Jacky,
vielleicht braucht es nicht wirklich einen Akteur. Aber trotzdem sind nicht jeder Zufall und jede glückliche Fügung gleich ein deus ex machina.
So wie Du es schilderst, hängt es ausschließlich von der Art und Weise ab, wie eine Begebenheit eingeführt wird, und nicht etwa von der Begebenheit selbst, ob sie nun ein deus ex machina ist, oder nicht. Ein Beispiel in zwei Varianten (da ich weder die Serie verfolgt, noch die Filme gesehen habe, kann ich mich nicht auf das "Sex and the City" Beispiel beziehen, das Cracking Yarns verwendet.): Indiana Jones und Lara Croft erforschen gemeinsam einen Tempel.
"Ich kann es riechen Indy, wir den Schatz fast gefunden. Oh, Oh!"
"Oh, oh, gefällt mir gar nicht."
"Die Bodenplatte, auf die ich gerade getreten bin, hat gerade etwas nachgegeben."
"Du hast eine Falle ausgelöst."
"Ich fürchte ja."
"Und jetzt, wo ich das Rumpeln höre, glaube ich zu wissen, was für eine Falle das ist. Ich vermute, da kommt ein sehr großes Stück Fels auf und zu."
"Könnte stimmen."
"War da hinten nicht eine Seitengang, in den verkrümeln könnten?"
"Gute Idee, dann renn mal Indy, Alter vor Schönheit."
In dieser Variante wäre der Seitengang nach Deiner Definition ein deus ex machina.
"Warte Lara, hier ist ein Seitengang, den sollten wir überprüfen."
"Nein, ich kann es riechen Indy, der Schatz ist direkt vor uns, halten wir uns nicht mit Seitengängen auf, die irgendwo im nichts enden. Oh, oh!"
"Oh, oh, gefällt mir gar nicht."
"Die Bodenplatte, auf die ich gerade getreten bin, hat gerade etwas nachgegeben."
"Du hast eine Falle ausgelöst."
"Ich fürchte ja."
"Und jetzt, wo ich das Rumpeln höre, glaube ich zu wissen, was für eine Falle das ist. Ich vermute, da kommt ein sehr großes Stück Fels auf und zu."
"Könnte stimmen."
"Was hältst Du jetzt davon, den Seitengang zu erforschen?"
"Die Idee gewinnt an Charme, renn los, Alter vor Schönheit."
Und in diese Variante wäre der Seitengang dann, nach Deinem Verständnis nicht unbedingt ein deus ex machina, weil er schon da ist, bevor die Krise auftritt und auch nicht platt erwähnt worden ist, sondern schon eine erzählerische Funktion hatte (er ist Mittel, um zu zeigen, dass Indy gründlich vorgehen möchte, Lara aber schnell ans Ziel will und sich einfach über Indy hinwegsetzt und weiter läuft).
Aber: Es ist in jedem Fall der selbe Gang und unabhängig davon, ob er vor der Krise erwähnt worden ist oder nicht, muss er doch die ganze Zeit da gewesen sein; so einen Seitengang kann man nicht mal eben in fünf Sekunden in den Fels hauen.
Außerdem: Was wäre, wenn der Seitengang nicht da wäre? Die Helden von dem Felsen zermatscht, Ende der Geschichte. Wenn der Untergang des Helden im Raum steht, und der Autor ihm keinen Ausweg geben darf, weil jeder glückliche Umstand gleich ein zu vermeidender deus ex machina ist, ist die Geschichte ruck zuck vorbei, ohne je zuende erzählt werden zu können. Das ist so auch nicht im Sinne des Erfinders. Ich würde nicht von einem deus ex machina sprechen, wenn in der Umgebung der Helden die Chance angelegt ist, die sie brauchen, um zu überleben, damit man die Geschichte weiter erzählen kann. Schon deshalb ist der Gang selbst weder im ersten noch im zweiten Beispiel ein deus ex machina.
Aber treiben wir das Ganze mal auf die Spitze: So wie Du den Begriff "deus ex machina" verwendest, wäre doch bereits die Anwesenheit der Falle ein deus ex machina (oder von mir aus auch ein diavolo ex machina, weil es für die Helden ja negativ ist). Die Falle ist eine vom Autor eingefügte Begebenheit, die die Handlung und die Aktionen der Helden zumindest kurzfristig bestimmt und in neue Bahnen lenkt. So definiert, wäre jede Wendung in der Handlung und jeder externe Faktor, der auf die Protagonisten wirkt, ein deus ex machina und es wäre im Prinzip unmöglich, dei ex machina zu vermeiden. Denn wer außer dem Autor kann Wendungen und, aus Sicht der Protagonisten externe, Faktoren einführen? So ganz ohne Zufälle und externe Faktoren kochen die Figuren doch ein wenig sehr im eigenen Saft und die Handlung stünde in einer Art luftleeren Raum, wo sie sich in Ruhe, vorhersehbar aus ihren zu Beginn gesetzten Anlagen entfalten kann. Das mag bei manchen Sachen angehen, in anderen Bereichen wäre es auf Dauer mindestens so langweilig, wie deus ex machina einfallslos ist. Übertragen auf Indy und Lara hieße der völlige Verzicht auf derartige Elemente nämlich: Sie gehen in den Tempel, finden den Schatz und kommen wieder raus.
Ich würde die Falle genauso wenig als deus ex machina einstufen wie den Seitengang. Sie ist ein Hindernis auf dem Weg der Protagonisten, das erstens zeigt: das Erforschen alter Tempel ist gefährlich und zweitens den Helden die Chance gibt zu zeigen, dass auch angesichts der Gefahr cool genug sind, um einen Ausweg zu finden, anstatt einfach in Panik ziel- und planlos los zu rennen.
Darüber hinaus ist die ganze Fallensituation ein dramaturgisches und erzählerisches Mittel, um etwas Action in die Sache zu bringen und Spannung zu erzeugen. Nachdem die Helden diese Falle überlebt haben, steht nämlich für eine gewisse Zeit die Frage im Raum, wann die nächste Falle kommt und wie sie wohl aussieht.
Die Schlüsselstelle in dem, was Du von Cracking Yarns zitiert hast, ist "writers shouldn't reach in to
arbitrarily redirect the action". Also: "Autoren sollten nicht in die Handlung eingreifen, um sie willkürlich in neue Bahnen zu lenken." (Da geht Deine Übersetzung am Knackpunkt vorbei). Ein von vorneherein geplanter Widerstand mit eingebauten Auswegen, lenkt die Handlung nicht willkürlich in neue Bahnen, er ist Teil der Handlung. Damit eine Geschichte nicht allzu vorhersehbar wird, braucht es für den Leser überraschende Wendungen und manchmal eben auch Zufallselemente. Die kann man per deus ex machina einführen (was unelegant ist), aber es können auch schlicht Zufälle oder plötzlich auftauchende Elemente der Handlung sein.
Die Falle und der Seitengang bei Indy und Lara sind keine willkürlichen Eingriffe in die Handlung, sie sind bewusst und planvoll gesetzte Teile der Handlung und dramaturgische und erzählerische Werkzeuge, die beim Leser bestimmte Eindrücke erzeugen sollen.
Außerdem gibt es manchmal keine andere Möglichkeit, als den Zufall, um bestimmte handlungstragende Elemente in die Handlung einzuführen, wenn sie aus dramaturgischen Gründen nicht von Anfang im Raum stehen können.
Ist es besser, den Braut einfach kalte Füße kriegen zu lassen, oder sie über ein altes Tagebuch ihres Verlobten stolpern zu lassen, aus dem hervorgeht, dass er früher in einer schwulen Beziehung gelebt hat und die Frau weiß nicht, wie sie damit umgehen soll? Die kalten Füße sind ein reichlich ausgetretener Pfad, aber es ist eine Entwicklung, die ohne Zufälle auskommt und rein aus der Eigendynamik der Figur entsteht. Das Tagebuch kann man der Braut nur durch einen Zufall zuspielen, weil ihr Verlobter es niemals freiwillig rausrücken würde. Und wenn von Anfang an bekannt wäre, dass der Bräutigam eine schwule Vergangenheit hat, würde das ganze dramaturgisch nicht funktionieren und die plötzlich aufkommenden Zweifel der Braut würden künstlich und aufgesetzt wirken. Aber obwohl diese Elemente durch ein Fingerschnippen des Autors eingeführt werden, wäre die Entwicklung aus dem zufällig gefunden Tagebuch doch um einiges origineller und interessanter als die klassischen kalten Füße. Der Zufall, der dem Verlobten dieses Tagebuch in die Hände spielt, ist daher meiner Meinung nach kein deus ex machina sondern ein erzählerisches Werkzeug. Die zufallsfreie Variante mit den kalten Füßen ist viel eher das, was Cracking Yarns als langweiligen "deus ex machina" kritisiert. Es wird ein retardierendes Element gebraucht und einfach eingebaut, indem man der Braut kalte Füße verpasst.
Deshalb bleibe ich dabei: Deine Defintion eines deus ex machina greift zu weit. Nicht alle Zufälle und jede glückliche Fügung, die vom "Gottautor" eingefügt werden sind automatisch dei ex machina, die man vermeiden muss. Sie können genausogut Teil des Plots, erzählerische Werkzeuge oder dramaturgische Elemente sein.
Gruß
Anby