Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

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Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon Gavenia » 17.07.2012, 13:17

Hallo liebe Schreibwerkstattler!

Irgendwie habe ich das untrügliche Gefühl, dass in diesem Forum gehäuft Fragen zu eher negativ konnotierten Themen auftauchen. Polizei. Krankenhaus. Suizidversuche. Und nun auch noch mein Thema... :thinking: Aber was muss das muss.

Bei meinem aktuellen Projekt handelt es sich bei einem meiner Protagonisten um einen Kriegsinvaliden. Neben seiner psychischen Versehrtheit - er weigert sich seit seiner Rückkehr zu sprechen - soll er jedoch auch eine physische Verletzung davon getragen haben, die das Gehen erschwert und ihn humpeln lässt. Die Ursachen können ruhig mannigfaltig sein - ob direkte mechanische Einwirkung oder Infektion ist mir gleich.

Womit ich nun nicht weiterkomme:

Habt ihr Ideen, um welche Verletzung es sich hierbei handeln könnte?
Wie wäre diese zustande gekommen?
Gäbe es Behandlungsmöglichkeiten oder wie sähen die Langzeitwirkungen aus?

Vielen Dank schon einmal für euere Ideen.

LG,
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon CharlySemmel » 17.07.2012, 13:28

Habt ihr Ideen, um welche Verletzung es sich hierbei handeln könnte?
Wie wäre diese zustande gekommen? Gäbe es Behandlungsmöglichkeiten oder wie sähen die Langzeitwirkungen aus?


Hallo G!

Mein Großvater hat in Verdun gekämpft. Ein Granatsplitter hat ihm das Knie weggerissen. Als er zurück kam, hat ihm ein Orthopäde einen hohen Schuh gebaut, so dass er nicht humpeln musste beim Laufen. Er hat (wenn ich´s recht weiß) nach einer Operation ein 10 cm kürzeres Bein gehabt. Vielleicht nützt dir das etwas. :wink:

Gruß, CS
Zuletzt geändert von CharlySemmel am 17.07.2012, 18:05, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon Simona » 17.07.2012, 18:02

Hallo Gavenia,

Von welchem Krieg reden wir denn hier?

Gruß
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon Gavenia » 17.07.2012, 19:51

Hallo ihr beiden!

@ Charly: Genau in die Richtung wollte ich. Wenn das eine Bein jedoch 10 cm kürzer ist als das andere, müsste die Schuhsohle aber schon sehr hoch sein, damit er nicht humpeln würde, oder?

@ Simona: Ich meine den ersten Weltkrieg (wie im Titel bereits erwähnt :wink: )

Ich freue mich auf weitere Vorschläge.

LG,
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon Simona » 17.07.2012, 20:34

@ Simona: Ich meine den ersten Weltkrieg (wie im Titel bereits erwähnt :wink: )


:oops: peinlich ... (hab wohl nach Kriegsverletzung aufgehört zu lesen)

Im ersten Weltkrieg gabs noch keine Antibiotikatherapie, Hygiene in Kriegszeiten war auch meist sehr mangelhaft, weshalb die Therapie der Wahl um eine Ausbreitung einer größeren Infektion zu verhindern in der Amputation bestand.
Zudem war die orthopädischen Operationsmöglichkeiten damals begrenzt. Ein verletztes Gelenk durch einen Schuss oder dgl. wird man kaum wieder voll funktionstüchtig hingekriegt haben - sofern es sich nicht ohnehin entzündet hat und von daher schon eine Amputation nötig wurde. Bei ausgedehnteren Verletzungen wird derjenigen mit Sicherheit immer Schmerzen gehabt haben und deshalb alleine schon humpeln, zudem ist eine Versteifung als Folge sicher auch möglich.

liebe Grüße,
Simona
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon CharlySemmel » 17.07.2012, 21:24

@ Charly: Genau in die Richtung wollte ich. Wenn das eine Bein jedoch 10 cm kürzer ist als das andere, müsste die Schuhsohle aber schon sehr hoch sein, damit er nicht humpeln würde, oder?


Jo! - das ist wahr. Ich hab die Information aus zweiter Hand. Mein Vater hat mir das erzählt. Ich war 4 Jahre alt, als mein Großvater starb, hab ihn also so gut wie nicht gekannt. Mein Vater sagte, dass der Orthopäde eine Spezialkonstruktion angefertigt hat. Wie Simona schon sagt, hat es damals noch nicht alles gegeben - so wie heute. Und da der Teufel in der Not Fliegen frisst, hat der Orthopäde sich eben etwas einfallen lassen.
Tatsache ist, dass mein Großvater (er wurde mit 19 Jahren verletzt) noch ein paar weitere Jahrzehnte gelebt und beim Straßenbauamt (im Büro) gearbeitet hat. Daraus lässt sich (denke ich mal) schließen, dass dieser Spezialschuh seinen Dienst getan hat. :wink:

Gruß, CS
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon canis-lupus-niger » 18.07.2012, 00:06

Auch der Großvater meines Mannes wurde im 1. Weltkrieg durch einen Granatsplitter im Knie verletzt. Dadurch soll er zeitlebens gehumpelt haben und nicht mehr in der Lage gewesen sein, zu reiten (was ihm als jungem Mann wohl sehr wichtig gewesen ist). Er ist aber trotzdem stolze 92 Jahre alt geworden.

Mir fällt aber noch eine hübsche Variante ein, von der ich natürlich nicht einmal ahne, ob sie passen würde. Dein Veteran könnte auch ein Kettenraucher sein, oder ein Diabetiker, und das Humpeln könnte tatsächlich durch diese Kankheit entstanden sein. Aber weil er sich schämt, so etwas zuzugeben, behauptet er halt, es sei eine Kriegsverletzung. Würde mit einer Kriegspsychose vielleicht ganz gut harmonieren.
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon Gavenia » 18.07.2012, 13:34

Danke für die vielen Rückmeldungen.

@canis-lupus-niger: Die Idee der Vetrtuschung einer selbst verschuldeten Krankheit ist zwar sehr interessant, aber absolut nicht passend. Da kommt schon eher deine erste Anmerkung hin, dass er nach dem Krieg einem früheren Hobby nicht mehr nachgehen kann und er diese Veränderung nicht verkraftet.

Dann schiebe ich mal eine Frage hinterher: Welche Schmerzmittel wären in der Nachkriegszeit realistisch? Ich habe von Laudanum und Morphium gelesen, da diese beiden Analgetika damals noch durch kein Gesetz kontrolliert wurden. Oder gibt es da noch speziellere Tinkturen?

LG,
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon Ketzer » 18.07.2012, 14:36

Opium wurde ebenfalls als Schmerzmittel genutzt, war jedoch nach dem Haager Abkommen 1912 nach dem 1. WK verschreibungspflichtig (Vgl.: Opiumgesetz).
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon Bonaventura » 18.07.2012, 16:32

Was einen aber nicht hinderte, es im Zweiten Weltkrieg wieder exzessiv einzusetzen (solange der Vorrat reichte). Mein Großvater jedenfalls erinnert sich auch nach über 60 Jahren mit Grausen an den Entzug. Wenn man hinreichende Vorräte hatte, hat man Opiate sicher auch im Ersten Weltkrieg massiv eingesetzt. Sind halt nach wie vor die potentesten Schmerzmittel.

Besonders gräßlich und gefürchtet im Ersten Weltkrieg: Der "Grabenfuß", hervorgerufen durch tagelange Nässe in den Schützengräben. Machte nicht selten eine Amputation nötig.

Bilder auf eigene Gefahr: http://de.wikipedia.org/wiki/Immersionsfu%C3%9F
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon HadrianVI » 19.07.2012, 17:34

Hi,

denkbar wäre, dass ihm der Unterschenkel zerfetzt wurde oder dass ein Granatsplitter im Unterschenkel einen Wundbrand zur Folge hatte. Ich persönlich würde mich für letzteres Entscheiden. In beiden Fällen muss das Bein unterhalb des Klies amputiert werden. Er wird danach noch gehen können aber unter Umständen wird er dadurch trotz Protese sehr stark beeinträchtigt sein. Weiter haben Amputationen in der Regel starke Phantomschmerzen zur Folge bei welchen das nicht mehr vorhandene Körperteil erhebliche Schmerzen verursacht. Die Phantomschmerzen treten häufig dann auf, wenn sich die Person aufgregt, sie können aber auch aus dem Nichts heraus auftreten. Diese Schmerzen werden heute immer noch mit Morphin behandelt. Als anderes opioides Analgetika kommt eventuell auch Fentanyl zur Anwendung, als nicht opioides Analgetika kommt oftmals Novalgin zur Anwendung.
In deinem Fall dürfte der Patient mit Mo behandelt worden sein. Je nachdem wird regelmässig er morgens und abends jeweils Tropfen zu sich nehmen müssen, heute sind aber auch Pflaster gebräuchlich, die über einen Zeitraum von mehreren Tagen Wirkstoffe abgeben. Zudem wird der Arzt dem Patienten eine "Reserve" verordnene, die bei akuten Schmerzen eingenommen werden dürfen. Als "Reserve" kommen auch andere Medikamente als Mo, insbesondere Novalgin in Frage.

Beste Grüsse

Hadrian
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon Gavenia » 19.07.2012, 20:01

Guten Abend zusammen,

durch eure vielen Denkanstöße ins Rollen gekommen, recherchiere ich gerade über Prothesen in den Zwanzigern.

LG,
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon Harley » 20.07.2012, 20:36

Hallo,

mir fallen da noch ein paar Möglichkeiten ein, wie sich dein Held entsprechende Verletzungen zugezogen haben könnte:

- im Grabenkampf Mann gegen Mann mit einem Schlag des Gegners gegen das Knie mit einem Spaten oder Gewehrkolben

- beim Abwarten eines Artillerieangriffs ind den hözernen Unterständen wird dieser getroffen, der Soldat wird verschüttet und ein herabfallender Balken zetrümmert ihm die Beine

- seine Einheit wird von den neuen Panzerwagen angegriffen, er bleibt bei der Flucht in einem Stacheldrahtverhau hängen und der vorbeifahrende Tank zermalmt ihm den Fuß

- oder schlicht und einfach ein Unfall beim z.B. Verladen von Material

Viel Spaß noch und viele Grüße
Harley
 
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon CharlySemmel » 20.07.2012, 20:40

... liest sich, als wärst du dabei gewesen! :twisted: 8)
Zuletzt geändert von CharlySemmel am 20.07.2012, 20:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Kriegsverletzung aus erstem Weltkrieg

Beitragvon Bonaventura » 20.07.2012, 20:48

durch eure vielen Denkanstöße ins Rollen gekommen, recherchiere ich gerade über Prothesen in den Zwanzigern.
Interessantes Thema. Sloterdijk hat dem ein eigenes Kapitel in seiner "Kritik der zynischen Vernunft" gewidmet. Er zitiert da umfangreich aus diesem Büchlein: http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ih ... ew/3420566
Das hat in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg im Zuge der enormen Anzahl Kriegsversehrter (hab was von 11 Millionen(!!) allein in Deutschland gelesen. Also geradezu ein gesamtgesellschaftliches Problem) mehrere Neuauflagen erfahren. Und Sloterdijk macht besonders auf den fröhlich-optimistischen, heute zynisch wirkenden Tonfall in diesem Büchlein aufmerksam.

im Grabenkampf Mann gegen Mann mit einem Schlag des Gegners gegen das Knie mit einem Spaten oder Gewehrkolben
Ich glaube ja, dass gerade da gerade Knieverletzungen eher nicht so häufig waren. Wenn man jemanden schnell killen will und in wildem Getümmel aufeinander einschlägt, ist das eher weniger das Ziel der Wahl.
Lasst uns diskutieren, ob Literatur eher dem Typischen oder eher dem außergewöhnlichen Einzelfall verpflichtet ist!
:twisted:
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