte zusätzlich noch den Sitznachbarn. Damit würde von jetzt an Schluß sein. Also nichts wie hin in den nächsten Elektronikladen und flugs ein Paar erstanden.
Aber von wegen heimkommen, auspacken, sich freuen - diese Zeiten sind schon lange vorbei, leider. Heutzutage ist das Auspacken die schwierigste Aufgabe von allen. Die achtzig Euronen für den Kauf meiner neuesten Errungenschaft zu verdienen ist weniger Arbeit, als das Teil aus der Verpackung zu bekommen. ›Blister‹ nennt sich der Fluch jedes Kunden, die Krönung einer jahrhundertelangen Entwicklungskette, die damit begann, daß irgendwann ein Mensch irgendwelche Lebensmittel in Palmblätter gewickelt hat. Statt die wunderbaren Ohrhörer einfach aus grünen Pflanzenfasern zu wickeln, muß man heutzutage gegen durchsichtigen Kunststoff in den Kampf ziehen. Ohne Schere geht da gar nichts.
Die Plastikschachtel in meinen Händen war fünfmal so groß, wie zur Verpackung des Inhalts notwendig, und bestand aus beinahe mehr Material als dieser. Eine dicke Schweißnaht verband die Ränder von Ober- und Unterschale - schließlich soll der Kunde nicht allzu leicht an seinen neu erworbenen Schatz kommen. Schwer bewaffnet rückte ich dem Kunstoff zu Leibe. Ich schnitt die Schweißnaht so nahe wie möglich am Schachtelkorpus ab, doch es war nicht nah genug. Der stehen gebliebene Millimeter hielt die Verpackung genauso fest zusammen, wie der halbe Zentimeter zuvor. Da half nur eines: Mit der Schere hineinstechen und das blöde Ding der Länge nach aufschneiden. Ich setzte mit der Spitze an und... Autsch! Ich war abgerutscht und hatte mir die Schere in den linken Zeigefinger gerammt. Mensch, tat das weh! Und blutete auch nicht zu knapp. So ein Bockmist!
Ein Tempotaschentuch verhinderte roten Flecken auf dem hellen Sisalteppich. Mit umwickeltem Finger begab ich mich auf die Suche nach Pflaster. In meiner Medizinkiste im Schlafzimmer befand sich alles mögliche, aber selbstklebende Miniverbände gab es in dem darin herrschenden Durcheinander nicht. Wie konnte es auch anders sein? Im Badezimmerschrank ebenfalls Fehlanzeige. Wo konnte ich nur diese Pflasterschachtel hingelegt haben? Ich rannte durch die Wohnung, schaute in alle Ecken und wurde schließlich in der Küchenschublade fündig.
Endlich medizinisch versorgt, wandte ich mich nun wieder dem eigentlichen Problem zu: Der Blister-Verpackung. Da ich meinen Sisalteppich liebe, hatte ich nun vorsichtshalber die Aktion in die Küche verlegt. Ich hantierte eine Weile mit der Schere herum, doch das Plastik war zu stabil und zu glatt, um mit der Spitze durchstochen zu werden. Immer wieder rutschte ich ab. Dann kam mir die zündende Idee: Mit dem Feuerzeug ein Loch in die Verpackung zu brennen. Gedacht, getan. Und - oh Wunder! - es funktionierte auch tadellos. Jetzt konnte ich gefahrlos die Schere ansetzen. Entlang der stehen gebliebenen Schweißnaht zerschnitt ich nun an drei Seiten den Kunststoff und klappte die zwei Hälften auf.
An einer Stelle hakte es noch, ich zerrte daran. Mit einem Ruck gab das Plastik nach und schwupp! flogen mir ein paar Teile um die Ohren. Was war das? Ach, die kleinen Silikonringe, die man zur Anpassung ans eigene Ohr auf die Stöpsel steckt. Sie hatten lose in einer Vertiefung der Verpackung gelegen. Als Jägerin des verlorenen Schatzes kroch ich unter den Küchentisch, um bald wieder Herrin der Ringe zu sein. Nachdem ich alles eingesammelt zu haben glaubte, mußte ich feststellen: Einer fehlte. Wo mag der nur hingerollt sein? Die Küche war nicht groß, aber der Möglichkeiten gab es da viele. Also Taschenlampe geholt und fleissig unter die Schränke geleuchtet. Schließlich wurde ich unter der Waschmaschine fündig, mitten im Staub der letzten drei Jahre leuchtete es hell. Na, dann konnte das Probehören ja endlich beginnen.
Die Stöpsel steckten noch immer in der Schachtel, wo sie auf einer Art Kunstofftablett zu einem ansprechenden Bild arrangiert worden waren. Ich löste sie aus der Plastikschale und hatte plötzlich zwei Teile in der Hand - beim Aufschneiden der Verpackung hatte ich versehentlich ein Kabel gekappt. Aaarrgghh!
