[Nachdenk] Was ich sehe

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk] Was ich sehe

Beitragvon ftranschel » 06.04.2015, 10:30

»Was sehen Sie?«, fragt er und legt mir ein fast vollständig schwarzes Blatt Papier hin.

Ich erkenne den Pferdekopfnebel im Schlaf. Purpur und Aquamarin treten aus dem Schwarz heraus und verbreiten ihre eigene Ästhetik inmitten der Unendlichkeit. Eine der berechtigter Weise ikonischsten Photographien der Kosmologie.

Den Stift im Anschlag, mustert er mich. Scheint jede noch so winzige Wesensregung aufnehmen zu wollen. Noch habe ich keine Worte für das, was ich sehe. Fahre andächtig mit den Fingern über das Papier, als könnten sie sichtbar machen, was dahinter verborgen liegt und doch vor meinem inneren Augen Konturen anzunehmen beginnt.

»Ich sehe«, sage ich, »Neid und Missgunst, Hass und Verrat.«

Keine Reaktion.

»Krieg und Frieden«, fahre ich fort, »Aufstieg und Fall ganzer Zivilisationen, Schicksale, Leidenschaft. Liebe inmitten der Sterne.«

Ein winziges Zucken der Augenbraue, ein kleines Kratzen des Stiftes über das Papier. Aufmerksam starrt er mich an. Geradezu voyeuristisch suchen seine Augen das Papier nach Spuren der von mir geschilderten Schlachten ab.

Ich kann sehen, dass er sie nicht findet.

»Um die Monde von Nibia«, wispere ich. »Explosionen, Tapferkeit, Aufopferung.«

Nichts.

»Der Procyonische Nebel«, beteuere ich weiter, »hier… und dort der Antares-Mahlstrom. Die glänzenden Türme von Psi Serpentis IV, die bis in den Himmel reichen, erschaffen von Wesen so mächtig, dass ihre Weisheit uns zu Stein werden ließe, würden wir versuchen, sie uns anzumaßen.«

Falten sehe ich, tiefe tektonische Gräben. Auf seiner Stirn bildet sich ein pyroklastisches Gebirge aus Zweifeln und Verzweiflung.

Mit einer Mischung aus Argwohn und empathischer Enttäuschung setzt er durch seine Feder ein paar leere Worte auf’s Papier.

»Was sehen Sie?«, frage ich.

Seine Augen blicken auf. Vom Papier zu mir und wieder zurück.

Ich spüre, wie sein Hals sich zuschnürt. Er will nicht antworten, doch die unbestechliche Natur seiner Profession flüstert ihm ein, was er sieht und weiß und unmöglich für sich behalten kann. Sein Gesicht ganz fahl geworden, flüsterte er mit zitternder Stimme:

»Schwere halluzinatorische Futuritis.«

Ausdruckslos starrt er mich jetzt an.

Ich sage nichts.

»Unheilbar«, fügt er fast unhörbar leise hinzu.

Da ist noch mehr.

Ich sehe seine Lippenbewegung, erahne seine Worte, doch ihr Klang erreicht mich nicht. Unsichtbar stehen einen Moment lang die Wörter zwischen uns, dann verschwimmt seine Silhouette und zerplatzt über dem schweren Schreibtisch wie eine Seifenblase im Herbstwind.

Alles dreht sich.

Vor mir: Sterne.

In einem großen Fenster, nein, Bildschirm.

Blinkende, fiepende Technologie überall. Ich blicke hinunter auf das Blatt in meiner Hand.

»Welcher Kurs, Captain?«

Ich fahre herum.

Aufmerksam mustert mich ein Uniformierter. Ich kenne ihn nicht, doch wohl seinen Ausdruck.

»Welchen Kurs soll ich setzen?«

Weiter blicke ich mich um.

Mehr erwartungsvolle Gesichter.

»Captain?!«

Ich lächle.

»Zweiter Stern von rechts«, sage ich und spüre ungeahnte Zufriedenheit in meiner Brust. »Bis zum Morgengrauen.«

Als die Beschleunigung das Deck erzittern lässt, lasse ich das Papier fallen. Mehr aus Unachtsamkeit, denn vor Überraschung.

Doch als ich es auf dem Boden liegen sehe, erschaudere ich.

Makelloses Weiß strahlt mir entgegen. Es ist leer.
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Re: Was ich sehe

Beitragvon Sasskia » 06.04.2015, 11:47

Hallo frantschel!

Mir gefällt, was ich sehe. :dasheye:

Deshalb nur ein paar ganz winzige Anregungen meinerseits.


»Was sehen Sie?«, fragt er und legt mir ein fast vollständig schwarzes Blatt Papier hin.


"Fast vollständig schwarz" ist mir zu viel. Ein schwarzes Blatt würde mir genügen.
Oder eines mit Grauschattierungen, seit 50 Shades of Grey so einen Hype verursacht hat.

Eine der berechtigter Weise ikonischsten Photographien der Kosmologie.


Berichtigterweise schreibt man zusammen. Wobei mir "zu Recht" passender vorkommt.

Zu Recht eine der ikonischsten Photographien der Kosmologie.

Den Stift im Anschlag, mustert er mich.Scheint jede noch so winzige Wesensregung aufnehmen zu wollen.


Da hätte ich, rein gefühlsmäßig, kein Komma gesetzt. Wenn ich den Satz umdrehe, allerdings schon.
Er mustert mich, den Stift im Anschlag. Bereit, jede noch so winzige Wesensregung aufzunehmen.

Fahre andächtig mit den Fingern über das Papier, als könnten sie sichtbar machen, was dahinter verborgen liegt und doch vor meinem inneren Augen Konturen anzunehmen beginnt.


Der Satz ist mir zu lang.
... was dahinter verborgen liegt. Doch allmählich beginnt etwas vor meinem inneren Auge Konturen anzunehmen.

Das innere Auge ist meines Wissens allein.

Ein winziges Zucken der Augenbraue, ein kleines Kratzen des Stiftes über das Papier. Aufmerksam starrt er mich an. Geradezu voyeuristisch suchen seine Augen das Papier nach Spuren der von mir geschilderten Schlachten ab.


Ich liebe diesen Absatz. :love:
Nun, eigentlich alles, was folgt.

Darf ich mitfliegen?


Liebe Ostergrüße aus Wien

Sasskia :girl:
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Re: Was ich sehe

Beitragvon ftranschel » 07.04.2015, 00:24

Wow, das sind ja wirklich nur Details :D

Sasskia hat geschrieben:Darf ich mitfliegen?


Aber gern!
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Re: Was ich sehe

Beitragvon tattoo99 » 02.05.2015, 18:06

Hallo ftranschel,
der Titel hat mich sehr neugierig gemacht und ich dachte, ich schaue mal bei dir vorbei.
Als ich den Titel gelesen habe, hab ich mir schon so etwas Ähnliches gedacht, worum es in der Geschichte geht.
Den Einstieg in die Geschichte finde ich gut, denn dadurch dass du "er" schreibst überlegt man, wer diese Person ist und liest weiter, damit man erfährt wer diese Person ist. Nach dem zweiten Absatz ist mir klar geworden, wer diese Person ist :)
Die Charaktere wirken realistisch, besonders der Psychologe. Das Kopfkino ist dauernd mitgelaufen und ich konnte mir die Szene sehr gut vorstellen. Allerdings hätte ich es gut gefunden, wenn du ein bisschen mehr auf das Aussehen der beiden Personen eingegangen wärst.

Noch habe ich keine Worte für das, was ich sehe. Fahre andächtig mit den Fingern über das Papier, als könnten sie sichtbar machen, was dahinter verborgen liegt und doch vor meinem inneren Augen Konturen anzunehmen beginnt.

-> Hier hätte ich die beiden Sätze mit einem Komma verbunden. Ich finde es nicht besonders schön, wenn ein Satz mit einem Adjektiv anfängt.

Besonders gut gefällt mir die Art, wie die andere Person antwortet. Ohne lange Umschweife. Einfach das, was er in dem Bild sieht. Wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, antwortet der Psychologe nicht auf die Frage, was er in dem Bild sieht sondern sagt, das was die andere Person hat. Also die Krankheit. Habe ich das richtig verstanden?
Du erzeugst mit den Worten, die du wählst Spannung und man kann es förmlich merken, dass die Luft zum Zerreißen angespannt ist. Das gefällt mir besonders gut.
Kritik habe ich keine :)
Ich hoffe du kannst mit dem Kommentar ein bisschen was anfangen.

Liebe Grüße,
tattoo99
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Re: Was ich sehe

Beitragvon ftranschel » 03.05.2015, 13:35

tattoo99 hat geschrieben:der Titel hat mich sehr neugierig gemacht und ich dachte, ich schaue mal bei dir vorbei.
Als ich den Titel gelesen habe, hab ich mir schon so etwas Ähnliches gedacht, worum es in der Geschichte geht.
Den Einstieg in die Geschichte finde ich gut, denn dadurch dass du "er" schreibst überlegt man, wer diese Person ist und liest weiter, damit man erfährt wer diese Person ist. Nach dem zweiten Absatz ist mir klar geworden, wer diese Person ist :)
Die Charaktere wirken realistisch, besonders der Psychologe. Das Kopfkino ist dauernd mitgelaufen und ich konnte mir die Szene sehr gut vorstellen.


Ach, das freut mich total. genau so ist es ja auch gedacht. :D

tattoo99 hat geschrieben:Allerdings hätte ich es gut gefunden, wenn du ein bisschen mehr auf das Aussehen der beiden Personen eingegangen wärst.


Ich habe keine Ahnung, wie sie aussehen. Du etwa? :lol:

Nein, Spaß beiseite, ich verstehe den Einwand. Nur ist es hier eben so, dass bei einer "Kurzgeschichte" dieser Art jedes Wort seinen Platz verdienen muss, und die Beschreibung der Umgebung für mein Gefühl einfach nicht wichtig genug ist. Abgesehen davon ist das eben auch nicht, was der Protagonist aus seiner Erzählperspektive wahrnimmt. Die entscheidenden Eigenschaften des Psychologen sind das Katzen des Stiftes und seine Äußerungen.

tattoo99 hat geschrieben:
Noch habe ich keine Worte für das, was ich sehe. Fahre andächtig mit den Fingern über das Papier, als könnten sie sichtbar machen, was dahinter verborgen liegt und doch vor meinem inneren Augen Konturen anzunehmen beginnt.

-> Hier hätte ich die beiden Sätze mit einem Komma verbunden. Ich finde es nicht besonders schön, wenn ein Satz mit einem Adjektiv anfängt.


Äh, jetzt bin ich etwas verwirrt. Meinst du "Fahre"? Das ist kein Adjektiv ;-)
Und ja, ich weiß, dass Ellipsen des Subjekts nicht immer gut ankommen. Irgendwann hatte ich da auch mal ein Komma stehen, aber dann fand ich den Satz zusammen viel zu lang.

tattoo99 hat geschrieben:Besonders gut gefällt mir die Art, wie die andere Person antwortet. Ohne lange Umschweife. Einfach das, was er in dem Bild sieht. Wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, antwortet der Psychologe nicht auf die Frage, was er in dem Bild sieht sondern sagt, das was die andere Person hat. Also die Krankheit. Habe ich das richtig verstanden?


Jawohl.

tattoo99 hat geschrieben:Du erzeugst mit den Worten, die du wählst Spannung und man kann es förmlich merken, dass die Luft zum Zerreißen angespannt ist. Das gefällt mir besonders gut.


Dank! :) :oops:
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