[Klassenzimmer] Webstube - Prof. Nion

Gemeinsam schreiben.

[Klassenzimmer] Webstube - Prof. Nion

Beitragvon Nion » 01.10.2015, 20:32

Gute Abend, Herrschaften.
Treten Sie ein, wählen Sie einen Webstuhl und nehmen Sie Platz.

Sie haben die richtige Wahl getroffen, diesen Kurs zu belegen. Die Kunst des Plotwebens ist die Grundlage jeder guten Mär. Man mag fantastische Figuren entwerfen, ihnen die richtigen Fähigkeiten und Eigenheiten verleihen, damit Leser sie lieben. Solange sie ohne Grund und Ziel durch eine Welt dümpeln, bleibt fraglich, ob ein Leser ihr Schicksal tatsächlich bis auf die letzte Seite verfolgt.

Doch dazu später.
Bevor Sie bereit sind, Figuren und Verwicklungen zu ersinnen, müssen Sie eine grundlegende Entscheidung bereits getroffen haben: die der Farbgestaltung.

     Welche Art von Geschichte möchte ich erzählen?

Welche Farben soll der Stoff, der auf dem Webstuhl vor Ihnen entstehen soll, haben?
Rosa-Rot? Möchten Sie etwas Romantischen schreiben? Knallig bunt - etwas Aufregendes? Ein schwarz-graues Weltuntergangsszenario oder wollen Sie einen pastellfarbenen Ort erschaffen, nach dem Ihr Leser sich sehnt, an dem er sich aufgehoben fühlt?

Sie können die gleiche Frage auf andere Weise stellen:

     Welche Emotionen möchte ich bei meinem Leser wecken?

Diese Frage gilt es ganz zu Beginn zu beantworten. Sie betrifft Ihre Garnauswahl - das, womit alles beginnt. Möglicherweise können Sie das ein oder andere Garnende unterwegs mit einem andersfarbigen verknoten oder weitere Farben einweben. Doch der sprichwörtliche "rote Faden" muss sich von Anfang bis Ende durch die Geschichte durchziehen.
Schon auf den ersten Seiten leistet ein Autor seinem Leser ein Versprechen, indem er die entsprechende Grundstimmung aufbaut, aus denen er seine Geschichte weben wird.
Der Autor gibt das Versprechen und der Leser wird es als Versprechen auffassen. "Ich bekomme eine romantische/tragische/aufregende Welt gezeigt, wenn ich dieses Buch lese." Er wird dies nicht vergessen und er wird den Rest der Geschichte darauf pochen, zu bekommen, was ihm versprochen wurde.
Sie können nicht pastellfarben starten und später in grün-braunem Morast versinken. Nicht, wenn nicht wenigstens immer wieder Pastell durchscheint und dem Leser die Hoffnung gibt, in diese Farbgebung zurückzukehren. Genausowenig lässt sich die Art der Geschichte in die andere Richtung verdrehen. Etwas, das düster beginnt, kann nicht plötzlich wolkig-rosa werden. Der Leser wird sich betrogen fühlen, auf eine solche Geschichte hat er sich nicht eingelassen.

Ihre Hausaufgabe für morgen ist vergleichsweise simple - aber ausschlaggebend: Welche Farbe soll Ihr "roter Faden" haben? Welche Art von Geschichte möchten Sie erzählen und welche Emotionen wollen Sie bei Ihren Lesern wecken?

Überlegen Sie sich die Antworten auch diese Fragen gut. Sie sind frei in Ihrer Wahl. Doch einmal getroffen, ist Ihre Wahl verbindlich.

Bringen Sie zur morgigen Stunde Ihr individuelles Material mit, mit dem Sie Ihren Webstuhl einrichten werden. Ich erwarte Sie am frühen Nachmittag zurück, hier, in der Webstube.

Einen angenehmen Abend.
Monat für Monat gemeinsam schreiben, im Schreibtreff der Kreativschreibstube.

Und einmal pro Monat das nächtliche Highlight auf www.schreibnacht.de
Benutzeravatar
Nion
 
Beiträge: 3007
Registriert: 06.07.2010, 13:27
Wohnort: Rheinland-Pfalz

Plotten - Stunde 2

Beitragvon Nion » 02.10.2015, 19:14

Schön, Sie wiederzusehen!
Ich sehe, Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht und allerlei Webgarne mitgebracht, sehr gut.

In der heutigen Stunde werden wir damit beginnen, Ihre Webstühle einzurichten. Zu diesem Zweck kommt der Schärrahmen zum Einsatz. Auf ihm werden die unterschiedlichen Garne, die Sie später zu einem Gesamtkunstwerk verweben, zusammengefasst und geordnet.

Ihre Farbauswahl haben Sie getroffen. Sie wissen, was für eine Art von Geschichte Sie schreiben wollen. Die Antwort auf die nächste Frage bestimmt, welches der Garne den Rahmen bilden wird: Womit eine Geschichte beginnt und womit sie zwangsläufig enden wird.

Jede Geschichte beginnt mit einer Frage und endet, wenn die Antwort auf die Frage gegeben wird.
Kinder haben ein sehr gutes Gespür für den Anfang und das Ende einer Geschichte.
"Es war einmal ein Bär, der konnte nicht tanzen, und das betrübte ihn schon sein ganzes Leben lang."
An dieser Stelle haben wir eine Figur, aber noch keine Geschichte. Es kann nun seitenlang berichtet werden, was der Bär in seinem Leben sonst tut, da er ja nicht tanzen kann. Die Geschichte beginnt genau dann, wenn er beschließt, dass er an diesem Zustand etwas ändern will. Sobald er das äußert (oder explizit denkt), formuliert der kindliche Leser den Beschluss des Bären augenblicklich in eine Frage um: Wird es dem Bär gelingen, tanzen zu lernen? Diese Frage trägt ihn durch die Geschichte. In dem Moment, in dem die Frage endgültig beantwortet wird, ist die Geschichte zu Ende. *)

Es wäre natürlich keine gute Geschichte, wenn der Bär dem erstbesten Waldbewohner, dem er über den Weg läuft, sein Leid klagte, daraufhin vom Fuchs ein paar Schritte gezeigt bekäme und *schwupps* der Tanzbär wäre, der er schon immer sein wollte.
Als derjenige, der hinter dem Webstuhl sitzt und das Schiffchen lenkt, werden Sie dem Bären nicht nur ein Hindernis in den Weg legen, bevor er sein Ziel schließlich erreichen wird - oder bevor er endgültig scheitert.

     Formulieren Sie die Frage, die Ihre Geschichte ausmacht.

Sie ist der Grund, weshalb es eine Geschichte gibt. Sie wird zu Beginn gestellt, führt von Szene zu Szene zu Szene, bis schließlich ihre Beantwortung die Geschichte beendet.

     Schreiben Sie die Frage auf!

Wenn sie möchten, können Sie auch Ihre Antwort darunter schreiben. An dieser Stelle unterscheiden sich Webkünstler: Manche wissen, bevor sie beginnen, wie eine Geschichte enden wird. Andere wollen sich selbst überraschen lassen. Doch egal, ob Sie die Antwort im Vorfeld festlegen, Sie müssen Ihre Frage kennen. Und Ihnen muss klar sein, dass die Geschichte genau damit enden muss, dass diese Frage beantwortet wird.

Manchmal - meistens ;) - braucht es Figuren, um die Frage zu stellen, um die sich eine Geschichte rankt. Eine häufig gewählte Ausgangssituation ist ein Vorfall im Leben einer Figur, der dazu führt, dass sie sich selbst nicht mehr so wahrnimmt, wie sie glaubt, dass sie sein müsste. Die Wahl der alles entscheidenden Frage ist darum oft eng verzahnt mit dem Anlegen und der Entwicklung der Hauptfigur. Entwerfen Sie Ihre Figur in Grundzügen. Vermutlich haben Sie sie ohnehin schon vage vor Augen. Doch gehen Sie an dieser Stelle noch nicht in die detaillierte Ausarbeitung. Entwerfen Sie die Teile, die sie brauchen - und konzentrieren Sie sich an diesem Punkt auf das Ziel Ihrer Figur.

Mit der Auswahl Ihrer Frage treffen Sie die Entscheidung, mit welchem Garn Sie dem Schärrahmen zuerst zu Leibe rücken - und mit welchem Sie am Ende abschließen werden.

Ich wünsche viel Erfolg!

EDIT:

*) An dieser Stelle möchte ich einen Nachtrag machen: Es ist nicht schlimm, wenn eine Geschichte nicht gleich auf der ersten Seite beginnt. Man muss dem Leser nicht im ersten Satz die zentrale Plotfrage um die Ohren hauen. Gegebenenfalls empfindet er es sogar als aufdringlich, so mit der Tür ins Haus zu fallen und ihn zu überrumpeln - und er schlägt das Buch wieder zu, weil er das Gefühl hat, der Autor nimmt sich nicht die Zeit, Dinge zu entwickeln.
Solange von Beginn eines Buches (= erster Satz auf der ersten Seite) auf den Beginn der Geschichte (= die zentrale Plotfrage wird gestellt) hingearbeitet wird und immer wieder Zwischenfragen gestellt werden, die irgendwann zu der zentralen Plotfrage führen, ist es absolut legitim, ein Buch vor Beginn der Geschichte zu beginnen.
Trotzdem muss dem Autor die Frage vom ersten an Satz bekannt sein. Denn ohne sie als Wegweiser, wird es ihm nicht gelingen, auf sie und letztlich auf ihre Beantwortung zuzusteuern.
Monat für Monat gemeinsam schreiben, im Schreibtreff der Kreativschreibstube.

Und einmal pro Monat das nächtliche Highlight auf www.schreibnacht.de
Benutzeravatar
Nion
 
Beiträge: 3007
Registriert: 06.07.2010, 13:27
Wohnort: Rheinland-Pfalz

Plotten - Stunde 3

Beitragvon Nion » 03.10.2015, 20:27

Guten Abend, Weberlehrlinge.
Wie ich höre, sind Sie außerhalb des Unterrichts nicht müßig gewesen. Sie haben sich mit den Kursinhalten auseinandergesetzt und rege diskutiert.

Die grundlegenden Entscheidungen haben Sie getroffen. Sie wissen, welche Art von Geschichte sie schreiben wollen, was Sie beim Leser mit Ihrer Erzählung erreichen wollen, und Sie kennen die zentrale Plotfrage.
Möglicherweise kennen Sie sogar die Antwort, die Ihre Geschichte auf die Frage geben wird. Falls dem so ist, versuchen Sie dieses Wissen für die heutige Übung auszublenden.

Spielen wir ein bisschen. Probieren wir Muster aus. Heute geht es zur Abwechslung nicht um Entscheidungen, sondern um Ideen. Die nächste Entscheidung hat Zeit bis morgen. Wir unterbrechen das Einrichten des Webstuhls und schneiden von jedem Garn ein paar Armlängen ab, um sie zu Mindmaps auszulegen, Ideen zu spinnen und auszuprobieren, was wie kombiniert werden könnte.

Geschichten werden von Charakteren vorangetrieben. Sie kennen die zentrale Frage Ihrer Geschichte. Wie wird Ihr Held dieser Frage gegenübertreten? Wird er sie selbst aufwerfen oder wird sie ihm untergejubelt? Falls "Unterjubeln" der Fall ist: Wodurch macht Ihr Held die Frage zu seiner eigenen?

     Was sind die Gründe, weshalb er Verantwortung übernimmt?
     Welche Antwort wird der Held auf die zentrale Plotfrage geben wollen?

Wie wird er vorgehen? Welchen Weg wird er versuchen, einzuschlagen? Wenn Sie Ihre Ideen notiert haben, finden Sie eine zweite mögliche Antwort Ihres Helden auf die zentrale Frage.

Diese zweite Antwort war nicht Ihre und nicht seine erste Wahl. Vielleicht ist es die bessere? Oder es ist eine falsche Fährte, die falsche Richtung, die Ihr Held zwischendurch einschlägt?
Aus zwei Antworten auf eine Frage lässt sich ein Wendepunkt spinnen. Der Held versucht eine ganze Weile, sein Ziel auf eine bestimmte Weise zu erreichen, bis etwas passiert, das ihn dazu bringt, einen anderen Weg auszuprobieren. Was könnte das sein? Was veranlasst ihn, die Richtung zu ändern?
Fällt Ihnen möglicherweise eine dritte Antwort ein? Eine vierte? Sie müssen nicht alles verwerten, was Sie ausprobieren. Lassen Sie Ihren Ideen freien Lauf!

Wenn Sie bereits andere Figuren im Kopf haben, die in Ihrer Geschichte entscheidende Rollen einnehmen werden (Antagonisten oder weitere Protagonisten), spielen Sie dasselbe Spiel für sie durch. Welches Ziel werden sei in Bezug auf die zentrale Plotfrage verfolgen? Welche Wege könnten sie einschlagen und welche alternativen Wege?

Hören Sie nicht auf zu fragen. Die ursprüngliche Frage ist die zentrale Plotfrage, aber aus ihr ergeben sich weitere Fragen. Versuchen Sie, immer mehrere mögliche Antworten zu geben. Entwerfen Sie Strukturen, um sich später die schönsten daraus auszusuchen - oder sie zu aufregenden Mustern zu kombinieren.

Ein gut gemeinter Rat, bevor ich Sie loslegen lasse: Wählen Sie Ihre Garnproben nicht zu lang, um sich nicht zu verknoten. Sollte es doch passieren, helfen Sie Ihren Mitschülern bitte aus der Misere. (Statten Sie sich zu diesem Zweck sicherheitshalber mit einer Schere aus.)

Viel Erfolg!
Monat für Monat gemeinsam schreiben, im Schreibtreff der Kreativschreibstube.

Und einmal pro Monat das nächtliche Highlight auf www.schreibnacht.de
Benutzeravatar
Nion
 
Beiträge: 3007
Registriert: 06.07.2010, 13:27
Wohnort: Rheinland-Pfalz

Plotten - Stunde 4

Beitragvon Nion » 04.10.2015, 13:41

Willkommen zurück!
Drei Tage intensiver Vobereitungen liegen hinter uns. Unser Ziel für den heutigen Tag ist es, Ihren Webstuhl fertig einzurichten und Sie somit in den Zustand zu versetzen, loszulegen. Jedenfalls in der Theorie. Sie werden sich im Weiteren Gedanken zu Ihren Figuren und der Welt, die sie um Ihre Figuren herum erschaffen, machen, bevor sie tatsächlich loslegen. Doch mit dem Festlegen der Grundstrukturen Ihrer Geschichte haben Sie die Voraussetzungen für alle weiteren Arbeitsschritte erfüllt.
Mit dem fertig eingerichteten Webstuhl erreichen Sie das Ordinäre Wortzauberer Level (kurz: OWL) auf dem Gebiet der mystischen Kunst der Mär.

In der gestrigen Stunde haben Sie begonnen, Ideenfäden auszulegen, und Ihre Ideen-Landkarten als Hausaufgabe vervollständigt.
Es ist Ihre persönliche Entscheidung, wieviele Festlegungen Sie beim Einrichten des Webstuhls bereits treffen wollen. Vieles lässt sich auch nachträglich noch entscheiden oder anpassen, solange sich die Abweichungen in einem bestimmten Rahmen befinden. Zur Wiederholung: Dieser Rahmen betrifft die bereits getroffenen Entscheidungen aus den ersten beiden Stunden:

     1.) Welche Art von Geschichte schreibe ich?
     2.) Wie lautet die zentrale Plotfrage?

Ich gebe Ihnen jedoch den Rat, zumindest die Art und Weise der Wendepunkte zu bestimmen, bevor Sie die noch losen Garne auf den Schärrahmen spannen.

Eine Geschichte sollte mindestens einen Wendepunkt haben, gern auch zwei oder drei. Wendepunkte sind die Punkte in Ihrem Plotteppich, an denen sich ein Muster umkehrt. Beachten Sie beim Entwerfen von Wendepunkten, dass der Leser spätestens nach Beenden Ihrer Geschichte, das Muster Ihres Plotteppichs erkennen sollte.
In der Regel folgen Geschichten einer gewissen Symmetrie. Ziehen wir klassische Muster zum Vergleich heran:
  • In der 3-Akt-Struktur - Einleitung, Hauptteil, Schluss - entspricht die Länge der Einleitung in etwa der Länge des Schlussteils.
  • In der 5-Akt-Struktur nach Freytag - Exposition, Handlungssteigerung, Klimax, Handlungsabfall, Auflösung - entpricht wiederum die Länge der Exposition der Auflösung. Den Hauptteil hat Freytag weiter unterteilt, die Klimax bildet die Mitte, die Steigerung davor entspricht dem Abfall danach. Gemeint ist hiermit nicht, dass das Finale in der Mitte der Geschichte stattfindet. Zum Zeitpunkt der Klimax sind die meisten Fäden im Spiel. Alle Figuren und Handlungsstränge sind eingeführt, alle Konflikte haben sich aufgebaut, zugespitzt. In der Mitte der Geschichte verlangt das Weben die höchste Konzentration von Ihnen. Sie müssen den Überblick wahren und die Umkehrung meistern: Die zentrale Plotfrage ist inzwischen glasklar. Nun müssen Ihre Figuren darauf zusteuern, sie zu beantworten.
  • In der 7-Akt-Stuktur werden die Grenzen zwischen Exposition und Handlungssteigerung, bzw. zwischen Handlungsabfall und Auflösung aufgeweicht und durch zwei weitere Akte ergänzt:
    Aufhänger - Erste Wendung - Erster Kniff - Mittelpunkt - Zweiter Kniff - Zweite Wendung - Auflösung
    Der Grundkonflikt in der Geschichte wird in dieser Struktur erst im 2. Akt offenbart. Der erste Kniff zwingt die Figuren zu einer Reaktion, zum Mittelpunkt agieren sie offensiv in Form von Aktionen. Der zweite Kniff ist ein erster Versuch, den zentralen Konflikt zu lösen, sprich, die Plotfrage zu beantworten. Dieser geht jedoch schief, so dass die Welt zwischen Akt 5 und 6 sehr düster für den Helden aussieht. Im 6. Akt kommt ein weiterer Wendepunkt, der die Hoffnung aufkommen lässt, den Konflikt doch noch zu lösen. Dies kann eine Erkenntnis des Protagonisten sein, oder Unterstützung von anderer Seite. Im 7. Akt wird der Konflikt schließlich gelöst.
Sie sehen, sowohl die 5-Akt- als auch die 7-Akt-Struktur beruhen im Endeffekt auf den klassischen drei Akten, welche die Symmetrie vorgeben.

Das Weben Ihres Plotteppichs wird Ihnen sehr viel einfacher fallen, wenn Sie bereits heute - beim Einrichten des Webstuhls - entscheiden, welche Art von Muster Ihr Teppich haben soll. Dreiteilig, Fünfteilig oder Siebenteilig? Vielleicht auch eine eigene, individuelle Struktur, doch beachten Sie in diesem Fall das Gesetz der Symmetrie. Denn jedes Muster hat die 3-Akt-Struktur zur Basis.
Legen Sie fest, wodurch die Umkehrungen in Ihrem Muster entstehen. Was sind die Wendepunkte? Die Ausarbeitung muss noch nicht sehr detailliert sein, vieles wird sich genauer definieren lassen, wenn Sie mehr über Ihre Figuren wissen. Doch grob können Sie Ihre Wendepunkte auf Basis Ihrer Ideen-Landkarte schon festlegen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!
Monat für Monat gemeinsam schreiben, im Schreibtreff der Kreativschreibstube.

Und einmal pro Monat das nächtliche Highlight auf www.schreibnacht.de
Benutzeravatar
Nion
 
Beiträge: 3007
Registriert: 06.07.2010, 13:27
Wohnort: Rheinland-Pfalz

Plotten - Stunde 5

Beitragvon Nion » 07.10.2015, 20:54

Guten Abend, Herrschaften.

Ich sehe, ich habe Sie weder im Laboratorium, noch im Kerker unter der Burg verloren. Sehr gut. Ihre Webstühle stehen schließlich hier und warten auf Sie, vergessen Sie das bei allen übrigen Aktivitäten nicht.

Sie wissen inzwischen ein wenig mehr über Ihre Welt. Sie sind Ihrem Helden ein wenig näher gekommen, haben begonnen, ihn genauer zu inspizieren; ebenso haben einen ersten Streifzug durch seine Umgebung unternommen.

Diese Erfahrungen werden wir in der heutigen Stunde aufgreifen, um die entsprechenden Fäden in unseren Plotteppich einzuweben. Selbstverständlich haben Sie beim Einrichten Ihres Webstuhls das Garn für Ihren Helden - gegebenenfalls das mehrerer Helden - wie auch das für den Ort Ihrer Geschichte berücksichtigt. Sie haben die Vorbereitungen getroffen, die entsprechenden Fäden in den Plotteppich einzuweben.
Machen Sie nicht den Fehler, Ihre Figuren zu denen zu degradieren, die die Geschichte erleben. Machen Sie sie zu essentiellen Teilen der Geschichte. Lassen Sie Ihre Welt nicht einfach nur der Ort sein, an dem die Geschichte passiert. Weben Sie die Welt selbst in Ihren Plot ein.
Wie Ihnen das gelingt? Stellen Sich sich jeweils die folgende Frage - und geben Sie sich nicht mit der erstbesten Antwort zufrieden:

     Was ist am Ende der Geschichte anders als zu Beginn?

Welche Veränderungen macht Ihre Figur durch? Zu welcher Person ist sie am Ende der Geschichte geworden? Welche inneren Überzeugungen haben sich verändert?
Es ist unumgänglich, diese Fragen für den Helden der Geschichte zu beantworten. Wenn Sie die Garne mehrerer Perpektivfiguren einzuweben gedenken, sollten sie versuchen, die Fragen für jede von ihnen zu beantworten. Die Figur, für die sie keine Antworten finden, die am Ende der Geschichte noch die gleiche sein wird wie zu Beginn - kann maximal eine Nebenfigur werden. Nicht jede Perspektivfigur ist automatisch eine Hauptfigur. Wenn Sie jedoch feststellen, dass keine Ihrer Perspektivfiguren eine wesentliche Veränderung durchmacht - haben Sie möglicherweise die falschen Figuren ausgewählt, oder sie versuchen, die falsche Geschichte zu erzählen.
Überlegen Sie in diesem Fall, ob es möglicherweise die Geschichte einer anderen Figur ist, und ob die Figur, die sie in Stunde 1 bei Prof. Ballater entworfen haben, in Wahrheit eine Nebenfigur ist. Die andere Möglichkeit, die Ihnen bleibt, ist Ihre Figur zu verändern. Überzeugungen und Fähigkeiten, die Sie ihr von Beginn an mitgeben wollten, könnte sie erst im Laufe der Geschichte gewinnen. Sie haben die Ausarbeitung noch längst nicht abgeschlossen, darum sollte es Ihnen relativ leicht fallen, die Frage nach der Veränderung in die weiteren Übungen miteinfließen zu lassen.
Die Veränderung, die der Held im Laufe einer Geschichte durchmacht, ist ein wesentlicher Bestandteil des Plots. Bringen Sie jedoch nicht die Frage nach seiner Veränderung mit der Plotfrage durcheinander. Am Beispiel von Krimiserien lässt sich der Unterschied klar aufzeigen: Die Plotfrage in einem Krimi ist in der Regel: "Wer ist der Mörder?" Der Held in einer Krimiserie ist in der Regel der Kommisar, und die Veränderungen, die in ihm vorgehen, weil und während er an diesem Fall arbeitet, ist das, was den Leser letzendlich dazu bringt, einen zweiten Band der Serie zu kaufen. Der neue Fall hat nichts mit dem des letzten Buchs zu tun, doch die Figur, die ermittelt, ist die gleiche. Und sie ist es, die unsere Aufmerksamkeit geweckt hat, die wir näher kennenlernen und weiter beobachten wollen. Welche Entwicklungsschritte wird sie in diesem Band machen?

Die Frage nach der Veränderung auf die Welt ihrer Geschichte auszudehnen, bedeutet, einen Schritt weiterzugehen. Dass sich die Welt verändert, ist nicht zwangsläufig nötig - wohingegen der Held einer Geschichte sich verändern muss. Doch denken Sie an Ihre liebsten Geschichten. Mal ist die Welt der Geschichte tatsächlich eine ganze Welt. Das beste Beispiel ist Mittelerde im Herrn der Ringe. Mal besteht die Welt aus zwei, drei Landsitzen und einem Dorf, wie etwa bei Jane Austen. Wie groß oder klein die Welt Ihrer Geschichte ist, ist für die Frage unbedeutend: Was ist zum Ende der Geschichte anders als zu Beginn?
Haben sich die Menschen verändert? Gemeint ist diesmal: im Allgemeinen, nicht das Individuum. Haben sich neue Glaubenssätze gebildet? Wurden moralische Vorstellungen über Bord geworfen? Haben sich Strukturen verändert? Gibt es einen neuen Bürgermeister - oder einen neuen König? Hat sich physisch etwas verändert? Zeichnet ein neuer Turm, höher als der Kirchturm, das neue Stadtbild oder wurde die hässliche Fabrikhalle, die es jahrzehntelang verschandelt hat, endlich abgerissen?
Denken Sie über diese Fragen nach, setzten sie Sie in Bezug zu Ihrer Plotfrage - und nehmen Sie sie mit in künftige Stunden bei Prof. Sofian.

Sie müssen die Fragen nach der Veränderung heute noch nicht final beantworten. Manches wird sich erst ergeben, wenn sie tiefer in den Entwurf von Figuren und Welt eintauchen. Doch die Antworten, die Sie bereits geben können, sollten Sie festhalten. Gegebenenfalls können Sie Ihnen manche Kursinhalte zu Figuren und Weltenbau wesentlich erleichern.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Erfolg in der kommenden Woche. Wir sehen uns nächste Woche wieder. Ich erwarte Sie zurück am Dienstag, hier in der Webstube.
Monat für Monat gemeinsam schreiben, im Schreibtreff der Kreativschreibstube.

Und einmal pro Monat das nächtliche Highlight auf www.schreibnacht.de
Benutzeravatar
Nion
 
Beiträge: 3007
Registriert: 06.07.2010, 13:27
Wohnort: Rheinland-Pfalz

Plotten - Stunde 6

Beitragvon Nion » 13.10.2015, 21:03

Einen schönen Guten Abend, kommen Sie herein!

Ich begrüße Sie zu unserer letzten gemeinsamen Stunde in diesem Monat. Die Kunst der mystischen Mär - lässt sich selbstverständlich nicht in ein paar wenigen Tagen erschöpfend behandeln. Im Hinblick auf den bevorstehenden Monat soll es uns einstweilen jedoch genügen.
Möglicherweise sind Sie noch nicht zufrieden, fühlen sich noch nicht ausreichend vorbereitet. Es steht Ihnen selbstverständlich frei, Ihre Muster detailierter zu entwerfen, Skizzen anzufertigen, noch genauer zu planen, wie das Ergebnis Ihres Webprojekts letzendlich aussehen soll. Doch vergessen Sie bei all dem nicht, dass der NaNoWriMo ein Monat voller Magie ist. Vorbereitung ist gut. Doch damit Magie sprühen, glitzern, sich entfalten kann - braucht es auf der anderen Seite ein gewisses Maß an Freiheit. Raum für Kreativität. Wenn Sie Ihre Garne zu streng verflechten, zieht sich Ihr Plotteppich zusammen, verliert seine Form und wird starr - bis er möglicherweise nicht mehr zu gebrauchen ist, wofür er vorgesehen war. Weben Sie Ihr Garn locker. Führen Sie das Schiffchen spielerisch und erlauben Sie sich, spontane Ideen auszuprobieren, wenn Ihnen danach ist.
Bevor Sie sich der NaNoWriMo-Magie hingeben, ist es gut, den Rahmen bestimmt zu haben. Doch während sie wirkt - hat Ihr innerer Lektor, der auf Strukturen und Muster pochen will, nichts zu melden. Wenn Sie abweichen müssen, um weiterzukommen, dann tun Sie es.

Dies als Vorwort. Dennoch möchte ich Ihnen in dieser Stunde noch ein paar Lektionen mitgeben. Richtig angewendet können Sie Ihnen dabei helfen, flexibel zu bleiben, und trotzdem Ihr Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren.
Sie wissen inzwischen einiges über dieses Ziel:
  • Welche Plotfrage es zu beantworten gilt
  • Welche Antworten Ihren Hauptfiguren vorschweben
  • Welche Veränderungen Ihr Held durchmachen wird
  • Welche Veränderungen Ihre Welt erlebt
Sie kennen außerdem die entscheidenden Wendepunkte in Ihrer Geschichte, an denen sich Musterverläufe umkehren, Fäden verdrehen, Dynamik entsteht.
Zum Abschluss dieses Kurses möchte ich, dass Sie sich Gedanken über die Kräfte machen, die in Ihrer Geschichte wirken und all diese Veränderungen bewirken. Im Finale, dem Höhepunkt Ihrer Geschichte, treffen all diese Kräfte aufeinander, wirken gegeneinander oder gemeinsam, und entladen sich in einem emotionalen und thematischen Feuerwerk.

     Machen Sie sich diese Kräfte bewusst.

Manche wirken nur in Ihrem Helden und berühren ihn in seinem Innersten. Andere wirken ganz offen, wie der zentrale Konflikt zwischen Protagonist und Antagonist. Andere sind allgemeiner Natur, wie etwa menschliche Fehlbarkeit.
Indem Sie sich bewusst machen, welche Kräfte in Ihrem Finale wirken, können Sie sich und Ihren Leser auf eben dieses Finale vorbereiten: Jede Kraft sollte (in schwächerer Form) bereits vor dem Finale in Erscheinung treten, mehrere Male. Keiner Ihrer Fäden wird erst kurz vor Schluss in Ihren Plot eingewoben. Es gibt Ihn von Beginn an und Sie entscheiden, wann und wo Sie ihn zum Vorschein bringen. Aus diesen Kräften entwickeln sich Konflikte und aus Konflikten entwickeln sich Szenen.
Sollten Sie sich im November in einer Szene wiederfinden, in der Sie sich verstricken, halten Sie inne und überlegen: Welche der Kräfte, die im Finale wirken werden, treten in dieser Szene in Erscheinung? Für den Fall, dass Sie keine identfizieren können, wissen Sie, was Ihrer Szene fehlt. Haben Sie die entsprechenden Kräfte (in manchen Szenen mag nur eine davon wirken) identifiziert, dann haben Sie gleichzeitig die Fäden gefunden, deren Verlauf Sie verfolgen und die Sie freilegen sollten, um das Wirrwarr aufzulösen und wieder in den Fluss zu kommen.

     Idealerweise wird jede Kraft im Laufe Ihrer Geschichte stärker.

Nehmen wir ein Beispiel um dies zu verdeutlichen. Angenommen, eine Ihrer Kräfte sei, dass der Antagonist an der Richtigkeit seiner Überzeugungen zweifelt. In Ihrem Finale wird er diesen Zweifel offen aussprechen und dem Helden damit Gelegenheit geben, ihn von einer anderen Wahrheit zu überzeugen. In diesem Fall sollten Sie (nicht unbedingt in der zentralen Überzeugung, jedoch in kleineren, unbedeutenderen) vorher bereits Szenen weben, die den Antagonisten ins Zweifeln bringen. Das erste Mal, wenn Sie diese Kraft zeigen, ist es vielleicht nur ein Schatten über seinem Gesicht, ein kurzes Zögern - bevor er seinen Handlangern eine Anordnung erteilt. Beim nächsten Mal dürfen Sie die Kraft stärker zeigen. Eine ruhige Minute etwa, in der sich Ihr Antagonist zurückzieht und reflektiert. Beim dritten Mal könnte die wirkende Kraft dazu führen, dass ihm ein echter Fehler passiert, der wiederum Ihrem Helden in die Hände spielt und die Entschlossenheit Ihres Antagonisten vorübergehend verstärkt. Von nun an handelt er grimmiger, direkter, ohne zu reflektieren - um sich vor seinen eigenen Zweifeln zu schützen. Wenn Sie diese Kraft klar eingeführt und ihre Wirkung gezeigt haben, weiß der Leser, dass sie nach wie vor wirkt. Er wartet nur darauf, dass sie erneut zu Tage tritt - was sie schließlich, stärker als zuvor, im Finale tun wird.

Verschaffen Sie sich Klarheit über Ihre Kräfte - und bringen Sie sie zur Entfaltung. Verknoten Sie sich dabei nicht. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und einen sprühenden Monat November.

Wir begegnen uns mit Sicherheit einmal auf einem der Flure.
Monat für Monat gemeinsam schreiben, im Schreibtreff der Kreativschreibstube.

Und einmal pro Monat das nächtliche Highlight auf www.schreibnacht.de
Benutzeravatar
Nion
 
Beiträge: 3007
Registriert: 06.07.2010, 13:27
Wohnort: Rheinland-Pfalz


Zurück zu Schreibtreff

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste