Weltsichten

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Weltsichten

Beitragvon Dingelchen » 17.04.2015, 12:11

Hallöchen,

ich hab Teil 1 jetzt mal im gröbsten fertig, und jetzt schwebt mir (ob ich will oder nicht) schon so ein grober Plot für nen zweiten Teil im Raum. Und da ist mir etwas aufgefallen, das mich bei Teil 1 auch schon die ganze Zeit gewurmt hat (bisher scheint es keinen Testleser gestört zu haben, aber vielleicht auch nur, weil meine Symboliken ohnehin nicht immer zu erkennen sind :mrgreen: ):
Es geht in meinem Roman um eine Sekte, dessen Guru seine Rechtfertigungen aus gesellschaftlichen Stellungen einer vergagnenen Gesellschaft zieht. Allerdings beeinflussen alle Mitglieder diese Sekte (Gruppendynamik halt), wodurch auch mehrere Philosophien darin eingeflochten werden. Ich ging dabei aber nie gänzlich in die Tiefe, sondern habe sie so eingesetzt, dass sie lediglich das Weltbild der Sekte unterstreichen. Heißt: Ich hab mir einfach Philosophien zusammengesucht, die mein Sektenweltbild unterstreichen, hab aber natürlich gleichzeitig abgeändert/hinzugefügt usw.
Nun hab ich mich natürlich mit Sekten befasst und allen ist gemein, dass sie einem ganz bestimmten Weltbild folgen (also: christlich/satanisch/germanofaschistisch/buddhistisch/etc. geprägt) bzw. diese als Rechtfertigungen heranziehen.
Bei meiner fiktiven Sekte ist es eben anders, das ist eine Sicht, die an verschiedenen Sichten streift, aber sich nicht an einer bereits existierenden Lehre orientiert. Also quasi ein inspiriertes, aber frei erfundenes/weitergesponnenes Weltbild, das der ein oder andere sicher in eine Schublade stecken können wird, was aber keine Voraussetzung sein sollte.
Jetzt frag ich mich, ob der Leser dann nicht viell. denken könnte "Was für ein Scheiß!", weil ich eben nicht einer bestimmten real existierenden Lehre treu bleibe, sondern meine Roman-Charaktere eben ihre ganz eigenen Ansichten haben. Sie suchen sich quasi selbst die für sie passenden Philosphien und ändern sie dann ab oder spinnen sie weiter, um ihren Nutzen daraus zu ziehen.
Findet ihr also fiktive Weltsichten in einer realistisch dargestellten Welt (ich schreib kein Fantasy, Teil 2 soll aber in Richtung Dystopie gehen) in Ordnung?
Ich bin mir grad nicht sicher, ob der Leser als Anhaltspunkt nicht etwas Nachvollziehbareres bräuchte. Also eben z.B. das belegbare Gegenüberstellen etablierter Ansichten (beispielsweise Christentum vs. Hinduismus). Andererseits machte gerade das den Reiz für meine Charaktere aus, dass etwas Neues entsteht, etwas, das auf all den Ansichten der Mitglieder beruht, die ohnehin schon eigenbrödlerisch sind.
Vielleicht sind so fiktive Weltsichten auch gar kein Problem (mir fällt da auch gleich ein Roman ein) und ich werd langsam einfach nur ober-kritisch. :roll:
Bei Teil 1 spielt das jetzt eh noch eine eher untergeordnete Rolle, aber bei Teil 2 müsste ich dann mehr in die Tiefe gehen und überlege gerade, wie viele Freiheiten ich dabei habe, in anderen Sphären zu schweben ;)

Liebe Grüße
Dingelchen
"Im Mondlicht drehten sich die Paare. Die Feigheit mit der Tugend, die Lüge mit der Gerechtigkeit, die Erbärmlichkeit mit der Kraft, die Tücke mit dem Mut.
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Re: Weltsichten

Beitragvon Justin » 17.04.2015, 18:28

Ich bin mir überhaupt nicht sicher was deine Frage eigentlich ist... :? So wie ich das ganze verstehe, Hast du eine Sekte, die an sich keine eigene Philosophie hat, sondern ihre Guru bzw. die Mitglieder suchen ihre Philosophie bzw. Fetzen von Philosophien zusammen wie sie gerade brauchen...

Damit habe ich grundsätzlich Probleme.

a) Was hält die Gruppe zusammen wenn jeder nach dem Leitbild lebt, was er selber für gut findet? Man sieht schon an Christentum, wie viele verschiedene Sekte es gibt, weil jede ein Teil aus der christlichen Theologie aussucht, was er gut findet und für die echte, wahre Wahrheit hält.

b) Wenn jeder aus der Gemeinschaft seine eigene Philosophie zusammen braut sehe ich nicht nur das Problem der Zusammengehörigkeit, sondern wozu hat man einen Guru? Ist nicht ein Guru ein Erleuchteter? Jemand, der einem den Weg zur Wahrheit führt - weil er die Lehre/Weisheit usw. besser kennt als ich? Wer soll so eine Sekte führen wenn jeder nach der Philosophie lebt, was ihm passt? Das heißt, dass man innerhalb der Sekte verschiedene Strömungen, Lehre oder Philosophien untereinander konkurrieren - Das führt zur Streit und Spaltung.

Für ein Roman fände ich es logischer und glaubwürdiger, wenn du einfach deine eigene Philosophie selber zusammen baust - So kannst du sie passend für deine Geschichte gestalten und anpassen, dass sie innerhalb der Geschichte stimmig ist.

Vielleicht habe ich einfach was falsch verstanden.
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Re: Weltsichten

Beitragvon Dingelchen » 17.04.2015, 20:35

Hallo Justin,

erstmal danke für deine Antwort :)

Ich hab mich wohl vorhin sehr doof ausgedrückt (irgendwie hab ichs heut nicht so mit Schreiben ^^).
Also folgendes:
Innerhalb der Sekte bzw. des Romans gibt es eine Weltsicht, die alle verbindet (bzw. verbinden sollte ;) ) und auch ganz klare Regeln, Hierarchien, Symboliken, etc. Das ist also nicht mein Problem.
Was ich mit "zusammensuchen" meinte, war nur, dass anfangs jedes Mitglied seine Sicht eingebracht hat (das war zu nem Zeitpunkt wo diese Sekte noch keine Sekte war, da durfte/musste man sich noch einbringen) und daraufhin ein Konglomerat entstand (quasi eine neue Einheit).
Mein Problem ist eher, dass ich nicht weiß, ob der Leser mir diese "Mischung" abkauft, weil ich eben nicht nach vorgegebenen Dingen gehe. Da fließen beispielsweise dualistische Sichtweisen ein. Da könnte sich mancheiner denken "Aha ... Yin und Yang, worum gehts da näher? Daoismus? Konfuzianismus?" etc. (v.a. weil eines der Mitglieder auch Asiate ist, der es jedoch mit diesen (realen) Lehren auch nicht so genau nimmt aufgrund seiner Lebensgeschichte).
Also so ungefähr:
Für ein Roman fände ich es logischer und glaubwürdiger, wenn du einfach deine eigene Philosophie selber zusammen baust - So kannst du sie passend für deine Geschichte gestalten und anpassen, dass sie innerhalb der Geschichte stimmig ist.

hab ichs auch gemacht. Somit hast du trotzdem meine Frage beantworten können :mrgreen: :dasheye:

Danke! :)
LG
Dingelchen
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Re: Weltsichten

Beitragvon Ignotus » 17.04.2015, 20:46

Ich gehe jetzt mal davon aus, dass du mit Sekte nicht einfach eine Abspaltung einer religiösen Gemeinschaft von der "Mehrheit" der Religionsgemeinschaft meinst, sondern eine Gruppe, die relativ isoliert in einer relativ festen Gemeinschaft mit ihrem Guru leben, wobei Aussteiger oftmals physischen und psychischen Problemen unterworfen sind.

Da praktisch alle größeren Religionen und Philosophien in ihren wesentlichen Auslegungen nicht Grundlage für derartige Sekten bilden können – sonst gäbe es viel mehr davon – besteht die Philosophie dieser Sekten onehin oft einen gewissen Synkretismus und einer Abwandlung der ursprünglichen Philosophie. Diese Abwandlung entsteht nicht nur durch den Einfluss eigener Philosophien, sondern auch durch die Einbindung (aus der Fremdsicht) erfundener bzw. (aus der Selbstsicht) neu entdeckter/offenbarter Lehren. je nach dem wie hierarchisch die Gruppe aufgebaut ist, können dabei auch unabhängig vom Guru einzelne Mitgleider ihre "Erkenntnisse" in die "offizielle" Lehre einfließen lassen¹.
Dabei ist es gar nicht so selten, dass die Abwandlung dazu führt, dass die ursprüngliche Philosophie auch recht schnell nicht mehr wiederzuerkennen ist bzw. bereits bei den Grüdern die Auslegung der Ursprungslehre sow "extrem" war, dass man diese objektiv gesehen maximal als Inspiration bezeichnen könnte².
Dementsprechend ist es also "normal", wenn die Sekte Vorstellungen hat, die dem Leser vollkommen fremd sind und kein reales Vorbild haben. Derartige fiktive Weltsichten wärem für mich also nicht nur möglich, sondern sogar zu erwarten.


-------
Fußnoten
¹ Wobei, i.B. um die von Justin genannten Effekte zu vermeiden in der Regel die Hierarchie ziemlich stark sein wird. Allerdings können zusätzlich zum Guru zumindest auch seine Vertrauten bzw. Stellvertreter ihre Ansichten einfließen lassen.
² Dennoch kann man sich als die "wahren" Vertreter der Ursprungslehre sehen. So begreift sich Scientology etwa als eine Form des Buddhismus, auch wenn die übrigen Buddhisten und die Religionswissenschaft dem widersprechen.
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Re: Weltsichten

Beitragvon Dingelchen » 19.04.2015, 13:59

Vielen Dank Ignotus auch für deinen sehr hilfreichen, ausführlichen Beitrag!
Auch er konnte mich zum Glück beruhigen, weil das ungefähr meine Sicht bzw. meine Absicht widergibt.
Dann muss ich mir diesbzgl. also nicht allzu große Sorgen machen. *beruhigt bin*

Viele Grüße, DANKE!

Dingelchen
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Re: Weltsichten

Beitragvon schreiberling » 19.04.2015, 14:16

Das Merkmal einer Sekte ist daß die Philosophie die sie vertritt noch so abstrus sein kann, das ganze lebt von psychologischer Manipulation zu blindem Gehorsam der Doktrin und dem Sektenführer gegenüber ( da wird in allen Fällen mit einer Heil vs Verdammnis, wir Auserwählten vs ihr Uniwissenden Ideologie gearbeitet in der die Mitglieder zu völlig unselbstständigen, manipulierbaren Zombies gehirngewaschen werden bzw sich bereitwillig gehirnwaschen lassen).

Wie die Ideologie einer Sekte ausschaut ist dabei völlig egal. Eine christliche Sekte funktioniert genauso wie eine hinduistische oder eine frei erfundene rund um Aliens oder aufgestiegene Meister.
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Re: Weltsichten

Beitragvon Dingelchen » 19.04.2015, 14:42

Stimmt. Vielen Dank fürs Entwirren meiner Gedankengänge ;) :girl:
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