[Nachdenk] Wunsch, ein Vogel zu sein

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk] Wunsch, ein Vogel zu sein

Beitragvon Heisenberg » 16.10.2014, 00:44

Wunsch, ein Vogel zu sein


Schnell laufe ich über den Platz, damit ich die Bahn erreiche, die langsam über die Schienen rollt. Ich hörte den Wecker nicht und wachte auf vom Lärm in den Straßen, denn es ist Markttag. Meine Tasche warf ich aus dem Fenster, den Morgenmantel tauschte ich auf der Treppe mit dem Anzug, stürzte hinab, streckte die Arme aus – die Tasche fiel in meine Hände. Ich lief vorbei an den Marktständen, bis zum Platz:
Dann rufe ich etwas. Dort ist eine junge Dame, die ihren Schal verliert, der im Wind immer höher steigt – sie bemerkt es nicht. Der Zugführer treibt mich mit winkenden Bewegungen an, springt aufgeregt über den Bahnsteig, da fährt der Zug schneller und schneller – wir erreichen ihn beide nicht.
Ein wichtiger Termin ist einzuhalten, und ich habe es nicht geschafft. Man wird mich entlassen. Zornig stapft der Zugführer auf mich zu, einen Knüppel in der Hand. Ich hebe beide Arme. Mit jedem Schritt, den er tut, weichen meine Sorgen zurück - sie kriechen über das Pflaster, springen über einen Marktstand; der Krämer horcht auf und schaut ihnen nach. Sie streifen den Morgenmantel über, und ich fange sie auf. Wir decken uns zu und warten auf das Läuten des Weckers – da bietet der Krämer seine Waren an, und ich wache auf.

Ich steige in den Mantel und suche meine Tasche. Sie ist schon auf der Treppe, drängt den Krämer zu Seite, ich folge ihr. Endlich hole ich sie ein, halte sie fest, verzichte auf eine Entschuldigung beim Händler, weil ich den Schal der jungen Dame fangen will – er fällt in die Wolken, sie bemerkt es nicht, horcht auf, als ich etwas rufe und der Zugführer mich zur Eile treiben will, indem er winkt, aber wir erreichen den Zug nicht mehr. Weil ich ihn um seine Reise betrogen habe, nimmt er den Knüppel zur Hand und geht auf mich zu. Der Schal ist längst verloren. Ich hebe beide Arme.

Als der Krämer lautstark seine Waren anbietet, reiße ich die Augen auf – ich hörte den Wecker nicht. Getrieben von der Furcht, den Zug nicht zu erreichen, meine Anstellung zu verlieren, springe ich durch das geöffnete Fenster hinaus, falle in die Auslage des Krämers, fliehe vor seinem Geschrei, pfeife Anzug und Tasche herbei, werfe eine junge Dame zur Seite, die darauf ihren Schal verliert, rufe etwas, folge dem Zugführer, aber wir versäumen beide die Fahrt. Ich werfe ihm einen Knüppel zu, damit er mich bestrafen kann für die Nachlässigkeit und hebe die Arme.

Vielleicht geht es besser, wenn wir uns alle in Ameisen verwandeln. Tasche und Mantel warten schon am Bahnhof auf mich, denn fleißige Arbeiter haben sie in einer Karawane aus tausend Beinchen getragen. Ich verlasse den Bau, schiebe und wühle mich durch einen unentdeckten Gang, aber weil es zu viele Tunnel in unserer Kolonie gibt, kann ich unmöglich den schnellsten Weg finden. Ich verirre mich, dann schlafe ich ob der Anstrengungen ein. Am nächsten Tag werde ich mich auch an diesen Versuch kaum noch erinnern können.

Das Klingeln des Weckers lässt mich erwachen, und der Krämer macht mich auf meinen wichtigen Termin aufmerksam. Tasche und Anzug hält er bereit, und ich laufe nach unten, nehme beides in Empfang, gewinne Zeit, gehe schnellen Schrittes über den Platz, vorbei an der jungen Dame, die durch meine Eile ihren Schal verliert; ich lasse mich nicht aufhalten, winke dem Zugführer zu, er öffnet die Türe, wir fahren gemeinsam los. Niemand ruft.
Hätte ich den Wecker nicht gehört, den Morgenmantel hätte ich gegen ein Federkleid getauscht; ich wäre weit über die Gassen geflogen, hätte den Schal der jungen Dame aufgefangen, um ihr das Kleinod nach sanfter Landung zu reichen – der Zug wäre ohne mich gefahren, aber ihr dankbares Lächeln hätte mich getröstet.
Sie schaut mir nach, als ich mich immer weiter entferne, da aus dem langsamen Rollen schnell ein Rasen geworden ist. Ein aufmerksamer Spaziergänger hebt ihren Schal auf. Während ich die junge Dame kaum noch sehen kann, zeigt mir seine Zufriedenheit, was ich versäumt habe.
Von unruhigen Träumen getrieben, werde ich gleich durch die Straßen stolpern, um den Zug zu erreichen.

Ich will wie ein Stein auf die Straße fallen, durch die Gassen zum Platz rollen, dann in den Zug und fort. Gerade gelingt es mir noch, Mantel und Tasche – und mich selbst – vorbei an den Marktständen bis zum Zugführer zu tragen. Dann rufe ich: „Du musst nur die Augen öffnen.“
Ich aber – halb wach, halb schlafend - sehe gerade so viel, dass das Ziel meiner Fahrt nicht ganz verschwindet. Weshalb ich mir im Halbschlaf wünsche, ein Vogel zu sein, es will mir nicht aufgehen.
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Re: Wunsch, ein Vogel zu sein

Beitragvon VernonDure » 28.11.2014, 01:00

Hallo, Heisenberg!

Dein Text hat mich geradezu atemlos zurückgelassen! Ich bin begeistert. Mir bleibt kaum etwas zu kommentieren. Und das Wenige entspringt eher meiner eigenen Schreibgewohnheit. Auch die Länge einzelner Sätze passt hier und gibt dem Text aus meiner Sicht das Atemlose.

Dennoch einige Vorschläge, Deinen Text geschmeidiger zu machen:
Dort ist eine junge Dame, die ihren Schal verliert, der im Wind immer höher steigt – sie bemerkt es nicht.

Dort verliert eine junge Dame ihren Schal, der im Wind immer höher steigt – sie bemerkt es nicht.

Mit jedem Schritt, den er tut, weichen meine Sorgen zurück - sie kriechen über das Pflaster, springen über einen Marktstand; der Krämer horcht auf und schaut ihnen nach. Sie streifen den Morgenmantel über, und ich fange sie auf. Wir decken uns zu und warten auf das Läuten des Weckers – da bietet der Krämer seine Waren an, und ich wache auf.

Mit jedem seiner Schritte weichen meine Sorgen zurück - sie kriechen über das Pflaster, springen über einen Marktstand; der Krämer horcht auf, schaut ihnen nach. Sie streifen den Morgenmantel über, ich fange sie auf. Wir decken uns zu, warten auf das Läuten des Weckers – da bietet der Krämer seine Waren an, ich wache auf.

Ich verlasse den Bau, schiebe und wühle mich durch einen unentdeckten Gang, aber weil es zu viele Tunnel in unserer Kolonie gibt, kann ich unmöglich den schnellsten Weg finden.

Ich verlasse den Bau, schiebe und wühle mich durch einen unentdeckten Gang. Doch es gibt zu viele Tunnel in unserer Kolonie, ich kann unmöglich den schnellsten Weg finden.

Das Klingeln des Weckers lässt mich erwachen, und der Krämer macht mich auf meinen wichtigen Termin aufmerksam. Tasche und Anzug hält er bereit, und ich laufe nach unten, nehme beides in Empfang,

Das Klingeln des Weckers lässt mich erwachen, der Krämer macht mich auf meinen wichtigen Termin aufmerksam. Tasche und Anzug hält er bereit, ich laufe nach unten, nehme beides in Empfang, ...

Ansonsten meine aufrichtige Gratulation: Ein Text, der wahrlich nachdenklich macht. Mehr davon!
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Re: Wunsch, ein Vogel zu sein

Beitragvon Hark » 17.12.2014, 19:43

Hallo Heisenberg,
eine sehr interessante kleine Geschichte , die den Protagonisten von Traum zu Traum stürzen lässt. Furioses Tempo, gelungene Variationen die erheitern.

Was mich nicht so glücklich macht, sind die teilweise willkürlich erscheinenden Zeitenwechsel, z. B.

Heisenberg hat geschrieben:Schnell laufe ich über den Platz, damit ich die Bahn erreiche, die langsam über die Schienen rollt. Ich hörte den Wecker nicht und wachte auf vom Lärm in den Straßen, denn es ist Markttag.


Grundsätzlich ist es zwar ein interessantes Mittel um die Vieldimensionalität oder anders herum: die Aufhebung der Zeitschiene in der Traumwelt darstellt. Dennoch sollte so ein Wechsel zumindest nicht im selben Satz erfolgen, das führt zu Verwirrung. Zumindest zu Beginn, wenn der Leser den "Trick" noch nicht durchschaut hat.


Ansonsten fiel mir noch der Krämer/Händler auf. Erinnerte mich an alte "Hanse"-Spiele. Den könnte man etwas näher beschreiben (Fischhändler, Kartoffelmann) und vetl. dazu noch komisch ausbauen. Könnte, aber man muss es nicht tun. Die Geschichte ist auch so gut.

Gruß,
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Re: Wunsch, ein Vogel zu sein

Beitragvon Schlammeule » 21.12.2014, 00:32

Hallo Heisenberg,

die Geschichte ist großartig, sie hat mich richtig in ihren Bann geschlagen.

Wie schon VernonDure schreibt, hat sie etwas Atemloses, das einen mitreißt. Der Stil mit kurzen, aneinander gereihten Sätzen erzeugt einen rhythmischen Trommelwirbel, der den Leser voranpeitscht. Es fühlt sich wirklich an wie Versatzstücke von getriebenen Träumen, angedeutete Bilder und Szenen, die auftauchen, ineinander übergeben, zerfließen und in anderen Variationen wiederkehren.

Die vage Unbestimmtheit mancher Sätze (z.B. "ein wichtiger Termin ist einzuhalten") treffen für mein Gefühl äußert zielsicher das Empfinden eines Traums.
Und ich finde Präsens als Zeitform sehr passend, die Gegenwärtigkeit des Traumerlebens wird so greifbar gemacht. Ich bin mir nicht sicher, ob die Stellen, an denen du davon abweichst, das aus gutem Grund und mit voller Absicht tun, oder irgendwie "durchgerutscht" sind.

Die einzelnen wiederkehrenden Elemente der Geschichte (Anzug, Tasche, Krämer, Schal, Dame, Zugführer usw) passen für mich stimmig zu der Szenerie eines gehetzen Menschen im Räderwerk des Berufsalltags. Allein der Knüppel gibt mir Rätsel auf, scheint fremd und irgenwie fehl am Platz. Aber selbst dieses Gefühl, dass es unpassend scheint, verstärkt für mich sogar noch die Stimmung eines surrealen Traums, der ja auch selten logisch oder passend ist.

Der Schluss ist gut, hat etwas von Aufwachen, auch wenn es noch der Halbschlaf ist. Er schlägt für mich einen guten Bogen über die Geschichte, vom Titel über die Färbung der gesamten Geschichte bis zum letzten Satz. Oder fast bis zum letzten Satz: den letzten Halbsatz ("es will mir nicht aufgehen") verstehe ich nicht wirklich und empfinde ihn als störend. Ich fände es interessant zu wissen, warum du ihn da stehen hast. Für mich müsste die Geschichte mit "wünsche, ein Vogel zu sein" enden.

Grüße,
Schlammeule
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Re: Wunsch, ein Vogel zu sein

Beitragvon Heisenberg » 05.08.2015, 22:43

Durch eine Menge Arbeit und Schreiben musste ich eine Pause einlegen. Ich entschuldige mich mal für die verspätete Reaktion und fasse mich darum auch kurz:

Danke für die Kommentare, einiges davon ergibt sehr viel Sinn und wird in eine spätere Neufassung eingearbeitet werden. ;)
Heisenberg
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