Liebe Schreibfreunde,
"plot" ist nur ein in den 90er-Jahren in Mode gekommenes Wort für "Handlungsstrang". Wer's nicht glaubt, sollte mal bei Wikipedia nachsehen. Insofern finde ich die Definition: "Ein Plot ist die stichwortartige, chronologische Aufzählung aller Ereignisse, die du für deine Geschichte planst." nicht zutreffend. Vielmehr ist das die Skizzierung eines Plots, also ein Hinweis, wie man (rein handwerklich gesehen) einen Plot aufbereiten oder verwalten kann, damit wir uns bei der anschließenden Ausarbeitung leichter tun.
Hans-Dieter Gelfert ("Was ist gute Literatur?") hat das Wesen eines Plots anhand eines Beispieles so schön und prägnant auf einen Punkt gebracht, dass ich ihn hier erwähnen (nicht wörtlich zitieren) möchte:
Die Frau des Königs starb. Zwei Jahre später verschied auch der König. - Ein Plot? Nein, bloß eine Aneinanderreihung zweier Informationen ...
Die Frau des Königs starb. Aus Kummer über ihren Tod verschied auch der König zwei Jahre später. Ein Plot? Ja, weil es zwischen beiden Ereignissen eine Kausalität gibt. Hier geschieht etwas - und das macht eine "Geschichte" daraus.
Es wäre wesentlich mehr geholfen, wenn wir uns der Typologie der Plots widmen würden. Es gibt nämlich nur eine Handvoll typischer Plots, die sich allerdings durch Zeit, Schauplatz und sonstige Rahmenbedingungen unglaublich variieren lassen. Beispiel: der Rächerplot. Am Beginn große Verwüstung durch den Bösewicht. Einer überlebt. Der geht in das Exil und wird dort ausgebildet, bis er sich stark genug fühlt und theatralisch Rache übt. Ihr wisst schon: Rübe ab, stech und hau, schlitz und tatsch, das Blut spritzt herum und der ganze Schmarrn halt.
Beispiele dafür: Conan, der Barbar, Spiel mir das Lied vom Tod, Beastmaster, Braveheart, The Punisher usw. Kurz, die halbe Videothek.
Ich habe Verständnis für die Bemühungen, mit System und Rationalität den Plot abzuarbeiten, oder die Handlung zu entwickeln, oder wie immer man sagen möchte, aber in meiner Praxis funktioniert das nicht. Es bedeutet letzten Endes, das Buch wenigstens im Großen und Ganzen schon am Anfang im Kopf zu haben. Bei mir stellt sich die Inspiration beim und durch das Schreiben selbst ein. So wird aus jedem Buch eine Reise, bei der ich am Anfang nicht weiss, wohin es geht.
Das klingt vielleicht ein wenig pathetisch oder blumig, aber es ist nicht so gemeint. In der Tat empfinde ich diesen Umstand in der Praxis meistens als eher ärgerlich denn als erfreulich.
Ich weiss, das macht einen semiprofessionellen Eindruck, aber erstens gehen ohnehin die meisten von uns Schreiberlingen so vor und zweitens erhalte ich mir auf diese Weise meine (mehr als nur prinzipielle) Offenheit für die Inspiration. Wenn ich ein neues Projekt anfange, sage ich mir immer: Soweit die Inspiration reicht ...
Und die hat mich noch nie verlassen.
zorro
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zorro