[Tragik]Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär ... [DÜ] [2/2]

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär ... [DÜ] [2/2]

Beitragvon Diemen » 15.05.2014, 20:22

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Zu Teil 1


„Martin?“ Leonas stimme strich ihm über das Ohr und fuhr seinen Nacken hinab direkt in Herz und Magen. Er blickte vom Bildschirm auf. Sie lehnte am Türrahmen, das Ende ihres langen blonden Zopfes um den Zeigefinger gewickelt. „Kannst du mir beim Drucker helfen?“ Sein Kollege räusperte sich auffällig. Martin hätte ihm am liebsten ans Schienbein getreten. „Ich? Ja, wenn ich… Warte einen Moment!“ Er sperrte schnell seinen PC und schob die Zettel auf seinem Tisch zusammen. Er folgte ihr in den Druckerraum. „Was hat er denn schon wieder?“ „Ich glaube der Einzug klemmt aber ich kriege die Klappe nicht auf.“ Sie stand hinter ihm und schaute ihm zu, wie der auf Knöpfe drückte und am verklemmten Mechanismus zog. Ihr Blick brannte auf seiner Haut und ihre Stille schmerzte in seinen Ohren. „Ah! Das war’s.“ Er hielt ein kleines Stück Papier hoch an dem noch eine Heftklammer befestigt war. Das Gerät surrte und druckte laut vor sich hin, als er sich zu ihr umdrehte. „Martin. Die anderen gehen heute in die Bar und ich habe mir gedacht…“ Sie drehte wieder an ihrem Zopf. „Vielleicht magst du ja mitkommen? Ich würde mich freuen.“ Er fühlte sich, als stünde ein großes Gewicht auf seinem Brustkorb, so schwer fiel es ihm Luft zu holen. „Ja! Ich meine, wenn nicht…“ Sie legte eine Hand auf seine Schulter. „Ich weiß. Aber ich würde mich WIRKLICH freuen.“ Sie strich ihm einmal sanft über den Rücken und ging wieder zurück auf ihren Platz. Ihre Berührung kribbelte noch lange auf seiner Haut. Wenn es doch so einfach wäre.

Die Abendsonne spendete die letzten warmen Strahlen des Tages. Von hier oben konnte Martin über die ganze Stadt sehen. Es hatte eine halbe Stunde gedauert um zu Fuß hierher zu kommen. Nun ging er mit einer Gießkanne in der Hand über den geschotterten Weg. Das Knirschen der Kieselsteine und das Zwitschern der Vögel waren die einzigen Geräusche die er hören konnte. Er mochte diesen Ort. Hier konnte er ungestört über alles reden, was ihn beschäftigte. „Sie hat mich eingeladen. Leona aus der Arbeit. Ich habe dir schon von ihr erzählt. Ich würde wirklich gerne gehen. Aber was, wenn ich mich blöd verhalte? Was, wenn irgendetwas passiert?“ Er wartete nicht auf eine Antwort und goss die Blumen und das Bäumchen, das in einem Topf am Rand des Weges stand. Dann setzte er sich auf die Bank und starrte auf den Boden vor sich. Die Ruhe erfüllte ihn. Der Duft der feuchten Erde, das sanfte Wiegen der Blütenblätter, alles nahm er heute deutlicher wahr als sonst. „Ich möchte leben! Ich habe es verdient zu leben. Ich habe es verdient glücklich zu sein.“ Er wischte seine Tränen mit dem Ärmel weg. „Ich weiß das hast du auch! Wenn ich nicht links abgebogen wäre, hättest du auch! Wenn wir nicht zu spät gewesen wären. Wenn ich auf dich gehört hätte. Wenn… Es tut mir so leid!“ Er schüttelte den Kopf. „Aber ich hab‘ es verdient und du hättest dich für mich gefreut. Ich liebe dich. Aber ich muss leben, verstehst du? Ich will! Ich wünschte du wärst da. Aber vielleicht bist du ja irgendwo, ich weiß es nicht. Wenn, dann werden wir uns wieder sehen und ich erzähle dir von mir und du mir von dir und es ist wie früher, ja? Abgemacht?“ Er stand auf und berührte den Grabstein seiner Schwester. Die Sonne war nun hinter dem Horizont verschwunden und er machte sich bereit zu gehen. Martin warf noch einen kurzen Blick auf das Grab und begann sein neues Leben. Ohne Wenn.
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Re: Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär ... [DÜ] [2/2]

Beitragvon EnWeZed » 18.05.2014, 23:10

Ich dachte beim lesen des ersten Teils darüber nach, warum diese Geschichte unter "Trauriges" steht. Der letzte Absatz hat's mir dann gründlich in die Seele getrieben. Aua, das war harsch. Da konnte ich auch erst begreifen warum die alle so unfassbar freundlich zu ihm waren.

Da ich Grammatiktechnisch nicht die beste Wahl bin, werde ich mein Review auf der Handlungsebene belassen.

Die vertraute Melodie des Handyweckers lockte Martin aus seinem formlosen, warmen Traum. Sie war dort gewesen und sie hatten sich über irgendetwas unterhalten. Es war nichts Besonderes, vielleicht nur Tratsch, doch es hatte ihn für kurze Zeit sehr glücklich gemacht


Dieses "über irgendetwas" gefällt mir persönlich gar nicht. Das klingt zu generisch! Er erinnert sich das es nichts besonderes und womöglich nur Tratsch war, was es in meinen Augen zu etwas macht.

"Sie war dort gewesen und hat sich mit ihm unterhalten" tut es dann doch auch.

Wenn ich den Bus nehme kann ich zehn Minuten sparen. Dann bin ich … Er wollte


Machs Kursiv um Erzähler von Gedanken zu trennen. Ich wette, im Dokument hast du das getan - Oder ist dem Erzähler eingefallen, dass er nach der Geschichte noch mit dem Bus wegmuss? *g*

„Schau, wer sich entschlossen hat zu kommen! Der Grieber! Hey Martin, hast du gestern wieder zu wild gefeiert? Ha? Wieder die ganze Nacht durchgemacht, was?“ Paul rief in seinem spöttischen Ton quer durch das Büro, sodass alle sich nach Martin umdrehten. Er duckte sich zwischen die Trennwände um nicht weiter aufzufallen und stahl sich in das Nebenzimmer, in dem sein Schreibtisch stand. „Grüß dich Martin! Ist alles OK bei dir?“ Sein Kollege reckten den Hals um über den Bildschirm zu schauen. „Ja ja, ich hab‘ nur verschlafen. Was habe ich verpasst?“ „Nichts. Das Übliche halt. Die Prackahuber hat erzählt wie wichtig es ist die Befehlskette einzuhalten.“ Sein Kollege verdrehte die Augen. „Und der Chef hat gemeint, dass er die Layouts bis Montag am Tisch haben möchte und dass es ihm egal ist, wenn wir heute bis acht am Abend da sitzen.“


Den ganzen Absatz finde ich fabelhaft. Da kommt es mir so vor, als würde ich selbst irgendwo meine kleine Büroecke haben und das Gespräch überhören.

Du, Martin! Etwas Anderes: Wie schaut’s aus, magst du heute mit in die Kneipe? Das Wochenende taufen? Legendäre Gelage und so?“ Er machte kreisende Hüftbewegungen auf seinem Rollsessel.


Entschuldige, ich muss das einfach tun.
Das wird Legen... es kommt gleich. DÄR!

Ich komm mal wiEder zu dir.


Kleiner Schreibfehler der mir aufgefallen ist. Hoho, es wird vielleicht doch noch was mit dem Grammatikstudium.

Leonas stimme strich ihm über das Ohr und fuhr seinen Nacken hinab direkt in Herz und Magen.


Wunderschön bildlich. Konnte ich glatt nachempfinden.

Der letzte Absatz geht unter die Haut und ich werde ihn nicht nochmal in seiner Gänze kopieren müssen. Sehr schön. Auch wenn ich ein heftiges "Nur zu Besuch"-Deja vu hatte.

Die Kurzgeschichte hat mir verdammt gut gefallen, Hut ab.
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Re: Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär ... [DÜ] [2/2]

Beitragvon ArnoNuemann » 22.05.2014, 23:38

Hallo Diemen,
ein paar fehlende Kommata, irgendwo ein Singular-Substantiv gefolgt von einem Plural-Verb ("Sein Kollege reckten den Hals"). Ich werde das nicht akribisch aufzählen.
Ich habe in Österreich gearbeitet. Dort steht z.B. 'am' für 'auf dem', 'magst Du' (etwas tun), fiel mir auch auf. In einer 'gesamtdeutsch' unmissverständlichen Version ließe sich da noch nachbessern. Vielleicht komme ich drauf zurück. ("dass er die Layouts bis Montag am Tisch haben möchte")

Ich möchte nur anregen. Vernichtende Kritik ist nicht Meins. Dafür würde ich mir die Mühe nicht machen. Es ist DEINe Geschichte, und die bleibt es. Und es ist eine gute Geschichte, sonst würde ich mir das sparen. Sieh also für Dich selbst, ob Du meine Vorschläge als Verbesserung oder als Verschlechterung siehst!
Wie ich tendenziell auch, erzählst Du für meinen Geschmack zu chronologisch, oder anders: Du könntest es spannender gestalten, wenn Du davon abrücktest.
"„Sie hat mich eingeladen. Leona aus der Arbeit. Ich habe dir schon von ihr erzählt. Ich würde wirklich gerne gehen. Aber was, wenn ich mich blöd verhalte? Was, wenn irgendetwas passiert?“, fragte Martin und erwartete keine Antwort", wäre mein Wunscheinstieg.
Das würfe gleich Fragen auf. Wieso denkt er das? Warum keine Antwort? Dann weiter:
"Die vertraute Melodie des Handyweckers HATTE Martin AM MORGEN aus seinem formlosen, warmen Traum GELOCKT. Sie war dort gewesen KOMMA und sie hatten sich über irgendetwas unterhalten."
In Wahrheit ist doch der Traum viel verlockender, oder? 'vertrieben'? 'aufgeschreckt'?

"Er wollte auf seine Armbanduhr schauen, doch er hatte sie in der Eile vergessen."
Aber er hat doch seinen Handywecker...

Die folgende Beschreibung seiner Schwierigkeiten würde hier schön an die von mir vorgeschlagenen Einstiegssätze anschließen:
"zu viele Menschen", "ihre Blicke spüren", "vorsichtig entlang der Hauswände" Das ist schön unbestimmt. Er fürchtet Menschen, vielleicht offene Plätze. Der Protagonist hat Probleme. Der Leser weiß noch nicht welche.
"Martin nutzte keine Verkehrsmittel" SO viel musst Du auch hier noch gar nicht verraten. Er fuhr nie mit dem Bus, würde schon genügen.
"Sein Arbeitsweg dauerte zu Fuß vierzig Minuten, doch er konnte sich nicht dazu überwinden."
Das ist hier unklar, man nimmt an, er könne sich nicht für den Fußweg entscheiden.
"Zu Fuß dauerte sein Arbeitsweg vierzig Minuten. Aber eingestiegen war er noch nie. Was wenn er...? Auch dieses Mal schaffte er es nicht."

"Martin drehte den PC auf " finde ich ungewöhnlich. 'fuhr ihn hoch'?

„Martin?“ Leonas stimme
Stimme

"Martin hätte ihm am liebsten ans Schienbein getreten"
'gegen das Schienenbein'?

"Ich glaube der Einzug klemmt
Komma
aber ich kriege die Klappe nicht auf"
Vielleicht gilt diese Regel nicht einmal mehr, aber ich hab 's mal so gelernt: wenn ein Subjekt (wieder) genannt wird ('ich'), Komma. Dafür finden sich viele Beispiele in Deinem Text.

"Sie stand hinter ihm und schaute ihm zu, wie der auf Knöpfe drückte und am verklemmten Mechanismus zog." 'wie ER auf Knöpfe'?

"Haut Komma
und ihre Stille"

" hoch Komma
an dem"

Sorry, Diemen, aber anstatt, jeden Zeichenfehler - wenn ich denn überhaupt noch auf dem neuesten Stand bin - zu korrigieren, lese ich lieber einen Text mehr...

"Die Abendsonne spendete die letzten warmen Strahlen (des Tages). Von hier (oben) konnte Martin über die ganze Stadt sehen. Es hatte eine halbe Stunde gedauert, zu Fuß hierher zu GELANGEN. Nun ging er mit einer Gießkanne in der Hand über den geschotterten Weg. Das Knirschen der Kieselsteine und das Zwitschern der Vögel waren die einzigen Geräusche die er hören konnte."
Die Kanne würde ich NOCH verschieben...

Die von mir vorgeschlagenen Einleitungssätze ließen sich hier (gekürzt) wiederholen.
"Er wartete nicht auf eine Antwort, goss die Blumen und das Bäumchen in seinem Topf."

"Dann setzte er sich auf die Bank und starrte auf den Boden vor sich. "
Was sieht er da? 'starrte auf das welke Laub zu Füßen' oder so etwas gefiele mir besser.

"Der Duft der feuchten Erde, das sanfte Wiegen der Blütenblätter, alles nahm er heute deutlicher wahr als sonst"
"DeN Duft der feuchten Erde, das sanfte Wiegen der Blütenblätter, alles nahm er heute NOCH VIEL deutlicher wahr als sonst"?

"hättest du auch Punkt punkt punkt"

"Die Sonne war (nun) hinter dem Horizont verschwunden. Er machte sich bereit zu gehen, warf noch einen (kurzen) Blick auf das Grab ZURÜCK und begann sein neues Leben. Ohne 'wenn'.
Und
'aber'. "

Eine richtig gute Geschichte, Diemen.
Kompliment
Tom
Kann man 'gesund' nennen, wer an dieser Welt nicht erkrankt?
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