Re: Wie man einen verdammt guten Roman schreibt - James N. Frey
Hallo BenP,
schön, dass du weißt, wo Frey irrt, daneben liegt oder dergleichen. Da sind wir uns ja schon mal ähnlich. Aber ich neige eben dazu, zu lesen, was da steht und da steht (und zwar mehrfach), dass "indirekte Dialoge" besser seien. Was macht ein Anfänger oder Frey-Gläubige also? Er schreibt solche Dialoge. Gut. Solange es passt.
Und natürlich benutzt Frey "Prämisse" eben in all diesen Sinnen: Als Botschaft, als (und das steht sogar wörtlich das: "sie nennt es Thema") als Thema und (auch das steht auch wörtlich da: "Das ist der Grund dafür, daß Sie schreiben" und "Seele all dessen, was Sie zum Ausdruck bringen") als Intension … und als Prämisse.
Gut, das ist nur ein augenfälliges Detail; in der Sache (die auch für meinen Geschmack zu sehr ausgewalzt ist) namens "Wenn das Ding eine Art Motto hat, kannst du besser auf dieses Motto hin schreiben" sind die Ausführungen nicht falsch (wenn man die richtigen Worte statt "Prämisse" verwendet hätte). Das hab ich auch nie montiert, ich ärgere mich über die Schlamperei im Sprachumgang - in einem SCHREIBLEHRBUCH!
Es mag sein, dass man in Amerika generell nicht so pingelig ist, was Begrifflichkeiten angeht, vielleicht hatte der Übersetzer ja deshalb keine Chance, es "richtig" zu machen.
Das Problem ist: Wenn mir ein Autor als Erklärung "Mein Prämisse ist, dass Liebe zu Glück führt." schreibt, dann heißt das laut Frey wohl "Ich will zeigen/beweisen, dass es so ist - das ist der Sinn des Textes". Es kann aber – wörtlich genommen – eben auch heißen: "Ich gehe davon aus, dass Liebe zu Glück führt, und will – von dieser Art Glückserlangung ausgehend – zeigen, was Glück ist." Diese Art Sprachlogik muss ein Autor eben auch beherrschen.
Dass Frey solange an dem Wort "Prämisse" rumdefinieren muss, ist ein sicheres Zeichen, dass er sich selbst des "Punktes" des Ganzen wohl nicht sicher ist, sondern nach dem Verfahren "Ich kreise mal so lange drumrum, bis jeder das für sich Passende gefunden hat" verfährt.
Vielleicht - aber da spekuliere ich natürlich – hat er selbst die Quellen, die er da anführt, nicht wirklich verstanden, sondern eher "so ungefähr erahnt", was sie meinen. Also nimmt der das Schlagwort, das für ihn schwammig geblieben ist, drückt es seinen Lesern wieder und wieder aufs Auge. Und irgendwie spürt man schon, dass da was Feuchtes im Schwamm ist, und man kann damit auch die Tafel abwischen, aber was das Feuchte ist und wieso es im Schwamm ist und warum die Tafel sauber wird (statt zu verschmieren), bleibt halt ein Rätsel. Und wenn nach fünfzig Wischvorgängen die Tafel dann doch verschmiert, weiß man nicht, wo das Problem lieg und/oder wie man es beheben kann.
Angenommen, Frey hätte dieses ganze Kapitel auf die richtigen und nötigen Aussagen konzentriert (und das hier da auch noch gemacht), dann hätte er gar keinen Teil 2 machen müssen – hätte alles in ein Buch gepasst und hätte dabei "ordentlich" behandelt werden können.
Kleiner Scherz am Rande: Mein Lieblingsschmäckerchen aus dem Buch ist übrigens:
"Machen Sie Anspielungen, die Ihre Leser verstehen können." (Richtig!) "Er roch nach SO2. (Vielleicht weiß der Leser nicht, dass dieses chemische Zeichen für Schwefeldioxid steht, das wie faule Eier stink)" Weiß ich tatsächlich nicht. Ich weiß, dass SO2 stechend riecht und H2S nach faulen Eiern stinkt. Hab ich schon in der Schule gelernt und im Studium selbst ausprobiert. Naja, aber wer es auch sonst nicht so genau mit Begriffen nimmt, für den ist es wohl schnurz, ob er seine Lungen mit SO2 verätzt oder sich mit H2S vergiftet.
So. Und jetzt pack ich mein Flammenschwert wieder ein und versuche, bei Lektoraten auszubügeln, was Frey versaut hat …
Gruß von
jon
von ©
Ojinaa