[Nachdenk]Winterschnee (Weihnachtswettbewerb)

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Winterschnee (Weihnachtswettbewerb)

Beitragvon Kryo7 » 15.12.2014, 14:29

Der Bus fuhr noch immer stur geradeaus und auch der Schnee, der an den Fensterscheiben vorbeitänzelte machte die Fahrt nicht spannender. Die weißen Hügel wiederholten sich endlos und die Landschaft wirkte trotz der winterlichen Schneedecke ausladend und ungemütlich. Die schwach leuchtende Digitaluhr über dem Sitz des Busfahrers zeigte vier Uhr siebenunddreißig. Noch mehr als vier Stunden Fahrt.
Ich hatte mein Buch längst ausgelesen und der Akku meines Handys war beinahe leer, sodass ich zur Beschäftigung aus dem Fenster starrte und versuchte, die Atmosphäre auf mich wirken zu lassen. Ich kam mir dabei albern vor, das Betrachten von Landschaften war etwas für alte Leute. Nachdem die Außenwelt in ihren ewigen Wiederholungen langweilig geworden war, hatte ich angefangen, den Bus zu betrachten. Er war mit recht gemütlichen Sitzen ausgestattet, die in Zweierreihen aneinandergereiht waren. Außer mir saßen noch drei andere Leute im Bus, alle soweit wie möglich auseinander, alle hatten sie ihre Taschen auf dem Nachbarsitz abgestellt. Als ich eingestiegen war, hatte ich mich neben den jungen Mann mit der grünen Mütze im Vorderbereich setzen wollen, doch der hatte mich nur komisch angesehen und gemeint: „Ist reserviert“. Immer doch.
In den vergangenen drei Stunden hatten wir bereits an mehreren verlassenen Bushaltestellen gestoppt, nie war auch nur eine Person zu sehen gewesen. Unser Fahrer, ein älterer Mann mit ungepflegtem Bart, hatte jedoch darauf bestanden. „Es ist Weihnachtszeit“, sagte er jedes Mal, „da sind hier viele Leute unterwegs. Da muss man auf Nummer sicher gehen!“
Schon den ganzen Tag lang hatte diese gewisse Schwere auf mir gelegen: Viele nannten es Winterdepression, ganz so ausgeprägt war es dann doch nicht, allerdings fühlte man diese Leere in sich im Winter am meisten. Es war kalt und das gedämmte Licht der Sonne verbreitete eine nachdenkliche, melancholische Stimmung. Meine Gedanken wanderten, schweiften ab und ich begann meine Umgebung auszublenden.
Umso mehr wurde ich vom plötzlichen Halten des Busses erschreckt. Ohne Vorwarnung war er zum Stillstand gekommen. Ich warf einen Blick aus dem Fenster. Schneebedeckte Hügel. Kam mir bekannt vor. Doch zum ersten Mal hörte ich ein neues Geräusch: Schritte auf dem Metallboden, der trotz des Winters noch keine Schneespuren hatte. Ein Mädchen war eingestiegen und blickte sich im Bus um. Sie trug eine grüne Winterjacke und eine Wollmütze, die relativ unsauber gestrickt war. Plötzlich setzte sich der Bus wieder in Bewegung, während unsere neue Mitfahrerin immer noch im Türbereich stand. Ein kurzer Ruck und sie rutschte aus, lies ihren Koffer fallen und landete rücklings auf dem Boden. Der Busfahrer warf einen kurzen Blick nach hinten, murmelte ein „Alles in Ordnung?“ und wendete sich wieder seinem Lenkrad zu. Ich hatte mich schon auf wilde Flüche und Beschimpfungen eingestellt, in solchen Momenten waren ja selbstverständlich alle Fahrgäste Schuld und das Ganze endete in der Regel in lautem Gebrüll und einer Menge Anschuldigungen. Doch das alles blieb aus.
Stattdessen begann sie, herzhaft zu lachen. Die anderen Mitfahrer, die nach kurzer Zeit den Blick gelangweilt wieder abgewendet hatten, starrten sie nun wieder an. Auch ich war irritiert. Währenddessen stand das Mädchen auf und meinte lächelnd: „Sieht aus, als würde ich noch leben. Und der Boden sieht auch noch intakt aus.“ Sie lachte noch einmal mit einem erwartungsvollen Blick. Ich lächelte aus Höflichkeit zurück, der Rest der Passagiere hatte sich längst wieder weggedreht. „Sitzt da noch jemand?“, fragte sie mich plötzlich, mit Blick auf den leeren Sitz neben mir, „Freund, Tasche, Imaginärer Lebenspartner?“ Sie grinste freundlich. Ich schüttelte nur den Kopf. Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, machte sie es sich gemütlich, warf ihren Koffer locker auf den Sitz vor uns und fragte: „Und? Wohin willst du um diese Jahreszeit?“ Ich wollte direkt ein „Das geht dich gar nichts an, wir kennen uns nicht einmal“ ausspucken, aber hielt mich noch einmal zurück. Sie schien nett zu sein und ich wollte ihr nur ungern vor den Kopf stoßen. Ich hatte von solchen Menschen gehört: Es war irgendeine psychische Störung oder so etwas in der Art. Dann vertrauten diese Menschen jedem. Aber normalerweise hatten solche Leute doch Begleitpersonal. Pfleger oder ähnliches. Ich antwortete langsam und deutlich: „Ich fahre zu meinen Eltern. Sie wohnen auf dem Land. In einem Dorf.“ Sie schaute mich kurz irritiert an und grinste: „Ich kann Deutsch. Habe ich so einen heftigen Akzent?“ OK, scheinbar schien sie psychisch einigermaßen normal zu ticken, abgesehen von der Grinserei und der Offenheit. „Du wohnst nicht bei deinen Eltern?“, fragte sie erstaunt.
Ich kannte das Problem: Ich war jetzt vierundzwanzig, aber viele schätzten mich eher auf achtzehn. Mein Gesicht hatte irgendwie diese Kinderform, oder zumindest fanden das die Meisten. „Nein, ich studiere. Hab nur grade Semesterferien und zu Weihnachten besucht man halt die Familie und so“, antwortete ich ihr und schlug dabei einen möglichst lässigen Plauderton an. Meine Offenheit verwunderte mich: Normalerweise war ich eher verschlossen. Ich konnte mit fremden Leuten locker einfach über das Wetter reden, aber würde niemals etwas aus meinem Privatleben preisgeben.
Sie nickte nur. „Ich fahre einfach nur ein etwas durch die Gegend“, berichtete sie mir daraufhin stolz, „aber ich glaube, das interessiert dich gar nicht.“ Ich schüttelte den Kopf und versuchte freundlich zu lächeln. Das war nie meine größte Stärke gewesen. „Doch, doch“, meinte ich freundlich, was aber nicht überzeugend klang. Also versuchte ich, Interesse zu zeigen und fragte das Erstbeste, das mir einfiel: „Wozu hast du dann den Koffer?“
Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich: „Den hat mir meine Mutter geschenkt. Bevor sie, naja…“, sie machte eine kurze Pause und versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu ordnen, doch ihre Mundwinkel zitterten, „Ich trage ihn jedenfalls immer mit mir, quasi als Respektgeste.“ Ich musste zugeben, dass mich das berührte. Normalerweise ließen mich solche Gesten immer kalt, aber ich kannte das eigentlich auch nur aus Filmen und Büchern. Auch mein Gesicht wurde ernster und ich versuchte, ihr ein mitfühlendes Lächeln zu schenken. Dann brach sie plötzlich in schallendes Gelächter aus. Wieder einmal wurden wir von den anderen drei Fahrgästen kurz gemustert, dann wanden sie sich wieder kopfschüttelnd ab.
„Du hast mir das abgekauft?“, wollte sie lachend wissen, „Das ist gut. Ich will mal Schauspielerin werden. Oder Künstlerin.“ Man konnte die Begeisterung in ihrer Stimme hören und ihre Augen funkelten förmlich. „Klingt eher, als wolltest du später mal als Kellnerin arbeiten“, meinte ich zynisch. „Das sagst du jetzt“, entgegnete sie entschlossen und wir mussten beide lachen.
Meine schlechte Laune, mein Leeregefühl und meine Unlust auf das Treffen mit meinen Eltern waren auf einmal weg. In den letzten paar Minuten hatte sich diese Busfahrt absolut verbessert. „Willst du einen Keks?“, fragte mich meine Sitznachbarin und hielt mir einen kleinen gebackenen Schneemann hin. Vom plötzlichen Themenwechsel überrascht nickte ich nur und nahm dankend an. Ich biss ein Stück ab und nickte: „Der ist gut“, brachte ich heraus, während ich noch halb am Kauen war, wodurch das Ganze leicht vernuschelt wurde. Sie lachte wieder: „Das war eine schöne Fahrt“, nickte sie und griff nach ihrem Koffer.
Ich schaute sie verwundert an. „Hab ich was Falsches gesagt?“, wollte ich hilflos wissen. Sie schüttelte den Kopf: „Wenn ich zu lange sitze, krieg ich kalte Füße“. Sie stand auf.
„Warte doch noch ein bisschen. Ich meine, es war grade so eine schöne Fahrt“, meinte ich, während sie bereits mit Koffer an der Tür stand. Sie drehte sich noch einmal um: „Viel Spaß mit deinen Eltern. Vielleicht sind sie auch glücklich, wenn du sie mehr anlächelst“. Der Bus kam zum Stehen.
Das mechanische Türöffnen kam mir auf einmal viel lauter und intensiver vor. „Warte! Ich weiß ja noch nicht einmal wie du heißt!“, rief ich ihr zu, während sie ausstieg. Als sich die Türen schlossen, winkte sie mir noch einmal zu und lächelte dabei. Dann setzte sich der Bus wieder in Bewegung und kurz darauf sah man am Fenster nur noch wunderschöne, schneebedeckte Landschaften.
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Re: Winterschnee (Weihnachtswettbewerb)

Beitragvon Hark » 16.12.2014, 12:17

Kryo7 hat geschrieben:„Warte doch noch ein bisschen. Ich meine, es war grade so eine schöne Fahrt“,


...rief der Autor dem Leser zu. Doch der war längst an irgendeiner Haltestelle nach dem zweiten Absatz ausgestiegen.

Warum? Nicht nur, dass die Handlung nur unzureichend herausgearbeitet ist. Das Beiwerk, das wohl die Grundstimmung erzeugen soll, ist oft fraglich und fehlerhaft.

Schon der Titel "Winterschnee" ist nicht optimal gewählt. Im Winter gibt es ab und an mal Schnee. Im Sommer seltener. Egal, der Titel hat mit dem nachfolgenden Text nur insofern zu tun, als dass es während dieser Busfahrt schneit und das offenbar schon etwas länger, da ja der Beschreibung zufolge bereits eine Schneedecke über der Landschaft liegt.

Handlung/Plot: Ein 24jähriger fährt mit dem Reisebus zu seinen Eltern.

Der Bus fuhr noch immer stur geradeaus und auch der Schnee, der an den Fensterscheiben vorbeitänzelte machte die Fahrt nicht spannender. Die weißen Hügel wiederholten sich endlos und die Landschaft wirkte trotz der winterlichen Schneedecke ausladend und ungemütlich. Die schwach leuchtende Digitaluhr über dem Sitz des Busfahrers zeigte vier Uhr siebenunddreißig. Noch mehr als vier Stunden Fahrt.

Um 4:37 Uhr , also frühmorgens liegt z.B. im Dezember, z.B. in Mitteleuropa die Welt noch im Dunkel der Nacht, die Dämmerung (astronomische) beginnt erst gegen halb sieben. Also haben wir eine Nachtfahrt, und das sollte man dann auch so beschreiben. Die Fensterscheiben sind bei solch langen Busfahrten meist total verschmiert und beschlagen, Landschaftsbetrachtungen kaum möglich.

Da sind noch mehr als 4 Stunden Fahrt zu absolvieren, aber wir werden den ganzen Text über nicht erfahren, wer da eigentlich Bus fährt. Dass da ein 24jähriger Wintermuffel zu seinen Eltern in irgendein Kaff ohne Namen fährt, dürfen wir uns später zusammenpuzzeln.

Ich hatte mein Buch längst ausgelesen und der Akku meines Handys war beinahe leer, sodass ich zur Beschäftigung aus dem Fenster starrte und versuchte, die Atmosphäre auf mich wirken zu lassen. Ich kam mir dabei albern vor, das Betrachten von Landschaften war etwas für alte Leute.

Ein leeres Buch (welches Thema?), ein leerer Akku (Die letzte Vorlesung noch mal repetiert?)...

"Ich" versucht die Landschaft auf sich wirken zu lassen. Naja, ein Folgefehler. Warum aber ist das jetzt "albern" oder etwas für "alte Leute" ?

Nachdem die Außenwelt in ihren ewigen Wiederholungen langweilig geworden war, hatte ich angefangen, den Bus zu betrachten. Er war mit recht gemütlichen Sitzen ausgestattet, die in Zweierreihen aneinandergereiht waren.

Jetzt wird es langsam spannend. Denn...

Außer mir saßen noch drei andere Leute im Bus, alle soweit wie möglich auseinander, alle hatten sie ihre Taschen auf dem Nachbarsitz abgestellt.


Also, so ein mittlerer Bus hat so grob 60 Sitzplätze. Wenn da nun 4 Hanseln drin sitzen, dann verteilen sie sich halt. Aber alle haben eine Tasche dabei und "ich" hat genau gesehen, dass sie diese auf dem Nachbarsitz abgestellt haben. Dadurch ist die Zahl der freien Sitzplätze auf 52 abgesunken. Hier die kleine Moralkeule zu schwingen, ist dann doch ein bißchen hart finde ich.

Natürlich soll der Abschnitt zeigen, dass diese Leute (alle vom selben Stamm oder Schlag?) eine ablehnende Haltung zeigen. Dies wird dann noch einmal durch diese Sequenz bekräftigt:

Als ich eingestiegen war, hatte ich mich neben den jungen Mann mit der grünen Mütze im Vorderbereich setzen wollen, doch der hatte mich nur komisch angesehen und gemeint: „Ist reserviert“. Immer doch.


Tja, sogar der Mann mit der grünen Mütze will den "ich" nicht neben sich sitzen haben. Warum auch, wenn der Bus ansonsten fast lotterleer ist.

Und so geht es weiter:

In den vergangenen drei Stunden hatten wir bereits an mehreren verlassenen Bushaltestellen gestoppt, nie war auch nur eine Person zu sehen gewesen. Unser Fahrer, ein älterer Mann mit ungepflegtem Bart, hatte jedoch darauf bestanden. „Es ist Weihnachtszeit“, sagte er jedes Mal, „da sind hier viele Leute unterwegs. Da muss man auf Nummer sicher gehen!“

Ich sags mal so: Wenn es nichts gibt, worüber man schreiben kann, dann muss man es auch nicht tun.Und wenn schon, dann bitte so, dass der Leser auch etwas davon hat.

"Älterer Mann". Was ist "älter" ? Älter aus der Sicht des 24jährigen, also z.B. 30? Oder 50? Oder kurz vor der Verrentung stehend?

Was ist ein ungepflegter Bart? Der eines Heckenpenners? Sah der Typ so aus, oder war er einfach unrasiert?

Das hier habe ich überhaupt nicht kapiert:

Ich hatte von solchen Menschen gehört: Es war irgendeine psychische Störung oder so etwas in der Art. Dann vertrauten diese Menschen jedem. Aber normalerweise hatten solche Leute doch Begleitpersonal. Pfleger oder ähnliches.Ich antwortete langsam und deutlich: „Ich fahre zu meinen Eltern. Sie wohnen auf dem Land. In einem Dorf.“ Sie schaute mich kurz irritiert an und grinste: „Ich kann Deutsch.

Ein Mädchen steigt ein. Sie hat eine "Störung" ???, kann aber immerhin Deutsch.

Auch mein Gesicht wurde ernster und ich versuchte, ihr ein mitfühlendes Lächeln zu schenken.

So, und wie geht das bitteschön? Das ernste Lächeln hätte ich gerne gesehen.


Zusammenfassend würde ich empfehlen, diese Geschichte noch einmal gründlich zu durchleuchten. Grundsätzlich ist ja nichts dagegen zu sagen, wenn man den Winterblues schiebt und dann durch ein Mädchen mit (was eigentlich, sollte Autismus gemeint sein?) "Schuss" wieder ein gesundes Lebensgefühl bekommt, sich vielleicht sogar verliebt (?).

Ich würde diese öde Busfahrt nicht mit genau so öder Beschreibung füllen, sondern mit den Gedanken des Protagonisten.

Meine Gedanken wanderten, schweiften ab ...

Hier, genau hier wollen wir als Leser mit dabei sein. Was sind das für Gedanken? Wohin schweifen sie denn ab? Hat der junge Mann ein Problem, oder denkt er, dass er lieber das BigMax Menü nimmt, statt der Juniortüte ?

und ich begann meine Umgebung auszublenden.

Bitte drandenken: In dieser Umgebung befindet auch der Leser. Wenn der Ich-Erzähler ein Nickerchen macht, dann wirst Du niemanden für Deine Geschichte begeistern können.

Ich hoffe, ich konnte einen positiven Anstoß geben, auch wenn ich ziemlich viel kritisieren musste. :beckon:

Grüße,
Hark
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Re: Winterschnee (Weihnachtswettbewerb)

Beitragvon Der Hakawati » 16.12.2014, 13:46

Hallo Kryo7,

ui, deine Geschichte gefällt mir richtig gut. Insbesondere am Anfang könnte man ein bisschen was verbessern, damit man leichter in die Geschichte reinkommt. Aber ansonsten wirklich gut!

Im Einzelnen:
Kryo7 hat geschrieben:Der Bus fuhr noch immer stur geradeaus und auch der Schnee, der an den Fensterscheiben vorbeitänzelte machte die Fahrt nicht spannender.

Als erster Satz nicht vom Hocker reißend, aber durchaus OK. Vorschläge:
- Zum einen behauptest du, dass der Schnee langweilig ist. Auf der anderen Seite sagst du, er tänzelt. Jemand der Schnee als tänzelnd beschreibt, ist eher weniger gelangweilt. Vielmehr verträumt.
- Wenn du gleich mit dem Ich-Erzähler beginnst, wird die Geschichte persönlicher. In einer so kurzen Geschichte ist nicht viel Platz für eine lange Einführung. Der Leser muss sich recht schnell mit dem Protagonisten identifizieren. Wenn du sowas schreibst, wie "Gelangweilt starrte ich aus dem Fenster in die an mir vorbeiziehende verschneite Winterlandschaft."

Die weißen Hügel wiederholten sich endlos und die Landschaft wirkte trotz der winterlichen Schneedecke ausladend und ungemütlich.

"Wirkte ausladend und ungemütlich" ist mehr eine Behauptung als ein Gefühl. Zeige, dass es so ist. Vielleicht denkt dein Prota "Da draußen ist es ja noch ungemütlicher als hier drinnen." oder so. Eine Winterlandschaft ist erstmal neutral. Erst die Bewertung durch einen Menschen macht sie verzaubernd oder aber ungemütlich.

Die schwach leuchtende Digitaluhr über dem Sitz des Busfahrers zeigte vier Uhr siebenunddreißig.

Zeigt sie nicht. Vermutlich zeigt sie eher 16:37. In solchen Fällen darfst du ruhig Zahlen verwenden. Ausgeschrieben werden i.d.R. nur Zahlen bis zwölf, sofern keine Maßeinheit dran steht. Also vier Uhr und drei Äpfel, aber 20 Uhr und 2,14kg.

Noch mehr als vier Stunden Fahrt.

Ui, das ist aber lang. Entweder das ist so ein Fernbus, ein Reisebus oder ein Linienbus. Bei einem Fernbus gibts, glaub ich, keine Zusteiger von denen der Fahrer nichts weiß (oder doch? Hab so ein Ding noch nie benutzt). Bei einem Reisebus erst recht nicht. Und für ein Linienbus ist das eine verdammt lange Fahrt. Ich vermute also, es ist ein Fernbus und mein Wissen darüber ist nur mangelhaft. Wobei ich damit vielleicht nicht der einzige bin. Vielleicht wäre hier ein erklärender Satz sinnvoll. Weiß nicht.

Ich kam mir dabei albern vor,

Punkt.

das Betrachten von Landschaften war etwas für alte Leute.

Ich habs immer gewusst! ich bin alt...

Er war mit recht gemütlichen Sitzen ausgestattet, die in Zweierreihen aneinandergereiht waren.

- "Zweierreihen aneinandergereiht " Wortwiederholung
- Das ist eine langweilige Beobachtung, die dein Prota eher nicht machen würde. So sieht fast jeder Bus von innen aus. Ihm ist langweilig. Er wird also die abartigsten Kleinigkeit bemerken. Eine schadhafte Stelle im Sitzbezug vor ihm. Ein Fleck auf dem Boden. Die Warnschilder und Nothämmer. Die seltsame Tasche der Frau, die drei Reihen vor ihm sitzt. Das nervtötende Gespräch der zwei, die ganz vorne sitzen. Die Schüler, die sich streiten. Der Sprung in dem Glas von dem Handy auf dem der Kerl mit der Halbglatze rumwischt...

Außer mir saßen noch drei andere Leute im Bus, alle soweit wie möglich auseinander, alle hatten sie ihre Taschen auf dem Nachbarsitz abgestellt.

Ui, Menschen. Krieg ich die auch genauer beschrieben? Der Prota hat ja genug Zeit, sie anzugucken.

Als ich eingestiegen war, hatte ich mich neben den jungen Mann mit der grünen Mütze im Vorderbereich setzen wollen, doch der hatte mich nur komisch angesehen und gemeint: „Ist reserviert“. Immer doch.

Ich kenne niemanden, der in einem quasi leeren Bus sich direkt neben eine andere, vollkommen fremde Person setzen würde. OK, vielleicht liegt das an mir. Aber ich denke, da ist ein psychologischer Effekt dahinter. Demnach: Dein Prota ist ein sehr kommunikativer Mensch, der leicht auf andere zugeht. Das deckt sich aber nicht mit seinem späteren Verhalten. Ich würde also den Satz hier streichen.

Umso mehr wurde ich vom plötzlichen Halten des Busses erschreckt. Ohne Vorwarnung war er zum Stillstand gekommen.

Eine Notbremsung? Eher nein. Also eher nicht plötzlich. Haltestellen hat es auf dem Weg schon einige gegeben. Unser Erzähler wird also wohl kaum erschrecken. Wenn, dann wundert ihn, dass die Tür aufgeht und jemand reinkommt.

Doch zum ersten Mal hörte ich ein neues Geräusch: Schritte auf dem Metallboden,

Das wird wohl kaum das erste sein, was der Prota bemerkt.

Ein Mädchen war eingestiegen und blickte sich im Bus um. Sie trug eine grüne Winterjacke und eine Wollmütze, die relativ unsauber gestrickt war.

Das ist erstmal nur reine Beobachtung. Aber was denkt dein Prota? Ihm fällt auf, dass die Wollmütze unsauber gestrickt ist. OK... Dazu muss man schon ziemlich genau hingucken. Das merkt er. Aber Mädchen selbst betrachtet er nicht? Ist die hübsch? Wie alt ist sie? Sie guckt. Aber wie guckt sie? Suchend? Genervt? Freundlich? Sowas würde unser Prota doch zu allererst wahrnehmen.

Plötzlich setzte sich der Bus wieder in Bewegung, während unsere neue Mitfahrerin immer noch im Türbereich stand. Ein kurzer Ruck und sie rutschte aus, lies ihren Koffer fallen und landete rücklings auf dem Boden.

- Die Reihenfolge ist anders. Zuerst gibt es einen Ruck und das bedeutet, dass sich der Bus in Bewegung setzt. Wenn es anders herum ist, musst du den neuerlichen Ruck irgendwie erklären.
- Sie ist gerade eingestiegen, guckt also nach hinten. Der Bus fährt an. Wenn sie also hinfällt, fällt sie auf die Nase und wird eher nicht rücklings landen; außer sie vollführt eine unerklärliche Drehung um 180°.

Stattdessen begann sie, herzhaft zu lachen.

Das Mädel ist mir sympathisch!

Die anderen Mitfahrer, die nach kurzer Zeit den Blick gelangweilt wieder abgewendet hatten, starrten sie nun wieder an. Auch ich war irritiert. Währenddessen stand das Mädchen auf und meinte lächelnd: „Sieht aus, als würde ich noch leben. Und der Boden sieht auch noch intakt aus.“

Und lustig ist sie auch noch!

„Sitzt da noch jemand?“,

Noch oder schon? Besser weder noch. ;-)

fragte sie mich plötzlich, mit Blick auf den leeren Sitz neben mir, „Freund, Tasche, Imaginärer Lebenspartner?“ Sie grinste freundlich.

Im Gegensatz zu unserem Prota nehme ich ihr direkt ab, dass sie ein kommunikativer Typ ist und sowas fragen würde.

Ich schüttelte nur den Kopf. Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, machte sie es sich gemütlich, warf ihren Koffer locker auf den Sitz vor uns und fragte: „Und? Wohin willst du um diese Jahreszeit?“ Ich wollte direkt ein „Das geht dich gar nichts an, wir kennen uns nicht einmal“ ausspucken,

Unser Prota ist also misstrauisch und verschlossen.

Ich hatte von solchen Menschen gehört: Es war irgendeine psychische Störung oder so etwas in der Art.

Hihi. Ich könnte jetzt sagen, diese "psychische Störung" nennt sich "Frau" uns ist in aller Regel ganz angenehm. Was sagt das über den Erzähler aus? Ich bin ja schon mitunter ein recht schüchterner Mensch. Das ist aber schon extrem. Ich weiß nicht so richtig, was ich von ihm halten soll. Früher war ich selbst sehr misstrauisch; von daher kann ich zum Teil ein wenig mitfühlen. Dass er aber gleich eine psychische Störung vermutet, lässt ihn mir wieder ein wenig unsympathisch werden. Die neue Sitznachbarin wird ihm vielleicht gut tun.

Dann vertrauten diese Menschen jedem.

Wo ist das vertrauen? Das Mädel fragt etwas. Es gibt nichts von sich preis, sondern fragt. Wenn sie nun wenigstens gesagt hätte, "pass mal auf meine Sachen auf". Aber so...

Aber normalerweise hatten solche Leute doch Begleitpersonal. Pfleger oder ähnliches.

Das könnte glatt zynisch sein, wenn es nicht weltfremd wäre. Komm, unterhalt dich ein bisschen, das tut dir gut!

Ich antwortete langsam und deutlich: „Ich fahre zu meinen Eltern. Sie wohnen auf dem Land. In einem Dorf.“

Streich das "in einem Dorf". Entweder du nennst den Namen oder "auf dem Land" reicht. Wobei auch das schon wieder fast überflüssig ist. Eine kurze Antwort passt sowieso besser zum Protagonisten.

Sie schaute mich kurz irritiert an und grinste: „Ich kann Deutsch. Habe ich so einen heftigen Akzent?“

Öh... hä? Ich verstehe die Reaktion nicht. Wie kommt sie darauf?

OK, scheinbar schien sie psychisch einigermaßen normal zu ticken,

Und wie kommt er darauf? Mir ist unverständlich woher die plötzliche Erkenntnis kommt.

Sie nickte nur. „Ich fahre einfach nur ein etwas durch die Gegend“,

ein etwas

„Du hast mir das abgekauft?“, wollte sie lachend wissen, „Das ist gut. Ich will mal Schauspielerin werden. Oder Künstlerin.“

"Ich will mal werden" klingt als wäre das noch in weiter ferne. Sie ist also vielleicht zehn Jahre jünger also unser Prota.

Man konnte die Begeisterung in ihrer Stimme hören und ihre Augen funkelten förmlich. „Klingt eher, als wolltest du später mal als Kellnerin arbeiten“, meinte ich zynisch.

Ob ich ihm diesen Satz zutrauen würde? Ich weiß nicht. Ich würd ich nicht trauen, sowas zu sagen.

Meine schlechte Laune, mein Leeregefühl und meine Unlust auf das Treffen mit meinen Eltern

Von letztem wusste ich bisher gar nichts.

„Das war eine schöne Fahrt“, nickte sie und griff nach ihrem Koffer.

Vor allem war das eine kurze Fahrt. Nicht mehr als ein paar Minuten. Wenn das ein Fernbus war, liegen die Stationen verdammt nah beieinander, als dass sie jetzt schon aussteigen könnte. Also doch ein Linienbus?

Ich schaute sie verwundert an. „Hab ich was Falsches gesagt?“, wollte ich hilflos wissen. Sie schüttelte den Kopf: „Wenn ich zu lange sitze, krieg ich kalte Füße“. Sie stand auf.

Eine wunderbar schnippische Antwort! Die unbekannte lässt uns genauso verwundert und hilflos zurück wie unseren armen Erzähler.

„Warte doch noch ein bisschen. Ich meine, es war grade so eine schöne Fahrt“, meinte ich,

Naja... das hilft nichts, wenn sie an der nächsten Haltestelle raus muss. Die Erkenntnis könnte ihm auch kommen.

Das mechanische Türöffnen kam mir auf einmal viel lauter und intensiver vor. „Warte! Ich weiß ja noch nicht einmal wie du heißt!“, rief ich ihr zu, während sie ausstieg.

Man könnte fast meinen, ihm liegt was an ihr. Wenn man aber den Altersunterschied bedenkt. Hm...

Als sich die Türen schlossen, winkte sie mir noch einmal zu und lächelte dabei. Dann setzte sich der Bus wieder in Bewegung und kurz darauf sah man am Fenster nur noch wunderschöne, schneebedeckte Landschaften.

Ein schönes Ende. Auf einmal sind die selben Landschaften nicht mehr ausladend, sondern wunderschön.

Insgesamt eine wirklich schöne Geschichte. Tendenziell könntest du etwas mehr über das Innenleben von deinem Prota schreiben. Insbesondere seine Beobachtungen könnten genauer sein. Aber die unbekannte hat es mir angetan und fast wünsche ich mir, ich würde mehr Bus fahren, damit mir auch so etwas passieren kann.

Viele Grüße

Christian
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