[Tragik]Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär ... [DÜ] [1/2]

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär ... [DÜ] [1/2]

Beitragvon Diemen » 15.05.2014, 12:18

So, jetzt aber. Eigentlich wollte ich mich ja kurz fassen. Es sind knapp über 1000 Wörter geworden. Ich freue mich über Vorschläge, was man noch wegkürzen kann und auf Hinweise auf die vielen kleinen und großen Fehler, die man selbst gerne übersieht. :D


Die vertraute Melodie des Handyweckers lockte Martin aus seinem formlosen, warmen Traum. Sie war dort gewesen und sie hatten sich über irgendetwas unterhalten. Es war nichts Besonderes, vielleicht nur Tratsch, doch es hatte ihn für kurze Zeit sehr glücklich gemacht. Nun griff er nach seinem Telefon und schaffte es irgendwie das nervende Gepfeife vorübergehend abzudrehen. Wenn er jetzt aufstünde würde er es noch rechtzeitig in die Arbeit schaffen. Doch als er sich langsam in vollem Umfang der Realität bewusst wurde, drehte er sich noch einmal um.

Wenn ich den Bus nehme kann ich zehn Minuten sparen. Dann bin ich … Er wollte auf seine Armbanduhr schauen, doch er hatte sie in der Eile vergessen. So spät am Morgen wirkte die Straße, die er jeden Tag entlangging, seltsam verändert. Es waren zu viele Menschen unterwegs. Martin konnte ihre Blicke spüren, als er sich vorsichtig entlang der Hauswände zur Busstation vorkämpfte. Da ist er! Mit gemischten Gefühlen sah er den Bus näher kommen. Er stellte sich ganz hinten in die Schlange, denn er fuhr nie Bus und musste erst mit sich ringen um den Mut dafür aufzubringen. Martin nutzte keine Verkehrsmittel. Sein Arbeitsweg dauerte zu Fuß vierzig Minuten, doch er konnte sich nicht dazu überwinden. Was wenn? Er schaffte es auch dieses Mal nicht.

„Schau, wer sich entschlossen hat zu kommen! Der Grieber! Hey Martin, hast du gestern wieder zu wild gefeiert? Ha? Wieder die ganze Nacht durchgemacht, was?“ Paul rief in seinem spöttischen Ton quer durch das Büro, sodass alle sich nach Martin umdrehten. Er duckte sich zwischen die Trennwände um nicht weiter aufzufallen und stahl sich in das Nebenzimmer, in dem sein Schreibtisch stand. „Grüß dich Martin! Ist alles OK bei dir?“ Sein Kollege reckten den Hals um über den Bildschirm zu schauen. „Ja ja, ich hab‘ nur verschlafen. Was habe ich verpasst?“ „Nichts. Das Übliche halt. Die Prackahuber hat erzählt wie wichtig es ist die Befehlskette einzuhalten.“ Sein Kollege verdrehte die Augen. „Und der Chef hat gemeint, dass er die Layouts bis Montag am Tisch haben möchte und dass es ihm egal ist, wenn wir heute bis acht am Abend da sitzen.“ Martin drehte den PC auf und setzte sich nieder um wieder zu Atem zu kommen. „Die hat er doch schon.“ Der Kollege nickte mit einem breiten Grinsen. „Ja aber die im zweiten haben sie wieder verschlampt. Du, Martin! Etwas Anderes: Wie schaut’s aus, magst du heute mit in die Kneipe? Das Wochenende taufen? Legendäre Gelage und so?“ Er machte kreisende Hüftbewegungen auf seinem Rollsessel. „Hmm. Ja. Nein. Also. Wenn sonst nichts kommt …“ Sein Kollege winkte beschwichtigend. „Ja, wenn das Wörtchen Wenn nicht wäre. Mach dir keine Gedanken. Ich komm mal wider zu dir. Am Mittwoch?“ Martin nickte erleichtert und wandte sich seiner Arbeit zu.

Teil 2
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Re: Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär ... [DÜ] [1/2]

Beitragvon Aikaterini » 08.06.2014, 11:21

Lieber Diemen,

an sich eine nette Geschichte. Du weißt dich gut auszudrücken. Aber da fehlt es ein wenig an Pepp. Was ist der Konflikt in deinem Manuskript? Was macht es spannend, was verleitet einen zum Weiterlesen? Lasse dies in die Geschichte einbinden. Nichts ist wichtiger als der Anfang. Es ist mittlerweile bekannt, dass Lektoren nur die ersten drei bis vier Seiten lesen. Das heißt nicht, dass du reißerisch schreiben musst. Aber man sollte den Leser sogleich ködern und dann den Haken auswerfen. Zeig, was das Besondere an deiner Geschichte ist.

Ansonsten schreibst du sehr aktive Handlungen, in die man sogleich eintauchen kann. Manchmal bist du etwas zu sprunghaft, da ist man in der Vorstellung noch etwas weiter zurück. Das lässt sich durch nur wenige Wörter beheben.

Meine Verbesserungsvorschläge habe ich farblich hervorgehoben:

Die vertraute Melodie des Handyweckers lockte (das klingt als ob es angenehm ist, besser: riss, zerrte, holte ihn gewaltsam) Martin aus seinem formlosen, warmen Traum. (Vorsicht mit zu vielen Adjektiven. Manche Lektoren meinen sogar man sollte gar keine Adjektive verwenden. Ich würde das formlos streichen, alle Träume sind formlos. Das warm gefällt mir gut, das zeigt wie tief und wohlig er geschlafen hat. Ich finde es sogar sehr treffend)

Sie war dort gewesen und sie hatten sich über irgendetwas unterhalten. (ähm, was? Da komm ich nicht mehr mit. Meint sie im Traum und ist das ein Verweis auf etwas, was vorher geschehen ist? Drücke mit nur wenigen Worten aus, was du genau meinst.)

Es war nichts Besonderes (gewesen, du sprichst von einer Vergangenheit in Vergangenheitsform), vielleicht nur Tratsch, doch es hatte ihn für kurze Zeit sehr glücklich gemacht.

Nun griff er nach seinem Telefon und schaffte es irgendwie (allgemeine Ausdrücke sollte man tunlichst vermeiden, bleibe stets konkret. Besser: mühselig, mit schlagenden Fingern) das nervende Gepfeife (Pfeifen, vermeide Substantivierung. Punkto Pfeifen, ich stelle mir bei einem Handy mehr ein Piepen oder Klingeln vor. Natürlich kann es sich auch um einen bestimmten Weckton handeln, aber der Leser wird es nicht mit einem Pfeifen assoziieren) vorübergehend abzudrehen.

Wenn er jetzt aufstünde (aufstand, Komma) würde er es noch rechtzeitig in die Arbeit schaffen.

Doch (streichen, unnötiges Füllwort.) als er sich langsam in vollem Umfang der Realität bewusst wurde, drehte er sich noch einmal (nochmals) um.

Wenn ich den Bus nehme (Komma) kann ich zehn Minuten sparen. (Plötzlich schreibst du seine Gedanken nieder. Ich würde sie hervorheben, schreib sie kursiv)

Dann bin ich … (Abgehackte Gedanken verwende ich auch gerne! Hast du gut eingesetzt)

Er wollte auf seine Armbanduhr schauen (sehen), doch er (verschieben) hatte (er) sie in der Eile vergessen. (das ging jetzt alles ein wenig zu schnell. Erst war er noch im Bett und drehte sich nochmal um. Dann überlegte er sich, ob er den Bus nehmen soll. In meiner Vorstellung fand das noch immer im Bett statt. Dann ist er auf einmal auf der Straße. Da musst du noch einen Satz hinzufügen, damit der Leser nicht die Orientierung verliert)

So spät am Morgen wirkte die Straße, die er jeden Tag entlangging, seltsam verändert. (Die Straße, die er jeden Tag entlangging, wirkte so spät am Morgen seltsam verändern. Auf diese Art unterbrichst du den Satz nicht so unschön)

Es waren zu viele Menschen unterwegs. Martin konnte ihre Blicke spüren, (der erste Satz wirkt abgehackt. Besser: Martin konnte die Blicke der vielen Menschen spüren) als er sich vorsichtig entlang der Hauswände zur Busstation vorkämpfte.

Da ist er! (Ich dachte da wäre eine Person und war ganz gespannt! Dann ist es nur der Bus. Das hat mich enttäuscht. Schreib lieber: Da war der Bus. Und ohne Ausrufezeichen. So spannend ist es nicht, dass der Bus kommt :wink: )

Mit gemischten Gefühlen (das macht mich neugierig, gute Formulierung) sah er den Bus näher kommen.

Er stellte sich ganz hinten in die Schlange, denn er fuhr nie Bus und musste erst mit sich ringen um den Mut dafür aufzubringen. (Da er nie Bus fuhr, scheute er sich davor in die Schlange zu zwängen und stellte sich hinten an) Martin nutzte keine Verkehrsmittel. (unnötige Wiederholung, streichen)

Sein Arbeitsweg dauerte zu Fuß vierzig Minuten, doch er konnte sich nicht dazu überwinden. (überflüssige Information)

Was wenn? Er schaffte es auch dieses Mal nicht. (Wenn du den Leser im Dunkeln tappen lassen willst, um Spannung aufzubauen, sind die Sätze gut. Wenn nicht, dann weiß ich nicht, was du meinst)

„Schau, wer sich entschlossen hat zu kommen! Der Grieber! Hey Martin, (klingt etwas holprig wegen dem Herr Grieber zuvor. Besser das Hey Martin streichen) hast du gestern wieder zu wild gefeiert?

Ha? Wieder die ganze Nacht durchgemacht, was?“ Paul rief (rief Paul) in seinem spöttischen Ton quer durch das Büro, sodass alle sich nach Martin umdrehten. (Ich war in Gedanken noch im Bus. Wann sind wir im Büro angekommen. Bau es am Anfang ein. Etwa so: Als Martin das Büro sah, geriet er sogleich in Pauls Visier)

Er (Martin, das würde ich einfügen, weil man sonst noch an Paul denkt) duckte sich zwischen die (den) Trennwände (n, Komma) um nicht weiter aufzufallen und stahl sich in das Nebenzimmer, in dem sein Schreibtisch stand. (zu seinem Schreibtisch)


„Grüß dich Martin! Ist alles OK (okay) bei dir?“
Sein Kollege reckten den Hals um über den Bildschirm zu schauen. (Füge den Satz vor dem Ausruf ein)

Nichts. (streichen) Das Übliche halt. Die Prackahuber hat erzählt (Komma) wie wichtig es ist die Befehlskette einzuhalten.“

„Und der Chef hat gemeint, (meinte) dass er die Layouts bis Montag am (auf den) Tisch haben möchte (will, möchte klingt nicht so fordernd) und dass es ihm egal ist, wenn wir heute bis acht am Abend (streichen, das ist logisch) da(ran) sitzen.“

Martin drehte den PC auf (PC aufdrehen? Meinst du hochfahren, starten?) und setzte sich nieder (Komma) um wieder (streichen, unnötiges Füllwort) zu Atem zu kommen.

Ja aber (streichen, unnötige Füllwörter) die im zweiten haben sie wieder verschlampt. Du, Martin! Etwas Anderes: Wie schaut’s aus, magst du heute mit in die Kneipe? Das Wochenende taufen? (guter Satz, habe ich noch nie gehört, eigene Idee?) [/color]Legendäre Gelage und so?“[color=#4000FF] (das brauchst du nach dem ersten Ausdruck nicht mehr)

Er machte kreisende Hüftbewegungen auf seinem Rollsessel. (das Bild hat mich schmunzeln lassen!)

Am (streichen) Mittwoch?“


Du unterbrichst an keiner sonderlich spannenden Stelle. Vielleichte eine Vorahnung einbauen? Einen kleinen Hinweis, was geschehen könnte? Wie gesagt in dem Text fehlt es an Konflikt, in diesem Gerne muss es kein dramatisches sein, sondern eins, dass viele lustige und humorvolle Szenen bietet. Jeder Text lebt durch Konflikt.

Ich hoffe ich konnte einige hilfreiche Anrregungen geben
Ich wünsche noch viel Spaß beim Schreiben

Ganz lieben Gruß
Aikaterini
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Re: Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär ... [DÜ] [1/2]

Beitragvon unkompliziert » 23.05.2015, 12:27

Hallo Diemen,

ich möchte mich gerne revanchieren, weil du mir so geduldig weitergeholfen hast!

Ohne die Aufgabenstellung der DÜ gelesen zu haben kann ich erahnen, dass es um das "Wenn" geht. Um verpasste Gelegenheiten. Oder um den Verlauf der Geschichte, wenn nur eine Kleinigkeit anders gewesen wäre.

Ich habe auch den zweiten Teil deiner Geschichte gelesen und kenne daher den Schluß.
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Ein großes Lob: Ich hatte natürlich am Schluß auf eine Erklärung gehofft, aber dass du noch eine Art Happy End hingezaubert kriegst war unerwartet!
Ich liebe Happy Ends (wenn sie nicht platt sind) und noch mehr, wenn sie überraschend sind.

Jemand wie Martin, hat sich bisher bei allen anderen Autoren die ich gelesen habe, nie verändert.


Das eine Wenn? nachdem sich Martin zu dem Menschen entwickelt hat, der er heute ist, würde ich entweder noch etwas dramatisch oder ausführlicher oder von der Gliederung her noch etwas herausstellen. Für mich ist es der Star der Geschichte und eine Erleuchtung für den Leser. Da sollte es nicht einfach in der Masse mitlaufen, auch wenn mir klar ist, dass du uns mit allen anderen Wenns? darauf vorbereitest.

Die Charaktäre:
Die beiden freundlichen Kollegen von Martin gefallen mir sehr gut.
Sie sind gerade verständnisvoll genug, aber auch nicht zu sehr.

Paul ist ein Arsch. Klar, der Abwechslung halber muss es auch geben und es ist nicht die Zeit für eine Charakteranalyse. Aber er würde sehr gewinnen, wenn sich Martin etwas über ihn (und seine Motivation/Charakter) denkt oder ihn ein anderer Kollege anmotzt -- und wir auf diese Weise zumindest noch einen Hauch mehr über ihn erfahren.
Damit er nicht nur eine Stimme ist, die sich mitten in der Arbeitsatmosphäre erdreistet einfach mal laut und langweilig loszupöbeln.

Martin war mir die meiste Zeit zu sehr das klassische, leidende Mauerblümchen.
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Die Entscheidung, die er am Schluss trifft macht ihn für mich enorm interessant.

Sicher ist er nur ein Schatten seiner selbst. Aber ich als Leser glaube dir nicht, warum sich seine Kollegin trotzdem für ihn interessieren sollte - und nicht einfach nur Mitleid haben.
Nach ganz langem Nachdenken wird mir klar, dass seine Kollege nicht nur auf ihn Rücksicht nehmen, weil sie seine Marotten eben gewohnt sind, sondern weil sie von einem Ereignis wissen. Aber vielleicht machst du das für begriffsstutzige Leser wie mich noch ein bisschen deutlicher?
Irgendeine kleine Stärke könntest du Martin noch gönnen, die durchblitzen lässt, dass stille Wasser eben tief sind: Deutlicher sagen, dass außer ihm eben niemand den Drucker gebändigt kriegt.
Er könnte ein kleines Geheimnis mit seiner Kollegin am laufen haben: Er erledigt am Computer etwas, dass ihm leichtfällt, das sie aber nicht kann obwohl sie es können SOLLTE.
Und als Gegenleistung übernimmt sie unauffällig für ihn alle Botengänge/Dienstreisen bei denen er Autofahren müsste.

Im Detail:

Diemen hat geschrieben:
Die vertraute Melodie des Handyweckers lockte Martin aus seinem formlosen, warmen Traum. Sie war dort gewesen und sie hatten sich über irgendetwas unterhalten. Es war nichts Besonderes, vielleicht nur Tratsch, doch es hatte ihn für kurze Zeit sehr glücklich gemacht. Nun griff er nach seinem Telefon und schaffte es irgendwie das nervende Gepfeife vorübergehend abzudrehen. Wenn er jetzt aufstünde würde er es noch rechtzeitig in die Arbeit schaffen. Doch als er sich langsam in vollem Umfang der Realität bewusst wurde, drehte er sich noch einmal um.

Blau: Es handelt sich um dasselbe Geräusch, aber du beschreibst es einmal eher positiv und einmal sehr negativ. Das funktioniert für mich als Leser nicht und lenkt sehr ab.
Rot: An der Stelle hatte ich noch keine Chance zu wissen, was du damit meinst. Ich glaube, du willst, dass ich eine düstere Vorahnung habe, dass irgendetwas in Martins Leben schiefläuft, aber dazu ist der Satz zu vage. Ich habe ihn beim ersten Lesen etwas verwirrt überflogen.
Grün: Ein Gefühl das wir alle kennen. Sehr gut getroffen!

Du willst einen entscheidenden Tag in Martins Leben darstellen. Da gehört wohl das leidige Aufstehen dazu, obwohl ich Pflicht-Wecker-Klingelszenen hasse wie die Pest.
Könnte er nicht stattessen am Frühstückstisch sitzen und über den Traum nachdenken?
Ist nicht dringend, aber wie gesagt: Geschichten/Bücher die mit dem Aufwachen des Protas beginnen assoziere ich mit Schülergeschichten. Auch wenn das unfair ist.


Wenn ich den Bus nehme kann ich zehn Minuten sparen. Dann bin ich … Er wollte auf seine Armbanduhr schauen, doch er hatte sie in der Eile vergessen. So spät am Morgen wirkte die Straße, die er jeden Tag entlangging, seltsam verändert. Es waren zu viele Menschen unterwegs. Martin konnte ihre Blicke spüren, als er sich vorsichtig entlang der Hauswände zur Busstation vorkämpfte. Da ist er! Mit gemischten Gefühlen sah er den Bus näher kommen. Er stellte sich ganz hinten in die Schlange, denn er fuhr nie Bus und musste erst mit sich ringen um den Mut dafür aufzubringen. Martin nutzte keine Verkehrsmittel. Sein Arbeitsweg dauerte zu Fuß vierzig Minuten, doch er konnte sich nicht dazu überwinden. Was wenn? Er schaffte es auch dieses Mal nicht.

Dass er wegen dem späten Aufbrechen zuhause jetzt den Bus nehmen muss, und man jetzt erkennt, dass er den Straßenverkehr scheut, finde ich super!
Ich mag die Verbindung zwischen dem Morgen und den Weg zu Arbeit. Wie das alles im kausalen Zusammenhang steht.
Und ich mag den ersten Hinweis für den Leser, dass man versuchen kann selbst draufzukommen, was mit Martin los ist.
Lila: Würde ich streichen. Es hat keine Funktion und es ist auch noch irreführend, weil man meint Martin habe Verfogungswahn oder Platzangst. Aber er fährt ja nicht Bus, weil er meint, dass die anderen Menschen ihn hassen oder weil es ihm zu eng auf belebten Plätzen ist.
Außerdem fühl er in deiner Geschichte dreimal, dass irgendwelche Blicke auf ihm ruhen. Dieses Gefühl kann man schon mal benennen. Aber so oft in einem so kurzen Text finde ich zuviel.


„Schau, wer sich entschlossen hat zu kommen! Der Grieber! Hey Martin, hast du gestern wieder zu wild gefeiert? Ha? Wieder die ganze Nacht durchgemacht, was?“ Paul rief in seinem spöttischen Ton quer durch das Büro, sodass alle sich nach Martin umdrehten. Er duckte sich zwischen die Trennwände um nicht weiter aufzufallen und stahl sich in das Nebenzimmer, in dem sein Schreibtisch stand.

Zu dem Kollege hatte ich ja schon etwas geschrieben. Wer traut sich ohne wirklich spektakulären Grund in einem Großraumbüro so loszubrüllen?
Ich weiß, du möchtest noch nicht zuviel über das Ende preisgeben. Aber es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass Martin schon immer ein verklemmter Mann mit diversen Komlexen wäre, weil dann der Leser meint, dass er eh keine Chance hat das Rätsel zu lösen und ob er nicht einfach zum Schluss springen soll. Bis jetzt ist Martin ein normales Mauerblümchen mit einem normalen Alltag, was wir alle täglich selbst erleben und nicht auch noch lesen wollen. Also lass durchscheinen, dass in Martin mehr steckt!
Wenn die Kollegen von diesem Ereignis wissen -- warum traut sich Paul dann dermaßen platt darauf rumzutrampeln?
Spoiler: Anzeigen
Sich über Trauernde zu belustigen wird in der Gesellschaft nicht geduldet. Darüber sind sich die Menschen ausnahmsweise einig.

Lila: Würde ich streichen, weil es wieder irreführend ist.
Klar könnte Martin *außerdem* noch schüchtern sein, aber dann hat der Leser keine Chance mehr, vor allem in so einer kurzen Geschichte, da durchzublicken. Ich würde ein Hauptthema wählen und dem eine Bühne geben.


„Grüß dich Martin! Ist alles OK bei dir?“ Sein Kollege reckten den Hals um über den Bildschirm zu schauen. „Ja ja, ich hab‘ nur verschlafen. Was habe ich verpasst?“ „Nichts. Das Übliche halt. Die Prackahuber hat erzählt wie wichtig es ist die Befehlskette einzuhalten.“

ersetzte rot durch: den Dienstweg
Wir sind ja nicht beim Militär. ;)


Sein Kollege verdrehte die Augen. „Und der Chef hat gemeint, dass er die Layouts bis Montag am Tisch haben möchte und dass es ihm egal ist, wenn wir heute bis acht am Abend da sitzen.“ Martin drehte den PC auf und setzte sich nieder um wieder zu Atem zu kommen. „Die hat er doch schon.“ Der Kollege nickte mit einem breiten Grinsen. „Ja aber die im zweiten haben sie wieder verschlampt. Du, Martin! Etwas Anderes: Wie schaut’s aus, magst du heute mit in die Kneipe? Das Wochenende taufen? Legendäre Gelage und so?“ Er machte kreisende Hüftbewegungen auf seinem Rollsessel. „Hmm. Ja. Nein. Also. Wenn sonst nichts kommt …“ Sein Kollege winkte beschwichtigend. „Ja, wenn das Wörtchen Wenn nicht wäre. Mach dir keine Gedanken. Ich komm mal wider zu dir. Am Mittwoch?“ Martin nickte erleichtert und wandte sich seiner Arbeit zu.

Lila: Würde ich komplett streichen und die gesparten Wörter lieber dazu nutzen um zu zeigen, dass in Martin mehr steckt, als Paul weiß. Vielleicht um die geheime Absprache mit Leonora darzustellen?

Den Rest finde ich super :)

Teil 2
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Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen helfen. Das war jetzt einfach das, was ich mir als Leser so gedacht habe.
Mir ist klar, dass das Werke schreiben sehr viel härtere Arbeit ist, als das Werke zerpflücken und dass es nicht so einfach ist mal eben eine Szene reinzubasteln die Martin als pfiffig darstellt.
Ich bleibe mal am Ball für den Fall, dass du trotzdem mal die Zeit dafür findest.
Es ist nur eine Fingerübung, aber sie hat etwas Besonders/Überraschendes und vielleicht gibt es mal eine Anthologie für die sie gerade perfekt ist.

Liebe Grüße
Unki
unkompliziert
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Re: Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär ... [DÜ] [1/2]

Beitragvon MarkD » 26.05.2015, 22:07

Hallo Diemen,

mir gefällt, wie du erzählst und begleite Martin gerne durch den Tag. Was mir ein bißchen fehlt ist die Spannung. Die Geschichte schreitet fort, ohne dass sie mich zwingt weiterzulesen.
Wie wäre es, wenn er das Layout noch nicht abgegeben hätte und ihm das gleich nach dem Aufwachen einfällt. Dann würde ich als Leser mitfiebern, ob er es noch rechtzeitig ins Büro schafft (9:00 Uhr Abgabetermin).
Falls das nicht zum zweiten Teil passt, dann gib mir einen anderen Grund, bis dahin durchzuhalten. :wink:

Der Kollege nickte mit einem breiten Grinsen. „Ja aber die im zweiten haben sie wieder verschlampt. Du, Martin! Etwas Anderes: Wie schaut’s aus, magst du heute mit in die Kneipe?

Das Dramatische der Geschichte wird von einem Satz auf den anderen abgehakt - ohne Absatz. Da fehlt mir ein Übergang. Vielleicht: "Ärger dich nicht drüber, du kennst die Nasen im Zweiten ja. Lass uns heute Abend ein Bier zusammen trinken. Wie schaut's aus ..."

Beim letzten Absatz hast du keine Zeilenumbrüche eingefügt, obwohl die Sprecher wechseln. Da solltest du noch eine Handvoll spendieren.

Aus meiner Sicht würde ich folgende stilistischen Dinge ändern:

Die vertraute Melodie des Handyweckers lockte Martin aus seinem formlosen, warmen Traum.

Willst du ihn tatsächlich sanft herauslocken (sprachlich prima) oder mit Gewalt herausreißen? Schließlich möchte er den Traum nicht freiwillig verlassen. Eigentlich findet er es ja verlockend weiterzuschlafen.
Mir gefällt das Adjektiv warm an der Stelle nicht. Für mich stellt es irgendwie einen Widerspruch zu formlos dar. Wie wäre es mit einem undeutlichen, wohligen Traum? Ist es das, was du meinst?

Sie war dort gewesen und sie hatten sich über irgendetwas unterhalten.

Im ersten Anlauf habe ich das 'Sie' unbetont gelesen. Kennt er sie? Hat sie einen Namen? Wie wäre es mit: "Diese Frau?"

Doch als er sich langsam in vollem Umfang der Realität bewusst wurde, drehte er sich noch einmal um.

Das liest sich ein bißchen sperrig. Vorschlag: "Als er langsam in die Realität zurückkehrte."

Er wollte auf seine Armbanduhr schauen, doch er hatte sie in der Eile vergessen.

Die beiden Satzteile passen für mich nicht zueinander. Einer Absicht folgt eine Feststellung - ohne Handlung. Vorschlag: "Er wollte auf seine Armbanduhr schauen, bemerkte aber, dass er sie in der Eile vergessen hatte." Schauen könnte man durch sehen ersetzen (als Süddeutscher fiel mir dass aber erst beim zweiten Mal lesen auf :wink: ).

Es waren zu viele Menschen unterwegs.

Zu viele in Bezug auf was? Drängten sich ungewohnt viele Menschen auf der Straße? Fühlt er sich dadurch unwohl?

Mit gemischten Gefühlen sah er den Bus näher kommen. Er stellte sich ganz hinten in die Schlange, denn er fuhr nie Bus und musste erst mit sich ringen um den Mut dafür aufzubringen. Martin nutzte keine Verkehrsmittel. Sein Arbeitsweg dauerte zu Fuß vierzig Minuten, doch er konnte sich nicht dazu überwinden. Was wenn? Er schaffte es auch dieses Mal nicht.

Den ersten Satz würde ich weglassen. Zunächst wundere ich mich warum er gemischte Gefühle hat und bekomme dann die Erklärung nachgeliefert. Er stellt sich in die Schlange, fährt dann aber doch nicht mit. Da ist auch nebensächlich, ob er den Bus näher kommen sieht (was den Leser noch aus der Perspektive herausholt).
Ich würde den Absatz wie folgt umstellen: "Martin nutzte keine (öffentlichen) Verkehrsmittel. Er musste seinen ganzen Mut aufbringen, um sich hinten an die Schlange anzustellen. In dem Moment, in dem der Bus heranfuhr, fühlte er sich mulmig. Obwohl sein Arbeitsweg zu Fuß vierzig Minuten dauerte, und er zu spät kommen würde, konnte er sich auch diesmal nicht überwinden einzusteigen."

Paul rief in seinem spöttischen Ton quer durch das Büro

Vorschlag: "Pauls Spott drang durch das ganze Büro."

Er duckte sich zwischen die Trennwände um nicht weiter aufzufallen

Er duckt sich unter die Oberkante der Trennwände und läuft dann dazwischen ihnen durch. Das sind zwei getrennte Bewegungsrichtungen.
Er tut das um nicht gesehen zu werden. Wenn ich mir einen gebückten Mann vorstelle, der zwischen zwei Trennwänden durchhuscht, finde ich das schon auffällig.

Die Prackahuber hat erzählt wie wichtig es ist die Befehlskette einzuhalten.

Die gibt es nur beim Militär. :darthvader: Du meinst die Hackordnung, oder hier passender die Hierarchie.

Martin drehte den PC auf

Er fuhr ihn hoch? Hat ihn eingeschaltet?

Der Kollege nickte mit einem breiten Grinsen.

Hm. Bin ich jetzt unschlüssig, ob das ein Klischee ist. Möchtest du ihn böse grinsen lassen? - Ja ich weiss, auch nicht weniger klischeehaft.

Ja aber die im zweiten haben sie wieder verschlampt.

Die im Zweiten.

Also. Wenn sonst nichts kommt …“ Sein Kollege winkte beschwichtigend. „Ja, wenn das Wörtchen Wenn nicht wäre.

Der letzte Satz kommt jetzt irgendwie aus dem heiteren Himmel. Außerdem wird mir aus den fehlenden Zeilenumbrüchen nicht ganz klar, wer denn nun spricht. Da fehlt mir irgendwie der Ansatz um etwas anderes vorzuschlagen. So wie es jetzt ist, sind die drei Sätze für mich ohne erkennbaren Zusammenhang.

Mir wurde erst beim zweiten Mal durchlesen so richtig bewusst, wie furchtsam Martin durchs Leben läuft. Mit den Änderungen der "vielen Leute" und der Situation an der Bushaltestelle wird das deutlicher. Allerdings wird mir nicht klar, welche Rolle diese Eigenschaft in dieser Geschichte spielt. Vielleicht könntest du die Demütigungen von Paul noch stärker ausführen. Das sollte sich dann auch in Martins Gefühlswelt deutlicher ausdrücken.

Wie oben erwähnt, ist das alles nur meine persönliche Meinung. Vielleicht findest du ja den ein oder anderen Punkt hilfreich.

LG,
Mark
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