Drachenreiter hat geschrieben:H
Was mich noch etwas irritiert, ist der Punkt über Tension und Suspense, der hier erwähnt wurde.
Ich glaube zu ahnen, was der Unterschied ist. Das eine ist eine langwierige Spannung, die das ganze Buch über dauert und die Handlung eigentlich vorantreibt, die Charaktere beschäftigt und quasi das Thema ist. Das andere ist die akute Spannung der Situation, wo man wissen will, was passiert jetzt, läuft das auch gut usw.
Aber ich bin mir da auch nicht sicher, wie gesagt nur Mutmaßungen.
Vielleicht kannst du, Hakawati noch was darüber sagen?
Ich kanns versuchen. Aber erstmal vorweg: Viel mehr als den Wikipedia-Artikel hab ich nicht gelesen. Das folgende basiert zu einem großen Teil auf meinen eigenen Überegungen und nicht auf irgendwelchen Quellen, die ich anführen könnte. Inwieweit das also andere ähnlich sehen, kann ich nicht sagen. Vielleicht hab ich das auch nicht richtig verstanden. Nun gut.
Für mich unterscheiden sich Tension und Suspense sowohl bei der Konstruktion(= wie erzeugt der Autor die Spannung) alsauch bei der Rezeption(= was fühlt der Leser). Fangen wir bei letzterem an.
Gute Texte[1] erwecken Emotionen beim Leser. Ganz unterschiedliche Emotionen. Diese springen von den Charakteren auf den Leser über. Deshalb ist es auch so wichtig, eine persönliche Bindung zu den Charakteren zu vermitteln. Kommt diese nicht zu stande oder nur in geringem Umfang berühren ihn die Emotionen der Charaktere nicht.
Einige dieser Emotionen lassen sich unter "Spannung" subsumieren: Angst, Nervosität, Ungewissheit, Zweifel, u.ä. Einige der Emotionen bilden die Tension, andere Suspense. So sind Ungewissheit und Zweifel Gefühle der Suspense, während Angst und Nervosität eher zu Tension gehören. Zumindest mehr oder weniger.
Andere Emotionen dienen dazu, Spannung wieder zu lösen: Freude, Trauer, Komik, etc. Auch das Lösen von Spannung ist wichtig. Das gibt dem Leser eine kurze Verschnaufpause, bevors weiter geht. Das ganze hat noch irgend n Namen. Irgendwas mit "R" mein ich. Ich kann mich aber leider nicht mehr dran erinnern.

Irgendwo hab ich mal was gelsen, da wurde das mit StarTrek erklärt: Am Ende einer spannenden Szene, gabs da oft einen Dialog zwischen Spock und Pille. Wer die Serie (oder die Filme) kennt, weiß, dass das zwei ganz unterschiedliche Personen sind und ihre vollkommen unterschiedlichen Naturen (Pille lebhaft und emotional; Spock kühl und überlegt) Anlass für manchen witzigen Dialog geben. Ein solcher witziger Kommentar bzw. Dialog wurde benutzt um die Spannung zu lösen. Wie gesagt, mir fällt momentan leider der Begriff nicht mehr ein. Wem was einfällt, bitte melden!
Zurück zu Tension und Suspense: Wie wird das vom Autor erzeugt? Sehen wir uns zuerst einmal Tension an:
Steht gerade ein Mörder hinter dem Protagonisten und zückt sein Messer, ist das wohl eindeutig eine spannende Situation. Der Leser hat eine emotionale Bindung zu der Person - zumindest sollte er sie haben - und hat deshalb Angst um sie.
Rein rational betrachtet müsste er das gar nicht, denn in den meisten Fällen ist ja wohl abzusehen, dass das Buch noch nicht zu Ende ist, also kann die Hauptperson ja noch nicht sterben. Ebenso kann das Genre quasi fordern, dass es ein HappyEnd geben muss. Deshalb baut Tension stark auf das Überraschungsmoment. Es wird dem Leser gar keine Zeit gelassen, daüber nachzudenken. Irgendetwas geschieht ganz plötzlich und unmittelbar.
Die andere Möglichkeit ist die Situation möglichst real und bedrohlich wirken zu lassen. Also z.B. zu beschreiben, wie er Mörder sich langsam nähert. Hierbei geht es darum, dass sich der Leser möglichst gut in die Situation hineinversetzen kann. Er weiß zwar gewissermaßen, dass der Hauptperson nichts ersthaftes zustoßen kann, aber dadurch, dass er das quasi selbst erlebt, fühlt er trotzdem die Bedrohung.
Prinzipiell lässt sich das sogar ganz ohne Hauptperson erledigen: Man könnte eine Situation beschreiben, die ausschließlich bedrohlich
wirkt: Gewitter bei Nacht, der Wind heult, Blitze zucken, Donner rollen... Da sich der Leser quasi in der Welt des Buches befindet, überkommt ihn hier trotzdem - auch, wenn für ihn selbst keine Bedrohung herrscht und auch keine Romanfiguren vorhanden sind, um die er fürchen müsste, eine gewisse "Angst".
Ähnlich ist es mit Nervosität: Auch das kann man mit relativ geringem Aufwand transportieren, wenngleich das etwas aufwändiger ist, als bei Angst. Hier kommt man nicht ganz ohne Romanfigur aus, aber man muss nur eine bestimmte Situation - Lampenfieber vor dem Theaterauftritt o.ä. - und schon fühlt sich der Leser an ähnliche Situationen erinnert und spürt die Nervosität.
Soviel zu Tension, kommen wir nun zur Suspense. Das ist ein vollkommen anderer Ansatz Spannung zu erzeugen. Hierbei geht es nicht mehr um eine einzelne Situation. Wenn man ein unbekanntes Buch irgendwo in der Mitte aufschlägt und eine spannende Situation liest, kann es Tension sein und man wird die Spannung nachvollziehen können, ist es aber Suspense, hat man meist keine Chance. Suspense ist ohne Hintergrundinformation parktisch nicht transportierbar. Und hier sehen wir auch, was Suspense ist: Suspense ist ein Spielen mit (Hintergrund-)Informationen, ein Spielen mit Neugier, mit Zweifel und Ungewissheit. Hierbei gibt es vielfältige Möglichkeiten Spannung zu erzeugen. Man kann den Leser besser informieren, als die Figuren. Somit sieht der Leser die ahnungslosen Hauptfiguren vielleicht geradewegs ins Unglück rennen, kann ihnen aber nicht helfen. Ungewissheit, Machtlosigkeit, in gewisser Weise auch Angst[2]. Oder umgekehrt: Er lässt ihn weniger wissen, dann fragt er sich, warum bestimmte Charaktere so und so handeln, kann es sich nicht erklären und fängt an zu grübeln. Ungewisheit, Ratlosigkeit. Oder man gibt versteckte Hinweise. Der Leser versucht zu kombinieren.
Das Spielen mit Information geht aber noch weiter: Die wenigsten Geschichten sind einfach, geradlinig und sequentiell erzählt. Spannung, d.h. Suspense wird dadurch erreicht, dass Die Handlung a) mehrfach ist, d.h. dass es verschiedene Handlungsstränge gibt, zwischen denen hin und hergesprungen wird. Der Leser möchte beim einen Handlungstrang wissen, wie es weiter geht, er wird aber hingehalten, weil es erst mit einem anderen weiter geht. Dieser kann natürlich ebenfalls wieder spannend sein, sodass der Leser hier weitere Informationen haben will (die Neugier ist der Verbündete des Autors!), dann springt die Handlung aber wieder zurück - oder zu etwas drittem. Ebenso muss die Handlung b) nicht geradlinig sein, sondern kann durchaus verzweigen. Das heißt der Leser sieht mehere möglichte Fortsetzungen der Handlung. Oder mehrere Erklärungsmöglichkeiten. Die Handlung teilt sich gewissermaßen in zwei oder mehr Geschichten. Und der Leser möchte natürlich wissen, welche die "richtige" ist. So sind viele Krimis aufgebaut (Stichwort:
Whodunit). Es gibt viele Verdächtige; viele mögliche Geschichten. Und c) gibt es noch die Möglichkeit die Geschichte nicht chronologisch zu erzählen und so dem Leser gewisse Informationen vorzuenthalten. Somit lässt sich auch naträglich in eine Geschichte noch Spannung einbauen. Nur dadurch, dass man nochmals die Reihenfolge der Szenen überdenkt. Durch eine geschickte Reihenfolge, können nämlich auch wieder neue Verzweigungen in der Geschichte entstehen. Man muss die Lücken als Leser ja irgendwie schließen und dafür gibts mehrere Möglichkeiten. Irgendwann kommt dann die nötige Info, einzelne Äste sterben ab und einer stellt sich schließlich als der richtige heraus. Es können aber auch durch zusätzliche Infos alle Äste absterben und ein neuer muss her. Alles muss der Leser nochmal überdenken im Lichte der neuen Informatonen(==> Das ist dann wohl ein Plot-Point).
Es gibt auch die Möglichkeit, dass man wirklich nicht alles verrät und mehere Möglichekiten offen lässt. Wenn gut gemacht sind das meiner Meinung nach die besten Geschichten. Schlecht gemacht ist IMHO, wenn man beispielsweise - plakativ gesprochen - die letzte Seite weglässt. Besonders gut ist, wenn man die Geschichte so schreibt, dass der Leser nicht das Gefühl hat, dass ihm etwas vorenthalten wurde, er aber trotzdem mehere Erklärungsmöglichkeiten hat. Eine solche Geschichte bleibt natürlich eher in Erinnerung, als, wenn alles gesagt ist, was gesagt werden kann, das Buch wird zur Seite gelegt und vergessen. Die Bücher, Filme, etc., die man am Tag darauf noch im Kopf hat und darüber nachdenkt, das sind die guten.
Das waren jetzt bestimmt nicht alle Möglichkeiten Spannung und insbesondere Suspense zu erzeugen. Insbesondere ist natürlich die Grenze zwischen Tension und Suspense fließend. So fließend wie zwischen den assoziierten Gefühlen. Ich hoffe aber eine gewisse Ahnung von dem vermittelt zu haben, das ich mir unter Tension und Suspense vorstelle. Hier nochmal der Hinweis: Besonder Quellen kann ich nicht anführen. Kann also gut sein, dass ich da ebenfalls was falsch verstanden hab.
[1] Ich beschränke mich hier auf literarische Texte. Sachtexte sind natürlich was anderes. Die sind gerade anders gestrickt.
[2] Man merkt: Angst ist zu vielseitig, alsdass man es ausschließlich der Tension zuordnen könnte.
mfg
Christian